16.06.15

Victoria (D 2015) - Die Stunde nach dem Sensationserfolg

"Ich hatte schon früh das Gefühl, dass VICTORIA irgendetwas werden wird, und alle, die daran beteiligt waren, würden es nicht bereuen, in diesen Wahnsinn einzusteigen."

© Senator Film
Biancas Blick:

VICTORIA wird aktuell von der Presse als Wiedergeburt des Deutschen Kinos gefeiert, als zweiter und womöglich einziger Triumph seit LOLA RENNT.
Aber ist der deutsche Film überhaupt so tot, wie viele ihn gerne sehen wollen?
Nein! Und wir werden nicht müde, dies immer und immer wieder zu betonen! 
Sogar der deutsche Genrefilm lebt. Zwar wird dem deutschen Film auch auf dem diesjährigen Filmfestival in Cannes mal wieder der Totenschein ausgestellt, da kein deutscher Film im Wettbewerb zu finden ist, aber er lebt, vielleicht intensiver als in den Jahren zuvor.

Er lebt!


Neben fast schon klassischen Historiendramen wie DIE GELIEBTEN SCHWESTERN, ALS WIR TRÄUMTEN oder ELSER (der diesjährige Favorit beim Deutschen Filmpreis), finden sich auch hervorragende Genrefilme wie das Slackermovie OH BOY, der Hackerthriller WHO AM I, Horrorexperimente wie GERMAN ANGST oder spannende Thriller wie STEREO oder ANTIKÖRPER und vor allem das hervorragende Drama JACK - der VICTORIA noch einmal deutlich an Sehenswürdigkeit übertrumpft. Sie durchpflügen seit einigen Jahren den deutschen Kinohimmel wie Raptoren das Grasmeer.
Sie werden allerdings nur am Rande wahrgenommen, da Deutschland nunmal das Land der Komödie ist!
Til Schweiger, Matthias Schweighöfer, Florian David Fitz oder Michael Herbig sind seit den 2000ern abwechselnd die tonangebenden Filmemacher, die ein Millionenpublikum anziehen und Millionenumsätze machen. Komödien wie DER SCHUH DES MANITU, FACK JU GÖHTE, MÄNNERHERZEN, ALLES IST LIEBE, MÄNNERHORT, MANN TUT WAS MANN KANN, KEINOHRHASEN, ZWEIOHRKÜKEN oder WHAT A MAN werden schnell an die Spitze der Kinocharts katapultiert und sind die umsatzträchtigsten deutschen Produktionen der letzten Jahre. Und das hat in Deutschland Tradition. Noch heute ist OTTO - DER FILM einer der erfolgreichsten deutschen Filme überhaupt, und Sönke Wortmanns DER BEWEGTE MANN trat 1994das neue deutsche Kino überhaupt erst los.
Die Nachfrage bestimmt die Produktherstellung. Und somit entert jedes Jahr mindestens eine große Komödie die deutschen Kinos. Für nächstes Jahr ist beispielsweise FACK JU GÖHTE 2 angekündigt, dem wir schon heute den Titel „erfolgreichster deutscher Film 2016“ vorhersagen.
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An all dem ist nichts Falsches, im Gegenteil, wie überall finanzieren die erfolgreichen Filme die kleineren mit – gleichzeitig machen die deutschen Komödienmonster es den kleineren, gehaltvolleren Filmen deutlich schwerer, überhaupt wahrgenommen zu werden.
Aber es gibt sie!

Die Berlinale-Sensation


Einer dieser deutlich vernehmbaren kleineren Filme ist nun VICTORIA von Sebastian Schipper (ABSOLUTE GIGANTEN, EIN FREUND VON MIR), der auf der Berlinale 2015 Publikum und Kritiker gleichermaßen im Sturm erobert. Seither erlebt der Streifen einen internationalen Siegeszug durch die Festivals dieser Welt und wird in Rekordzeit in über 30 Länder verkauft.

Die Amerikaner betiteln ihn bereits nach Vorab-Screenings als „neuen LOLA RENNT“ (Variety), dort startet der Film am 15. Juni 2015. Gerüchte über ein amerikanisches Remake wabern schnell durch die Filmlandschaft, werden aber wohl Gerüchte bleiben. Denn wie auch LOLA RENNT oder DIE WUNDERBARE WELT DER AMELIE ist auch VICTORIA ein Film, der in seiner Gesamtheit so perfekt konzipiert ist und international funktioniert, dass ein Remake absurd erscheint, ja sogar chancenlos ist, da hier nicht allein der Inhalt, sondern vor allem die Form entscheidend ist - genau das also, was sich kaum in ein Remake übertragen lässt.

Für genau diese Form erhält Kameramann Sturla Brandth Grøvlen, der am Ende des Drehs "von oben bis unten durchgeschwitzt ist wie ein Marathonläufer", den Silbernen Bären für die Beste Kamera, später wird der Film zudem sieben Mal für den Deutschen Filmpreis nominiert (und ist damit ELSERs schärfster Konkurrent).
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Und die Form ist es auch, die die Zuschauer fasziniert und jubeln lässt. VICTORIA ist ein Film wie ein Fluss, ein 130 Minuten langer Take, der zu Beginn langsam und friedvoll dahintreibt, sich in rauschenden Stromschnellen verliert und schließlich in einem fulminanten, gurgelnden Wasserfall ins Bodenlose stürzt. Derart kompromisslos und radikal wurde bisher noch kein deutscher Film inszeniert. Regisseur und Autor Schipper gelingt es darüber hinaus auch noch, poetisch und innovativ zu werden – ein kleines großes Meisterwerk!

Pausenlos durch die Nacht


Die Handlung ist schnell erzählt: Die Spanierin Victoria lebt seit drei Monaten in Berlin und sucht Kontakt. Bei einem Clubbesuch lernt sie vier lockere Berliner Jungs kennen, mit denen sie die frühen Morgenstunden verbringt: Sie quatschen, rauchen, feiern ein bisschen Berlin ab - bis sich das Blatt wendet. Unverhofft findet sich Victoria am Steuer eines Fluchtwagens wieder, während die Jungs einen Überfall begehen. Und das ist erst der Anfang der Katastrophe.

Wir, als Zuschauer, bleiben dabei immer mittendrin, an 22 Schauplätzen, über zwei Stunden in Echtzeit, mit dem größtmöglichen Kontakt zu den Protagonisten, die ein Film bieten kann. Es gibt keine Schnitte und somit keine Verschnaufpausen – weder für die Figuren, noch für die Zuschauer im Kinosessel.

Für die überlange Einstellung sind unzählige Proben nötig. Zunächst dreht Schipper den Film in einzelnen, 10 bis 20 minütigen Einstellungen, die er aneinandermontiert. Er will wissen, ob der Film, die Story, „in einem Rutsch“ überhaupt funktionieren kann. Als klar wird, dass das Experiment aufgeht, ist die Marschroute klar: Von jetzt an freihändig und ohne absetzen! 
Insgesamt drei Mal dreht die Crew den Film in voller Länge durch, drei Mal ohne Fehler oder Probleme. Der dritte Durchlauf gefällt Schipper schließlich am besten, so dass er ihn für die Veröffentlichung wählt.
Sieben Stunden in drei Nächten in höchster Konzentration - ein Mammutprojekt für alle Beteiligten.
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Ein Film wie aus einem Guss


Eine derart lange Einstellung, was heißt das logistisch überhaupt? In jedem Fall eine Menge Aufwand. Choreografien (drei Tonteams umkreisen die Schauspieler), Gänge, Bewegungen, der durchweg improvisierte Text, Verkehr, Passanten (immer wieder platzen uninformierte Passanten beinahe in die Aufnahmen), unzählige Komparsen (150 insgesamt, die von 6 Regiassistenten koordiniert werden) - alles, wirklich alles muss auf die Sekunde stimmen, sonst ist der Durchgang nicht zu gebrauchen. Hinzu kommen (vermuten wir) ein paar Notfallpläne, falls doch mal eine Kleinigkeit nicht rund läuft. Der Regisseur selbst hat kaum Eingriffsmöglichkeiten, vergleicht sich mit einem Fußballtrainer: "Man bereitet sein Team so gut es geht vor und hofft, dass da draußen alles nach Plan funktioniert." Dann kommt das Kommando: Kamera läuft.

Um 4:30 beginnt der Take in dem eigens gebauten Club, zwei Stunden am Stück: wache Schauspieler, waches Team und superwacher Kameramann, der jede Bewegung und Aktion verfolgen und dokumentieren muss – ohne zu stören, am wenigsten die Schauspieler in ihrem Spiel –, der in Fahrzeuge ein- und aussteigen muss, Treppen und Leitern erklimmen, Spiegeln ausweichen, sich in Fahrstühle zwängen. Er wird vollkommen zu Recht als erster im Abspann erwähnt, denn seine Leistung ist nicht hoch genug zu loben.

Natürlich wissen wir seit COCKTAIL FÜR EINE LEICHE von Großmeister Hitchcock, der seinen Film als Experiment dreht, oder BIRDMAN, bei dem die Kunsthaftigkeit im Vordergrund steht, dass es Filme ohne sichtbare Schnitte gibt. Doch in beiden Filmen sind sie zu spüren, kann man sie erkennen.
VICTORIA hingegen ist wirklich ohne einen einzigen Schnitt gedreht (wie auch RUSSIAN ARK), und dabei so nah an der Realität, wie es in einem Film nur geht. Er bietet einen beinahe dokumentarischen Film, der sich von den ambitionierten Zeitsprüngen und künstlichen Dehnungen eines BIRDMAN entfernt, oder wie Schipper es in einem Interview ausdrückt: "Wir wollten keine schönen Bilder machen, sondern diesen Schnappschuss-Moment einfangen."
(Eine genauere Darstellung der Geschichte der „One-Shot-Filme“ haben wir bereits in unserer Filmbesprechung zu BIRDMAN vorgestellt.)
© Senator Film
VICTORIA bricht mit vielen Konventionen. Es gibt keine Perspektivwechsel oder parallele Handlungsstränge, kein Schuss-Gegenschuss, keine erläuternden POVs. Der Film ist nicht „sauber“ oder den Sehgewohnheiten der Zuschauer gemäß inszeniert. Sebastian Schipper pfeift auf alles, was er einst auf der Filmhochschule gelernt hat und treibt den One-Shot-Thriller an seine Grenzen. VICTORIA ist, wenn auch sauber inszeniert, "unperfekt", ein, wie Regisseur Schipper selbst sagt, "kleiner verflohter, verfilzter Straßenköter", was ihn weit von der künstlerisch erhöhten, sauberen und makellosen Kulisse eines BIRDMAN abhebt, ja, beinahe zum Gegen-BIRDMAN macht.
Ehrlicher und "naturalistischer" hat man einen „One-Shot-Film“ noch nicht gesehen.

Ein zweites LOLA RENNT?


Schon jetzt muss sich Schippers Werk mit LOLA RENNT vergleichen lassen, obwohl der Vergleich nicht direkt auf der Hand liegt, zu unterschiedlich sind beide Werke. Warum also der Vergleich?

Schauen wir 17 Jahre zurück: 1998 ereignet sich eine kleine Filmsensation, die sich bis heute nicht wiederholt hat.
Seinerzeit befindet sich der deutsche Film noch in seinem Wiederaufschwung, und in einer Art „Selbstfindungsphase“.
Zum einen streift er sich gerade seine Haut des „Neuen Deutschen Films“ ab, der aus Komödien wie MANTA, MANTA, DAS SUPERWEIB, DER BEWEGTE MANN, DAS LEBEN IST EINE BAUSTELLE, ROSSINI und ähnlichen Werken besteht. Wichtige Filme, die das angestaubte deutsche Filmimage ordentlich erneuern und ihm frischen Wind verleihen.
Doch auch diese Schiene nutzt sich ab, und so beginnen sich die Filme in andere Richtungen zu entwickeln. BANDITS, WINTERSCHLÄFER, BIN ICH SCHÖN? oder KNOCKIN‘ ON HEAVENS DOOR sind Filme, die in sich innovativ und dennoch noch immer den Komödien und dem Filmemachen der 90er verhaftet sind.

Dann geschieht etwas Unglaubliches: Tom Tykwer inszeniert einen Film, der alles anders macht. Einen Film, wie es ihn in Deutschland noch nicht gab. Der alles Althergebrachte über den Haufen wirft.
Mit LOLA RENNT gelingt Tykwer ein Meilenstein, ein Tornado, ein Sturm, der international einschlägt wie eine Bombe und den deutschen Film salonfähig und – was viel wichtiger ist – international konkurrenzfähig macht. Laut, poppig, schrill, wild, bunt - weit weg vom deutschen Kammerspielkino, Autorenfilm und Heimatklamotte inszeniert er eine packende Jagd, die die Grenzen der filmischen Erzählung sprengt.
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Er arbeitet mit schnellen Schnitten, Techno-Musik, einem treibenden Soundtrack, mit frischen Gesichtern wie Moritz Bleibtreu und Franka Potente, Animationseinlagen, und erlaubt sich, ein Gedankenspiel zum Träger der Handlung zu machen: Wie beeinflussen Zeit und Zufall den Ablauf einer sich zutragenden Geschichte? 
Als Lolas Freund Manni Geldsorgen hat, und einen Überfall begehen will, rattern in ihrem Kopf wie ein Roulette-Rad die Möglichkeiten durch, wie sie ihm das Geld besorgen kann. Drei Mal landet die Kugel auf einer anderen Lösung, drei Mal versucht Lola, ihren Freund zu retten, drei Mal nimmt die Geschichte einen anderen Ausgang. Das ist bahnbrechend und sensationell!

Der Film schlägt sogar in den USA ein, wo ihn viele als besten deutschen Film überhaupt loben, er inspiriert junge Filmemacher wie die Wachowskis (die seither immer wieder einmal mit Tykwer zusammenarbeiten) und selbst Tarantino. LOLA RENNT wird mit acht deutschen Filmpreisen ausgezeichnet, mit einer Parodie in einer Folge der SIMPSONS geadelt und ist bis heute einer der international angesehensten Filme aus Deutschland!

Als junger Schauspieler in dem Film damals mit dabei: Sebastian Schipper!
 

Nun scheint Schipper als Erster das zu gelingen, was etliche junge Filmemacher vor ihm bereits versucht haben. Kaum jemand aber sorgt international für eine derartige Welle der Begeisterung, dass sie an den Pegelstand von LOLA RENNT heranreicht.

Sebastian Schipper sagt selbst zur Entwicklung des Kinos: „Mein Gefühl ist, dass das Kino allgemein ein bisschen aufpassen muss, nicht zu einem Zoo zu werden, in dem es nur noch domestizierte Haustiere gibt. Es ist kein Wunder, dass sich der filmische, wilde und ungezähmte Geist in die neuen amerikanischen Serien verdünnisiert hat. Da passieren noch Dinge, die den Zuschauer total überraschen, wenn etwa mittendrin eine Sympathiefigur etwas Unsympathisches macht oder gar stirbt.“ Recht hat er!

Ihm gelingt es, den Zuschauer zu überraschen. Und wie!

Inhalt kontra Form?


Doch aller Begeisterung zum Trotz muss sich auch VICTORIA noch immer als erzählender Film messen lassen, und da gibt es durchaus einige Makel. Allen voran die Geschichte, die, allem Naturalismus zum Trotz, ein wenig trivial daherkommt. Auch die Motivationen der Figuren sind nicht immer nachvollziehbar und wechseln manchmal abrupt. Hinzu kommen Logiklücken, einige Längen und die stellenweise nicht zwangsläufig glaubwürdige Hauptfigur. All das wäre im Kern Grund genug, VICTORIA in Grund und Boden zu verreißen, wenn - ja, wenn da eben nicht die Form wäre, dieser elegante One-Shot, mit der die Geschichte erzählt wird.

Denn viele der Mängel des Films werden durch die Form bedingt, sowohl was die relativ simple Geschichte, als auch die Figurenzeichnung betrifft.
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Schipper hat nur gut zwei Stunden Zeit, seine Figuren einzuführen, zu etablieren, ihre Motivationen zu skizzieren, die Haupthandlung anzudeuten, und dann in den packenden Teil und den Showdown zu schwenken, und all das unter der Prämisse, möglichst dokumentarisch, möglichst realistisch und naturalistisch zu bleiben.
Das ist eine enorme Leistung unter der gegebenen Prämisse: Seine Drehtechnik erlaubt keine Rückblenden, keine inneren Monologe, keine langen, zeitlichen Entwicklungen, keine Orts- oder Perspektivwechsel, beschränkt ihn auf ein relativ geringes Setting und erschwert ihm damit die Informationsvermittlung in einigen Punkten des Films.
Im Nachhinein überlässt er es oft dem Zuschauer, sich anhand der gegebenen Hinweise die Figuren selbst schlüssig zu gestalten, stiehlt sich also ein wenig aus der Verantwortung. Und ja, der Trick funktioniert oft, aber leider nicht immer.
Natürlich wäre eine komplexere Geschichte wünschenswert gewesen, hätte allerdings auch mehr Zeit, mehr Raum und eine andere Filmtechnik gebraucht. Hier zeigt sich, wie wichtig Schnitte und geraffte Erzählzeiten im Film sind, um Figuren darzustellen. Von daher muss man sagen: Experiment bestmöglich geglückt.

Das passt auch zu Schippers Absicht, der sagt: "Ich kam auf den Film, als mir klar wurde, dass ich niemals einen Banküberfall durchführen würde. Aber wie wäre es, wenn wir den ganzen Film so drehten, wie man das Leben erlebt: ungeschnitten, in einer Einstellung? Die Stunde vor dem Überfall - und die danach. Und so die Figuren kennenlernen würden, erfahren wer sie sind, ihre Angst fühlen, ihre Verzweiflung und ihre Hoffnung. Und den Drang, das eine große Ding zu wagen, das alles verändern wird."
Die größten Schwierigkeiten, und das merkt man dem Film an, bereitet ihm seine Hauptfigur. Er will eine "Figur aus gutem Hause, der man abnimmt, dass sie sich auf dieses Abenteuer einlässt." Schipper weiß selbst, dass sein Film damit steht und fällt, und genau an diesem Schwachpunkt kippelt VICTORIA ein wenig. Die Hauptfigur wirkt zu Beginn manchmal beinahe unangenehm naiv, ihre Motivation, die Jungs zu begleiten, bleibt dünn, und am Ende macht sie eine Wandlung durch, die radikaler kaum auf die Leinwand gebracht wurde. Ob das funktioniert, wird jeder Zuschauer selbst entscheiden müssen.
Dennoch: Die Beziehungen, gerade zwischen Victoria (überragend: Laia Costa) und dem Anführer der Jungs, "Sonne" (herzergreifend: Frederick Lau), ist glaubhaft, was vor allem dem tollen Spiel der Schauspieler zu verdanken ist.
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Dabei gelingt es VICTORIA, quasi im Vorbeigehen, noch einen der ganz Großen in seine Schranken zu verweisen: die Actionserie 24! Achteinhalb Staffeln lang versuchte man dort, eine Geschichte in Echtzeit vorzugaukeln, und zu demonstrieren, wie radikal sich die Welt oder einzelne Leben innerhalb zweier, manchmal auch nur einer Stunde verändern können. Wirklich gelungen ist die Illusion dabei nie (und wenn, dann höchstens in der ersten Staffel.)

VICTORIA nun kontert mit "echter" Echtzeit (obwohl hier ebenfalls ein paar kleine Raffer zu finden sind, wenn man genau drauf achtet!), und führt den Großen damit ganz schön vor. Denn hier sieht man wirklich, wie radikal ein Leben in kürzester Zeit auseinanderfliegen kann.

Gut zwei Stunden begleiten wir die Fünf jungen Menschen durch ein erwachendes Berlin, und am Ende dieser Zeit ist jedes Leben davon zerbrochen, zerborsten oder unwiederbringlich verändert. Die Intensität dieses Morgens überträgt sich, durch das superbe Spiel, die mitten im Geschehen schwebende Kamera, aber eben auch durch die alles abfordernde, atemlose Form, nahezu perfekt auf den Zuschauer, dem im Abspann gar nichts anderes übrigbleibt, als erst einmal tief durchzuatmen.
Für diese Leistung allein, die Schipper hier auf die Leinwand zaubert, gebührt ihm jedes Quentchen Lob, das er aktuell einheimst.

Und so lassen wir Autor und Regisseur Schipper abschließend noch einmal selbst zu Wort kommen und sein kleines Filmwunder erklären:
„Der Film ist schon ein Experiment, aber im Zweifelsfall muss vielleicht jeder Film ein Experiment sein.“
© Senator Film

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