29.11.16

Kinokritik: Arrival (USA 2016) - Die Kunst der Kommunikation

ARRIVAL ist ein Film voll großer Fragen. Welche Macht besitzt Sprache? Welche Gefahren? Welche Grenzen ziehen unsere Sprachen über die Welt? Und wie hoch ist der Preis, diese Grenzen zu überwinden?
Denis Villeneuves Ankunft der Außerirdischen gelingt das Glanzstück, einen Thriller um das Wesen der Sprache herum zu stricken, und damit ein Highlight des Kinojahres – spannend, clever und vielschichtig, tiefgründig und berührend zugleich. Und ein erschreckend aktueller Beitrag zur ewigen Weltlage.
© Sony Pictures Releasing GmbH
 - Spoilerwarnung - 
Wir haben uns bemüht, möglichst spoilerfrei über ARRIVAL zu berichten, und können verkünden, das uns das auch gelungen ist. Dennoch sprechen wir einige Themen und Aspekte des Films an, die empfindsamere Gemüter gleichwohl als 'Spoiler' werten könnten.
Falls ihr euch nicht sicher seid - kommt gerne nach dem Kinobesuch wieder, den ihr euch auf keinen Fall entgehen lassen solltet. Wir warten solange hier.

Biancas Blick: 

Denis Villeneuves Filme machen es den Zuschauern nie leicht. PRISONERS, ein knallhartes Entführungsdrama, das gekonnt die Perspektive wechselt, ENEMY, ein auf mehreren Ebenen spielendes Beziehungsdrama und zuletzt SICARIO, ein mexikanischer Drogenthriller, der die Zuschauer ebenso passiv und unwissend lässt wie die Hauptfigur. Immer ist er in seinen Werken innovativ und zugleich provokativ, inszeniert er doch Stoffe, die mehrdimensional und gegen die üblichen filmischen Konventionen gebürstet sind. Und allein mit dieser Herangehensweise spaltet er die Kinozuschauer – jedes Mal. Nun legt er dem Zuschauer mit ARRIVAL einen vielschichtigen und philosophischen Diskurs über Sprache und Kommunikation vor, den er in einen Alien-Science-Fiction-Thriller bettet. Auch das wird spalten. Zum Glück.

ARRIVAL wurde bereits vor seinem Kinostart als Meisterwerk gefeiert. Als neu und anders. Der Trailer schraubte zur Jahresmitte 2016 die Erwartungen ins Unermessliche, suggerierte er doch einen Alienthriller, der die Kommunikation in den Mittelpunkt stellt und weniger den Kampf gegen die Außerirdischen.
Eine Linguistin als moderne Superheldin. Kann das funktionieren?
Und wie!

Die Ankunft 


Die Linguistikprofessorin Dr. Louise Banks hat gerade ihre Tochter verloren und scheint noch immer mit dem Verlust zu kämpfen, als sich alles verändert. Ohne Vorwarnung erreichen zwölf Raumschiffe die Erde, eines davon auch auf dem Gebiet der USA. Es dauert nicht lange, und das US-Militär erbittet die Hilfe der renommierten Linguistin Banks, die selbst mehrere Sprachen beherrscht. Ihre Aufgabe: Kontakt mit den Neuankömmlingen aufnehmen, ihre Sprache analysieren und eine Möglichkeit zur Kommunikation eröffnen. 
Zweifelnd nimmt Dr. Banks den Auftrag an und begleitet Colonel Weber und den theoretischen Physiker Ian Donolly nach Montana. Mühsam und kleinschrittig nehmen Wissenschaftler weltweit Kontakt zu den „Heptapoden“ getauften Aliens auf und tauschen zu Beginn ihre geringen Ergebnisse detailliert untereinanander aus.
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Vier Wochen lang arbeiten Banks und Donolly eng mit ihren zwei, „Abbott“ und „Costello“ getauften Besuchern zusammen und tatsächlich gelingt es ihnen, ein Gespräch in Gang zu bringen. Dann aber entschlüsseln sie eine Nachricht der Aliens, die das fragile Gleichgewicht ins Wanken bringt und die Staaten der Welt in den Alarmzustand versetzt. Die weltweite Zusammenarbeit bricht zusammen, und während die Menschheit beginnt, sich für einen Präventivschlag gegen die undurchsichtigen Aliens zu rüsten, erhält Louise Banks im verzweifelten Versuch, die Katastrophe zu verhindern, Hilfe von unerwarteter Seite ...

Der wissenschaftliche Kern 


Die Grundgeschichte, die ARRIVAL uns erzählt, ist weder neu noch sonderlich originell. Aliens landen auf der Erde, und die Menschheit reagiert mit Misstrauen und getreu dem Motto „Der beste Gegenschlag ist der Erstschlag“. Nur ein einsamer Alienversteher ist bemüht, den Frieden zu wahren.
Was ARRIVAL deutlich und angenehm von den Vorgängern abhebt, ist seine strikte Fokussierung auf die linguistische Prämisse. Regisseur Villeneuve und Autor Eric Heisserer nutzen die spannungsgeladene Rahmenhandlung als Vehikel für einen tiefenphilosophischen Exkurs in das Wesen von Sprache und Kommunikation. Wie funktioniert Sprache? Welche Mittel bietet sie, und welche Schwächen liegen ihr zugrunde? Der Weg zum Erfolg führt in ARRIVAL weder über militärische Macht, noch über Heldenmut oder Intelligenz, sondern immer und zu jeder Zeit über die Fähigkeit, Sprache als das zu erkennen, was sie ist: ein fragiles, subjektives Gebilde, das unsere Welt gestaltet. 
In einer zunächst unscheinbaren Szene wird dabei einer der Hauptpunkte des Films angesprochen: Linguistischer Relativismus, auf Deutsch (und im Film) auch als Sapir-Whorf-Hypothese bezeichnet.
Die Sapir-Whorf-Hypothese besagt, dass die Muttersprache eines Menschen, ihr Vokabular und ihre Grammatik, die Art und Weise prägt, wie der Mensch denkt und die Welt wahrnimmt. Dementsprechend gäbe es in jeder Sprache Gedanken, die von einem anderen Menschen, der diese Sprache nicht beherrscht, nicht geteilt werden könnten. Manchen Freunden dieser Hypothese erscheint das als Beweis dafür, dass man einen Text niemals in seiner Gänze in eine fremde Sprache übertragen könne, da manche Gedanken in einer anderen Sprache nicht auszudrücken seien (man nennt das linguistischen Determinismus). Doch das führt an dieser Stelle zu weit. 

Bedeutsam ist hier vor allem das, was die Forschung das „linguistische Relativitätsprinzip“ nennt. Vereinfacht ausgedrückt besagt dieses, dass nicht alle Menschen gleich denken, und die Welt nicht gleich wahrnehmen, sondern dass Sprache und Denken sich gegenseitig beeinflussen. Vor allem in der Muttersprache, jedoch auch beim erlernen einer neuen Sprache verändert sich die Form des Denkens und der Wahrnehmung der Welt. 
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ARRIVAL setzt diesen etwas spröden, theoretischen Ansatz angenehm subtil und überraschend verständlich ins Zentrum seiner Geschichte und erweitert ihn zu einer geradezu phantastischen Theorie.
Wie schon in ENEMY gelingt es Villeneuve somit, einen Thriller um eine philosophisch-geisteswissenschaftliche Theorie herum aufzubauen. Etwas ähnliches versuchte zuletzt bereits INTERSTELLAR, dem das jedoch nicht annähernd so gut glückt wie ARRIVAL – wohl auch, weil Nolans Werk sich überhebt, und seine eigene Prämisse aus den Augen verliert. ARRIVAL hingegen bleibt seinem linguistischen Schwerpunkt durchgängig treu – und verpasst es doch nicht, jede Menge weiterer sozialer und gesellschaftspolitischer Themen anzusprechen. 

Teamarbeit


Eines der wichtigsten Themen neben der linguistischen Arbeit ist dann auch die internationale Zusammenarbeit. Die Raumschiffe landen an 12 Orten auf der ganzen Welt und zwingen die Wissenschaftler verschiedener Staaten somit zur Kooperation. In Videokonferenzen tauschen sich die einzelnen Staaten aus und versuchen im Kollektiv, die Sprache und die Motivation der Außerirdischen zu ergründen. Zwar sind es letztlich wieder die USA, die den Code knacken, doch gelingt es ihnen nur mit internationaler Hilfe, etwa dem Sudan oder Russland, das Gesamträtsel zu lösen, und auch der konkrete letzte Schritt zum Abschluss der Unternehmung obliegt diesmal nicht dem amerikanischen Heldenmut.
Ein kleiner Wermutstropfen sei hier angemerkt: Die Relevanz der globalen und internationalen Zusammenarbeit kommt leider wenig subtil daher. Immer wieder erinnert Dr. Banks ihre vor allem militärischen Kollegen deutlich an die Notwendigkeit zur Zusammenarbeit.
Und auch von ganz anderer Stelle wird dieser Punkt vehement eingefordert.

Kommunikation


Anders als in anderen Alienfilmen steht hier nicht der Kampf im Mittelpunkt, sondern die Kommunikation. Wo andere Filme sich mit Außerirdischen aus der Affäre ziehen, die telepathisch kommunizieren oder die Sprache der Menschheit in Sekundenschnelle erlernen, gerät hier gerade die Unfähigkeit zur Kommunikation zur globalen Gefahr. Um den vermeintlichen Gegner einschätzen zu können, muss man ihn verstehen lernen, und das gelingt nur mittels Sprache.

Diesen sonst meist so schmählich übergangenen Punkt stellt ARRIVAL ins Zentrum. Die linguistische Feinarbeit, die bei dem kleinsten gemeinsamen Nenner beginnt, wird nachvollziehbar und mundgerecht dargeboten. Für Freunde oder Experten der Linguistik mag das noch zu grobkörnig, vielleicht vereinfacht dargestellt sein, für themenfremde Zuschauer hingegen (also wohl den Großteil) ist der Film zwar fordernd, aber immer nachvollziehbar. ARRIVAL folgt den Wissenschaftlern beim Aufbau einer lexikalischen Begriffsliste und zeigt die Hürden der Kommunikation gut verständlich auf. Das Lexikon wächst innerhalb von vier Wochen auf eine stattliche, vor allem eine brauchbare Größe, so dass eine simple Verständigung möglich wird. Wer sich einmal vier Wochen in einem fremden Land intensiv mit der Sprache auseinandergesetzt hat, mag das nachvollziehen können.
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Das Thema „Kommunikation“ bildet aber nicht nur ein exemplarisches Fundament der Geschichte, sondern schwebt über der gesamten Handlung und durchdringt sie bis in die kleinsten Nebenschauplätze. Es geht hier nicht nur um die Kommunikation zwischen Banks und den Aliens. Es geht um die Kommunikation der Menschen untereinander, innerhalb der globalen Welt, die zwischenstaatliche Kommunikation, die fremdartige mit den Außerirdischen, aber auch die Schwierigkeiten des Austauschs im privaten und familiären Bereich.

Immer wieder werden uns alle möglichen Kommunikationsformen vorgestellt.
So ist es auch kein Zufall, dass Ian die beiden Aliens, mit denen er arbeitet, Abbott und Costello tauft, bezieht er sich doch damit auf den bekanntesten Sketch der beiden Komiker, der heute als der weltweit berühmteste und populärste Sketch überhaupt zum Thema missglückte Kommunikation gilt: "Who's on first", in dem Costello einem immer frustrierter werdenden Abbott zu erklären versucht, dass der Baseballspieler auf dem ersten Mal Who heisst, während What auf dem zweiten und I don't know auf dem dritten steht. Noch komplexer wird es, als Why im Außenfeld und Tomorrow als Pitcher auftreten. Das sprachliche (leider nicht ins Deutsche übertragbare) Musterstück ist noch heute, nach gut achtzig Jahren, überaus brillant und sehenswert.

Gelungene Kommunikation, gescheiterte Kommunikation, schweigende und verbale Kommunikation, sie alle stehen in ARRIVAL im Einklang und treiben die im Film dargestellte globale Geschichte gleichzeitig mit Dr. Banks' ganz persönlichem Drama geschickt und gekonnt voran.
Und manchmal ist es eben auch die Sprachlosigkeit des Schmerzes und des Wissens, die zum kommunikativen Mittel wird.

Wissen


Wissen bedeutet Macht, das wissen die Wissenschaftler natürlich auch und so verwundert es wenig, dass das erlangte Wissen auch als Machtinstrument gegen Kollegen dient. Auch dieser Frage stellt sich ARRIVAL: Welche Verantwortung trägt man als „Wissender“? Wann muss man Wissen teilen und welches Wissen kann oder sollte ein Staat für sich behalten? Wann fördert Wissen die Zusammenarbeit und wann blockiert es sie? In ARRIVAL gestaltet sich dieses Thema als wunderbare Metapher zu allen wissenschaftlichen Erkenntnissen der heutigen Zeit. Wissen wird nur so lange geteilt, wie sich ein Vorteil daraus gewinnen lässt, und zurückgehalten, wenn das einen vermeintlichen Nachteil ausgleicht. Die Staaten beginnen gegeneinander zu arbeiten, Entscheidungen zu fällen, ohne die Partner miteinzubeziehen und ohne ihre Beweggründe zu erläutern.
Auch dieser Themenbereich findet in ARRIVAL auf zwei Ebenen gleichzeitig statt, denn während die in Staaten aufgeteilte Welt abwägen muss, welches Wissen sie teilt oder nicht, findet sich Louise Banks ganz privat in derselben Situation wieder. Auch ihr stellt sich das Problem, was sie mit dem eigenen Wissen, der eigenen Erkenntnis anfängt, mit wem sie es teilt – und welchen Preis sie dafür zahlt.
Wissen ist Fortschritt, und doch auch eine Waffe, eine Macht, die schmerzhaft sein und das Leben für immer verändern kann. Und manchmal kann es tröstender sein, Wissen für sich zu behalten – oder es gar nicht erst zu besitzen. Denn mit Wissen kommt immer auch Verantwortung.

Verantwortung 


Auch dieser Punkt wird in ARRIVAL parallel zum Wissen und der Teamarbeit angesprochen.  
Ja, Wissen verlangt nach einem verantwortungsvollen Umgang damit. Ist die Wissenschaft nicht gezwungen, das Erlernte so in der Öffentlichkeit zu positionieren, dass Kollegen oder auch die Menschheit Nutzen daraus ziehen können? Ist es nicht eine der fundamentalsten Entscheidungen, auszuwählen, wann und in welcher Form man Wissen zur Verfügung stellt?
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Die Frage schwebt lange im Hintergrund mit. Immer wieder sieht man die Konsequenzen, die der Entschluss, Wissen zurückzuhalten nach sich zieht. Für Dr. Banks wird die Frage nach dieser Verantwortung zu einer der wichtigsten überhaupt. Doch der Film ruht sich nicht darauf aus, den Verschluss von Wissen anzusprechen. Nein, er zeigt auch die nahezu unfassbaren Konsequenzen, die es mit sich bringen kann, Wissen zu teilen, zu offenbaren – denn jedes offenbarte Wissen verändert die Welt. Manchmal im Kleinen, manchmal jedoch bis in den letzten Winkel, und ohne die Chance, in alte Verhältnisse zurückzukehren.

Die Umsetzung 


Mit ARRIVAL liefert Denis Villeneuve sein bisheriges Meisterwerk ab.
In klaren, kühlen Bildern zeigt er uns eine Zusammenkunft mit dem Andersartigen, die uns zunächst sprachlos macht. Dr. Banks wird zur Handlungsträgerin und nimmt uns mit auf eine Reise, die gleichzeitig in eine fremde Welt und in ihr innerstes Selbst führt.
Die Art, wie Villeneuve und Kameramann Bradford Young das umsetzen, ist fast schon intim und macht die durchlebte Emotionalität der Protagonistin für uns ebenso faszinierend wie auch schmerzlich.  
Villeneuve und Young bezeichnen das, was sie versucht haben, als “schmutziges Sci-Fi”. Villeneuve wollte, dass es sich anfühlte, “als würde das alles an einem schlimmen Dienstagmorgen geschehen, wie damals, wenn man als Kind an einem verregneten Tag im Schulbus saß und ins Träumen geriet, während man durch die Scheiben in die Wolken schaute.” 
Und Villeneuve lässt sich Zeit, erzählt die Handlung in dem ihm eigenen Tempo, kontrastiert die Arbeit mit den Aliens immer wieder mit Szenen aus Banks glücklicherem Leben und lässt dem Zuschauer damit Raum, das Gesehene und Gehörte einzuordnen und nachzuvollziehen – nicht selten kommt es zu dem für Villeneuve so charakteristischen „Sich-in-den-Bildern-verlieren“, das in unserem Kinozeitalter viel zu selten geworden ist.

Zum dritten Mal nach PRISONERS und SICARIO arbeitet Villeneuve mit dem isländischen Komponisten Jóhann Jóhannsson zusammen. Der beginnt mit den Aufnahmen bereits vor Drehbeginn, und schafft einen kraftvollen, fremdartigen und zugleich beruhigenden Score, der die Faszination unterstreicht, die vermeintliche Gefahr, sowie die beruhigende Erkenntnis, und der Regie und den Bildern ein kongenialer Partner wird.

Amy Adams brilliert in der Rolle der Linguistin Louise Banks und spielt so subtil, dass ihre zahlreichen Großaufnahmen eine wahre Freude sind. Auch wenn Adams mit NOCTURNAL ANIMALS ein weiteres heißes Eisen im Feuer hat, lehnen wir uns aus dem Fenster und erklären, dass ihre Darstellung in ARRIVAL ihr einige Nominierungen für Preisverleihungen einheimsen könnte. Wir würden uns jedenfalls nicht wundern.
Jeremy Renner als Ian Donnelly agiert im Hintergrund und schafft es mit seinem feinen differenzierten Spiel, Adams im richtigen Maß zu unterstützen, ohne sich oder ihr notwendigen Raum zu nehmen.
Diese beiden Protagonisten, und die passende Chemie zwischen ihnen, tragen den Film und ermöglichen die Charakterisierung zweier Menschen, die einander helfen, aus dem wissenschaftlich nach innen gerichteten Blickwinkel auszubrechen und sich dem Außen zu öffnen.
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Regisseur Denis Villeneuve, Drehbuchautor Eric Heisserer sowie der Produktionsdesigner Patrice Vermette entwickeln für den Film eine eigene, funktionierende, visuelle „Aliensprache“, eine sogenannte „Logogramm-Bibel“, für die sie 100 verschiedene Logogramme als lexikalische Grundlage entwickeln. 71 davon werden letztendlich im Film verwendet.
Villeneuve ist es wichtig, dass die wissenschaftlichen Bezüge auf einer korrekten Grundlage fußen und holt sich mit Stephen Wolfram eine Koryphäe der interdisziplinären Wissenschaft als Berater an die Seite, der ihm hilft, die wissenschaftlichen Modelle und Bezeichnungen möglichst korrekt zu halten.

Produktionsdesigner Vermette ist auch dafür verantwortlich, dass die Raumschiffe niemals die Erde berühren. „Die zwölf identischen Schiffe sollten durchs Universum reisen und ihre Reise damit beenden, achteinhalb Meter über der Erde zu schweben, in einem empfindlichen Gleichgewicht, und es so der Erdbevölkerung überlassen, den letzten Schritt zur Kontaktaufnahme zu tun.“ 
Elefanten, Wale, Spinnen und Oktopusse sind die Ideengeber für die Erschaffung der Aliens. Villeneuve möchte Wesen kreieren, die einem enormen Unterwassertier gleichen. Sie sollen die Assoziation eines surrealen Alptraums hervorrufen, die später, am Ende des Films in die eines „Gevatter Tod“ übergeht.

Mit ARRIVAL macht Villeneuve umso neugieriger darauf, was er 2017 mit BLADE RUNNER 2049 abliefert, mit dessen Produktion er direkt nach der Arbeit an ARRIVAL beginnt.

Die Vorlage


ARRIVAL basiert auf der Novelle „Story of Your Life“, die Ted Chiang 1998 verfasst. Zunächst wird der Film wie seine literarische Vorlage betitelt, doch als das Testpublikum sich gegen den Titel ausspricht, wird er in ARRIVAL umbenannt. Zum einen, da das Publikum mit dem Titel der Novelle ein romantisches Drama assoziiert, weniger einen SciFi-Thriller, zum anderen aber auch, weil sich der Drehbuchautor doch einige Abweichungen vom Original erlaubt.

Ted Chiang gilt als einer der besten und aufregendsten Science Fiction Autoren der letzten zwanzig Jahre. Seine Geschichten verbinden große gedankliche wie erzählerische Konsequenz mit einem hohen Grad von Emotionalität. So werden seine Geschichten als Erlebnisse wahrgenommen, die man so schnell nicht wieder vergisst. In den vergangenen zwanzig Jahren wurde er mit mehr Literaturpreisen ausgezeichnet als irgendein vergleichbarer Autor. Der (neue) deutsche Literaturpapst Denis Scheck („Druckfrisch“) bezeichnet ihn als „derzeit besten Verfasser von Science-Fiction und Fantasy-Erzählungen“ und zählt ihn zum „erzählerisch Erstaunlichsten, intellektuell Aufregendsten und ästhetisch Innovativsten“, was er in den letzten zehn Jahren gelesen hat.
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Die filmische Umsetzung hält sich in vielen Teilen an die literarische Vorlage, nimmt sich aber zur Verdichtung künstlerische Freiheiten, zum Beispiel in Bezug auf die Anzahl der Raumschiffe. In der Vorlage erreichen weltweit 112 Schiffe die Erde, und neun davon amerikanisches Gebiet. Der Film reduziert die Anzahl auf 12.
Chiang selbst sagt zur Verfilmung: “Ich halte dies für einen dieser extrem seltenen Kandidaten, die sowohl ein guter Film als auch eine gute Adaption sind. Und wenn man sich die anderen Fälle anschaut, in denen eine Science-Fiction Geschichte adaptiert wurde, grenzt das an ein Wunder.” 

Doch die Verfilmung findet lange keine Geldgeber.
Autor Eric Heisserer braucht Jahre, um Chiangs komplexe, wissenschaftlich-emotionale Geschichte in ein Exposé zu formen, und noch mehr Jahre, Produzenten davon zu überzeugen. Die meisten halten die Idee für unverfilmbar. „Sobald ich anfing, über den Film zu sprechen, habe ich nur noch ausdruckslose Gesichter geerntet. Es ist eine weibliche Hauptrolle. Es ist ein Science-Fiction Film ohne Franchiseoption, voller intellektueller Konzepte. Sobald ich schließlich auf linguistischen Relativismus zu sprechen kam, wurden ihre Augen stumpf. Es hieß dann nur noch: 'Geben Sie uns das Glas Wasser zurück und verschwinden Sie.'“
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Als das kleine Independent Label 21 Laps zumindest Interesse bekundet und sich bemüht, größere Studios zu überzeugen, geht Heisserer aufs Ganze. Ohne Garantie, es los zu werden, will er das Script zu Ende schreiben. Doch dafür braucht er die Erlaubnis von Ted Chiang. „Das war ein nervenaufreibender Pitch für mich. Und ich hatte einige furchtbare Pitches. Ich hatte einen, bei dem der Produzent während meiner Präsentation auf Klo ging um zu pinkeln und mir sagte: 'Reden Sie ruhig weiter, ich kann Sie hören'. Aber hier war ich echt nervös, mein Projekt über Lautsprecher einem Mann zu präsentieren, dessen Arbeit ich vergöttere, während ich verzweifelt versuche ihm klarzumachen, dass ich so respektvoll wie möglich mit seinem Stoff umgehen würde, auch wenn ich einige ziemlich große Änderungen machen müsste, damit er als Film funktioniert.“
Heisserer macht aus Chiangs intimer, intellektueller Novelle eine „Rettet den Planeten“-Geschichte, inklusive einem in der Vorlage nicht vorkommenen Wettlauf gegen die Zeit.

Schließlich landet das Script auf Villeneuves Schreibtisch. Er trifft sich einige Male mit Heisserer, bevor er für das Projekt zusagt, das ihm immer besser gefällt. Als es gelingt, mit Amy Adams, Heisserers Wunschbesetzung, einen zugkräftigen Namen auf die Castingliste zu bekommen, steigt auch Paramount als Geldgeber ein, und das Projekt gewinnt an Fahrt. Nachdem Mitte 2015 auch Jeremy Renner und Forest Whitaker als Akteure feststehen, erhält der Film grünes Licht und geht in die Produktion.

Die Metaebene 


Die Filme von Denis Villeneuve geben dem Kinogänger stets die Chance, sie in mehrfacher Hinsicht zu deuten. Am eindrucksvollsten gelingt ihm das in ENEMY, doch auch ARRIVAL bietet vielerlei Deutungsmöglichkeiten.
Auf einige der Punkte haben wir oben bereits hingewiesen.
Doch gerade in der heutigen Zeit der Unruhen und der Angst vor dem Fremden bietet der Film auch genau jene Metaebene zur Deutung an. Das Fremde, das uns in Angst versetzt, die Sprache, die wir nicht verstehen und vor allem das andersartige Denken, das mit der fremden Sprache verbunden scheint; all das lässt uns angstvoll zurückweichen oder, viel zu oft, aggressiv nach vorne stürmen.
Was aber wäre, wenn wir neugierig bleiben? Uns erst ein Urteil über das Fremde erlauben, wenn wir es besser kennengelernt haben? Es besser einschätzen können? Was wäre, wenn wir frei von Vorurteilen agieren? Wenn wir uns der fremden Sprache widmen, um die fremden Gedanken dahinter zu unseren zu machen, statt mit unserer eigenen Sprache, ohne fundiertes Wissen, unsere Urteile über das Fremde im Raum stehen zu lassen? Wenn wir nicht sofort Rückschlüsse ziehen, und uns damit der Gefahr aussetzen, eine Situation heraufzubeschwören, die nicht nur potentiell, sondern ganz wirklich bedrohlich und zerstörend gleichermaßen ist?

Zusammenarbeit. Verständigung. Die Aneignung uns fremder Gedanken. Erst dadurch wird es möglich, Lösungen zu entwickeln und alternative Handlungswege auszuprobieren, die nicht einem einzelnen Staat, nicht einem einzelnen Sprachbereich zugute kommen, sondern allen.
Miteinander statt gegeneinander.
Verständnisvoll statt vorverurteilend.

In der Form, wie ARRIVAL diese Botschaft präsentiert, liegt ihm auch auch eine zutiefst utopische Weltvorstellung zugrunde.
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