08.04.14

Der deutsche "Heile Welt Film"

Der deutsche Film scheint ein echtes Sorgenkind zu sein. Unter Kennern flüstert man noch heute von den „Goldenen Zeiten“, als METROPOLIS und NOSFERATU die Filmwelt beherrschten. Mittlerweile hingegen schimpft und zetert man: Der deutsche Film sei nicht konkurrenzfähig. Bieder, spießig und altbacken komme er daher.
Dabei hatte der deutsche Film, zumindest im eigenen Lande, seine Hochzeit, seine goldene Ära. Als Superstars geboren wurden, Säle monatelang ausverkauft waren und die Menschen in Scharen in die Kinos strömten und Millionen an den Kassen ließen. In den 1950er und 60er Jahren war das Kino am Höhepunkt seines nationalen Erfolgs angekommen und der Nachschub konnte nicht schnell genug geliefert werden. Es war die Zeit des "Heile Welt Films".
Andrang im Wuppertaler Rex-Kino 1956 zur Aufführung von SISSI - DIE JUNGE KAISERIN
© www.die-lichtbildwerkstatt.com, Benutzung mit freundlicher Genehmigung

Marcos Blick:

Deutschland in den 1950er Jahren – das waren Großstädte, die immer noch Vielerorts in Trümmern lagen, voller eilig hochgezogener „Altbauten“ für die zerbombte Zivilbevölkerung. Das waren Armut, vaterlose Familien oder Wiederzusammenführungen mit aus sowjetischen Straflagern entlassenen Heimkehrern. Das war eine junge Republik, die noch immer unter der Kontrolle der Siegermächte stand. Deren Ostteil unverblümt tiefer und tiefer der sowjetischen Siegermacht einverleibt wurde.
Es war ein verwundetes, traumatisiertes, zerstörtes Land. Begriffe wie „Heimat“, „Frieden“ und „Tradition“ waren für mehr als ein Jahrzehnt von den Nazis missbraucht und verbogen worden und erfüllten die Bevölkerung mit Erschütterung, Misstrauen, Angst und Bitterkeit.

In diesem politischen Klima der kollektiven Verwundung entsteht eine weltweit einzigartige Filmkultur der ebenso kollektiven Heilung.

Der heute (zu recht) vielbelächelte "Heile Welt Film" war dem deutschen Volk, das innerhalb von 40 Jahren zwei verheerende Großkriege hatte überstehen müssen, ein tiefes Bedürfnis.
Die mediale Aufarbeitung nationaler Traumata ist ein weltweites Phänomen: Der US-amerikanische Film etwa, der in den 80er Jahren eine unüberschaubare Flut von traumatisierten Vietnamveteranen in die Kinos schickte. Im Japanischen Film, der während des Krieges auf reine Militärpropaganda und während der Besatzungszeit auf demokratiefördernde Geschichten begrenzt war, explodierte in den 50er Jahren eine lange aufgestaute Kreativität. Fantasievolle Action- und Monsterfilme wie GODZILLA halfen, den Krieg und zwei amerikanische Atombomben zu verarbeiten.

Auch der deutsche Film sollte sich nie wieder von den Einwirkungen der Nazis erholen. Waren deutsche Filme gerade in den 1920er Jahren wegweisend für die Möglichkeiten der Kunst und formten mit Filmen wie DAS KABINETT DES DR. KALIGARI ganze Genres, wanderten die meisten talentierten Filmemacher spätestens unter dem Hakenkreuz nach Amerika ab. Ein künstlerischer Aderlass, der auch nach dem Krieg nicht aufgefangen werden konnte. (Mehr dazu weiter unten.) 

Eskapismus zum Mitsingen


Doch Kunst war auch gar nicht gefragt. Was die Deutschen wollten, war eine heile Welt. Traumhafte Kulissen, intakte, friedvolle Familien, und simple Lösungen für meist ohnehin nicht all zu schwer wiegende Probleme

So gab es beispielsweise den Heimatfilm, der nach strengen Mustern gestrickt war und meist aus Bayern oder Österreich kam. Dialektlastig und vor möglichst malerischer Bergkulisse wurden in Trachten und Dirndls simple Konflikte zwischen Jung und Alt und Dorf- und Stadtleben behandelt. Der Heimatfilm entwuchs direkt dem Propagandafilm, in welchem Goebbels' UfA die Berglandschaften als urdeutschen Boden inszeniert hatte. Viele spätere Heimatfilme waren mehr oder weniger direkte Neuverfilmungen bekannter Propagandaklassiker.
Johannes Heesters 1952 in IM WEIßEN RÖßL, einer beliebten, mehrfach verfilmten Operette von 1930.
Quelle: DVD "Im weißen Rößl" © Studiocanal
Etwas allgemeinverständlicher und deutlich erfolgreicher war der Schlagerfilm. Hier fand man, eingebettet in eine einfache Rahmenhandlung, simple Familiengeschichten und vor allem: Musik. Bis zu 20 Musikschlager wurden in die Filme gepresst, häufig zu Gassenhauern und schließlich zu deutschem Kulturgut. Stars wie Trude Herr, Freddy Quinn, Peter Alexander oder das Paar Conny Froboess und Peter Kraus verdanken ihren Ruhm dem Schlagerfilm. Angereichert waren die Streifen oft durch exotische Schauplätze, und noch heute sind viele der damals verfilmten Schlager bekannt: „Ich will keine Schokolade, ich will lieber einen Mann“, „Er hat ein knallrotes Gummiboot“ oder „Auf der Reeperbahn nachts um halb eins“ können selbst heutige Teenager mitsingen.

Ab den späten 60ern erweiterten freche Komödien wie DIE LÜMMEL VON DER ERSTEN BANK oder TANTE TRUDE AUS BUXTEUDE das Repertoire. Sie boten neben Musik und Heiler Welt auch Schabernack und Frechheit. Heinz Erhardt, Theo Lingen, Eddie Arendt, Hansi Kraus, Peter Weck, Harald Vock, Heintje, Illja Richter oder Rudi Carrell und viele andere wurden zu Megastars, auch wenn die Flut solcher Filme mittlerweile dafür sorgte, dass die Qualität der schnell runtergedrehten Streifen deutlich nachließ.

Die Geburt einer Legende


Und tatsächlich sollte die Heile Welt Ära der 1950er noch einen absoluten Weltstar gebären: Romy Schneider wurde mit zuckersüßen Schmachtfetzen wie die MÄDCHENJAHRE EINER KÖNIGIN und vor allem den SISSI Filmen zum ungekrönten Liebling der Nation. Ein Image, gegen das die ernsthafte Schauspielerin ein Leben lang anspielte, das sie aber in Deutschland nie loswurde. Noch heute ist die in Frankreich angebetete, tiefgründige Charakterdarstellerin in Deutschland vor allem die liebe, süße Sissi!

Die 15jährige Romy Schneider in ihrem ersten Film: WENN DER WEIßE FLIEDER WIEDER BLÜHT (1953). Viele Filmtitel der Zeit beginnen mit dem Wörtchen "Wenn", Ausdruck einer tief empfundenen Sehnsucht.
Quelle: DVD "Wenn der weiße Flieder wieder blüht" © Studiocanal
Den Fluch des unantastbaren Engels teilte sie sich mit vielen weiteren „Opfern“ der "Heile Welt Filme". Roy Black etwa, der zeitlebens gerne Rock'n'Roll Sänger geworden wäre, schaffte nie den Absprung aus der seichten Schlagerecke, in welche er in den 60ern und 70ern gerückt worden war und blieb bis zu seinem Tode 1991 der "Schmusesänger".

Das Volk der Seichten und Lacher


Hier und da regte sich Widerstand gegen die seichte Flut der Bedeutungslosigkeit. In den 60ern entstand mit dem weltweiten Erwachen des Widerstands gegen althergebrachte Autoritätsmodelle, mit Flower Power und den 68ern in Europa eine intellektuelle Filmelite, die neben Frankreich mit François Truffaut vor allem in Deutschland Fuß fasste: Der Autorenfilm wurde zur zweiten großen Kunstströmung im deutschen Film. Ernsthafte, vielschichtige und nachdenkliche Geschichten über das Sein und Werden, verfasst und inszeniert von Rebellen wie Volker Schlöndorff, Wim Wenders, Rainer Werner Fassbinder, Hark Bohm, Werner Herzog oder Margarethe von Trotta. Hier sollte ernsthafte Aufarbeitung stattfinden, doch die Massen zog es weiter in die heiteren, die seichten Filme.

In den 70ern schließlich drang dann doch noch eine politische Strömung in die harmlose Komödienwelt ein: die Sexuelle Revolution!
Softpornos wie die SCHULMÄDCHEN-REPORT Teile und diverse Lederhosen Filme wie LIEBESGRÜßE AUS DER LEDERHOS’N, welche die Heimat- und Bergfilme einfach um einige Softsexszenen erweiterten, wurden zu Megaerfolgen!

Die Heimat-, Schlager-, Schwank-, Pauker-, Schulmädchen- und Bergfilme dominierten bis in die 80er hinein die deutsche Kinolandschaft und trotzten allen Angriffen aus der ernsthafteren oder künstlerischen Ecke. Und auch wenn die alten Streifen heute unbekannt sind oder bestenfalls belächelt werden, scheint ihre Machart weiterhin den „Deutschen“ Geschmack zu treffen. Kein Genre läuft in deutschen Kinos besser als Komödien. Ein aktueller Kinokracher wie FACK JU GÖHTE ist im Kern nichts anderes als ein modernes DIE LÜMMEL VON DER ERSTEN BANK. Und KEINOHRHASEN ist nichts anderes als ein heiterer Schwankfilm in modernem Gewand.

Oliver Grimm und der große Heinz Rühmann in WENN DER VATER MIT DEM SOHNE (1955). Das durch den Film berühmt gewordene Schlaflied "La Le Lu" hat bis heute Bestand in deutschen Kinderzimmern und fand 1993 sogar noch einmal den Weg auf Platz 11 der deutschen Charts.
Quelle: DVD "Wenn der Vater mit dem Sohne" © Studiocanal
Seriöse, dunkle, künstlerische deutsche Filme finden im Kino weit weniger Beachtung. Und auch im Fernsehen ist und bleibt der "Heile Welt Film" eine feste Größe: Langlebige Reihen wie TRAUMSCHIFF und Verfilmungen von Cecilia Ahern, und Rosamunde Pilcher sind in ihrer Tradition direkte Nachfahren der ältesten Heimat- und Schlagerfilme. Bis hin zu den exotischen Schauplätzen, egal ob Irland, Südafrika, Neuseeland oder Marokko.

Es scheint, als würde der deutsche Filmzuschauer sich weiterhin an den Wunsch klammern, im Kino wenigstens für eine kurze Zeit eine heile, lustige Welt voller Musik und einfacher Lösungen geboten zu kriegen als Ausgleich für das Elend, das ihn im wahren Leben erwartet.

Biancas Blick:

Natürlich konnte der deutsche Film in seinen Anfängen punkten. Viele Filmemacher in vielen Ländern konnten das in den ersten dreißig Jahren der neuen Kunstform. Der Film war noch stark vom Theater inspiriert, man spielte mit Schatten und Masken. Der Expressionismus war allerorts zu spüren und auch zu sehen. Film bot die Möglichkeit, zu entdecken, zu entwickeln und auszuprobieren. Man experimentierte mit Linsen, Filtern, spielte mit Größen, Beleuchtung und Verzerrung. Malte auf die Leinwand des Films die schönsten expressionistischen Werke. Die Kunst und das Visualisieren neu entdeckter oder altbewährter Themen stand im Vordergrund. Wie sehen die Welten des Kosmos' aus? Wie das Wesen "Nosferatu"? Wie könnte die Welt der Zukunft aussehen? Politische Themen wurden nur uterschwellig oder im Subtext angeschnitten und verfilmt.

Der totale Film


Die Macht der Nazis verlagerte die Aussage von Film. Zum einen entstand der Propagandafilm (TRIUMPH DES WILLENS, SIEG DES GLAUBENS, JUD SÜß) zum anderen eben der "Heile Welt Film", in welchem von den Greueltaten des Regimes abgelenkt werden sollte.
Große Visionäre wie Leni Riefenstahl, deren DAS BLAUE LICHT bis heute von Filmkennern hoch gelobt und geachtet wird, ließ sich vor den Propagandakarren spannen. War ihr Debüt noch voll künstlerischer Zeichnung, vergeudete sie ihr Können bald in den Olympia-Filmen - bildlich und künstlerisch bis heute zwar unerreicht, inhaltlich aber fragwürdig und politisch inakzeptabel.
Andere Größen, die politische und gesellschaftliche Themen filmisch angingen, emigrierten in die USA (Billy Wilder, Fritz Lang, Max Ophüls und Robert Siodmak).
Die nationalsozialistische Kontrolle des Films erstickte die künstlerische Schaffenskraft. Jahrzehntelang stagnierte die Filmentwicklung. 

Das coolste Traumpaar der 50er und 60er: Cornelia Froboess und Peter Kraus in WENN DIE CONNY MIT DEM PETER (1958). Schon damals fanden viele Jugendtrends aus Amerika ihren Weg nach Deutschland, darunter auch der Rock'n'Roll, und niemand verkörperte diese Leidenschaft besser als Conny und Peter.
Quelle: DVD "Wenn die Conny mit dem Peter" © Studiocanal
Die Geschichte des deutschen Films ist im Grunde eine sehr traurige Geschichte. 
Voller Talent und Kraft, mit einer Begabung die Ihresgleichen sucht, verbannt in die Trivialität zum Schutze des Regimes, zum Verarbeiten der Greuel, zur Belustigung des Publikums.
Kurz vor und während des Kriegs entwickelte sich ein Genre, welches in den 50er und 60er Jahren an Ansehen gewinnen sollte und Stoff für viele Filme lieferte: der Revuefilm. Stars wie Marika Rökk, Johannes Heesters und vor allem Zarah Leander begeisterten die Zuschauer und ließen das kriegsgeplagte Publikum in großen Bühnenbildern, einfach gestrickten Liebesgeschichten und gesungenen Gassenhauern schwelgen und den rauen Alltag vergessen. Dieses Genre wird im „Schlagerfilm“ der Mittsechziger und Siebziger wieder aufgegriffen und zeitgemäßer umgesetzt - die Zielsetzung blieb dabei dieselbe.

Freddy Quinn als singender Cowboy in FREDDY UNTER FREMDEN STERNEN (1959). Die Kombination aus Heimatschlagern und (kanadischem) Wildwest mag heutzutage skurril anmuten, bedient seinerzeit jedoch die Sehnsucht nach Weite, Fremde und Freiheit. Zudem war das Western-Genre nie populärer als in den 50ern!
Quelle: DVD "Freddy unter fremden Sternen" © Studiocanal
Bereits kurz nach dem Krieg versuchten deutsche Filmemacher, die Katastrophe kritisch aufzuarbeiten (DIE MÖRDER SIND UNTER UNS, DIE BRÜCKE), aber das wollte das breite Publikum nicht sehen. Was in anderen europäischen Ländern funktionierte (ROM, OFFENE STADT), konnte in Deutschland nicht Fuß fassen.
Die Gegenbewegung zum drastischen Realismus war der Heimatfilm. In der Natur gefilmt, fernab der zerbombten Großstädte, konnte hier eine Idylle zelebriert werden, die das Grauen vergessen ließ.
Auch hier ging es um einfache Filme mit einfachen Themen. Nur wenn der deutsche Film sich an hauptsächlich österreichischen Kostümfilmen beteiligte, also in Co-Produktion ging, wurde es üppig in Ausstattung und Kostüm.
 

Es gibt ihn doch, den klugen deutschen Film


Der Autorenfilm wiederum stieg als Gegenbewegung zum seichten Film auf und fand ein beständiges, aber dünn besiedeltes Publikum. Zwar wurden die Werke hoch gelobt und auch international ausgezeichnet (Rainer Werner Fassbinder drehte in 13 Jahren fast 40 meist wegweisende und international ausgezeichnete Filme), aber die breite Publikumsmasse lehnte diese Filme ab oder konnte mit der Metaphorik nichts anfangen.
Anfang der Neunziger begann der Siegeszug des jungen deutschen Films, der Komödien von selten gezeigter Leichtigkeit ablieferte: DER BEWEGTE MANN, DAS SUPERWEIB oder SCHTONK! Oft pointiert mit einem Spritzer Gesellschaftskritik, begeisterte er Publikum und Kritiker. Nur wenige Genrefilme wurden dem entgegengesetzt.
Das ist bis heute so geblieben. Die Gesellschaftskritik schmilzt in Werken wie KEINOHRHASEN, ZWEIOHRKÜKEN, DER SCHUH DES MANITU, BARFUß oder FACK JU GÖHTE dahin. Aber das Publikum strömt in nie gesehenen Massen ins Kino.
Hinter den Kulissen allerdings fördert Deutschland den kulturellen Film, beteiligt sich als Drehortgeber oder Produzent an international hochgelobten Werken wie DAS GEISTERHAUS, DAS PARFÜM, DIE BÜCHERDIEBIN, DER VORLESER oder CLOUD ATLAS und erlangt so auch wieder internationalen Glanz. Von einer Emanzipation allerdings kann noch nicht gesprochen werden.

Unvergessen aber bleiben Meisterwerke wie "unsere" Oscarpreisträger DIE BLECHTROMMEL, NIRGENDWO IN AFRIKA und DAS LEBEN DER ANDEREN, aber auch JENSEITS DER STILLE oder SOPHIE SCHOLL. Genrefilme, gesellschaftskritische Filme, Filme, in denen es wieder um Menschen geht und deren Auseinandersetzung mit dem Außen. Unkonventionell, still, poetisch.

Der deutsche Film kann was!

1 Kommentar:

  1. Das ist eine sehr gute Übersicht, finde ich. Der deutsche Film hat sicherlich immer noch einige spannende, ungewöhnliche Filme zu bieten. Aber man oft das Gefühl, dass es nur diese zwei Extreme gibt: Komödie und sehr düster/melancholisch/deprimierend. Nur wenige Filme scheinen sich dem Zwischenraum zu bewegen. Und wirkliche Genre-Filme (außerhalb der Komödie und dem Krimi) gibt es finde ich auch kaum.

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