04.09.16

Porträt: Auf einen Spaziergang mit Hark Bohm – Erinnerungen eines Autorenfilmers

Hark Bohm – ein Name, der vermutlich nur Eingeweihten ein wohliges Seufzen entlocken wird. Seine aktivsten Jahre liegen lange zurück, und er meidet das Rampenlicht seit jeher. Doch als Filmfreund verpasst man viel, wenn man Hark Bohm nicht kennt, ist er doch einer der bedeutendsten und geachtetsten Filmwirkenden unseres Landes. Und einer der geheimnisvollsten.
Er dreht mit Größen wie Rainer Werner Fassbinder, mit Werner Herzog, Volker Schlöndorff, Hans W. Geißendörfer und Wim Wenders, ist Mitbegründer des deutschen Autorenfilms und des Filmfest Hamburg. Er initiiert die Hamburger Filmförderung und das Filmbüro Hamburg.
Er ruft den Hamburger Filmstudiengang, das Institut für Theater, Musiktheater und Film an der Hamburger Universität ins Leben, die auch als „Hark-Bohm-Schule“ hohes Ansehen genießt, denn Bohm übernimmt die Regie-Professur. Er sitzt im Rat des Europäischen Films, ist Träger des Filmbandes in Gold, wird mit drei Filmen für den Silbernen Bären nominiert und arbeitet derzeit mit Fatih Akin und Nicki Stein an neuen Projekten.
Er ist Schauspieler, Drehbuchschreiber, Regisseur, Produzent und seit nunmehr fast 50 Jahren im Filmgeschäft, das er in Deutschland voranbringt wie kaum ein anderer.
 Und er stand für einen Spaziergang zur Verfügung.
© Dennis Albrecht, Verwendung mit freundlicher Genehmigung

Biancas Blick:

Vom 25. August bis zum 3. September veranstaltete der Insel-Lichtspiele e.V. auch 2016 wieder sein Open Air Kino Programm, und hatte dieses Jahr ein besonderes Schmankerl im Angebot: Der deutsche Jugendfilmklassiker NORDSEE IST MORDSEE lief dort anlässlich seines 40. Jubiläums.

Und die Initiatoren konnten niemand Geringeres als Regisseur Hark Bohm motivieren, einen der Vorführung vorangestellten Spaziergang durch den auf einer Elbinsel gelegenen Hamburger Stadtteil Wilhelmsburg zu begleiten, bei dem man einige der Drehorte des Klassikers 40 Jahre nach dem Dreh erneut aufgesucht hat. Für uns als Filmliebhaber eine Selbstverständlichkeit, daran teilzunehmen.
Hark Bohm! Einer der bedeutendsten Figuren des deutschen Films und dennoch kaum greifbar und gerade deshalb so reizvoll.

Wir wollen versuchen, all die Eindrücke niederzuschreiben, das Gesagte wiederzugeben und unter Zuhilfenahme eigener Recherche ein Gesamtbild des Künstlers Hark Bohm zu zeichnen. Eine Aufgabe, die sich als Herausforderung entpuppt, denn Hark Bohm ist schüchtern, hält große Teile seiner Vergangenheit unter Verschluss, bleibt fragmentarisch und voller weißer Flecken.
Das respektieren wir und wollen dennoch versuchen, aus den uns zur Verfügung stehenden Informationen ein möglichst scharfes Bild zu zeichnen, das Hark Bohm für Neugierige sichtbar und nachvollziehbar macht.

Gerührt und geehrt 


Samstag, der 27. August 2016, ca. 18.00 Uhr. Eine unerwartet große Menschenmenge versammelt sich am Bahnhof Wilhelmsburg, einer kleinen Elbinsel in Hamburg, um mit Hark Bohm und Torsten Stegmann, dem Initiator und selbst Independent-Regisseur, eine Reise in die Vergangenheit zu unternehmen.
Hark Bohm, 77 Jahre alt, kommt pünktlich – mit der S-Bahn, weiß gekleidet, beinahe im Safari-Look, und bleibt angesichts der vielen interessierten Menschen zunächst stehen und staunt, ist sichtlich ergriffen. „Oh, dass so viele Menschen gekommen sind, überrascht mich jetzt wirklich. Ich habe mit fünf oder sechs gerechnet.“ Er wirkt gerührt und überwältigt. Vor ihm stehen knapp 70 Filmfreunde und Fans, die mindestens ebenso aufgeregt sind wie er. „Uwe entschuldigt sich“, mildert er gleich zu Beginn etwaige Hoffnungen, sein Sohn Uwe Bohm, der berühmte Schauspieler und Hauptdarsteller von NORDSEE IST MORDSEE, könne ebenfalls noch erscheinen. „Er wäre gern gekommen, aber er dreht.“ Anschließend muss er sich erst einmal sammeln, dann setzt sich die Menge in Bewegung, umrahmt den Filmemacher, und sucht den ersten von vier ehemaligen Drehorten auf.
Hark Bohm und Initiator Torsten Stegmann an der ersten Station des Spaziergangs, wo einst die im Film verwendete Kneipe stand.
© Dennis Albrecht, Verwendung mit freundlicher Genehmigung
Hark Bohm wird am 18. Mai 1939 in Hamburg geboren, kurz vor Hitlers Einfall in Polen. 
Diese frühkindliche Erfahrung des Krieges wird ihn ein Leben lang prägen. Er wächst auf Amrum auf, was den Namen „Hark“ erklärt.
Das Ende des 2. Weltkrieges wie auch die Nachkriegszeit beschäftigen ihn während des Heranwachsens, in prägenden Zeiten der Selbstfindung und -positionierung. 
Das Schweigen der Elterngeneration und ihre Weigerung, die Verantwortung für das Geschehen und die Greuel bis 1945 zu übernehmen, lässt ihn politisch weit nach links rücken.
„An den 8. Mai 1945 erinnere ich mich deutlich. Es war für mich ein Schreckenstag, denn ich wusste als Sechsjähriger, dass ich der Möglichkeit beraubt wurde, Hitler-Junge zu werden. Ich komme aus einem konservativen Akademikerhaushalt mit Großgrundbesitzerhintergrund, und meine Kindheit ist nicht durch die kritische Aufarbeitung dieser Zeit geprägt worden. Mein Vater, der im Ersten Weltkrieg Rittmeister war, stand dieser ganzen Entwicklung nahe, und für mich beginnt mit der Pubertät ein mühevoller Prozess, mich davon zu befreien“, sagt er in einem Interview.
 

Ringen um Authentizität 


Der Spaziergang beginnt. Hark Bohm trägt Turnschuhe und ist bereits in intensive Gespräche mit einigen Begleitern vertieft, während Torsten Stegmann schon einen geeigneten Punkt für den ersten Stopp sucht, dort, wo einst die Kneipenszenen abgedreht wurden. Beim Erreichen der Location ist Bohm verwundert, wie sehr sich das Wilhelmsburger Bild in den letzten 40 Jahren verändert hat. Wo früher freies, braches Land lag, steht heute ein Einkaufszentrum. Die Kneipe, in der seinerzeit gedreht wurde, ist nicht mehr da. Überhaupt sind viele der alten Gebäude neueren Bauten gewichen. Das berührt und erstaunt Bohm sichtlich.
Er erzählt von seinen Adoptivsöhnen Dschingis und Uwe, die in NORDSEE IST MORDSEE die Hauptrollen spielen und resümiert über die Proben.
NORDSEE IST MORDSEE ist beinahe ein Familienprojekt: Die Hauptdarsteller sind Bohms Ziehsöhne, sein Bruder Marquard spielt ebenso mit wie seine Lebensgefährtin Natalia. Sämtliche Figuren tragen die Vornamen ihrer Darsteller, und auch sonst wirkt die Atmosphäre am Set profesionell aber familiär.
Quelle: DVD Nordsee ist Mordsee © STUDIOCANAL
„Ich habe viel mit den Kindern geprobt. Ich bin den Text mit ihnen durchgegangen. Und wenn sie Schwierigkeiten hatten, die Dialoge zu sprechen oder es sich komisch angehört hat, haben wir den Text umgeschrieben. Er sollte natürlich, authentisch klingen.“ Er fügt noch hinzu, dass das immer sein Begehr war. Authentizität der Sprache. Er hat stets versucht, die Sprachfärbung der Menschen, die er in seinen Filmen darstellen lässt, genau zu treffen, sowohl geografisch wie auch vom sozialen Umfeld her.
Dann kehrt er zu den Dreharbeiten zurück. „Wissen Sie, damals war es schwer mit Kindern zu drehen. Wir durften ja nur vier Stunden am Tag mit ihnen arbeiten und hatten nur 35 Drehtage. Also haben wir mit dem einen Kind gedreht, während das andere pausiert hat. Dann haben wir getauscht und das zweite Kind hat gedreht während das erste eine Pause hatte. Anders hätten wir das Pensum gar nicht geschafft.“ Dann hält er erneut inne. „Wenn Sie sich das mal vorstellen. 35 Drehtage, eng getaktet, um gute Qualität abzuliefern. Heute dauert der Dreh eines TATORTs durchschnittlich 21 Tage.“ 

Hark Bohm wächst in gutbürgerlichen Verhältnissen auf. Ein „Lehrerkind“, wie er selbst sagt. Und so sieht er in jungen Jahren mit gefurchter Stirn und runder Brille auch aus: wie das Kind intellektueller Eltern. Sein Vater ist Obersenatsrat, studierter Jurist, seine Mutter Studienrätin, die Archäologie und Latein studiert hat. Sein Bruder ist der fünf Jahre ältere Schauspieler Marquard Bohm, der in NORDSEE IST MORDSEE Uwes Vater spielt und bereits 2006 verstirbt.
Die Familie kehrt nach Hamburg zurück, um Hark Bohm das Abitur zu ermöglichen. Das Einleben in Hamburg, in den Elbvororten, fällt ihm schwer. Auf Amrum kannte jeder jeden, alles war frei und ungezwungen. Um den Veränderungen und der Einsamkeit zu entfliehen, segelt Bohm. Das gibt ihm die Freiheit, die er auf Amrum zurücklassen musste. In NORDSEE IST MORDSEE wird das Segeln zur großen Metapher auf Freiheit, und seine eigene Segelleidenschaft, so wie die von Kameramann Wolfgang Treu, fließen in die entsprechenden Szenen ein.
Erstmals seit vierzig Jahren wieder am ehemaligen Drehort wird Hark Bohm mit Szenenbildern konfrontiert, und verliert für einen Augenblick die Fassung. Früher sah das hier alles ganz anders aus“, sinniert er immer wieder.
© Duoscope - Der etwas andere Filmblog
Von 1960 bis 1966 studiert er Rechtswissenschaften, so wie einst sein Vater. Doch zwingt ihn sein Vater nicht dazu, es ergibt sich eher automatisch. Bohms Vater respektiert die Entscheidungen seines Sohnes, auch, als er das Referendariat abbricht und sich der immer stärker werdenden Studentenbewegung anschließt. Die Werte des Studiums sind nicht das, was Hark Bohm innerlich empfindet oder die Form, in der er sich austoben möchte. Zwar räumt er später ein, Strafverteidiger zu werden wäre ein Option gewesen, doch er wählt einen anderen Weg.


Wir erreichen den zweiten Drehort, eine Stelle in einem kleinen Park, in der Nähe einer Kirche, die „Klorolle“ oder „Nonnenrutsche“ genannt wird. Wir bleiben nur einen Moment stehen, verharren, während Hark Bohm das neue Parkgelände mustert und erneut bemerkt, früher wäre hier alles freies Land gewesen. Heute ist die Kirche durch die Bäume hindurch nicht mehr zu sehen.
 

Wilhelmsburg hat eine lange katholische Tradition“, erklärt Bohm zur bunten Historie der geschichtsträchtigen Insel. „Die kam mit den vielen polnischen Arbeitern, die hier gelebt haben, die in den Zinnwerken geschuftet haben. Das war hier alles in der Hand von polnischen Arbeitern.“
Wir ziehen weiter, in eine kleine Hochhaussiedlung, in der keine polnischen Arbeiter mehr leben. Heute hat Wilhelmsburg einen hohen Anteil türkischer Mitbürger, ein Erbe der Gastarbeiter-Generation.
Der St. Maximilian-Kolbe Kirche drohte immer wieder der Abriss. Kosenamen wie „Klorolle“ und „Nonnenrutsche“ sind nur bedingt schmeichelhaft. Doch bisher darf die ungewöhnliche, katholische Kirche stehenbleiben.
© Duoscope - Der etwas andere Filmblog
Zu dem Wunsch, sich künstlerisch politisch auszudrücken, sagt Bohm: „Wir waren damals alle links. Ultralinks. Wissen Sie, ich wollte mich nie politisch ausdrücken, also anders als die anderen Autorenfilmer keine Filme mit klarer politischer Botschaft drehen. Und dennoch ist NORDSEE IST MORDSEE natürlich ein klarer Tribut an die Arbeiterklasse geworden. Deshalb passt es so gut, dass er in Wilhelmsburg spielt, wo immer die Arbeiterklasse gelebt hat.
Noch deutlicher wird dass in dem Film MORITZ, LIEBER MORITZ. Wenn Sie Hark Bohm verstehen wollen, sehen Sie sich diesen Film an. Der hat starke biografische Züge. Aber hier nahm alles seinen Anfang. Dschingis und Uwe stehen für die Arbeiterklasse, sie sind Kinder der Arbeiterklasse.“ 

Radikal und fixiert 


Irgendwann in den 60er Jahren heiratet Bohm Angela Luther, eine geistige Weggefährtin: weit links und aufbegehrend wie er. Doch in Hark Bohms Biografie taucht sie nicht mehr auf. Zeitungsartikel geben diese Ehe preis, und vielleicht auch den Grund für das Schweigen:
Angela Luther radikalisiert sich zunehmend. Das Paar trennt sich, die Ehe wird geschieden. 1971 stößt Angela Luther zur RAF, gilt als Mitglied der ersten Generation, taucht 1972 jedoch unter. Ihr Freund zu jener Zeit, Thomas Weißbecker, der sie in die Kreise von Andreas Baader einführt, wird erschossen.
Weitere Details sind über dieses Kapitel in Hark Bohms Leben nicht zu finden, und doch zeigt schon dieses Schlaglicht, wie dünn die Linie seinerzeit ist – wie klein der Schritt vom idealistischen Filmemacher zum radikalen Terroristen.
Quelle: DVD „Lili Marleen © STUDIOCANAL
1969 bricht Bohm das juristische Referendariat ab und kommt über Umwege zum Film.
Bei der Arbeit in der Galerie van der Loo in München findet Bohm Kontakt zur Szene der „jungen Wilden“ der Bildenden Künste. „Mit denen habe ich mich angefreundet, und das war eigentlich schon ein Schritt weg von der Juristerei, weil die meisten Maler damals, Ende der sechziger Jahre, mit der studentischen Rebellion sympathisierten. Das waren wirklich wilde Typen, sehr anarchistisch eingestellt und prinzipiell gegen jede Obrigkeit – während die Jurisprudenz ja eigentlich die Wissenschaft von der gesellschaftlichen Ordnung ist.“
Die anarchistischen Künstler prägen Bohm ebenso wie das Studium der ordnenden Rechtswissenschaft, und treiben ihn in die künstlerische Ecke, in der er sich später zu Hause fühlen wird. Weit weg vom Establishment, und doch nie ganz davon los kommend.

1970 gründet Bohm mit Wenders, Faßbinder und Geißendörfer, sowie neun weiteren Jungfilmern, in München den „Filmverlag der Autoren“. Er begeistert sogar Rudolf Augstein für das Projekt. Bohm ist der Auffassung, und da schlägt sein Sinn für Ordnung und Struktur durch, dass der Deutsche Film nur wahrgenommen werden kann, wenn er sich organisiert. Das seien – vorsichtig ausgedrückt – archaische Grundstrukturen, die sich schon beim frühkulturellen Jäger im Jagdverbund finden lassen.

Der Film brauche Organisation, um Finanzierung erhalten zu können.
Ein ambitioniertes Projekt, mit dem der junge Künstler den deutschen Autorenfilm entgegen seiner anarchistischen Tendenzen stärken will, das allerdings 1974 mit 10 Millionen Mark Schulden pleite geht.
Bereits 1967 spielt Bohm außerdem erste kleine Rollen, doch erst in den frühen 70er Jahren beginnt er seine Karriere als Schauspieler dank skurriler Auftritte zu vertiefen und auszubauen. Er findet erste Engagements bei Rainer Werner Fassbinder, dem Regieberserker und Wunderkind des Neuen Deutschen Films. ANGST ESSEN SEELE AUF, LILI MARLEEN und DIE EHE DER MARIA BRAUN sind erste Schritte in die Richtung, die Bohm in den folgenden 45 Jahren rigoros weitergeht.
Dennoch gibt Bohm später an, dass Fassbinder ihn filmisch in keiner Weise beeinflusst habe.

Auch sonst hat Bohm seine Schwierigkeiten mit der geistigen Haltung seiner Autorenfilmer-Kollegen, und distanziert sich 1979 endgültig von den ehemaligen Jungfilmern und Weggefährten. Eine Trennung mit Ansage – schon 1968 weigert er sich, das Oberhausener Manifest zu unterschreiben, eine Art Anleitung der Autorenfilmer, in der verankert wird, dass Filme zur gesellschaftlichen Aufklärung dienen sollen, nicht zur Unterhaltung. Damit will man der im Nachkriegsdeutschland herrschenden Übermacht des auf Eskapismus konzentrierten „Heile-Welt-Films“ etwas entgegensetzen. Mit seiner Weigerung stellt Bohm sich der von seinem Kollegen Alexander Kluge angestrebten Intellektualisierung des Films entgegen. Er warnt seine Kameraden 1979 außerdem davor, nach nunmehr zehn Jahren weiterhin solch „elitäre“ Filme zu drehen.

Ein symptomatisches Beispiel, das er anbringt, um aufzuzeigen, was er für unangebracht hält, ist ein Gespräch mit Werner Herzog, den er einmal fragt: „Wofür machst du eigentlich Filme?“, worauf dieser, ganz und gar „herzogisch“, erwidert: „Für die Ewigkeit.“
Nur in Deutschland gäbe es diese strikte mediale Unterteilung in K und U (Kunst versus Unterhaltung), beklagt Bohm, und verurteilt das streng.
Fatih Akin und Volker Schlöndorff, wie auch sich selbst, nennt er hingegen als positive Beispiele von Filmemachern, die kunstvoll gleichsam unterhalten können.

Begleitet wird der Spaziergang mit Szenenbildern der jeweiligen Locations. Hier erklärt Bohm etwas zu der Szene, die vor der „Nonnenrutsche“ spielt.
© Duoscope - Der etwas andere Filmblog
Bohm kehrt ernüchtert von München nach Hamburg zurück und wird Gründungsmitglied des Hamburger Filmbüros. Er erkennt, dass es in Hamburg eine kleine ambitionierte Gruppe von Filmemachern gibt, die durch das bereits existierende Filmstudio Hamburg konkurrenzfähig werden könnte.
Über Natalia Bowakow, mit der Hark Bohm seit 1968 liiert ist, lernt er zu Beginn der 70er Jahre Volker Schlöndorff kennen.
Schlöndorff ist es auch, der Bohm in jener Zeit in die ausführende Filmtätigkeit holt: „Schlöndorff fragte mich eines Tages, ob wir nicht ein Drehbuch zusammen schreiben wollen. Er könne mir zwar kein Honorar zahlen, aber wir könnten zusammen wohnen. Das war die Zeit der Wohngemeinschaften und so sind Natalia und ich zu Volker gezogen und haben da eine WG gebildet und ein Drehbuch geschrieben.“
Aus dem Film wird nichts, doch Schlöndorff bewirkt Hark Bohms endgültige Abkehr von der Juristerei und die komplette Konzentration auf den Film.


In der Wohnsiedlung schaut Hark Bohm am Hochhaus empor und deutet auf eine der oberen Etagen, wo eine Szene mit Dschingis gedreht wurde
. „Dschingis hat ein sehr mongolisches Aussehen. Wenn Sie dagegen Uwe sehen. Er hat ein sehr kindliches Gesicht. Bis heute ist da wenig Markantes. Ein sehr feminines, weiches Gesicht“, sinniert er. “NORDSEE IST MORDSEE ist Uwes Filmdebüt gewesen. Sein nächster Film war dann MORITZ, LIEBER MORITZ“, sagt er, bevor er in Gedanken versinkt, und leise, ein wenig bedeutungsschwer sagt: „Ach herrje, es fällt mir immer mehr wieder ein.“ Kurz darauf steuern wir den letzten Drehort an. 

Der Autorenfilmer und seine Weggefährten 


Hark Bohm fackelt nicht lange und inszeniert nun, angefacht von Schlöndorff, bereits in den frühen 70er Jahren in München eigene Kurzfilme, bevor er 1973 mit TSCHETAN, DER INDIANERJUNGE sein erstes, mehrfach preisgekröntes Drama abliefert.
Er schreibt das Drehbuch, produziert und inszeniert den Film. Die Hauptrollen übernehmen sein Adoptivsohn Dschingis und sein Bruder Marquard, die Kamera führt Michael Ballhaus, ein wichtiger Wegbegleiter, der seinerzeit selbst noch am Anfang seiner Karriere steht.
 

Beeinflusst wird Bohm von Sergio Leone und Howard Hawks: „Die dramatisch erzählenden Filme haben mich immer viel stärker bewegt als die essayistischen oder avangardistischen Filme, die für die europäischen Filmkultur typisch sind.“

In seinen Filmen zeigt Bohm seinen Hang, sich mit den Minderheiten, den Unterdrückten und Gequälten zu verbünden, für sie Partei zu ergreifen, ihr Sprachrohr zu werden. In ruhigen, realistisch und dennoch poetischen Bildern. Dabei verarbeitet er stets eigene Erfahrungen, es sind im Nachhall alles biografische Filme.

Es ist nicht zu recherchieren, welche konkreten Unruhen Hark Bohm meint. Wahrscheinlich die Osterunruhen in Berlin von 1968, bei denen 2000-3000 Studenten das Axel-Springer-Verlagshaus mit Steinen attackierten und in großen Massen von der Polizei festgenommen wurden.
Während wir auf den Bus warten, um die letzte Station der Tour zu erreichen, die Schleuse am Wilhelmsburger Wasserturm, an der Teile des Films NORDSEE IST MORDSEE gedreht wurden, erzählt Hark Bohm von den Jahren des Aufbegehrens.
„Damals war ja noch viel mehr möglich. Wir [Wim Wenders und er] sind auf die Straße gegangen, haben protestiert und demonstriert, sogar Steine geworfen. Das darf man ja heute gar nicht mehr erzählen, aber wir haben den Axel-Springer-Verlag besetzt. Wim und ich kamen dafür sogar ein paar Tage in polizeilichen Arrest.“
Auch an der Hochhaussiedlung lässt Hark Bohm anhand von Filmbildern die Erinnerungen Revue passieren.
© Dennis Albrecht, Verwendung mit freundlicher Genehmigung
Er schweigt und reibt sich über das Kinn, lässt Erinnerungen passieren. Überhaupt sind seine Erinnerungen Versatzstücke, Fragmente. hineingesprungen und angerissen. Selten hält er sich länger mit ihnen auf oder führt diese aus.
Hark Bohm hat viel erlebt, weiß aber um die Wirkung, die Erzähltes erreichen kann. Man spürt, er überlegt genau, was und vor allem wie er es preisgeben möchte.


Ein wichtiger Begleiter in diesen frühen künstlerischen Jahren ist Wolfgang Treu. Er unterstützt NORDSEE IST MORDSEE als Kameramann, aber auch als Regieassistent der Second Unit.
2012, als der Insel-Lichtspiele e.V. schon einmal diesen Spaziergang organisiert, ist es Wolfgang Treu, der ihn begleitet.


„Wirklich?“, fragt Hark Bohm, als er davon erfährt. „Ach der Wolfgang war dabei? Ja, heute könnte er das wahrscheinlich gar nicht mehr, er ist ja schon 86 und nicht mehr so gut zu Fuß.“
Als Zuhörer bemerkt man ein wenig Verbitterung. Später erzählt Bohm: „Wolfgang und ich haben gut zusammenarbeitet. Wir waren ein gutes Team bei NORDSEE IST MORDSEE. Aber bei MORITZ, LIEBER MORITZ haben wir uns oft gestritten. Ich wollte die Figuren anders beleuchten als er und wusste genau, von wo das Licht kommen musste. Nun ja, das war unsere letzte Zusammenarbeit.“


Nach MORITZ, LIEBER MORITZ, der – im Gegensatz zu NORDSEE IST MORDSEE auf der bürgerlichen Seite der Gesellschaft spielt, dreht Hark Bohm weitere Klassiker des Autorenfilms: DER FALL BACHMEIER, WIE EIN FREIER VOGEL, DER KLEINE STAATSANWALT und YASEMIN, der die Hamburg-Trilogie komplettiert und für den er 1989 den Bundesfilmpreis in Gold erhält. Der Film, der in Hamburg Altona angesiedelt ist, läuft im Wettbewerb der Berlinale und wird für den Oscar vorgeschlagen. Es ist eine deutsch-türkische Romeo und Julia Variante. Beide Hauptdarsteller, Uwe Bohm und Ayse Romey erhalten den Bayerischen Filmpreis.

Es folgen die Filme HERZLICH WILLKOMMEN und FÜR IMMER UND IMMER. 
Für Bernd Eichingers VERA BRÜHNE schreibt er 1999 das Drehbuch, seine erste Arbeit für das Fernsehen. 

Der Familienmensch


Hark Bohm hat mit seiner Frau Natalia sechs Adoptiv- und Pflegekinder.
Obwohl die Erfahrungen des Dritten Reiches, in denen kinderreiche Familien einen subventionierten Sonderstatus der Regierung erhielten, seinem Wunsch, eine reguläre Familie zu gründen, eher entgegenwirken, beschließen er und seine Frau Natalia im Laufe der Jahre, sechs Kindern ein Zuhause zu bieten: Uwe, Dschingis, Lili, Nina, Lea und David. Emotionale Gründe kann Bohm nicht nennen. Es sei einfach der Wunsch gewesen, eine große Familie zu gründen.
Dschingis und Uwe sind Ende der 60er die ersten Kinder, die er aufnimmt. „Beide – Dschingis wie Uwe – haben ein Bedürfnis nach Familie entwickelt, die haben eigentlich uns adoptiert!“ Dschingis ist der 17 Jahre jüngere Bruder seiner Frau, daher ist er rechtlich nicht sein Adoptivsohn, wird aber als eigenes Kind behandelt.
Einer der entscheidenden Spielorte aus NORDSEE IST MORDSEE, die alte Schleuse am Veringkanal, wie sie heute aussieht. Hier endet der Spaziergang schließlich, bevor er zum Aufführungsort weitergeleitet wird.
© Duoscope - Der etwas andere Filmblog
„Unsere Kinder hatten und haben bis heute das sichere Gefühl, das Zuhause ist der geschützte Ort. Was sie machten, haben wir zwar manchmal in Frage gestellt, aber das Band war nie zerrissen. Wir haben nie gedroht: ,Wenn du das noch mal machst, fliegst du raus'.“ An anderer Stelle fügt er im Interview hinzu: „Familie ist ein Lebensprozess, an dem mehrere Menschen beteiligt sind, und wie in jeder Gruppe kommt es da zu Konflikten. Es ist die Hauptarbeit der Eltern, den Kindern gegenüber bestimmte Wertvorstellungen aufrecht zu erhalten. Wenn es dann bei Überschreitungen dieser Vorstellungsgrenzen zu einem Krach kommt, muss es die Möglichkeit geben – ganz pathetisch gesagt – wieder gut miteinander zu sein.“
Uwe sagt über seinen Vater: „Er hat mir einen Ruhepunkt gegeben, versucht, mich aus dem Heim für schwer erziehbare Kinder herauszuholen und einen Kampf um die Adoption geführt, um dem ungeschliffenen Bengel eine Erziehung zu geben.“

Hark Bohms Filme NORDSEE IST MORDSEE und MORITZ, LIEBER MORITZ zeigen Kinder, die in unterschiedlich kritische Situationen geworfen werden und selbstständig damit umgehen müssen. Die Geschichten sind initiiert von Erfahrungen, die Bohm als Vater mit seinen Kindern gemacht hat. Erlebnisse, Beobachtungen, Gespräche.
Auch hier gilt es: Wer Hark Bohm kennenlernen will, muss sich seine frühen Filme anschauen.

Hark Bohm hat seinen Kindern nie etwas vorgegeben, sondern das, was den Kindern Freude macht, gefördert. Dschingis ist Psychologe geworden, Uwe ein erfolgreicher Theater-, Fernseh- und Filmschauspieler und Nina Lehrerin.

Als wir die Schleuse erreichen verändert sich die Stimmung. Die Schönheit der Natur weckt so etwas wie Wehmut. Hark Bohm versinkt tief in Erinnerungen, erzählt, dass auf der gegenüberliegenden Seite des Flusses gedreht wurde, die Hecke damals aber zurückgeschnitten werden musste. Die, die jetzt so wild wächst.
Die Häuser sahen anders aus und einen Schleusenwärter gab es, der die Schleuse bedient hat.
Immer wieder erklärt Bohm:
„Ach, ich könnte noch so viel erzählen, aber das mache ich nachher, beim Film.“ Er geht zum Geländer und schaut in die Schleuse hinab, auf die andere Seite des Flusses.
© Duoscope - Der etwas andere Filmblog
Bald erzählt er von seinen aktuellen Projekten. Zuletzt hat er mit Fatih Akin an TSCHICK gearbeitet – ein Film, der so viele Ähnlichkeiten zu NORDSEE IST MORDSEE aufweist, dass, so deutet Bohm es schelmisch an, es schon beinahe ein Remake sei. Über Fatih Akin hat er nur lobende Worte, und über die Bedeutung der Filmförderung. „Wissen Sie“, schießt es ihm durch den Kopf,
der Fatih Akin hat ja so was wie ein Abonnement auf Filmförderung. Und da ist mir bewusst geworden, dass ich damals auch so ein Abonnement auf Förderung hatte. Nach NORDSEE IST MORDSEE habe ich immer Filmförderung erhalten, was aber sehr geringe Beträge gewesen sind. Nicht vergleichbar mit heute. Nach dem Flop mit THE CUT hatte Fatih große Angst, dieses Abonnement verloren zu haben und keine Förderung mehr zu erhalten. Der Misserfolg hat ihn sehr beschäftigt.“ Wieder reibt sich Bohm über sein Kinn und schmunzelt. „Umsonst. Für TSCHICK hat er wieder die notwendigen Gelder bekommen.“ Beide arbeiten bereits an ihrem nächsten gemeinsamen Projekt – über das Bohm sich an dieser Stelle jedoch ausschweigt. (Vermutlich handelt es sich um Akins bevorstehendes Projekt AUS DEM NICHTS.)

Der Spaziergang kommt zum Ende. Hark Bohm, Torsten Stegmann, sowie Freunde und Interessierte machen sich auf den Weg zum Open Air Kino Gelände, um den Spaziergang in die Vergangenheit mit dem Film zu krönen.
Für uns findet dieser außergewöhnliche Spaziergang in die Ursprünge des Deutschen Autorenfilms hier allerdings sein Ende.


Was bleibt, ist eine interessante Begegnung mit Hark Bohm – einem der bedeutendsten deutschen Filmemacher. Intellektueller, Linker, Künstler. Vieles konnten wir unterwegs zwischen den Zeilen erfahren, den Menschen Hark Bohm und seine Gedanken schemenhaft wahrnehmen. Konnten versuchen, die Umrisse mit weiteren Recherchen auszufüllen. Und doch gelingt es höchstens, eine Idee zu gewinnen von dem Mann, der vor Geschichten birst, die zu erzählen er sich beharrlich weigert. Und doch macht auch das ihn so faszinierend und interessant.
© Dennis Albrecht, Verwendung mit freundlicher Genehmigung

Kommentare:

  1. Vielen Dank für das Kompliment. Wir haben den Spaziergang sehr genossen und die Recherche zu Hark Bohm ebenso. Wir haben in dem Artikel versucht, ihn als Mensch, sowie sein künstlerisches Schaffen so umfassend wie uns möglich darzustellen.

    AntwortenLöschen

Ihr seid unserer Meinung? Ihr seht was anders? Wir freuen uns über eure Ansichten, über Lob und Kritik! Aber bitte seid nett zu uns. Und zueinander!