18.02.15

Porträt: Macht und Makel des Oscars (Teil 2: Der Charme des goldenen Ritters - Die Oscars)

Oscar. Dieser sagenumwobene Name steht für den begehrtesten Filmpreis der Welt.
Doch was macht die Faszination dieser kleinen Goldstatuette aus? Was ist ihr Mehrwert, und hat sie überhaupt einen? Für jeden Filmschaffenden steht der Gewinn eines „Oscars“ als großer Traum am Horizont. Aber nutzt der Preis seinen Gewinnern wirklich etwas? Sind es wirklich nur „Trends“ und „Fehlentscheidungen“, die die Oscarvergabe bestimmen? Und gibt es ihn am Ende doch, den vielgerühmten „Oscarfluch“?
Quelle: DVD "In & Out" © Universum Film GmbH
Biancas Blick:

Nachdem wir letztes Mal denjenigen, die den Oscar vergeben, unter den Rock geschaut haben (Teil 1: Hollywoods Elite-Club – Die Academy), betrachten wir heute die Licht- und Schattenseiten, die der Preis selbst mitbringt.
Was geschieht mit all den Stars, nachdem sie ihre Dankesrede gehalten und von der Presse im Backstagebereich wieder entlassen wurden?
Warum eifern vor allem Schauspieler dem Oscar nach? Was macht ihn so begehrenswert?

Der vergoldete Marktwert


Zum einen krönt der Oscar eine schauspielerisch hochwertige Leistung. Mit dem Oscar erklären die Schauspieler der Academy einen der Ihren zum Besten – wenigstens symbolisch und für den Moment.
Zum anderen steigert die Trophäe, ja schon eine Nominierung, den Marktwert des betroffenen Künstlers.

Julia Roberts erhält beispielsweise für ihren Erstling PIZZA, PIZZA 50.000 Dollar, zwei Jahre später, mit ihrer zweiten Oscarnominierung für PRETTY WOMAN auf dem Konto, erhält sie 1 Million Dollar Gage! Das 20-fache!
Meryl Streep steigert ihren Marktwert nach KRAMER GEGEN KRAMER immerhin um das Dreifache auf fast 400.000 Dollar. Inzwischen pendelt sie zwischen 2 und 7 Millionen Euro Gage, je nach Produktion.
Den Vogel aber schießt Hilary Swank ab! Für die Low Budget-Produktion BOYS DON'T CRY wird der fast unbekannte Fernsehstar mit 3000 Dollar entlohnt. Zwei Jahre und einen Oscar später ist es das 1000-fache!
Da hat sie gut Lachen! Innerhalb von zwei Jahren steigt Julia Roberts in den Hollywood-Olymp auf: 1990 wird sie als Nebendarstellerin in MAGNOLIEN AUS STAHL nominiert, 1991 als Hauptdarstellerin in PRETTY WOMAN. In den 90er Jahren ist sie eine der beliebtesten und bestbezahlten Schauspielerinnen Hollywoods. Und 2001 klappt es auch endlich mit dem Oscar: als toughe Anwaltsgehilfin in ERIN BROCKOVICH.
Quelle: DVD "Pretty Woman" © Touchstone
Natürlich gibt es auch Stars, die ohne einen Oscar allein mit Box-Office Erfolgen ihren Marktwert steigern. Reese Witherspoon streicht bereits vor ihrem Oscar in WALK THE LINE 15 Millionen Dollar pro Film ein. Ähnliches gilt für die noch völlig oscarunbeleckte Scarlett Johannsson. Dennoch ist der Oscar eine gute Möglichkeit, sich künstlerisch zu beweisen und aus der Masse herauszuragen.

Jared Leto, jahrelang abgestempelt als „Schönling“, kann mit seiner Rolle als aidskranker Transvestit Rayon zeigen, dass er mehr kann, als nur gut aussehen. Für ihn ist der Oscargewinn ein künstlerischer Befreiungsschlag! Anschließend zieht er sich für drei Jahre aus dem Filmgeschäft zurück, widmet sich humanitären Vereinen und seiner Band und kehrt erst 2016 mit SUICIDE SQUAD auf die Leinwand zurück.
Ebenso ergeht es seinem Filmpartner Matthew McConaughey, der jahrelang als Mr. RomCom verspottet wird, und in DALLAS BUYERS CLUB ebenfalls einen Imagewandel hinlegt. Schon vor seinem Oscar ist er ein Star, der mehrere Millionen Dollar pro Film einstreicht. Seit seinem Preis gilt er allerdings als vielseitiger, dramatischer Schauspieler.
Einen ähnlich großen Wandel legt Tom Hanks hin, der in den Achtzigern einer der erfolgreichsten Komiker Hollywoods ist und für BIG im Jahr 1989 sogar seine erste Oscarnominierung erhält. Seit Hanks 1993 und ‘94 zweimal in Folge den Oscar als bester Hauptdarsteller einheimst, was vor ihm nur Luise Rainer, Spencer Tracy und Katherine Hepburn gelang, gilt er als einer der stärksten Charakterdarsteller der Welt.
Sein Debüt feiert Tom Hanks 1984 in SPLASH - JUNGFRAU AM HAKEN. Schnell wird er einer der erfolgreichsten Komiker der Welt, erhält für BIG 1989 sogar seine erste Oscarnominierung. Ein Wechsel ins seriöse Fach bleibt ihm aber verwehrt. Bis er für PHILADELPHIA und FORREST GUMP zweimal in Folge mit dem Oscar ausgezeichnet wird, und zu Hollywoods führendem Charakterdarsteller aufsteigt. 5 Mal wird er als bester Hauptdarsteller nominiert, zuletzt 2001 in CAST AWAY.
Quelle: Blu Ray "Philadelphia" © Sony Pictures Home Entertainment
Nur wenige Stars können ihren gesteigerten Marktwert allerdings lange halten. Renee Zellweger, Nicole Kidman, Kevin Costner, Mel Gibson und Halle Berry beispielsweise haben trotz großer Karrieren und Oscargewinnen ihren Rekord-Marktwert nicht halten können.
Das ist schon im frühen Hollywood problematisch, besonders für Frauen. Ehemalige Stars und Oscarpreisträgerinnen wie Bette Davis oder Joan Crawford müssen zum Ende ihrer Karriere nicht nur für sehr viel weniger Gage arbeiten, sondern werden sogar aufgefordert, erneut Probeaufnahmen zu machen – damals undenkbar für alteingesessene Stars!

Ich will ihn, den Rekord!


Trotzdem ist der kleine goldene Schwertträger schon damals Objekt der Begierde. Selbst als die erste Oscar-Verleihung gerade einmal zehn Jahre zurückliegt und die Zeremonie noch nicht mit dem heute üblichen Tam-Tam durchgeführt wird, weiß Bette Davis genau, dass sie ihren dritten Oscar will! Schon früh gilt der Oscar als makellose Auszeichnung des Könnens.

Davis, erhält die Trophäe 1936 für DANGEROUS und 1939 für JEZEBEL. Letzterer ist für Davis eine Genugtuung! Sie hat die begehrte Rolle der Scarlett O’Hara nicht bekommen, trotz intensivster Bemühungen, und nimmt stattdessen die Rolle der Südstaaten-Schönheit Jezebel an, charakterlich ähnlich angelegt wie Scarlett O’Hara, und wird prompt mit dem Oscar geehrt, ein Jahr vor Vivien Leigh!
Von da an will Bette Davis ihren Rekord und als erste Aktrice einen dritten Oscar. Neben ihr haben noch andere Stars bereits zwei Statuetten zu Hause stehen: Luise Rainer und Spencer Tracy - beide haben sogar in Folge gewonnen. Davis bleibt nur die Hoffnung auf eine dritte Trophäe als Rekord!
Sie spielt, was das Zeug hält und erhält noch weitere sieben Nominierungen. Trotz ihrer trashigen, aber grandiosen Leistung in WAS GESCHAH WIRKLICH MIT BABY JANE, für die sie 1963 letztmalig vorgeschlagen wird, bleibt ihr Traum bloß ein Traum.
Katherine Hepburn bleibt die Oscar-Queen! Vier Hauptrollen-Oscars erhält sie, bei 12 Nominierungen. Kein männlicher Kollege schafft so viele. Den letzten Oscar bekommt sie 1982 für ihre rührende Rolle in AM GOLDENEN SEE. Nur eine Frau kann Hepburns Oscar Rekord schlagen: Edith Head wird 35 Mal nominiert und ganze acht Mal ausgezeichnet!
Quelle: DVD "Am Goldenen See" © Universal Pictures Home Entertainment
Den Rekord holt jemand anderes: Katharine Hepburn erhält nicht nur drei Oscars, sondern vier!
Ihren dritten Oscar muss Hepburn sich noch mit Barbra Streisand teilen (einzigartig in der Historie der Academy Awards). Bette Davis kommentiert das in der ihr eigenen Nonchalance: “Ich wollte die Erste sein, die drei Oscars erhält. Nun hat es Mrs. Hepburn geschafft. Aber Mrs. Hepburn hat nur einen halben Oscar gewonnen. Sollten sie mir je einen halben Oscar geben, werfe ich ihn ihnen vor die Füße! Ich bin schließlich Widder, ich verliere nicht!“
Ebenfalls drei Oscars erhält die schwedische Schauspielerin Ingrid Bergman, wobei ihr dritter „nur“ ein Nebenrollenoscar ist.

Mittlerweile ist, wenn auch eher unfreiwillig, Meryl Streep dem Rekord von Katherine Hepburn dicht auf den Fersen. Was die Anzahl an Nominierungen betrifft, hat sie Hepburns Rekord schon vor Jahren eingestellt: aktuell sind es 19! Erhalten hat Streep die Trophäe bisher drei Mal. Mittlerweile gilt eine Streep-Nominierung beinahe als Tradition bei den Oscars. Vielleicht sehen die Kollegen der Academy dies einfach als Ehrung der wahrscheinlich besten Schauspielerin ihrer Zeit.
Dass Streep die vielen Nominierungen und Preise unangenehm sind, zeigt sie in ihrer verschmitzten Dankesrede beim Gewinn ihres dritten Oscars 2012 für DIE EISERNE LADY: „O mein Gott, kommt schon! Na gut! Vielen, vielen Dank. Als sie meinen Namen riefen, fühlte ich die Hälfte der Amerikaner aufstöhnen: ‚Ach nö, echt jetzt, die schon wieder?‘“

Unter den Herren der Leinwand führt Daniel Day-Lewis die Rekordliste an, seit er für LINCOLN als erster männlicher Schauspieler seinen dritten Hauptrollenoscar erhält. (In seiner Dankesrede verneigt er sich galant und humorvoll vor der in diesem Jahr nicht nominierten Meryl Streep, als er bekundet, sie hätte ihm diesen Erfolg ermöglicht, indem sie die Rolle des Lincoln ausgeschlagen habe. Ja, die Großen nehmen es mittlerweile mit Humor.) Ihm folgen Jack Nicholson und Walter Brennan, die zwar auch jeder drei Oscars besitzen, darunter allerdings auch Preise als Bester Nebendarsteller. Jack Nicholson führt bei den Herren übrigens die Liste der meisten Nominierungen an: Er hat bisher 12!

„Oskar“ - Deutschland im Goldrausch


Einen Hauch von Nationalstolz durchweht immer dann die deutschen Medien, wenn „einer von uns“ den Oscar erhält. Man freut sich sogar schon für Österreicher wie Christoph Waltz oder Schweizer wie Maximilian Schell.
Dabei liegen die Deutschen recht weit vorne in der Liste der Länder mit Oscarpreisträgern (natürlich immer noch hinter den USA und England), gestreut über alle Kategorien.
Emil Jannings und Luise Rainer sind zwei der deutschen Schauspieler, die einen Oscar erhalten, Jannings als erster Schauspieler überhaupt und Rainer sogar in zwei aufeinanderfolgenden Jahren, ein Rekord, den keine Schauspielerin bisher eingeholt hat!
Auch die deutschen Kameramänner, Drehbuchautoren, Filmkomponisten und Regisseure werden mehrfach geehrt. Katja von Garnier, Volker Schöndorff, Florian Henckel von Donnersmarck, Ernst Lubitsch, Franz Wachsmann oder Hans Zimmer etwa, um nur einige zu nennen.
Der deutsche Musiker Hans Zimmer startet als Keyboarder in schwarzer Lederjacke im Video der Band The Buggles durch und besingt 1979 noch fröhlich das Ende der Radioära durch die Videos. Bald startet er als Hollywoodkomponist voll durch. Seine erste Oscarnominierung erhält er 1989 für den eingängigen Soundtrack zu RAIN MAN. Doch erst für Disneys DER KÖNIG DER LÖWEN wird er 1995 ausgezeichnet. Obwohl er einer der eingängigsten Komponisten Hollywoods ist, bleibt es sein bisher einziger Preis. Dabei wird Hans Zimmer stellenweise jährlich nominiert. Bisher ganze neun Mal!
Quelle: Blu Ray "Der König der Löwen" © Walt Disney Pictures
Die Stärken der „Deutschen“ liegen aber vor allem in den qualitativ hochwertigen Kurzfilmen der Filmstudenten und den Entwicklungen im technischen Bereich.
Erich Kästner beispielsweise (nicht verwandt!) erhält als Chefentwickler bei Arri für die Weiterentwicklung der Arriflex 35 zwei Mal den Forschungs- und Entwicklungs-Oscar, und darüber hinaus einen Ehrenoscar in dieser Kategorie. Peter Denz gewinnt für seine flackerfreie Videokamera. Erich Fitz, Gründer des Technikausrüsters Panther, erhält 1990 den Oscar für die Entwicklung des ersten elektromechanischen Kameradollys. Zuletzt wird Johannes Saam 2014 für das Deep Image Compositing ausgezeichnet.

Die Studentenoscars, sowie die Oscars für den Besten Kurzfilm (etwa SCHWARZFAHRER, QUIERO SER oder SPIELZEUGLAND) und den Besten Animierten Kurzfilm (BALANCE und QUEST), gehen sehr häufig nach Deutschland, Nominierungen sind beinahe schon Standard!
Die Auszeichnung des Besten Studentenfilms gibt es seit 1975, und Deutschland wird immer wieder ausgezeichnet: DIE ROTE JACKE (an dem übrigens die männliche Hälfte der Duoscope-Redaktion beteiligt war), SCHWARZFAHRER, AUSREISSER, ABGESCHMINKT!, BALANCE oder KLEINGELD "holen das Ding nach Deutschland", um auch hier einige Werke zu nennen.

Komponist Franz Waxmann gewinnt 1951 und 1952 zweimal in Folge, Bernhard Grzimek gewinnt 1960 für seinen Dokumentarfilm SERENGETI DARF NICHT STERBEN. (In dieser Kategorie sind Wim Wenders und Werner Herzog ebenfalls immer wieder in den Nominierungslisten zu finden.)
Kurz: Deutschland ist nahezu jährlich bei den Oscars vertreten!


Heißt Oscar gleich „Klassiker“?


Alle paar Jahre erscheint ein „Abräumer“ auf der Oscarbühne. Einer jener Filme, der in fast allen wichtigen Kategorien bedacht wird und auch die meisten, oder sogar alle Preise abräumt. Für Einzelstars erweisen sich „gehäufte Oscars“ nur bedingt als Klassikerbasis. Aber wie ist das bei Filmen? Bringt der Oscarregen einem Werk einen „Mehrwert“? Macht er die Filme zu Klassikern?
BEN-HUR, TITANIC, WEST SIDE STORY, DER LETZTE KAISER, AMADEUS, VERDAMMT IN ALLE EWIGKEIT, LAWRENCE VON ARABIEN, VOM WINDE VERWEHT, DER MIT DEM WOLF TANZT, DIE RÜCKKEHR DES KÖNIGS, GANDHI oder SCHINDLERS LISTE – all die großen Filme, die uns noch heute staunen lassen, begeistern und berühren, waren die großen Oscargewinner ihres Jahres. Und sie alle gewannen darüber hinaus die Königsdisziplin: Sie wurden als Bester Film ausgezeichnet.
DIE RÜCKKEHR DES KÖNIGS beendet 2004 die Ära der 80er und 90er, in denen ausladende Epen von der Academy mit Oscars überschüttet werden. Peter Jacksons Abschluss der HERR DER RINGE Trilogie ist neben TITANIC und BEN-HUR der Spitzenreiter mit 11 Oscars, allerdings ist er der einzige der drei Filme, der sämtliche Trophäen abräumt, für die er nominiert wurde. Ob die Academy ihre zyklischen Trendwellen beibehält, und in zehn oder zwanzig Jahren erneut epische Leinwandabenteuer bevorzugt, bleibt abzuwarten.
Quelle: Blu Ray "Der Herr der Ringe - Die Rückkehr des Königs" © Warner Home Video
Aber macht es einen Film wirklich „besser“ oder nachhaltiger, wenn er mit einem Oscarreigen und als Bester Film geehrt wird?
Jein.

Natürlich gibt es eine Beziehung zwischen Oscars und Qualität. Filme, die viele Oscars einheimsen, besonders in den „großen“ Kategorien wie Bester Film, Beste Regie, Bestes Drehbuch, Bester Schnitt oder Beste Darsteller, sind oft gelungene Gesamtpakete. Es sind Filme, die thematisch und inszenatorisch innovativ und neuartig sind, die Maßstäbe in der Technik oder Schauspielkunst setzen oder einfach in allen Kategorien Höchstleistungen vollbringen.
Dennoch gibt es widersprüchliche Sieger! Und nicht alle Abräumer sind Klassiker – SHAKESPEARE IN LOVE (7 Oscars aus 13 Nominierungen) oder CHICAGO (6 Oscars aus 13 Nominierungen) sind nun wirklich kein Filmstoff für die Ewigkeit. Filme wie DER ENGLISCHE PATIENT (9 Oscars aus 12 Nominierungen) treffen den Nerv ihrer Zeit, wirken aber schnell veraltet.

Auf der anderen Seite gibt es die zeitlosen Meisterwerke, die „Perlen“ der Filmgeschichte, die von der Academy völlig übergangen werden und sich dennoch zu Klassikern entwickeln. Und sie sind zahlreich! NINOTSCHKA, IST DAS LEBEN NICHT SCHÖN?, PSYCHO, CHINATOWN, ALIEN, BROKEBACK MOUNTAIN, WIE EIN WILDER STIER, TAXI DRIVER oder PULP FICTION etwa, um nur eine kleine Auswahl zu nennen. Und natürlich der König der „Oscar-Snubs“, Opfer des ihn umgebenden politischen Kampfes: CITIZEN KANE!

Was ist er also wert, der Oscar?
Ein Oscar macht die Filme, die ihn gewinnen, weder besser noch schlechter. Er adelt allerdings, unter Umständen, ein gelungenes Gesamtpaket. Er „macht“ keine Klassiker, er kann sie aber kennzeichnen. Sie zeichnen sich durch Nachhaltigkeit aus und dadurch, dass sie oft zitiert werden.
Ein Oscar bereichert einen Film also und bietet durchaus eine Orientierungshilfe im Bereich „Film“, aber den Kultstatus erreichen Filme durch die Zuschauer und den Einfluss, den sie auf andere Künstler nehmen.

Ihr seid alle verdammt! – der „Oscarfluch“


Schon in der Frage, was der „Oscarfluch“ eigentlich sei, herrscht Uneinigkeit. Für die einen ist er das Ende der Ehe oder Beziehung, das einige Stars nach dem Gewinn des Oscars zu verkraften haben: Reese Witherspoon, Sandra Bullock, Hillary Swank, Kate Winslet, Jean Dujardin etwa stehen kurz nach der Dankesrede wieder solo da. Ob die Beziehungen auch ohne den Oscargewinn gescheitert wären, sei dahingestellt.
Wenige Jahre, nachdem Halle Berry als erste schwarze Schauspielerin mit dem Oscar für die Beste Hauptrolle bedacht wird, kommt der unterirdische CATWOMAN ins Kino. Gründe dafür, dass Oscargewinner oft in kurzer Folge eine Gurke hinlegen, gibt es viele. Manchmal sind Vertragsaltlasten Schuld (was bei CATWOMAN vermutet wird), manchmal die langen Vorlaufzeiten der Filmproduktionen, manchmal auch eine geschickte Disposition: Immerhin kann man selbst für die größte Gurke noch ein paar Zuschauer ins Kino locken, wenn der Star gerade einen Oscar gewonnen hat!
Quelle: DVD "Catwoman" © Warner Home Video
Für die anderen ist es der Umstand, dass Oscargewinner, besonders die Schauspieler, innerhalb weniger Jahre nach einer oscarprämierten Rolle einen Flop und/oder künstlerisch weit unterdurchschnittlichen Film hinlegen.
So wie bei Halle Berry, die nach MONSTER‘S BALL den bodenlosen CATWOMAN folgen lässt und sich damit mehr oder weniger ins Aus schießt. Oder Kevin Costner, der nach DER MIT DEM WOLF TANZT in Eigenregie WATERWORLD versenkt und mit THE POSTMAN die Post und seine Karriere ins Nirvana befördert.
Cuba Gooding, Jr. dreht seit seinem Oscar als Bester Nebendarsteller in JERRY MAGUIRE nur noch mittelmäßige Filme. An die Rollenauswahl und Reputation von vorher kann er nie wieder anschließen. Whoopi Goldberg, die zu Recht den Oscar für ihre Darstellung in GHOST – NACHRICHT VON SAM erhält, kann ebenfalls nie wieder an alte Erfolge anknüpfen.
Nicole Kidman, gerade erst mit dem Oscar für die Beste Falsche Nase ... äh, Beste Weibliche Hauptrolle in THE HOURS ausgezeichnet, blamiert sich direkt mit BEWITCHED. Gwyneth Paltrow klamaukt sich kurz nach SHAKESPEARE IN LOVE durch SCHWER VERLIEBT. Und Charlize Theron, oscarprämiert mit falschen Zähnen in MONSTER, legt kurz darauf in AEON FLUX einen Karriere-Limbo hin. Weitere Beispiele gibt es zuhauf.

Natürlich haut fast jeder Star mal mit einem Film daneben, aber müssen es dann gleich solche Gurken sein?
Auch dieses Jahr könnte der Oscarfluch wieder zuschlagen! Noch ist Julianne Moore für STILL ALICE nicht ausgezeichnet, da steht mit THE SEVENTH SON schon die folgende, gerade in den USA abgesoffene Gurke in den Startlöchern.

Voll hip, ey! Die „Oscartrends“


Wenn man sich die Geschichte des Oscars über die Jahrzehnte hinweg ansieht, stellt man fest, dass deutliche Trends erkennbar sind, was ausgezeichnete Filme betrifft.

Die 30er Jahre, das erste Jahrzehnt der Oscars, sind dabei noch relativ frei von Trends. Von Screwball-Komödien über Musicals bis hin zu gigantischen Schmachtfetzen findet sich hier alles, was Aufsehen erregte: WINGS, DER GROßE ZIEGFELD, MENSCHEN IM HOTEL, ES GESCHAH IN EINER NACHT, MEUTEREI AUF DER BOUNTY und natürlich VOM WINDE VERWEHT.

In den 40er und 50er Jahren sind es die Dramen, in denen sich der Mensch tiefgreifenden Veränderungen ausgesetzt sieht: REBECCA, MRS. MINIVER, DAS VERLORENE WOCHENENDE, DIE BESTEN JAHRE UNSERES LEBENS, ALLES ÜBER EVA, DIE FAUST IM NACKEN, VERDAMMT IN ALLE EWIGKEIT und MARTY – Menschen im Kreuzfeuer des Schicksals locken die Oscars an. (Der heute noch geliebte Klassiker IST DAS LEBEN NICHT SCHÖN? erhält bei fünf Nominierungen keine einzige Trophäe. Oscarabräumer des Jahres wird DIE BESTEN JAHRE UNSERES LEBENS. Das heute kaum noch bekannte Drama über Kriegsheimkehrer trifft 1947 voll den Nerv der Academy!)

Die 60er entdecken den Gigantismus für sich. Epische Gefühle, Geschichten und Settings – erstmals fühlt der Oscar sich dort wohl, wo geklotzt wird. Dabei ist das Genre mehr oder weniger unerheblich: BEN-HUR , EIN AMERIKANER IN PARIS, GIGI, aber auch WEST SIDE STORY, LAWRENCE VON ARABIEN, MY FAIR LADY und MEINE LIEDER – MEINE TRÄUME, eben alles, was die Leinwand sprengt, wird ausgezeichnet.
Neben BEN-HUT, DER HERR DER RINGE und VOM WINDE VERWEHT wohl das größte Kinoepos aller Zeiten: LAWRENCE VON ARABIEN. In den 60er Jahren lieben Zuschauer und Academy gleichermaßen das ausschweifende, ausladende Kino: weite Settings, prunkvolle Kostüme, große Gesten, orchestrale Musik. Solche Filmmonster gelten als getragene Abendunterhaltung im "Lichtspieltheater", und kommen noch mit Ouvertüre, geplanter Pause und Entr'acte (Zwischenakt) daher!
Quelle: Blu Ray "Lawrence von Arabien" © Sony Pictures Home Entertainment
Ende der 60er Jahre beginnt der Aufstieg des „New Hollywood“: Filme lösen sich von ihren überlensgroßen Geschichten. Jetzt sind realistische Filme angesagt, die reduziert in Szene gesetzt sind, und zu Meilensteinen werden: IN DER HITZE DER NACHT, ASPHALT-COWBOY, ROCKY, PATTON, FRENCH CONNECTION, EINER FLOG ÜBERS KUCKUCKSNEST, KRAMER GEGEN KRAMER oder EINE GANZ NORMALE FAMILIE sind Filme, die den Dialog, den Außenseiter und das Alltagsdrama in den Mittelpunkt stellen und sich dem großen Drumherum weitestgehend entziehen.

In den 80ern schwingt das Pendel zurück ins Überlebensgroße, Epische: GANDHI, ZEIT DER ZÄRTLICHKEIT, AMADEUS, JENSEITS VON AFRIKA, DER LETZTE KAISER, RAIN MAN oder MISS DAISY UND IHR CHAUFFEUR. Dieser Trend hält in den 90er Jahren weiter an, findet aber hier einen Wandel ins historisch verbuchte, durchaus kritische Epos: DER MIT DEM WOLF TANZT, ERBARMUNGSLOS, BRAVEHEART, FORREST GUMP, SCHINDLERS LISTE, TITANIC, DER ENGLISCHE PATIENT oder SHAKESPEARE IN LOVE verbinden große Gefühle, lange Laufzeiten und (meistens) reale, historische Geschehnisse. Wie in den 60ern vereinen in dieser Zeit auch, bisher letztmalig, einzelne Filme ganze Mengen von Oscars auf sich.

Das bisher letzte breit ausgezeichnete Epos bleibt DIE RÜCKKEHR DES KÖNIGS. Seither schwingt die Liebe der Academy wieder zurück ins kleinere Fach, diesmal allerdings in die atmosphärische Milieu- oder Zeitstudie: L.A. CRASH, THE DEPARTED, SLUMDOG MILLIONÄR,  NO COUNTRY FOR OLD MEN oder THE HURT LOCKER – kein Genre wird bevorzugt. Auffällig ist auch, dass aktuell vor allem der kleine Independentfilm ausgezeichnet wird: THE KING’S SPEECH, ARGO, THE ARTIST und zuletzt 12 YEARS A SLAVE sind kleine sehr themenspezifische Filme, die geehrt werden.


Dann geben wir ihm halt den Ehrenoscar


Vermutlich kann sich niemand besser aus der Affäre ziehen als die Academy, wenn es darum geht, Jahrzehnte der Schmähung zu vertuschen. Dafür hat sie schließlich den Ehrenoscar!
Noch heute ist unvorstellbar, dass wegweisende, das Kino revolutionierende Künstler wie Alfred Hitchcock, Orson Welles oder Charles Chaplin niemals in ihrer aktiven Zeit auch nur einen einzigen Oscar erhalten haben! Auch Clint Eastwood erhält seine Academy-Liebe erst in hohem Alter und nach seinem Ehrenoscar!

Die Gründe für diese Schmähungen mögen in einem Academy Giftschrank liegen. Wir können nur raten.
Am deutlichsten ist das Problem bei Orson Welles, der mit CITIZEN KANE einen Meilenstein kreiert, sich allerdings für den Film mit dem Zeitungsmogul William Randolph Hearst anlegt. Unter Hearsts Einfluss stellt sich die gesamte Filmwelt gegen Welles, auch die Academy.
Alfred Hitchcock befremdet das Publikum und die Kritiker immer wieder mit Themen, die ihrer Zeit weit voraus sind, ebenso wie Charles Chaplin, dem seine Affären mit minderjährigen Mädchen und seine sturen Ansichten gegen alle zeitgenössischen Konventionen die Chancen verbauen.

Selbst Genies wie Quentin Tarantino, der mit PULP FICTION das Erzählkino revolutioniert, wird der Oscar bisher verwehrt. Aber auch die Oscarlosigkeit von Größen wie Richard Burton, Greta Garbo, Peter O’Toole, Robert Altman oder Donald Sutherland, der bisher noch nicht einmal nominiert wurde, sind und bleiben Mysterien.
Eine weitere Legende rankt sich um Leonardo DiCaprio, der seine Nicht-Nominierung für TITANIC gerüchteweise damit kommentiert, dass ihm der Oscar egal sei. Ob er die Academy damit gegen sich augebracht hat? Fest steht, dass er trotz fünf Nominierungen als Schauspieler und brillanter Leistungen bis heute oscarlos ist. Dieses Jahr nun scheint sich das Blatt zu wenden, denn er gilt mit seiner Leistung in THE REVENANT erstmals als Topfavorit und räumte bisher alle Preise ab, die es filmisch zu holen gibt.
Quentin Tarantino revolutioniert seit 1992 das komplette Kino. Die Academy hat es ihm bisher zweimal gedankt: Für PULP FICTION und DJANGO UNCHAINED erhält er je einen Drehbuchoscar. Von den Regisseuren der Academy wird der Junge Wilde bisher allerdings geschnitten. Ein Schicksal, das er lange, lange Zeit mit Martin Scorsese teilt, der erst für THE DEPARTED endlich seinen Regie-Oscar erhält!
Quelle: Blu Ray "Pulp Fiction" © STUDIOCANAL
Eben diesen Stars wird, meist in ihren letzten Lebensjahren, der Ehrenoscar verliehen, der einen ambivalenten Eindruck hinterlässt. Natürlich ist er gerechtfertigt, immerhin ist das Schaffen dieser Künstler nicht hoch genug einzuschätzen. Dennoch wünschte man sich eben auch den Mut, ein Werk direkt auszuzeichnen, statt sich mit einem Ehrenoscar am Ende eines Künstlerlebens aus der Affäre zu ziehen.

Der Oscar im Mittelpunkt der Welt


Es wird deutlich, welche Faszination der Oscar seit nunmehr 86 Jahren ausstrahlt. Er war der erste Filmpreis in einem Land, das den Film zu seinem ureigensten Kulturgut machte. Der Oscar diente dem Fortschritt und der Förderung des Films in mannigfacher Hinsicht und avancierte schnell zu einem Faszinosum.

Als Judy Garland während der Oscarzeremonie 1955 für EIN NEUER STERN AM HIMMEL als Beste Hauptdarstellerin nominiert ist, liegt sie im Krankenhaus: Die Geburt ihres dritten Kindes steht an. Dessen ungeachtet stürmen Reporter das Hospital. Jeder will das erste Bild der freudestrahlenden Favoritin schießen, wenn sie gewinnt. Doch der Preis geht an die junge Grace Kelly für EIN MÄDCHEN VOM LANDE. Die Überraschung ist auf allen Seiten groß. Die Reporter knipsen nur noch Garlands enttäuschtes Gesicht, bevor sie davonstürzen, um die Gewinnerin Kelly zu finden.  Dieses Ereignis vergisst Garland bis zu ihrem frühen Tod 1969 nicht. Es verbitterte sie zutiefst.
Auch das ist „Oscar“: Die Jagd nach dem Augenblick des Glücks!

Aus der einst in kleinem Kreise abgehaltenen Verleihung (die erste 1929 dauert ganze fünfzehn Minuten!) ist mittlerweile eine gigantische, dreieinhalbstündige Show geworden, die in Amerika 43 Millionen Zuschauer hat. Weltweit sind es über eine Milliarde! Oft haben alle nominierten Filme zusammen weniger Zuschauer.
Und die Beteiligten wollen dem Publikum gefallen. Die Ehrung, als „Host“ aufzutreten gilt als Ritterschlag. Die meisten Auftritte als Host hatte Bob Hope, der den Oscar 17 Mal präsentierte, gefolgt von Billy Crystal mit neun Auftritten. Stars planen Monate im Voraus ihr Outfit, hungern sich in ihre Roben und feilen an ihren Reden – die übrigens nach der 5-Minuten Dankesrede von Greer Garson 1942 zeitlich begrenzt werden. Heute sind es gerade mal 45 Sekunden, bevor die abwürgende Musik erklingt. Images werden kreiert, untergraben und bestätigt, Werbeblocks gekauft und verkauft. Es ist eine riesige vorhersehbare Geldmaschine der Unterhaltungsindustrie geworden.

Dabei bemüht die Academy sich um politische, aber auch um interne Neutralität auf ihrer monströs weitreichenden Bühne. Politische Statements in den Dankesreden sind unerwünscht, und seit 1989 heißt es statt „and the winner is...“ nur noch „and the Oscar goes to...“. Die Oscars sollen die beste Performance ehren, kein Wettbewerb sein. Sieger sind schließlich alle.

Und so wird die Oscarnacht zur Nacht der Nächte in Hollywood. Dieser eine Augenblick, in dem sich alles auf die Kunst konzentriert, in dem Stars gemacht oder gestürzt werden, in dem einige Auserwählte für einen Moment auf dem Olymp ihrer Zunft ruhen können. In dieser Sekunde ist der Weg dorthin meistens egal. Die Frage, ob die Academy zu alt, zu weiß oder zu männlich ist. Ob der Preis ein Kunststück ehrt, oder ein kurzlebiges Gefühl. Ob die Stars und Sternchen nun in den Olymp einkehren oder bald wieder das Rampenlicht verlassen.

Der Oscar gleicht dem perfekten Schnappschuss: Für diesen einen Moment ist alles perfekt, findet sich ein Gewinner, der alles richtig gemacht hat. Und wie den perfekten Schnappschuss holt man, auch als Filmkritiker, einen Oscargewinn immer wieder gerne hervor und beruft sich auf diesen kurzen Augenblick höchster Qualität. Man mag der Wahl nicht immer zustimmen, aber akzeptieren und würdigen muss man sie.

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