27.12.16

Kinokritik: Willkommen bei den Hartmanns (D 2016) – Willkommen in den Sümpfen der Trivialität

Als Heiner Lauterbach das Drehbuch zu WILLKOMMEN BEI DEN HARTMANNS erhält, ist er begeistert: „Ich dachte, dass es ein sehr gutes Buch ist. Das hat mich wirklich gefreut, weil man leider nicht mehr allzu oft gute Drehbücher zu lesen bekommt. Das war tatsächlich mein allererster Gedanke.“ 
Mit diesem herrlichen Beispiel dafür, dass auch auch Schauspieler bisweilen bei der Drehbuchbeurteilung irren können, leiten wir das große Fressen ein, oder besser Zerrupfen.
Denn den erfolgreichsten deutschen Film des Jahres können und wollen wir nicht unkommentiert und unzerrupft stehenlassen.
© Warner Bros. Entertainment

- Spoilerwarnung -
WILLKOMMEN BEI DEN HARTMANNS gibt sich nicht die geringste Mühe, irgendeine interessante, spannende oder überraschende Geschichte zu erzählen, entsprechend geben wir uns nicht die geringste Mühe, irgendwelche Elemente dieser Ansammlung von Klischees und unsinniger Verwicklungen samt garantiertem Happy End irgendwie zu verheimlichen. Kurz: Wir spoilern. Nicht, dass der Film irgendwie besser würde, wenn man nicht schon im Vorfeld bestätigt bekäme, dass genau das passiert, was man glaubt, dass es passiert ...

Als stetige Kämpfer, die sich darum bemühen, dass die Stärken des deutschen Films erkannt und anerkannt werden, sind wir, gelinde gesagt, bestürzt über ein solch vergeigtes Machwerk wie die sinnloseste Klamotte seit Jahren. WILLKOMMEN BEI DEN HARTMANNS ist nicht nur missraten, trivial und hanebüchen, sondern schlichtweg ärgerlich.
Auch wenn das große Teile der deutschen Filmkritik anders sehen (wohl aus Überraschung, dass nicht die Klischees über Flüchtlinge gebügelt werden, die man erwartet, sondern die über die Deutschen ...), und der Erfolg ohnehin seine eigenen Argumente schafft: WILLKOMMEN BEI DEN HARTMANNS ist niederstes Possenkino und hat eine entsprechende Kritik verdient. Wer sein Thema nicht ernst nimmt, verdient auch nicht, selbst übermäßig ernst genommen zu werden.

An dieser Stelle etwa sollte eine Inhaltsangabe stehen. Da diese aber die Komplexität einer Stammtischdiskussion nicht überschreitet, wird sie sich aus der Besprechung erschließen ...

Die Grundlage des Filmes ist der seit August 2015 anhaltende Flüchtlingsstrom in Richtung Europa, der bisher wenigstens 890.000 Flüchtlinge nach Deutschland brachte. (Genaue Zahlen sind schwer zu schätzen, da Registratur und Zählungen oft nicht reibungslos verliefen.)
© Warner Bros. Entertainment
Die Flüchtlingslage hat Deutschland und Europa tief gespalten, die rechte Szene formiert sich und stabilisiert sich in Form rechter Populistenparteien und einer neuen gesellschaftlichen Akzeptanz offen fremdenfeindlicher Äußerungen. Es kommt zu Gewalt und Übergriffen auf allen Seiten und Angst macht sich breit. Angst vor der Islamisierung des Westens, Angst vor dem Rechtsruck, Angst vor der Zukunft und dem Unbekannten. Terroranschläge von rechts ebenso wie von Islamisten erschüttern Deutschland und Europa – die Schuld sucht man zumeist in der aktuellen Asylpolitik.

Dieser aufgeheizten, potentiell gefährlichen Grundstimmung versucht sich nun WILLKOMMEN BEI DEN HARTMANNS entgegenzustellen, mit großen Zielen: Der Film will all diese Punkte aufgreifen, jeder Seite ein Sprachrohr bieten, sowie – und das ist das Verunglückte daran – aus all den Zutaten eine locker-flockige Komödie zimmern, die uns sagt: „Alles nicht so schlimm! Lachen wir drüber und sehen das mal alle nicht so eng.“
Natürlich kann man aus diesem Stoff auch Komödien basteln. Um eine gute, eine würdige Komödie daraus zu machen, müsste man den Ernst der Lage allerdings angemessen umsetzen, statt ihn auf die niedrigste Konfliktstufe herunter zu köcheln. Auch ein Drama kann witzig sein und ein versöhnliches Ende finden, und sich dennoch angemessen dem Thema widmen, etwa indem der ein oder andere Protagonist seinen vorurteilsfreudigen Schatten überspringt oder einfach nur seinen Horizont erweitert.

Simon Verhoeven hingegen wählt in seiner peinlichen Betroffenheitskomödie einen eigenen Weg: Er verharmlost das Grundthema so weit, bis es gar kein wirkliches Problem mehr gibt, und gibt das reale Drama damit in weiten Teilen der Lächerlichkeit preis.

Familie Hartmann


Eigentlich wird die Geschichte der Hartmanns als Familienserie geplant, in der die Familie in lediglich einem Teil einen Flüchtling aufnimmt. Irgendwann gefällt diese Idee den Beteiligten aber so gut, dass Verhoeven genau diese Einzelepisode zu einem Zweistünder aufbläst.
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Ob die Grundidee als Teil einer Serie besser funktioniert hätte, ist kaum noch zu ermitteln, in dem Falle jedoch hätten all die auftretenden stereotypen Figuren des Films eventuell ein wenig mehr Substanz erhalten. Denn Verhoeven macht den Fehler, aus seiner Serie einen Film zu gestalten, dem ohne die Vorarbeit vorhergehender Folgen das Entscheidende fehlt: Charaktertiefe. So verkommen die einzelnen Charaktere zu plattesten Abziehbildern, die über ein Klischee oder eine offensichtliche Marketingbesetzung nicht hinauskommen.
Damit wäre auch bereits der erste Punkt aufgegriffen, der das Hartmann-Schiff zum Sinken bringt: Die Personen 

Viele Figuren ermöglichen zwar bekanntlich mehr Verwicklungen, aber dennoch ist diese Zutat nicht immer sinnvoll.
In WILLKOMMEN BEI DEN HARTMANNS gibt es etwa nur drei relevante Figuren, die wichtig, interessant und spannend wären – wenn sie durch all die anderen, halbherzig geschriebenen Charaktere nicht verwässert würden.
Und da jede Figur lediglich als Stereotyp funktioniert, die eine jeweils andere Mischung aus Phrasen zur Flüchtlingskrise von sich geben darf, werden sie im Folgenden auch so behandelt! 

Der „gute“ Flüchtling: 
Diallo ist „der Flüchtling“. Nett, kultiviert, bereits fertig integriert und der deutschen Sprache prima mächtig, also ein „Vorzeige-Flüchtling“, ohne Ecken, ohne Kanten, dadurch eigentlich gar kein Bestandteil der europaweiten Debatte und in der Folge für den Film verzichtbar und langweilig. Was hat er zu tun, außer ein aufgenommener Flüchtling zu sein? Nichts! Außer die Fassade der heilen Familie zu Fall zu bringen – wobei die Familie gar nicht so kaputt ist.
Falls das Drehbuch ihm auch die Aufgabe zuteilen wollte, stellvertretend für Tausende anderer Flüchtlinge zu stehen (und das war unsere kleinste zugrundeliegende Hoffnung gewesen), dann ist bereits diese Grundprämisse gescheitert. Einfach, weil er als Flüchtling nicht im geringsten mit den Abertausenden echten Problemfällen zu vergleichen ist, die nach Europa kommen, und weil sein persönliches Schicksal recht schnell und emotionslos abgehandelt wird. Am Ende weiß man durch ein kurzes Schulreferat, dass er eine lange Flucht vor dem IS hinter sich hat und seine Familie umgekommen ist. Dass er zumindest einen Alptraum hat, aber ansonsten recht aufgeschlossen, lebensfroh und ja – unbedarft ist. Konflikte? Vielleicht leise Kritik? Oder ein Hauch von Aufklärung? Fehlanzeige! Bitte keinen Realismus in unseren Sommerkomödien!
Hier verschenkt der Film endloses Potenzial, da er sich mit den zahlreichen anderen Familienmitgliedern und deren Problemen schlichtweg übernimmt und jedes Thema viel zu gefällig abhandelt, besonders das, das im eigentlichen Fokus steht. 

Der „böse“ Flüchtling: 
... hat genau vier Minuten Screentime und wird auf zwei, drei Sätze reduziert. Er und die anderen Flüchtlinge, die in einer Münchner Flüchtlingsunterkunft leben, sollen sich der westlichen Welt nicht unterordnen - so sein in brüchigem Deutsch geäußertes Credo.
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Diesen Widerstand fordert er genau ein Mal ein und erntet friedfertige Gegenargumente der anderen Flüchtlinge. Ach wie schön, dass alle dieselbe Sprache sprechen und zudem ein so gutes Deutsch und dass es immer nur zwei Seiten einer Medaille gibt ... Ach ja, er trägt Vollbart und Mütze und ist am Ende der eigentliche Terrorist. Einfach. Simpel. Kurz. Und doof! 

Die Dame des Hauses:
... ist Frau Hartmann. Sie ist Ende 60, pensionierte Lehrerin (na klar!), wohlhabend (na klar!) und frustriert, weil sie keine Aufgaben mehr im Leben zu haben scheint (na klar!). Ihre beiden Kinder sind aus dem Haus (tauchen aber leider auch wieder auf) und ihr Mann ist nie zu Hause. Man hat sich entfremdet. Sie nimmt den Flüchtling also nicht aus humanitären Gründen auf, sondern ... ja, weil ... warum eigentlich? Weil ihr langweilig ist? Sie eine Aufgabe braucht? Weil irgendjemand ja einen Flüchtling aufnehmen muss, wenn die Grundprämisse des Films das nun mal verlangt? Naja, jedenfalls ist sie die treibende Kraft in diesem Punkt und setzt sich durch.
(Ach ja, Alkoholikerin ist sie auch, weil sie ... hmm, der Film nennt keinen Grund. Vermutlich aus Frust. Frust ist immer gut ...) 

Der Herr des Hauses: 
... ist Herr Hartmann. Er ist Chirurg (na klar!), wohlhabend (na klar!), hat enorme Probleme, alt zu werden und lässt sich von seinem Freund, der Schönheitschirurg ist, mit Botox unterspritzen (logisch!). Er ist leistungsorientiert und karrierebewusst und verlangt auch das seinen Kindern ab. Er ist (und das ist tatsächlich angenehm) weder pro noch kontra-Flüchtling, sondern eher der rational-besorgte Typus.
(Er trinkt nicht, hat jedoch ein Fake-Profil auf Facebook und turtelt gern mit jungen Dingern, die vollbusig, blond und aufgespritzt sind – na klar! Wohl auch aus Frust. Man weiß es nicht.) 

Der Sohn der Eheleute des Hauses: 
... ist für die Handlung komplett überflüssig, muss aber ein paar Besucher ins Kino locken, die nicht wegen gefrusteter Senioren oder gutherziger Quotenflüchtlinge kommen, sondern sich was Hübsches anschauen wollen. Also castet man Florian David Fitz und gibt ihm irgendeine Familienposition, diesmal hat man halt „Sohn“ gewürfelt.
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Der „Sohn“ ist eher der kritische Flüchtlings-Typ, hat selbst bereits einen Sohn, den er seiner Karriere zuliebe vernachlässigt (ganz der Papa!) und lebt in Scheidung (Der Frust!). Er ist also nie vor Ort, weil er in Shanghai einen Megadeal abschließen muss, denn das tun deutsche Karrieresöhne aus München: Sie machen Deals in Städten voller Wolkenkratzer! Ach ja, irgendwann landet er noch in der Psychiatrie ... Warum, nochmal? Ach ja, weil er am Flughafen ausrastet. Bestimmt aus Frust. Am Ende darf er aber erkennen, dass Frust und Megadeals nicht das sind, was im Leben wichtig ist (Hach!) 

Des Sohnes Sohn: 
... Was in einer Komödie über Flüchtlinge nicht fehlen darf, ist die pubertäre Identitätskrise! Oder nein, die pubertäre Identitätskrise darf in einem deutschen Kinofilm nicht fehlen, so war das. Wenigstens die Begründung dafür bleibt uns vertraut: Die Eltern lassen sich scheiden und der Vater hat nie Zeit. Im deutschen Kino scheinen Scheidung und Arbeitssucht die einzigen Auslöser für pubertäre Probleme zu sein. Und wie äußert ein Teenager seinen Frust über scheidende Eltern und vielarbeitende Väter? Klar: Er ist ein echt krasser Rapper mit coolen Moves, der versucht, mit Aufmüpfigkeit und Regelübertretungen seinen Vater auf sich aufmerksam zu machen. Manche machen aus so etwas einen ganzen Film, WILLKOMMEN BEI DEN HARTMANNS streut das nebenher ein. Im Augenblick wissen wir auch nicht mehr, worum es in dem Film eigentlich geht. Aber rappende, gefrustete Teenager sind gut für Feelgood-Komödien, denn sie können sich am Ende ordentlich mit ihren Eltern versöhnen! 

Die Tochter der Eheleute des Hauses: 
... ist natürlich ganz, ganz anders als ihr Bruder. Sie sucht und findet sich ganztags und hauptberuflich selbst, was bedeutet, dass sie seit, äh ... 12 Jahren oder so studiert, natürlich ganz viele unterschiedliche Fächer. Das muss ziemlich frustrierend sein. Außerdem hat sie natürlich Pech mit Männern, wohl, weil sie so gefrustet, aber dabei selbstentdeckerisch ist. Das macht sie am Ende auch so knuffig. Und natürlich ist sie auch absolut pro-Flüchtling. Aber nicht ohne Sorge, denn sie ist ja kein naiver Gutmensch oder so, sondern eine reflektierte Menschenfreundin. Dazu betont sie zwar immer ihre Sorge, nur leider lernt sie nie einen Flüchtling kennen, der ihr diese Sorge mal widerspiegeln könnte. Das hätte ja die Gefahr eines echten Konflikts einbringen können, und das passt nicht in einer Feelgood-Komödie. 
Wichtig für den Film ist ihre Figur auch nicht, aber man hat ein Rolle, in der man Palina Rojinski casten kann, so dass auch ein paar Jungs in den Film gehen, die keine Flüchtlinge sehen wollen, und für die Senta Berger inzwischen ein bisschen zu alt geworden ist.
Oh, und natürlich brauchen die Hartmanns eine Tochter, damit noch eine Rolle abfällt, in die man den deutschen Shootingstar unserer Zeit casten kann! 

Der Freund der Tochter der Eheleute des Hauses: 
... wird, natürlich, Elyas M’Barek. Denn der ist, anders als Florian David Fitz und Palina Rojinski, nicht nur hübsch, jung und cool, sondern auch noch ein echter Star! Für den Film braucht man ihn nicht, aber solange man seinen Namen auf das Kinoplakat schreiben kann, kommen halt noch ein paar Zuschauer mehr, vor allem weibliche, für die der Fitz nicht verwegen genug ist.
Er ist ebenfalls Arzt und arbeitet mit dem Herrn des Hauses, Papa Hartmann, zusammen, der ihn aber – Überraschung! – gar nicht mag. Immerhin mal nicht aus dem Grund, weil er das Töchterchen pimpert, sondern weil er vor 20 Jahren mal bei einem Kindergeburtstag im Haus der Hartmanns eine wertvolle italienische Vase kaputt geschossen hat! Jaha, das ist die Kreativitätsspitze des Films!
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Und weil Papa Hartmann ein bisschen nachtragend ist, und generell so gefrustet, kann er das dem Schwiegerfilius nicht verzeihen, der natürlich ob dieser Hartnäckigkeit ebenfalls ordentlich Frust anstaut.
Die seltsame Kombination führt zumindest dazu, dass die von Männern enttäuschte Tochter des Hauses mit dem Vasenzerdepperer zusammenkommt, was jedoch nicht mehr Frust, sondern ein Feelgood-Ende in dieser Feelgood-Komödie nach sich zieht.
Oh, und weil es sich hier ja um eine Flüchtlingskomödie handelt, darf der vasenzerschmetternde Arzt natürlich auch eine Meinung haben: Er ist Pro-Flüchtling und engagiert sich für Flüchtlinge so, wie ein Arzt das eben tut: Indem er ein Mal die Woche seinen stählernen Körper zeigt ... äh, nein... also, indem er einmal die Woche mit den Flüchtlingen Sport treibt! 

Die liberale Hippie-Freundin der Dame des Hauses: 
Jede Dame des Hauses in einem deutschen Film immer die beste Freundin, die viel liberaler ist als sie selbst. So auch hier. Sie ist wahrscheinlich die ehrlichste Figur unter all den Fassaden-Hochhaltern und wird so strunzdumm gezeichnet, dass man jedes Mal froh ist, sie von hinten zu sehen, oder jede Szene nur noch abfeiert, weil sie einfach gar nicht auftaucht. Sie engagiert sich seit Jahren für Flüchtlinge, kifft (logisch, so als liberaler Alt-Hippie) und sorgt mit ihrer dämlich-unbedarft-anstrengenden Art für allerlei „spannende“ oder „witzige“ Verwicklungen. Ach ja, vielleicht hat sie es deshalb bis ins Drehbuch geschafft ... 

Der Botox-spritzende Freund des Herren des Hauses: 
Nicht erst seit ROSSINI wissen wir: Wer in München etwas auf seine gehobene Stellung hält, ist mit einem Schönheitschirurgen befreundet, der nicht altern mag. 
Auch hier gibt es ihn. Er spritzt ein paar Mal Botox und hat insgesamt fünf Minuten Screentime – was immer noch fünf Minuten zu viel sind. Ist er wichtig? Auch wenn es bestimmt irgendwelche Menschen gibt die meinen, botoxende Schönheitschirurgen wären in einer Flüchtlingskomödie unverzichtbar (schließlich hat den hier ja auch irgendwer ins Drehbuch gesetzt!), dient lediglich dazu, mit dem Herren des Hauses nachts in Discos rumzuhängen und junge Frauen aufzureißen (natürlich alles seine Kundinnen – denn welche Frau in München geht nicht frühestens ab 15 Jahren zu alternden Schönheitschirurgen mit Jugendwahn?), um dessen altersbedingte Identitätskrise zu verdeutlichen. Ein weiterer „Konflikt“, der einen durchaus durchdachten Einzelfilm begründen könnte, hier aber irgendwie im Rahmen der Flüchtlingsthematik angerissen wird. Weiß der Geier, warum. 

Die ausländerfeindliche Nachbarin der Eheleute des Hauses mit Migrationshintergrund: 
... steht auf dem Balkon, raucht und schwingt die abgedroschensten ausländerfeindliche Parolen. Damit will der Film sich Tiefe geben und „die andere Seite“ beleuchten.
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Wahrscheinlich ist dem Autor irgendwann selbst aufgefallen, dass er ja mal über Flüchtlinge erzählen wollte, statt über Ärzte, Botox, zerbrochene Blumengefäße und Megadeals in Wolkenkratzern. Also macht man zwei Seiten im Script frei, klatscht ein lächerliches Klischee drauf, und klopft sich auf die Schulter, weil man das Problem so ernst nimmt. 

Faschos und Antifaschos: 
Kurz vor Schluss hat dem Autor vermutlich noch jemand was davon gesagt, dass es ja auch eine richtige Diskussion im Land gibt, weil es eben Menschen gibt, die Flüchtlinge nicht nur mit analytischer Sorge betrachten, sondern mal so durch und durch richtig Scheiße finden. Und dass es Menschen gibt, die solche Menschen genau so scheiße finden. 
Also dürfen im Finale des Films noch ein paar Schreihälse auftauchen und sich gegenseitig im besten Social Media Tonfall ihre Meinung unterbreiten. Das hätte dem Film ein wenig dringend notwendige Ernsthaftigkeit schenken können. Oder Tiefe. Vielleicht sogar Sinn. Aber was auch immer die beiden Grüppchen auch zu tun hätten haben können – es verpufft im Showdown – dem wir uns gleich noch zuwenden.

Das Sondereinsatzkommando:
... darf in einer Flüchtlingskomödie voller Frust und Botox natürlich ebenfalls nicht fehlen. Die Leute des SEK beobachten auffällig gewordene Flüchtlinge mittels Drohnen (na klar!). Dünger hat es ihnen besonders angetan (denn jeder Düngersack ist eine potentielle Bombe!) und gelegentlich rufen sie „Zugriff!“ und greifen dann auch mal fest zu (klaro!).
Sie sorgen dann auch dafür, dass der Showdown zu einer der peinlichsten Angelegenheiten der letzten Jahre verkommt. Auch eine Leistung!

Kurz gesagt: WILLKOMMEN BEI DEN HARTMANNS tut alles, wirklich alles, in seiner Macht Stehende, um auf gar keinen Fall eine knackige, fokussierte, irgendwie zielgerichtete Geschichte, ein paar sinnvolle Konflikte oder mehr als einen Hauch von Ideen außerhalb der staubigsten Klischeekiste auf die Leinwand zu klatschen!

Zuviel ist Zuviel 


Ein weiterer Punkt, vielleicht sogar der Größte, der den Film ruiniert, ist tatsächlich seine Geschichte! 
Wir unterstellen dem Film eine durchaus gutgemeinte Intention. Zwar müssen wir raten, welche das denn sein könnte, und schwanken noch immer zwischen „Verständnis für die Situation der Flüchtlinge“ aufbauen, als eine Art „Betroffenheitskomödie“, oder ob es sich hier um ein Familiendrama handeln soll. Vielleicht auch einen Selbstfindungstrip? Ein Generationendrama? Eine Aufarbeitung von Rechte vs. Linke? Ein filmisch aufbereiteter politischer Kommentar zur derzeitigen Situation in Deutschland und Europa? Oder wollte man am Ende einfach nur ein leichten Schenkelklopfer produzieren, der sich an einem populären Thema abarbeitet?
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Wir haben nichts gegen Genremixe, aber im Falle von WILLKOMMEN BEI DEN HARTMANNS hat man jegliche Form derartig verwässert und verzerrt, dass am Ende nur noch ein übelschmeckender Brei ohne jede Persönlichkeit dabei herauskommt.

Für eine gelungene Komödie dieser Art hätten außerdem ein oder maximal zwei Konflikte gereicht, die man dafür pointiert und gerne ein bisschen bittersüß aufbereitet. In WILLKOMMEN BEI DEN HARTMANNS sind es hingegen unzählige Konflikte und Subkonflikte, und keinem einzigen davon wird der Film auch nur ansatzweise gerecht. Weder (und das ist der für uns spannendste Konflikt) die Diskrepanzen der Eheleute, die sich auseinanderleben, weil sie mit dem Leben an sich unterschiedlich umgehen und daran zerbrechen. 
Oder aber (und das ist ja der eigentliche Hauptkonflikt) die Integration eines Flüchtlings in eine gutbürgerliche deutsche Familie.
Die Ängste, Traumata und Unterschiede des Flüchtlings werden bestenfalls angedeutet, die Betroffenheit im Außen mit „An-die-Brust-Drücken“ pauschalisiert und ad absurdum geführt.
Der Vater-Sohn-Konflikt erhält ebenfalls kaum Raum. Dieser Konflikt zwischen Hingabe und Flucht vor der Verantwortung aufgrund falscher Werte hätte für einen eigenen Film gereicht. Stattdessen wird er auf das simpelste heruntergebrochen, ordentlich verwässert und allzu schnell friedlich geregelt. Wie all die anderen Konflikte macht er den Film nicht interessanter, sondern mühsamer und langweiliger.

Die umständliche Selbstfindung der Tochter ist zwar recht knuffig, hätte aber besser in eine Beziehungskomödie gepasst (ja, gerne auch mit M’Barek als Partner – das hätte uns seinen unnötigen Auftritt in diesem Film erspart!).
Die links- und rechtsgerichteten Stellvertreter der „Massen“ haben wir natürlich durch die tägliche Berichterstattung schon lange über, dennoch haben sie in WILLKOMMEN BEI DEN HARTMANNS jede Existenzberechtigung, der aber ein gut fundamentierter Boden fehlt. So wenig wie der Film seine eigenen Themen ernst nimmt, nimmt er auch diesen Aspekt ernst. Die knapp vier Personen, die mit Kerzen vor dem Haus der Hartmanns stehen und „Wir fordern Sicherheit“ skandieren, haben uns vor Frust fast in unsere Schuhe beißen lassen. In einem Jahr, das uns die hasstriefenden Bilder eines geifernden Mobs in Clausnitz ins Hirn gebrannt hat, fragt man sich bei der Inszenierung eines derartig peinlichen „Aufmarschs“ von Kuschel-Flüchtlingsgegnern ernsthaft, ob die Macher noch alle Latten am Zaun haben, oder sie mit der Realität schlichtweg überfordert sind. (Ein Eindruck, der sich bei dem Film öfter einstellt, wenn man sich anschaut, mit welcher naiven Kleindkindsicht der Film sich dem durch und durch von Hass und Misstrauen erfüllten Thema nähert, das er selbst sich auf die Fahne schreibt.)

Die Frage, die uns umtreibt ist die, warum es deutschen Komödien so selten gelingt, viele Geschichten in einer am Ende sinnvollen und tragisch-komischen Art und Weise zusammenzuführen? Die Engländer machen es ja seit Jahren vor und auch den Franzosen gelingt es immer wieder, dramatische Themen auch dramatisch und dennoch witzig zu präsentieren. Wer sich Glanzstücke wie den britischen PRIDE anschaut, weiß, was wir meinen, und den Franzosen gelang es mit WELCOME bereits vor sieben Jahren, die Flüchtlingskrise anrührend, ernst, und dennoch durchaus witzig in Szene zu setzen.
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Die deutschen Feel-Good-Mainstream-Komödien strotzen zumeist vor Stars, die vor allem Fans ins Kino locken sollen. Dort aber erwarten die Zuschauer vor allem Klischees, platte, langweilige Figuren, die ewig gleichen Konstellationen und Konflikte, und eine Handlung, die von jeder Ecke und jeder Kante befreit wurde, die auch komplexeste Themen derartig versimpelt, dass sie in zehn Minuten abgehandelt werden können. Den Rest des Films füllt man mit Klamauk, Kalauern und Plattitüden über deutsche Eigenheiten oder die Unterschiede zwischen Männern und Frauen.

Zudem bekommen die Stars nichts zu tun, denn mehr als eine, maximal zwei Eigenschaften werden ihren Figuren gar nicht zugemutet, damit der Zuschauer auch ja nicht in Gefahr gerät, ins Nachdenken kommen zu können.

Wir mögen deutsche Filme. Sehr sogar. Und 2016 hatte tolle, clevere und kreative deutsche Filme. Doch die Mainstream-Komödien werden in ihrer Formelhaftigkeit, ihrer Seichtheit und ihrer platten, die Welt immer weiter vereinfachenden Art und Weise den glattgefeilten Heimatfilmen der 40er und 50er Jahre immer ähnlicher. Wenn ein ganzes Genre, eine ganze deutsche Industrie es sich zur Aufgabe macht, immer simpler und unkomplexer zu werden, immer weniger zu überraschen und immer alberner an Probleme heran zu gehen, dann ist es beinahe schon eine Schande, wenn man sich unter derartigen Bedingungen daran macht, schwere zwischenmenschliche Schicksale und tiefgreifende, einen ganzen Kontinent spaltende Konflikte durch den Fleischwolf der Vereinfachung zu drehen. WILLKOMMEN BEI DEN HARTMANNS ist eine unpolitische Schande für ein gänzlich dramatisches politisches Problem. Was sich nirgendwo deutlicher zeigt als im katastrophalen Finale des Films.

Zuckerschock am Schluss 


Nach all den unnötigen und altbekannten Konflikten der gefrusteten Hartmanns, treffen die Tochter, ihr Freund (der ärztelnde, muskelgestählte Vasenmörder), der Herr des Hauses, die Dame des Hauses und Diallo aufeinander.
Vor der Tür stehen die drei Sternensinger, äh ... vier Rechtskrakeeler mit Kerzen in der Hand, der Herr des Hauses erleidet dann auch noch einen Herzanfall (Weil ein Workaholic in deutschen Filmen nunmal erst nach einem Herzanfall lernt, wie wichtig die Wochenenden sind!), woraufhin der junge und ihm verhasste Arzt und Muskelpumper über Zäune und Latten springt, um einen Erste-Hilfe-Kasten aus dem Kofferraum zu holen. Mittlerweile sind es beinahe ein Dutzend Sternentaler … äh, Rechtskrakeeler, zu denen dann noch die Linken stoßen, die die Sternenkrakeeler ... also, die anderen halt, vertreiben wollen.
Jetzt darf dann auch das SEK anrücken, weil dort ja nur Vollidioten arbeiten, die glauben, dass die vier Säcke Dünger, die Diallo im Garten lagert, gleichzusetzen sind mit 100 Tonnen Sprengstoff. Puh! Alles sehr unübersichtlich. Das SEK springt elegant durch leicht zerbrechende Fenster (wie wohlhabende Münchner sie wohl heute noch gerne einsetzen, damit auch niemand Mühe beim einbrechen hat) und hinterlässt Chaos. In SCHÖNE BESCHERUNG war das ja auch lustig, warum also nicht hier?
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Die Links- und Rechsdrehenden auf der Straße schreien sich immer noch an, während das SEK etwas zu spät zurückgepfiffen wird, nachdem der Einsatzleiter erkennt, dass Diallo ja nur helfen will (immerhin ist er der gute Flüchtling). Die im Chaos sitzende Familie (mittlerweile durfte der muskelgestählte Arzt-Filius dem ihn hassenden Papa Hartmann das Leben retten!) samt Haus-Flüchtling bringt noch ein, zwei dümmliche Sprüche, die irgendwie keinen rechten Sinn ergeben.

Und dann, weil es ja eine Flüchtlingskomödie ist, kommt natürlich noch Finale Nummer zwei, in dem in Windeseile entschieden wird, dass der vor der Abschiebung stehende Diallo doch nicht abgeschoben wird, weil doch der pubertär gefrustete Sohn des Sohnes des Herren des Hauses im Schulunterricht ein so tolles Videoreferat eingereicht hat, dass der zuständige Richter sich anschaut und danach sofort entscheidet, dass Diallo doch ein Lieber ist und nicht abgeschoben werden darf.
Juchuu, der integrierte Flüchtling darf bleiben, weil er lieb ist und Schlimmes durchgemacht hat, und die Welt ist wieder in Ordnung. Alles in butterigster Butter. Über solche Enden hat man sich vor 60 Jahren schon lustig gemacht.

Und wie bei Asterix endet alles in einem feinen Sommerfest, bei dem alle Probleme und Sorgen vergessen sind, die Familie eine gesunde Einheit ist, die Pläne schmiedet, und bei dem Diallo endlich mal ordentlich zur Flasche greift.
Gottseidank, die Welt ist doch noch kuschelig!

Fazit 


WILLKOMMEN BEI DEN HARTMANNS ist eine einzige Zumutung und Peinlichkeit. Wirklich sehenswert sind allein Heiner Lauterbach und Senta Berger, die mit ihren Figuren wenigstens ein bisschen überzeugen können und versuchen, der strunzlangweiligen, stereotypen Figurenzeichnung des Films entgegen zu wirken.
Alle anderen Figuren und Darsteller bleiben äußerst blass und dumpf, ihre Geschichten trivial, hanebüchen und klischeehaft, wenngleich man aus einigen der Nebenhandlungen durchaus interessante Einzelfilme hätte drehen können.
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Das Drehbuch ist eine einzige Katastrophe und kaum die Tinte wert, mit der es gedruckt wurde. Der Autor versucht, es allen recht zu machen, politisch korrekt zu bleiben, und bloß nicht zu tief in die Materie einzudringen, um keine Kontroverse auszulösen. Damit aber geht die durchaus interessante Grundprämisse ihrem großen Potenzial weiträumig aus dem Weg. Denn auch ein Bösewicht wirkt dann am besten (oder auch am absurdesten), wenn man ihn in der Charakterzeichnung ernst nimmt. Zeichnet man die politisch und moralisch fragwürdigen Figuren jedoch derart albern wie hier, zieht man damit das Gesamtwerk ins Lächerliche und wird der ernsten und bedrohlichen Thematik, die dem Film zugrunde liegt, in keiner Weise gerecht. Der Versuch, einem ernsten Thema wie der Spaltung Europas und dem Leid der Flüchtlinge eine „Alles nicht so schlimm, komm, wir knuddeln uns“-Komödie entgegenzustellen, mag die Zynischen und Genervten Mitbürger durchaus begeistern (wie man einigen Kritiken entnehmen kann), missachtet aber am Ende die Ernsthaftigkeit und auch die Gefahr, die dem Thema innewohnt.
Es ist möglich, wie DAS LEBEN IST SCHÖN beweist, sogar eine Komödie in einem Konzentrationslager des Zweiten Weltkriegs anzusiedeln (auch wenn der Film dafür viel Kritik einheimste), aber eine Mischung aus Tragik und Komik funktioniert eben nur dann, wenn man die Tragik der Geschichte auch ernst nimmt, und ihr zugesteht, tragisch zu sein. Durch ausblenden, runterschrauben und verharmlosen der tragischen Komponente, wie in WILLKOMMEN BEI DEN HARTMANNS, missachtet man die Tragik und beleidigt die Opfer!

Auch wenn Senta Berger zum Drehbuch und dem Talent ihres Sohnes bemerkt: „ Ich kannte bereits die Idee zum Buch und die erste Version. Es sollte ursprünglich eine kleine Reihe über eine Familie sein. In einer Folge sollte diese Familie dann mit einem Flüchtling konfrontiert werden. Je mehr Simon davon erzählt hat, ist ihm selbst und uns klar geworden, dass das die eigentliche Geschichte ist. Dann habe ich die zweite und dritte Version gelesen und es wurde immer besser. Ich finde auch, er hat ein besonderes Talent und kann sehr gut schreiben“, bleibt uns leider nur der Rückschluss: Nein, man muss nicht aus jedem aktuellen Thema einen Film machen und aus einer kleinen Idee entsteht mitnichten immer ein großer Film. Und schon gar nicht kann man aus einem tragischen Thema, dem Menschen zum Opfer fallen, das Leid, Hass und Wut verbreitet, das Freiheiten einschränkt und die Menschen spaltet, eine saubergewaschene Feel-Good-Komödie machen.
Uns bleibt die Hoffnung, dass der Erfolg des Films vor allem dem populären Cast geschuldet ist, und nicht der dümmlich-beleidigenden Aufarbeitung eines Themas, das uns noch wenigstens ein oder zwei Generationen lang mit Leid und Elend begleiten wird.
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Kommentare:

  1. Schön auseinander genommen. Ich habe mir den Film nicht angetan, weil mir schon der Trailer und die Besetzung suggerierte, das das nichts wird. Nun habe ich ja die endgültige Bestätigung meiner Annahme.

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    1. Wir sagen es ja nicht gern, besonders nicht, wenn es um einen deutschen Film geht, aber: Du hast wirklich nichts verpasst. Im Gegenteil, du hast sogar fast zwei Stunden Lebenszeit gespart und mit Sicherheit für etwas Sinnvolleres genutzt! ;)

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