16.06.14

Porträt: Stan Laurel und Oliver Hardy – Eine Freundschaft über den Tod hinaus

Eine Kindheit ohne Stan und Olli (Dick und Doof) ist für unsere Generation kaum denkbar. Vor gut dreißig Jahren waren die Filme des ersten und bekanntesten Komikerduos im Fernsehen Pflichtprogramm am Sonntagmorgen. Gebannt saßen Kinder und auch Erwachsene davor und amüsierten sich köstlich über das ungleiche Paar. Erahnten bereits die Handgreiflichkeiten der beiden und warteten freudig auf das Weinen eines Stan, sowie auf Ollis genervten Blick in die Kamera. 

Hinter all dieser Komik liegen zwei Leben, die der Kunst und der Komik gewidmet waren und eine Freundschaft, die über den Tod hinausging. 
 
Quelle: DVD © studiocanal "Dick & Doof in Oxford"

Doof ist hier niemand! 



Als Chaplin-Ersatz in die USA 


Stan Laurel wird als Arthur Stanley Jefferson 1890 in England geboren. Seine Eltern arbeiten im Theater, so dass die Affinität zur Kunst ihm in die Wiege gelegt wird. Besonders sein Vater fördert Stans künstlerische Ambitionen. Stan hat vier Geschwister, von denen ein Bruder am plötzlichen Kindstod stirbt und eine Schwester mit dreißig an einer Überdosis Lachgas(!). 

1899 hat er seine Bühnenpremiere in einer Pantomime-Gruppe. 
Fred Karno, ein bekannter englischer Theaterproduzent wird auf ihn aufmerksam und holt ihn kurzzeitig als Ersatz für Charlie Chaplin in seine Truppe.
Die Truppe tourt 1910 sehr erfolgreich erstmalig durch die USA, eine zweite Tournee allerdings floppt 1912, doch beschließt Stan, sich in Amerika niederzulassen. Er verlässt mit Charlie Chaplin, der sporadisch auch immer wieder dort spielt, endgültig die Truppe. Stan trifft bald darauf auf Mae Dahlberg, einer Vaudeville-Tänzerin, mit der er gemeinsam auftritt und die ihm den Namen Laurel (Lorbeer) verpasst. 
Quelle: DVD © studiocanal "Zahschmerzen"
Stan, der nichts anbrennen lässt, nimmt sie als seine Geliebte und lebt in wilder Ehe mit ihr.
Er wird sich im Laufe seines Lebens fünf Mal verheiraten, mit vier unterschiedlichen Frauen.
Er ist und bleibt Zeit seines Lebens ein Frauenheld.
Ab 1917 lebt Stan in Hollywood und tritt in Filmen auf. Von seinem ersten, NUTS IN MAY, sind allerdings nur noch Fragmente vorhanden. 

Das erste Duo 


1918 trifft er auf Larry Semon. Gemeinsam treten sie als erfolgreiches und waschechtes Komikerduo auf. Allerdings nur für einen Film: FRAUDS AND FRENZIES. Das mag zum einen an Larry Semons Allüren gelegen haben, zum anderen aber auch an der vorübergehende Schließung des Filmstudios während der großen Epidemie der Spanischen Grippe.
Quelle: DVD © studiocanal "Dick & Doof als Polizisten"

So trifft er auf Hal Roach, für den er in fünf Einaktern als TOTO THE CLOWN auftritt.
Anschließend erfolgt eine mehrjährige Pause, bevor dann ein spezielles Genre seinen Aufstieg erlebt.

Mit Genreparodien zurück zum Erfolg 


Eine Besonderheit in dieser frühen Phase des Kinos sind sogenannte Genreparodien, heute zu vergleichen mit HOT SHOTS oder SCARY MOVIE, die erfolgreiche Filme parodieren. So zum Beispiel den Valentino-Hit BLOOD AND SAND, den Stan Laurel in MUD AND SAND veralbert. Diese Art Film wird in dieser Zeit Stans Spezialität.
Anschließend kommt es zu einer Zusammenarbeit mit Joe Rock, unter anderem in dessen Film DR. PYCKLE AND MR. PRYDE – welcher Klassiker hier parodiert wird, steht wohl außer Frage.
Daneben arbeitet Stan auch als Regisseur und Drehbuchautor. Seine Schauspielkarriere stagniert.
1926 kehrt er auf die Leinwand zurück und hat nun seinen eigenen Stil gefunden. Er hetzt nicht mehr von Gag zu Gag wie noch unter Hal Roach und versinkt nicht weiter im langsamen Pathos eines Joe Rock. Vielmehr konterkariert er seine Spielpartner und beginnt ihnen mit feiner Gestik und Mimik die Schau zu stehlen.

Nach fast 30 Jahren der Reifung hat Stan Laurel seinen Stil gefunden. Seine Figur. Er hat als Regisseur, Vaudeville-Künstler und Drehbuchautor Timing und Pointen erarbeitet und studiert und ist reif für die Zusammenarbeit, die sein Leben verändern wird! 
Quelle: DVD © studiocanal "Gelächter in der Nacht"

Dick im Geschäft! 

 

Der Traum vom Ruhm 


Oliver Hardy wird 1892 als Norvel Hardy in Georgia geboren. Sein Vater stirbt, als Olli gerade zehn Monate alt ist. Seine Mutter betreibt ein Hotel. Um seine Gesangsfreude zu fördern, lässt sie ihren Sohn Gesangsstunden nehmen.
1910 beginnt er in einem Kino zu arbeiten. Dort sieht er die ersten Stummfilme jener Zeit und beschließt, Künstler zu werden.
1912 zieht er nach Jacksonville, wo die Filmindustrie zu boomen beginnt, findet allerdings nur Jobs als Sänger, mit denen er sich über Wasser hält. Ein Jahr später lernt er seine erste Frau kennen und zieht nach Atlanta. Er wird sich 1937 scheiden lassen und 1941 erneut heiraten. Mit Virginia Lucille Jones bleibt er bis zu seinem Tod verheiratet. 

 

Endlich Schauspieler! 


1914 kehrt er nach Jacksonville zurück und findet nun endlich Arbeit als Schauspieler. Nach Erfolgen in Einaktern wie PLUMP AND RUNT beginnt er sich in der Branche zu etablieren. Er bekommt sogar Jobs als Regisseur und darf  den einen oder anderen Einakter inszenieren. 
Schauspielerisch  bedient er das Rollenfach des Schurken, meist mit voller Bartbehaarung und mit den typischen Gestiken und Mimiken, stets als Gegenspieler des eigentlichen Helden des Films. Dabei ist er hinter der Kamera ein netter und zuvorkommender Mensch mit dem Spitznamen "Babe".
Quelle: DVD © studiocanal "Das feuchte Hotelbett"
In England werden seine Filme in jener Zeit so populär, dass ihm die Fleetway Press einen eigenen Comicstrip widmet.
Ebenfalls unter Larry Semon tritt Hardy ab 1921 in dessen Filmen auf und findet auch in Amerika endlich breite Anerkennung und Zuspruch - nach fast 20 Jahren des Agierens und Inzenierens auf der Bühne und in diversen Filmen.

Larry Semon bringt ihn im Film THE LUCKY DOG unter. Dort trifft Hardy auf seinen Partner, mit dem er die nächsten 30 Jahren zusammenarbeiten wird! In diesem ersten Film spielt Stan Laurel noch die Hauptrolle und wird zum Star, Oliver Hardy spielt hingegen nur eine kleine Nebenrolle.

 

Ein Traumduo findet sich 


Hal Roach fördert nun beide Schauspieler und schmiedet aus ihnen das Duo, als das sie berühmt werden. Anfangs testet er die beiden vor allem in Slapstickkomödien, die bereits große Erfolge bringen.
Schließlich wird das noch junge Gespann mit einer der größten Krisen der damaligen Filmwelt konfrontiert: Dem Ton. Während viele gestandene Stummfilmstars an den Anforderungen des neuen Systems scheitern, oder ihm, wie Charlie Chaplin, so lange wie möglich ausweichen, überstehn Laurel und Hardy die Umrüstung unbeschadet. Bis zum Ende ihrer Karriere nutzen sie die wenigen Dialoge ihrer Stücke vor allem dazu, den eher optischen Humor zu unterstreichen.
Die dominierenden Stilmittel zur Erzeugung von Komik sind in ihren Filmen das Scheitern an zumeist lösbaren Aufgaben und die physische Zerstörung von Inventar. Beides tritt oft zusammen auf. 
Quelle: DVD © studiocanal "Schön leise"

Was wiederkehrt wird manchmal besser! 


Das Duo sieht sich in den meisten Filmen vor alltägliche Aufgaben gestellt, deren Erfüllung dank der chaotischen Herangehensweise im Desaster endet.
Neben der Zerstörung von Inventar ist es in den meisten Filmen Olli, der schmerzhafte Einwirkungen auf seinen Körper erleiden muss. Stan wirkt hingegen häufig hilflos und kratzt sich zur Illustration dieses Zustandes gern am Kopf. Zur Steigerung seiner Komik trägt die kontrastierende, majestätisch-überlegene Attitüde bei, die Olli oftmals an den Tag legt.
Arrogant bis besserwisserisch konterkariert er die Trotteligkeit seines Freundes mit Bravour und legt den Grundstein für die einzigartige Komik des Duos. Dabei sind sie beide zutiefst ungeschickt, leben das aber auf völlig unterschiedliche Art aus.

Beide entwickeln stetig wiederkehrende Themen, Handgriffe und Handlungen, auf die sich das Publikum zu freuen beginnt: Stan, der Olli ins Auge piekst, Ollis Nesteln an der Krawatte bei Verlegenheit, Stans hilfloses Sich-am-Kopf-kratzen, das versehentliche Hut-Vertauschen, Ollis brennendes Hinterteil und viele, viele mehr.
In ihren Filmen herrscht eine klare Hackordnung: Olli versucht, Stan zu dominieren und ihre gemeinsamen Unternehmungen zu führen und scheitert immer wieder an Stans vermeintlicher Inkompetenz, der er selbst nichts entgegenzusetzen hat.


In der Realität hingegen übernimmt Stan Laurel die Führung und die interne Regie der gemeinsamen Filme. Er bleibt bis spät in die Nacht auf und erarbeitet die Gags, denn er weiß, mehr als Oliver Hardy, was das Publikum sehen will und welche Gags zünden und welche nicht.
Oliver Hardy hingegen spielt wie ihm geheißen und widmet sich nach Drehschluss lieber seinen Hobbys, zum Beispiel dem Golfen.

Der 1932 entstandene Kurzfilm THE MUSIC BOX (DER ZERMÜRBENDE KLAVIERTRANSPORT), in der beide versuchen, ein Klavier eine Treppe hochzuhieven, gewinnt als erster Film den neu eingeführten Oscar für den besten Kurzfilm (Der damals noch in den Kategorien "Komödie" und "Neuheiten" verliehen wird).
Quelle: DVD © studiocanal "Der zermürbende Klaviertransport"
Doch die Begeisterung für Kurzfilme lässt Mitte der Dreißiger nach, so dass die Karriere des gerade gefundenen Teams auf der Kippe steht. 
Hal Roach beschließt, mit Laurel und Hardy nur noch Langfilme zu produzieren. Die goldrichtige Entscheidung: Die Spielfilme der Zwei schlagen ein wie eine Bombe!

Zwar wird aufgrund der nun höheren Kosten auch die Kreativität der beiden eingeschränkt, dennoch entstehen bis heute stimmige Glanzstücke wie DIE WÜSTENSÖHNE, SITTENSTROLCHE, DIE DOPPELGÄNGER und KLOTZKÖPFE.

Im Laufe der erfolgreichen Jahre wächst die Freundschaft der Beiden und auch der tiefe Respekt füreinander. 

Neues Studio – neues Glück? 


Ende der Dreißiger kommt es mit Hal Roach zu künstlerischen Differenzen, so dass Stan und Olli die Zusammenarbeit beenden und ihren eigenen Weg gehen. Sie drehen mit Roachs Studio einen letzten Film, AUF HOHER SEE, und gehen anschließend auf Tour nach Europa. 
Ab 1941 dreht das Duo acht Filme für die MGM und die 20th Century Fox. Der achte und letzte kommt mit THE BULLFIGHTERS 1945 in die Kinos.

Doch wie die Arbeit mit großen Studios so ist: Es gibt strikte Produktionspläne und klare Drehbücher, so dass für Improvisationen kein Raum mehr bleibt; etwas, das die frühen Filme unter Hal Roach ausgezeichnet hat.
Zudem wird Laurel vertraglich die Mitarbeit hinter der Kamera untersagt, was seine kreative Mitarbeit endgültig ausklammert. Ihre Filme entgleiten Stan und Olli und verlieren neben ihrer Brillanz auch das breite Publikum. 
Eine Vertragsverlängerung nach 1945 lehnen beide Künstler ab.
Quelle: DVD © studiocanal "Geheimagenten"
1951 drehen sie ihren letzten gemeinsamen Film: ATOLL K, eine europäische Koproduktion, von der sie sich mehr künstlerische Freiheit erhoffen und sich die Erfolge der dreißiger Jahre zurückersehnen. Beides geht nur bedingt in Erfüllung.
Im Zuge der Dreharbeiten trifft Laurel den noch jungen Marcel Marceau. Der einstige Pantomime erkennt das Talent des Franzosen und fördert ihn.

Bis 1954 touren sie erneut erfolgreich - wie nach 1940 in Europa - mit einem einstudierten Sketch durch die USA. Für 1955 planen sie eine Fernsehproduktion nach einer Idee von Hal Roach Jr., dem Sohn ihres früheren Weggefährten. 

Ein Schwur für einen Freund 


Noch in den Vorbereitungen erleidet Stan Laurel aber einen Schlaganfall. Auch Oliver Hardy erleidet einen Herzanfall, so dass das Projekt abgesagt werden muss.

Ab 1956 beginnt Olli erstmals in seinem Leben, auf seine Gesundheit zu achten. Er nimmt in wenigen Monaten fast 70 Kilo ab und wird daraufhin nicht mehr erkannt. Zu dem Zeitpunkt leidet er, der wie Stan Laurel stets starker Raucher war, bereits unheilbar an Krebs. Schließlich erleidet er eine Reihe von Schlaganfällen und verstirbt im August 1957. Sein Freund und Partner Stan Laurel ist zu krank, um zur Beerdigung zu kommen. Aber er schwört, nie wieder auftreten zu wollen, da sein Partner nicht mehr mit ihm spielen wird.
Und auch wenn er in den folgenden Jahren viele Rollenangebote erhält, löst er den Schwur ein.
So findet er die Möglichkeit, sich um jene zu kümmern, die ihm immer wichtig waren: die Fans. Er beantwortet stundenlang Fanmails und lässt seine Nummer sogar öffentlich ins Telefonbuch eintragen - zur Überraschung der Anrufer, für die er sich tatsächlich Zeit für ein Gespräch nimmt.

1961 erhält er einen Ehrenoscar für sein Lebenswerk.

Im Februar 1965 erleidet Stan Laurel einen Herzinfarkt. Vier Tage später, so will es die Legende, soll er seiner Pflegerin erzählt haben, dass er gerne Skifahren gehen würde. Die Pflegerin erklärt überrascht, dass sie nicht wusste, dass Laurel Ski fahren würde. "Tue ich auch nicht", war seine Antwort. "Aber ich würde lieber Skifahren als das hier." Wenige Minuten später stirbt er 74-jährig.


Er soll einst gesagt haben: "Wenn jemand auf meiner Beerdigung traurig guckt, rede ich kein Wort mehr mit ihm!"  
Quelle: DVD © studiocanal "Geheimagenten"
Die Karriere der beiden ist einzigartig. Stan Laurel tritt in mehr als 200 Filmen, Kurzfilmen, Einaktern und Slapsticksequenzen auf, Oliver Hardy gar in über 400. Beide stehen in 106 Werken gemeinsam vor der Kamera.
Sie sind das bis heute berühmteste Komikerduo der Filmgeschichte, noch vor Abbott und Costello!


Stan: Wie geht es Mr. Hardy?
Krankenschwester: Er ist auf dem Wege der Besserung.
Stan: Gut, dann warte ich hier auf ihn.
(Aus: Zum Nachtisch weiche Birne)

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