23.02.14

Die Spaziergängerin von Sans-Souci (F/D 1982)

Eine Frau sitzt an einem Tisch im Restaurant. Sie ist sehr gut gekleidet, denn es ist ein sehr gutes Restaurant. Ihr gegenüber sitzt ein etwa 10-Jähriger Junge, gekleidet in einen Anzug. Die Frau ordert Champagner. Es soll ein besonderer Abend werden. Hinter ihr spielt eine kleine Kapelle. Die Frau schaut den Jungen an und ihr Gesicht beginnt zu strahlen. „Spiel etwas für mich“, bittet sie ihn. Ihm ist es unangenehm, doch kann er der Frau nichts abschlagen. Er ergreift die Geige, die ihm der Spieler der Kapelle reicht und beginnt zu spielen. Ein trauriges, wehmütiges Stück. Die Frau lächelt. Doch plötzlich mischen sich Schmerz und Trauer in dieses Gesicht. Die Augen füllen sich mit Tränen. Sie weint. Bitterlich.
Quelle: Artur Brauner-Archiv im Deutschen Filminstitut – DIF e.V.
- Spoilerwarnung -
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Biancas Blick:

Die Szene muss abgebrochen werden.
Oft muss diese Szene wiederholt werden. Sehr oft. Die Maskenbildnerin kommt und stellt Romy Schneiders Make Up wieder her.
Romy Schneider kämpft. Trinkt. Will diese Szene schaffen.
"Ich wusste, dass es schmerzhafte Momente geben würde, nicht nur wegen einiger Sequenzen, sondern weil mein Beruf hart ist. Jacques Rouffio (der Regisseur des Films) hat auf wundervolle Weise Verständnis gezeigt. Er erriet, wenn es für mich zu schmerzhaft war. Er verstand es, mir die richtigen Wort zu sagen. (...) Man kann einen Augenblick lang nachdenken, aber dann muss man weitermachen. Stehenbleiben ist für mich nicht möglich. Man stürzt sich in die Arbeit, weil man es tun muss und es hilft auch ein wenig zu vergessen."

Romy Schneiders Verhältnis zu ihrer Seele und dem, was Regisseure dieser abverlangten, blieb ambivalent. Sie war abhängig von diesen Methoden, da sie durch sie ans Innerste gelangte, was sie wollte und für ihre Darstellung brauchte. Dem gegenüber stand die Angst vor den Auswirkungen und der Hass auf den Schmerz, der ausgelöst wurde und den sie nicht sofort wieder bündeln konnte.
Quelle: Artur Brauner-Archiv im Deutschen Filminstitut – DIF e.V.
Jean-Claude Brialy, einem engen Freund vertraute sie an: "Regisseure sind Diebe, sie versuchen, mir meine Seele zu rauben. Manchmal gebe ich ihnen ein wenig davon, manchmal auch gar nichts." Brialy sagt dazu: "Romy ernährte sich unbewusst von dem Leid, das ihr widerfuhr, und übertrug es auf ihre Filmrollen. Wenn ihr Regisseure diese Rollen gaben, dann deshalb, weil sie etwas Tragisches an sich hatte."
Claude Sautet, Regisseur und guter Freund, mit dem sie fünf Filme drehte, sagte über ihre erste Zusammenarbeit DIE DINGE DES LEBENS: "Romy ist keine gewöhnliche Schauspielerin. Denn Romy ist eine strahlende und zugleich gequälte Frau; eine Schauspielerin, die schon alles wusste, es aber noch nie hatte ausdrücken können(...)"

Sie raubte sich in den letzten Jahren seelisch aus. Mehr und mehr. Gab mehr von sich und ihrer Seele preis, als sie es möglicherweise beabsichtigte. Großaufnahmen von ihrem schmerzhaft-transparenten Gesicht wurden von vielen Regisseuren der damaligen Schaffensperiode fast schon gierig-gaffend eingesetzt. 
MADO, DIE SPAZIERGÄNGERIN VON SANS-SOUCI aber auch NACHTBLENDE sind Beispiele dieser emotionalen Ausbeutung.

„Für David und seinen Vater“ heißt es im Vorspann.


Ihr Sohn David starb knapp ein Jahr vor Beginn der Dreharbeiten, als er über einen Zaun am Haus seiner Großeltern in Frankreich klettern wollte. Er rutschte aus, blieb in den gußeisernen Spitzen hängen und starb qualvoll.
In diesem Moment schien Romy Schneiders Herz gänzlich gebrochen zu sein.
Zwei Jahre zuvor hatte sich ihr Ex-Ehemann Harry Meyen das Leben genommen. Zeitlebens wird Romy Schneider von Schuldgefühlen geplagt.
Das Verhältnis zu ihrem Sohn hatte sich gerade wieder gebessert. 
"Zu meinem vierzehnjährigen Sohn David habe ich eine sehr tiege Bindung aus Liebe und Achtung. Für mich ist er ein herrlicher Gefährte."
David hatte seiner Mutter die Trennung von Daniel Biasini, seinem Stiefvater und mittlerweile vertrauten Freund, kaum verzeihen können. Er litt darüber hinaus an den häufigen Trennungen von seiner Mutter, die berufsbedingt viel unterwegs und wenig zu Hause war.
Romy liebte David, mehr als alles andere, glaubte jedoch stets zu versagen.
„Ich kann nichts im Leben, aber alles auf der Leinwand“, ist ein legendärer Satz von ihr.
In einem Interview antwortete Sie auf die Frage: "Was machen Sie eines Tages, wenn Ihr Sohn Ihnen sagt, für ihn sei zu wenig übriggeblieben?" mit: "Wenn er das tut, werd ich mich mit ihm auseinandersetzen. Dann muss ich mich zurückstellen, denn er hätte ja recht."

Quelle: Artur Brauner-Archiv im Deutschen Filminstitut – DIF e.V.
Jetzt war David tot. Zu einer klärenden Auseinandersetzung oder Versöhnung würde es nicht mehr kommen.
Romy Schneider selbst lag bis kurz vor Beginn der Dreharbeiten im Krankenhaus. Akutes Nierenversagen. Notoperation.
Nichts schien ihr mehr zu bleiben.
Nichts schien ihr mehr wichtig zu sein.

"Ich habe den Vater begraben-
Ich habe den Sohn begraben-
Ich werde beide nie verlassen und sie mich auch nicht."

Dann kam das Drehbuch des Films.
Und Romy Schneider sagte sofort zu. Wohlwissend, dass sie noch zu  krank war. Wohlwissend, dass sie mit einem Jungen in Davids Alter würde drehen müssen. Wohlwissend, dass all der Schmerz wieder aufbrechen wird.
Aber was hatte sie zu verlieren?
Es blieb ihr nichts weiter als die Schauspielerei. In diese hatte sie sich immer flüchten können. Sie verfügte über keine Schauspieltechniken, holte alle Gefühle aus ihrer Seele. Versuchte so, ihren Lebensschmerz zu verarbeiten. So war es immer. So war es auch diesmal.
Hildegard Knef fasst es in Worte: "Mehr und mehr entblättert sich ein Bündel brachliegender Nerven, unkontrollierbarer Emotionen. Selbstironie scheint furchteinflößend und weitab von ihrem Sprachschatz, Denken, Fühlen. Sie erinnert an Monroe. Widerborstiger, angriffsbereiter als jene, doch gleichermaßen verwundbar-wankelmütig."

Keine Versicherung wollte den Film übernehmen. Zu groß war das Risiko, dass der Dreh abgebrochen wird. Zu krank und kaputt war Romy Schneider zu diesem Zeitpunkt. 
Die Produzenten plädierten für Hanna Schygulla. Erst mit Hilfe des Produzenten und Freundes Artur Brauner bekam Romy den Zuschlag und hielt die Dreharbeiten durch. Mit Alkohol, Tabletten und dem Willen, diesen für sie so wichtigen Film zu beenden.
Und sie zeigt eine schauspielerische Vollendung.
Sie vergeudet sich und ihren Schmerz, macht ihn transparent für den Zuschauer und setzt ein beeindruckendes Denkmal.
Quelle: Artur Brauner-Archiv im Deutschen Filminstitut – DIF e.V.

Tod kurz nach der Premiere


Romy Schneider spielt in diesem Kriegsdrama eine anspruchsvolle Doppelrolle:
Neben Elsa Wiener ist sie die Lebensgefährtin von Max Baumstein.

Max Baumstein (Michel Piccoli) erschießt 1981 den Botschafter von Paraguay (Mathieu Carriere). In Rückblenden wird während der Gerichtsverhandlung erzählt, wie Max zu seiner Gehbehinderung kommt und Unterschlupf bei der Familie Wiener findet. Elsa Wiener (Romy Schneider) emigriert mit Max nach Paris und erwartet täglich Michels Anreise, der im Nazi-Deutschland versucht, seinen Verlag zu verkaufen. Er wird verhaftet und zu fünf Jahren Konzentrationslager verurteilt. Elsa verdient unterdessen als Sängerin und Animierdame Geld und kann schließlich erwirken, dass Michel freigelassen wird. Doch bei dessen Ankunft wird er auf Veranlassung des Botschafters von Paraguay erschossen.

Quelle: Artur Brauner-Archiv im Deutschen Filminstitut – DIF e.V.
Die Kritiken waren zum Filmstart in Deutschland zu recht sehr gemischt.
Zu konstruiert, zu gewollt wirkt der Film.
Da ist Romy Schneider bereits tot. Herzversagen. Sie erlebt noch die Premiere in Frankreich, doch bleibt ihr keine Zeit mehr, den Film selbst zu synchronisieren wie sie es immer getan hatte.
Aber in einem waren sich die Kritiker einig:
Es ist ein gelungener Abgesang einer Schauspielerin, die zu den Größten ihrer Zunft zählte und bis heute zählt.
Sie erhielt ihre 5. César-Nominierung, zwei hatte sie bereits in Empfang nehmen können (1976 für NACHTBLENDE und 1979 für EINE EINFACHE GESCHICHTE). 2008 wird ihr postum der Ehren-César verliehen.

 

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