14.05.14

William Shakespeares Romeo und Julia (USA 1996)

"Wir wollten etwas zusammentragen, das sich aus Shakespeares Arbeit am Globe-Theater entnehmen läßt. Und es ist Fakt, ein absoluter Fakt, daß das Theater der Elizabethanischen Zeit nichts mit den mucksmäuschenstillen Räumen zu tun hat, in denen alle nur sitzen und schweigen. So etwas gab es damals nicht. Der moderne, visuelle Stil ergab sich dann erst aus der zweiten Überlegung: Wie hat Shakespeare seine Stücke inszeniert, wie sahen die Bühnen zu der Zeit aus? Und dann übersetzten wir das in eine filmkünstlicherische Sprache."
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- Spoilerwarnung - 
 Ehrlich, wer nicht weiß, wie ROMEO UND JULIA endet, muss mit Spoilern leben!

Biancas Blick:
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1996 kommt ein Sturm ins Kino, den keiner in dieser Form erwartet hätte.

Baz Luhrmann, ein noch recht unbekannter australischer Regisseur, wagt sich an die sechste Verfilmung des Shakespeare-Stoffes ROMEO UND JULIA. Sein bis dahin einziger Film, STRICTLY BALLROOM, war allenfalls ein kleiner Achtungserfolg: bunt, schrill, schräg. 

Die bis dato populärste Verfilmung des Dramas um die beiden rivalisierenden Familien Montague und Capulet, deren Kinder Romeo und Julia sich ineinander verlieben, ist Zeffirellis ROMEO UND JULIA von 1968. Allerdings sind selbst die berühmtesten Szenen (darunter die Balkonszene) deutlich verkürzt oder gestrichen, was Luhrmann der Verfilmung gegenüber kritisch anmerkt. Er selbst hält sich textgetreu ans Werk, kürzt allerdings die Gesamtlänge auf zwei Drittel.

Jeder will dabei sein


Trotz des wenig bekannten und als schrill und extravagant geltenden Regisseurs will jeder, der in Hollywood Rang und Namen hat, mitwirken, es ist immerhin die Verfilmung eines der bekanntesten Stücke im Werk des britischen Dichters. Ewan McGregor, Christian Bale, Benicio Del Toro, Natalie Portman, Kate Winslet, Sarah Michelle Gellar, Reese Witherspoon, Jennifer Love Hewitt oder Christina Ricci, sie alle sprechen für die Rollen des Romeo und der Julia vor.

An dieser Stelle ein kleines Casting-Schmankerl: Baz Luhrmann sagt über DiCaprio: „Er kann den Romeo spielen als wäre er 21 oder aber als wäre er 18.“ 
Als Natalie Portman vorspricht, ist Luhrmann zwar sehr angetan, aber sie wirkt zu jung, zu zart in der Rolle als Julia (Portman ist 15). Als die Kussszene geprobt wird, ist das Casting dann für Portman beendet. Luhrmann sagt heute dazu: „Sie sah aus wie zwölf und ließ Leo wie 21 aussehen. Wir hätten das Publikum gegen uns aufgebracht.“ 
Portman selbst ist noch heute traurig, die Rolle nicht bekommen zu haben. Aber sie wird entschädigt: Sie spielt am Broadway Anne Frank und wird vom Publikum frenetisch bejubelt (Für diese Rolle sagt sie ein Angebot für DER PFERDEFLÜSTERER ab, der Film, der Scarlett Johansson berühmt machen wird). Als Anne Frank kommt ihr ihr junges Aussehen wieder entgegen, das Stück wird mehrfach Tony-nominiert (renommierterster Theaterpreis Amerikas).

Leonardo DiCaprio (Unser Porträt) steht als Hauptdarsteller für Baz Luhrmann schon ziemlich früh fest. Er sieht ihn als Arnie in GILBERT GRAPE und ist begeistert. DiCaprio sagt unter der Prämisse zu, nicht in Strumpfhosen zu spielen, andererseits würde er die Rolle ablehnen. DiCaprio kennt nur die Zeffirelli-Version und hat Bedenken, das Drama aus dem 16. Jahrhundert könne das heutige Publikum nicht begeistern. Außerdem empfindet er den Romeo als naiven Unsympath.  Auch diese Zweifel kann Luhrmann in wenigen Gesprächen schnell ausräumen. 
Claire Danes, die für das Vorsprechen (wie viele der oben genannten) auf eigene Kosten nach Australien fliegt, bekommt den Zuschlag als Julia.
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Es gibt viele Zweifler im Vorfeld, denn Luhrmann will das Stück zwar modern umsetzen, die alte Sprache aber beibehalten. Kann das funktionieren?
Die Textabsurdität findet in der Waffenbezeichnung ihren Höhepunkt, wenn statt Schwerter und Dolche Revolver gezogen werden. Um dem Missverhältnis auszuweichen (denn die Lacher im Publikum sind programmiert), fügt Luhrmann dem Revolver noch die Bezeichnung des Schwerts hinzu. So heißen die Pistolen etwa „Sword 9mm Series S“ oder "Dagger", was als Schriftzug gut sichtbar auf den Waffen prangt.
Die anitquierte Sprache funktioniert, man kann sich schnell darauf einlassen, weil sie so „normal“ gesprochen wird. Das liegt auch daran, dass keiner der Schauspieler, außer Pete Postlethwaite, das alte Versmaß der Jamben einhält.

Visuell wirkt der Film wie ein abendfüllendes Musikvideo. 
Luhrmann selbst bittet Radiohead, das Lied Exit Music beizusteuern, was die Band gerne tut. Witzigerweise ist ihr Lied nicht auf dem Soundtrackalbum, sondern nur auf ihrem Album OK Computer! Mit dem Vermerk for a film zu finden. 
Viele andere Stars steuern ebenso Songs bei, darunter Garbage oder The Cardigans und alle springen in die Top Ten. Der Soundtrack landet auf Platz zwei der meist verkauften Alben des Jahres 1997 und die Songs dominieren monatelang das Radioprogramm.

Nur gespielte Harmonie

 
Leonardo DiCaprio und Claire Danes harmonisieren wunderbar vor der Kamera, doch hinter den Kulissen fliegen die Fetzen. So ist DiCaprio bekennender Fleischesser und macht sich immer einen Spaß daraus, kurz vor einer Szene mit Danes ein Wurstbrot zu vertilgen. Danes ist bekennende Vegetarierin und findet das alles andere als angenehm, zumal DiCaprio sich nicht zwingend die Zähne putzt. (Dieselbe Anekdote berichtet Kate Winslet ein Jahr später vom TITANIC-Dreh, nimmt es aber eher humorvoll.) Auch John Leguizamo hat seine Probleme mit dem Shootingstar. Er nimmt ihn als arrogant wahr, denn während er und andere Kollegen sich in den Drehpausen zurückziehen und sich auf die nächste Szene vorbereiten, springt DiCaprio lieber in den Set-Pool und dreht ein paar Runden. Auch zwischen den Takes macht er lieber Scherze und Witze, als in seiner Rolle zu bleiben und lenkt viele seiner Kollegen ab. Das kommt nicht überall gut an. Auch Danes ist genervt von diesem Verhalten.
Leguizamo sagt an anderer Stelle etwas differenzierter, dass es ihn gestört habe, dass Leo trotz der ständigen Quatschereien und Albernheiten eine einzigartige Performance beim jeweiligen Take abgeliefert habe, während andere Schauspieler wie er selbst sich akribisch und konzentriert vorbereiten mussten, um den Ton der Szene zu treffen.
Trotz dieser Querelen respektieren die Schauspieler ihr Können untereinander jedoch und betonen stets, wie feinsinnig der jeweils andere agiere.

Von Wasser und anderen Elementen


Das Element Wasser ist in Luhrmanns Film allgegenwärtig: Julia taucht das erste Mal auf, als sie ihr Gesicht ins Wasser taucht. Romeo und sie werfen die ersten Blicke durch ein riesiges Aquarium aufeinander. Die Szene war übrigens für den Kameramann die Hölle, weil die Spiegelung durch das Glas des Aquariums kaum ausgeleuchtet werden konnte. 
Die berühmte Balkonszene wird in den Pool verlegt. Das erinnert an Hitchcock, der ebenfalls in seinen Filmen wiederkehrende Motive verwendet. 
In ROMEO UND JULIA ist Wasser zu Beginn ein Element der Reinheit und wandelt sich im Verlauf der Handlung zu einem zerstörerischen Element des Sturms. So stirbt Mercutio am Strand, während ein gewaltiger Sturm aufzieht und Regenstürme mit sich führt. Tybalt endet erschossen in einem Brunnen, während es Bäche regnet.
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Für Danes ist es die erste Berührung mit einem Shakespearestoff. Sie und auch DiCaprio bekommen Coaches, um sich dem Stoff zu nähern, besonders auch auf emotionaler Ebene.
Der erste Drehtag wird für Danes zu einer Zitterpartie, denn die Szene, in der sie oben ohne vor Romeo steht, wird als erstes gedreht. Luhrmann begründet das damit, dass Danes vor dieser Szene die meiste Scham hat. Um zu verhindern, dass sie diese Angst wochenlang mit sich herumschleppt und dadurch im Spiel blockiert wird, bringt er die Szene schnell zum Abschluss. Und mit Erfolg: Der große Druck fällt ab und Danes agiert im Anschluß frei und ungeniert.
Sie geht so sehr in ihrer Rolle auf, dass einige Szenen abgebrochen werden müssen, da Danes weint und sich erst wieder beruhigen muss. Etwa die Szene, in der sie Pater Lorenzo beichtet, dass sie sich töten wolle und nach dem Tode sehnt oder, natürlich auch die Endszene, in der Romeo sich das Leben nimmt, weil er denkt, Julia sei tot.

Und danach?


Aus den beiden Hauptdarstellern werden Topstars:
DiCaprio spielt im folgenden Jahr in TITANIC und wird zu einem der begehrtesten Hollywoodstars. Er selbst allerdings nimmt sich eine Auszeit und kehrt erst drei Jahre später mit THE BEACH auf die Leinwand zurück. Von da an nimmt seine Karriere als ernsthafter Schauspieler mächtig Fahrt auf. Er wird zu Scorseses neuer Muse und dreht fünf Filme mit ihm, zuletzt den umstrittenden THE WOLF OF WALL STREET. Er arbeitet als Produzent, ist Umweltaktivist und einer der einflussreichsten Leute Hollywoods. Mehrfach oscarnominiert und Golden Globe gekürt.
Vor ROMEO UND JULIA agierte er bereits in großen Achtungserfolgen wie THE BASKETBALL DIARIES, THIS BOY'S LIFE und natürlich als Arnie in GILBERT GRAPE, wo ihn viele für tatsächlich behindert hielten und für den er zurecht seine erste Oscarnominierung erhält.

Claire Danes ist dem Publikum vor ROMEO UND JULIA aus der Serie WILLKOMMEN IM LEBEN an der Seite von Jared Leto bekannt, fiel aber auch durch ihre Rolle als Betty in BETTY UND IHRE SCHWESTERN mit Susan Sarandon, Christian Bale und Winona Ryder auf. 
Nach ROMEO UND JULIA spielt sie in vielen Kinofilmen mit. Darunter DER REGENMACHER, U-TURN, LES MISÉRABLES und TERMINATOR 3. 
Ihre Kinokarriere flacht allerdings zu Beginn der 2000er ab. Ein großes Comeback gelingt ihr 2010 im Fernsehen mit der Serie HOMELAND. Für die Rolle der Carrie Matheson wird sie zu recht mehrfach ausgezeichnet.

Baz Luhrmann krönt seine Karriere mit seinem wohl besten Film MOULIN ROUGE, den er 2001 mit Nicole Kidman und Ewan McGregor in den Hauptrollen dreht. Es wird ein buntes Musical voller Magie. Man kann MOULIN ROUGE als Höhepunkt und Abschluss seiner sogenannten "red Curtain"-Trilogie nach STRICTLY BALLROOM und ROMEO UND JULIA verstehen. Der Film wird mehrfach oscarnominiert und gilt als Grundstein für Kidmans steile Karriere zu einer der besten Schauspielerinnen Hollywoods - bis sie zu Botox greift und dem ein jähes Ende setzt.
Leider greift Luhrmann mit dem entsetzlichen AUSTRALIA komplett daneben. Trotz der Stars Nicole Kidman (mit ihrer ersten auffälligen Botox-Performance) und dem smarten Hugh Jackman floppt der Film in Gänze: Die Chemie stimmt nicht, die Story ist zu überladen und die Extravaganz, die Luhrmanns Filme immer auszeichnete, fehlt.
Erst 2013 kann er diese Scharte zumindest teilweise auswetzen und mit DER GROßE GATSBY – wieder mit DiCaprio in der Hauptrolle – wenigstens teilweise an seine alte Klasse anknüpfen. Der Film krankt zwar an der nicht funktionierenden Liebesgeschichte, gewinnt aber durch seine Luhrmann-übliche reichhaltige Ausstattung und dem freudigen Spiel der Hauptprotagonisten.
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ROMEO UND JULIA ist in seiner Machart einzigartig. Schnelle Schnitte, rasante Kamerafahrten, skurrile Bildausschnitte, moderner Soundtrack, offen gezeigter Drogenkonsum und Homosexualität, Exzesse, schrille Figuren, Verzweiflung, Gewalt und demgegenüber die zarte Liebe zweier Heranwachsender. Sensibel und berührend. Nachvollziehbar und empathisch. Der Film ist wie ein Sog, als Zuschauer kann man sich kaum entziehen.
Die Handlung wird vom italienischen Verona nach Verona Beach in Mexico City verlegt, flittrig, bunt, exstatisch, punkig, großstädtisch.
Alle Darsteller sind hervorragend besetzt und agieren überzeugend, es ist ein gewaltiges Pop-Märchen auf klassischem Fundament. Die metrische Sprache konterkariert wunderbar die visuellen Eindrücke.
Die Liebesszenen sind unerträglich romantisch ohne kitschig zu sein. 
Etwa Romeos und Julias erste Begegnung im Hause der Capulets durch die Scheiben eines gewaltigen Aquariums oder aber die Balkonszene, die Szene der ersten gemeinsamen Nacht und die heimliche Hochzeit. Mit nur wenig Mimik oder zurückhaltendem Augenaufschlag wird deutlich, dass diese beiden Menschen sich lieben und füreinander geschaffen sind.
Die dramatischen Sequenzen, untermalt mit schneller und lauter Musik, wissen ebenso zu fesseln und den Zuschauer in den Bann zu ziehen.

Die Kritiken sind gemischt. Viele wissen das Experiment, das Luhrmann mit seiner Interpretation wagt, zu schätzen. Einige werfen ihm die Modernität vor und verweisen darauf, dass nicht jeder Zuschauer den Schnitten und Handlungssprüngen folgen kann, geschweige denn mit dem Kontrast zwischen Sprache und Bildern umzugehen weiß.

In Deutschland hat der Film auf der Berlinale 1997 Premiere und Leonardo DiCaprio wird zu recht mit dem Silbernen Bären als bester Hauptdarsteller ausgezeichnet. 


Marcos Blick: 

Der „Geniestreich“, der Luhrmann mit ROMEO UND JULIA gelingt, kann gar nicht hoch genug geschätzt werden. Immerhin schafft er es als eine der wenigsten Verfilmungen, den Geist des Shakespearschen Theaters einzufangen.
Al Pacinos Semi-Doku LOOKING FOR RICHARD beschäftigt sich sehr schön mit der Frage, was Shakespeare heute, über 400 Jahre später, für die Menschen bedeutet. Und in der Regel ist die Meinung einhellig: Kultur, Staubigkeit, Unverständlichkeit, etwas für Alte und Intellektuelle.

Möget Ihr dies Unterschichtengedöns genießen, edler Herr!


Das ist vor allem deshalb bedauerlich, weil Shakespeare quasi das „Unterschichtenfernsehen“ seiner Zeit geschrieben hat. Shakespeare im 16. Jahrhundert, das war nicht kulturell, gebildet oder edel. Das Theater jener Zeit ist eine Massendurchlaufstation wie heutzutage das Multiplexkino am Samstagabend in einem Arnold Schwarzenegger Film: Angetrunkene, wenig aufmerksame Zuschauer, die, vermutlich, grölend und quatschend vor der Theaterbühne herumlungern und Tratsch austauschen.
Shakespeare hat die Aufgabe, ein äußerst niederes und vergnügungssüchtiges Publikum nicht nur zu erheitern, sondern auch zu fesseln. Das erklärt, weshalb seine Stücke sich im Vorwegnehmen der Katastrophen ebenso ergötzen wie in der Berechenbarkeit der komödiantischen Verwechslungen. Shakespeares Werke erklären dem Zuschauer stets, welche Boshaftigkeit als nächstes die Bühne heimsuchen wird. Auftretende Personen werden, vermutlich um die langen Wege zum vorderen Ende der Bühne zu überbrücken, lang und breit vorgestellt.

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Trotz der Textmengen dauern die Stücke Shapespeares selten sehr lange – die Schauspieler sprechen sehr schnell, wohl auch, um die Zuschauer zum Zuhören zu animieren, aber eben auch, weil Shakespeares Sprache bei aller Lyrik derbe und einfach war – jedenfalls für seine Zeit.
Und natürlich kracht und bummt es ordentlich! Die Klingen tanzen so regelmäßig über die Bühne wie Verrat, Ehebruch, Mord und Totschlag. Kurz: Shakespeare inszeniert Krawallkino! Schnell, aufgeregt, und im Versuch, den Zuschauern möglichst keine Pause zu gönnen. Die Aufmerksamkeit soll idealerweise nicht mal einen Moment abreißen.
Heute ist nicht ganz klar, wie gut ihm das gelang, oder ob auch seine Stücke von jener Atmosphäre heimgesucht wurden, die wir heute aus einem Fussballstadion nach dem Siegtreffer kennen. Aber in jedem Fall ist der ehrfürchtig aufgenommene, der ruhige, der sinnlich und besonnen vorgetragene Shakespeare mit Akteuren in Strumpfhosen, nicht der echte Shakespeare. Das haben erst 400 Jahre Anbetung aus ihm gemacht.

So sei dies unoriginelle Werk in aller Pracht dargeboten


Luhrmanns Version von Shakespeares Liebestragödie überträgt den Original-Shakespeare damit nahezu perfekt in unsere Zeit. Die schnellen Schnitte, die schnelle Sprache, die Fahrten, Zooms, Close-Ups und die fast ununterbrochene Action, garniert mit wenigen ruhigen Szenen, die der Film abliefert, entsprechen exakt dem, was Shakespeare seinerzeit mit dem Stück umzusetzen versucht. Auch Luhrmann will dem Zuschauer keine Zeit zum Atmen lassen, will ihn unentwegt beschäftigen und mit neuen, schnellen Bildern hypnotisieren.

Dass die Geschichte zeitlos ist, zeigt sich daran, dass sie schon zu Shakespeares Zeit wenig originell ist. Denn auch Shakespeare bedient sich meist an bekannten Geschichten oder Volksmärchen.
Die Liebe über befeindete Grenzen hinweg ist dabei ein Topos, das es vermutlich seit Anbeginn der Erzähltradition gibt und mit Hero und Leander bereits in der Antike zu finden ist, ebenso wie mit Tristan und Isolde im Mittelalter. Darüber hinaus ist schon etwa 1530 der Text „Giuletta e Romeo“ des Italieners Luigi da Porto entstanden und in den folgenden dreißig Jahren wenigstens vier Mal umgeschrieben worden, bevor Shakespeare das 1562 entstandene Epos „The tragical history of Romeus and Juliet“ in die Finger bekommt, das ihm 1597 als Vorlage für sein Stück dient.

Also bleibt am Ende tatsächlich nur die Sprache, die in unserer Zeit ungewohnt klingt. Allerdings, und das zeigt Al Pacinos LOOKING FOR RICHARD ebenfalls deutlich, ist es hier vor allem das Vorurteil, das abschreckt. Schon der Name „Shakespeare“ flößt häufig so viel Erwartung von Kultur und Bildung ein, dass viele, gerade Jugendliche, sich automatisch abwenden und mit der Einstellung: „Das verstehe ich eh nicht!“ das Handtuch werfen, bevor auch nur eine Jambe gefallen ist.

Natürlich ist Shakespeares Sprache lyrisch, rhythmisch und gestelzt; sind seine Wörter veraltet und stellenweise die Bedeutung nicht mehr bekannt. Aber Shakespeare war immer ein Dichter, der seine Stücke sehr bildhaft erzählte. Und wer sich darauf einlassen mag, einen Shakespeare so zu erleben, wie der Dichter es einst geplant hat, wer also ein kurzweiliges, wildes Stück über eine verdammte Liebe sehen will, der wird dem Film schon anhand der Bilder folgen können. Und die Sprache, die man ohnehin leichter versteht als man ahnen mag, geht zumindest leicht ins Ohr – und macht die Geschichte nicht weniger simpel und schön.

Ein kleines Bonmot zum Schluss: Luhrmanns Version gelingt es, dem ohnehin tragischen Ende der Geschichte eine noch besonders perfide Note zu geben. Denn während im Stück die aus ihrem Schlaf erwachende Julia nur den bereits toten Romeo neben sich findet, erwacht sie im Film bereits, von Romeo unbemerkt, als dieser sich daran macht, das Gift zu trinken. So bleibt beiden, und dem Zuschauer, noch ein kurzer, schmerzvoller Augenblick, um sich bewusst zu werden, was hätte werden können, bevor Romeo tatsächlich stirbt. Ein grandioser Kniff, der zeigt: Auch Shakespeare lässt sich immer noch verbessern!

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