27.11.16

Weiße Weihnachten (USA 1954) – Die Geschichte eines Songs

In unsere Reihe „Die bekanntesten und beliebtesten Weihnachtsklassiker der Filmgeschichte“, die wir 2014 begonnen haben, gliedert sich WEIßE WEIHNACHTEN nur widerwillig ein. Ist der Film in Amerika ein absoluter Weihnachtsklassiker, fristet er bei uns ein nur mittelmäßig rühmliches Dasein. Dennoch wird er jedes Jahr mindestens ein Mal über die Feiertage ausgestrahlt und genießt besonders wegen eines Details die Zuneigung einer stattlichen Fangemeinde: Das Lied „White Christmas“, gesungen von Bing Crosby, ist der wohl berühmteste Weihnachtsohrwurm. Er findet sich auf jeder Best-Of-Weihnachtslieder-Kompilation und spült den Film in die Annalen des klassischen Weihnachtsfilms.
Was kaum jemand weiß: Das Lied ist weit älter und berühmter als der Film dazu.
Quelle: DVD „Weiße Weihnachten“ © Paramount Pictures

Biancas Blick:
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Der Film WEIßE WEIHNACHTEN hat von Natur aus nicht viele Pfunde, mit denen er wuchern kann, und am allerwenigsten die Handlung, die, im Gegensatz zu anderen Weihnachtsklassikern, nun wirklich nicht vor Kreativität oder Finesse sprüht, und sich stattdessen hemmungslos dem Kitsch hingibt. 

Worum es geht, ist schnell vergessen


Während des Zweiten Weltkriegs sind die Sänger Bob und Phil in Europa stationiert und treten vor ihrer Kompanie auf. Bereits zu Beginn des Films hat der Song „White Christmas“ seine erste musikalische Einspielung. Nach dem Krieg spielen Bob und Phil am Broadway. Die Umstände wollen es, dass sie zwei ebenfalls singende Schwestern, Judy und Betty, kennenlernen und ihnen aus einer argen Misere helfen. Nach weiteren Verwicklungen und Missverständnissen kommt es schlussendlich zu einem Happy End bei weißer Weihnacht, und Bob und Betty, sowie Phil und Judy finden sich doch noch als glückliche Paare zusammen.

Wem der Handlungsbogen arg zusammengefasst wirkt, dem sei versichert, dass sich nicht viel mehr dahinter verbirgt. Die Geschichte ist tatsächlich so trivial, vorhersehbar und schrecklich kitschig, wie es sich anhört. Betrachtet man aber die Zeit, in der der Film spielt und in welcher er seine Premiere feiert, erkennt man, wie sehr es dem Publikum nach den Schrecken des Zweiten Weltkriegs nach Frieden und Harmonie gedürstet hat. Leichte Geschichten, in denen die Alltagsdramen mundgerecht verpackt und mit möglichst eingängiger Musik untermalt werden, stehen an der Tagesordnung des amerikanischen Kinos der frühen 50er Jahre. WEIßE WEIHNACHTEN passt perfekt in diese Formel: bunt, kitschig und mit gutem Ende versehen, besonders zur Weihnachtszeit. Ein klassischer Revuefilm mit dem damals größten Star: Bing Crosby. 

Und wer war alles dabei?


Regie führt Michael Curtiz, der mit dem Spionage-Drama CASABLANCA Filmgeschichte schreibt. Curtiz inszeniert schon vor WEIßE WEIHNACHTEN eine imposante Mischung musikalischer Filme wie ZAUBERNÄCHTE IN RIO, MEIN TRAUM BIST DU, DER JAZZTROMPETER und JAZZ SINGER. Er arbeitet in seiner Karriere mit Musikgrößen wie John Carson, Bing Crosby, Doris Day und Elvis Presley zusammen, die ihm alle ein gutes Händchen für Timing und Setting in diesem Genre bescheinigen, und – wie Doris Day – mehrfach mit ihm zusammenarbeiten.
Quelle: DVD „Weiße Weihnachten“ © Paramount Pictures
Unbedingt erwähnenswert ist unter dem Darstellerstab Rosemary Clooney, die Betty spielt. Clooney (ja, sie ist die Tante des beliebten George) ist ebenfalls eine äußerst bekannte Jazz-Sängerin der 40er und 50er Jahre. WEIßE WEIHNACHTEN ist ihr vierter Film und einer ihrer bekanntesten. Im Gegensatz zu vielen Filmen der damaligen Zeit, und selbst heute noch, ist die Schauspielerin tatsächlich mal sieben Jahre jünger als die von ihr gespielte Figur. Der Song „I Wish I Was Back in the Army“, den sie mit Danny Kay, Bing Crosby und Vera-Ellen singt, beweist Evergreenqualitäten. Clooney und Crosby verbindet nach WEIßE WEIHNACHTEN eine enge Freundschaft. So steht er ihr zur Seite, als sie – nach Drogen- und Alkoholproblemen – 1976 ein fulminantes Bühnencomeback feiert. Sie nimmt bis zu ihrem Tod 2002 insgesamt 25 Alben auf und platziert sechs Songs in den Top Ten.

Danny Kaye, der Bob spielt, zählt in den 40er und 50er Jahren zu Amerikas bekanntesten Komikern. So wird er in seinen 33 Kinoauftritten zumeist als Tolpatsch eingesetzt. Seine berühmteste Rolle bleibt DER HOFNARR in dem 1956 erschienenen gleichnamigen Film. Anders als Crosby, Clooney und Vera-Ellen besitzt Kaye kein so markantes Gesangsrepertoire. Seine Musicalauftritte in WEIßE WEIHNACHTEN sind allerdings fulminant.
Für seine Tätigkeit als Botschafter für das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen, UNICEF, erhält Kaye 1955 den Ehrenoscar. Mit Benefiz-Konzerten sammelt er über 10 Millionen Dollar und übernimmt die Organisation des Events, als UNICEF 1965 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wird.The Best Things Happen While You're Dancing“ an der Seite von Danny Kaye, sei hier unbedingt noch erwähnt.
Quelle: DVD „Weiße Weihnachten“ © Paramount Pictures
Vera-Ellen (ihr doppelter, verbundener Vorname, der ihr auch als Künstlername dient, entstammt einem Traum ihrer Mutter, der ihr vorhersagte, einmal ein Kind namens "Vera-Ellen" zu haben), die Judy spielt, ist das am wenigsten beschriebene Blatt der vier Hauptdarsteller. So tritt sie bis zu ihrem Tod 1981 in nur sechzehn Produktionen auf und nimmt ebenso viele musikalische Platten auf. Vom Schicksal gebeutelt – ihre Tochter stirbt 1957 an plötzlichem Kindstod – zieht sie sich sofort aus dem Showbusiness zurück. Doch ihr Duett in WEIßE WEIHNACHTEN, „

Die Geschichte eines Songs


Wenn wir schreiben, dass der Film besonders durch seinen Titelsong bekannt ist, dann ist das nur zum Teil wahr.
Sicherlich ist das Lied "White Christmas" die bekannteste Assoziation, die man mit dem Film verknüpft, aber das Lied wurde nicht für diesen Film geschrieben. Sondern für einen anderen.
1942 feiert der Film MUSIK, MUSIK Premiere (im Original HOLIDY INN und Namensgeber einer populären Hotelkette), ebenfalls mit Bing Crosby in der Hauptrolle. Fred Astaire mimt seinen Freund und Kollegen. Bereits in diesem Streifen singt Crosby das Lied „White Christmas“, das Irving Berlin 1940 komponiert, in jener legendären Szene am weihnachtlich geschmückten Kamin. Der Song wird 1943 mit dem Oscar für den besten Filmsong ausgezeichnet.
Bing Crosby und Marjorie Reynolds am weihnachtlich umrahmten Klavier in MUSIK, MUSIK, in dem "White Christmas" erstmals in die nostalgischen Herzen der Zuschauer geschmachtet wird.
Quelle: Blu Ray "Holiday Inn", © Universal Pictures Germany GmbH
Der Komponist Berlin ist Analphabet. Die Niederschrift seiner Werke überlässt er daher seinem Sekretär Helmy Kresa. Die 48 Takte, die „White Christmas“ beinhaltet, bringt dieser im Januar 1940 in Notenform. Der Komponist ist überzeugt, es handle sich „nicht nur um den besten Song, den ich jemals geschrieben habe, sondern es ist der beste Song, den jemals irgendjemand geschrieben hat.“ Als Berlin Bing Crosby den Song vorstellt, ist dieser sofort überzeugt, dass er ein Erfolg werden wird.
Der Film MUSIK, MUSIK, für den der Titel eingespielt wird, erweist sich als überaus erfolgreich und auch die Single „White Christmas“ erzielt hohe Verkaufszahlen. Nachdem er mit Crosby aufgenommen und im August 1942 veröffentlicht wird, avanciert er zum absoluten Verkaufsschlager. Allerdings erst ab Ende Oktober, da im August noch niemand ein Gefühl von Weißer Weihnacht hat. Am 20. November 1942 erklimmt das Lied die Spitze der US-Charts und thront dort ganze 10 Wochen lang!

Nachdem Bing Crosby das Lied 1946 auch in dem Film BLAU IST DER HIMMEL anstimmt und es einen erneuten Verkaufsschub einleitet, muss Crosby das Lied 1947 neu einspielen, da das Masterband durch die häufige Nutzung so stark beschädigt ist, dass es unbrauchbar wird. Ein weiteres Mal steigen die Verkaufszahlen durch die wieder in Bewegung gesetzte Werbetrommel.
Quelle: DVD „Weiße Weihnachten“ © Paramount Pictures
Sechs Jahre später reift bei pfiffigen Produzenten und Studiobossen schließlich die Idee, filmisch aus dem Song einen noch viel größeren Erfolg zu ziehen als 1942. Es ist ein leichtes, um den populären Titel eine ähnliche Geschichte wie 1942 zu stricken und so das berühmteste Weihnachtslied seiner Zeit erneut in die Kinos zu bringen. Wie offenherzig die Produzenten damit umgehen, dass der Film ein Marketingvehikel für das Lied wird (statt andersherum), zeigt sich am Cover. Denn statt, wie seinerzeit üblich, den Regisseur oder Produzent als übergeordneten Künstler zu erwähnen, prangt auf den Postern ganz offen der Titel "Irving Berlin's White Christmas".
Der Film wird – wie sollte es anders sein – ein sensationeller Erfolg und treibt die Verkaufszahlen von „White Christmas“ ein weiteres Mal auf die Spitze. 

„White Christmas“ gilt heute mit bis zu 125 Millionen verkauften Tonträgern (die Angaben schwanken ein wenig) weltweit als erfolgreichste (Weihnachts-)Single aller Zeiten und als einer der berühmtesten Filmsongs der Kinogeschichte. Nach Elton Johns „Candle in the Wind“ steht „White Christmas“ auf einem sicheren zweiten Platz der ewigen Bestenliste.
Frank Sinatra, Michael Bublé und Kelly Clarkson sind nur einige der Künstler, die den Song neu eingesungen haben. Sinatra, der das Lied 1948 herausbringt, trägt es 1957 noch einmal im Duett mit Bing Crosby in seiner Fernsehshow vor. Für Sinatra, der Crosby stets verehrt hat, ist das ein Höhepunkt in seinem künstlerischen Schaffen.

Ein Ausnahmetalent 


Natürlich kann man nicht über WHITE CHRISTMAS philosophieren, ohne auch über Bing Crosby zu schreiben, der mit Song und Film so eng verwoben ist.

Über Bing Crosbys Kindheit ist wenig bekannt. Er wird 1903 (oder 1904, die Quellen sind sich da nicht einig) in Washington geboren. Erste Anzeichen seiner Gesangskarriere erscheinen erst zur Zeit seines Jurastudiums, da Crosby sich die Studiengebühren mit Auftritten in Bars und Clubs verdient und nach eigener Aussage mehr Geld damit scheffelt, als alle ihm bekannten Juristen. Um diese Erfahrung reicher, konzentriert er sich nun ausschließlich auf seine Gesangskarriere.
Quelle: DVD „Weiße Weihnachten“ © Paramount Pictures
1930 gibt er in DER JAZZKÖNIG sein Filmdebüt mit dem populären Whiteman Orchestra. Von da an ist er ein gefragter Bühnendarsteller, Radio-Entertainer und Sänger mit stetig steigenden Verkaufszahlen.
Gesanglich nähert sich Crosby Louis Armstrong an, dem wohl bedeutendsten Instrumentalsolisten der 30er Jahre. Armstrong sagt über seinen Kollegen: „Bings Stimme hat eine Weichheit, die typisch für ihn ist. Sie ist wie Gold, das aus einem Kelch fließt.“ 
Bis 1935 perfektioniert Crosby seinen Stil und verinnerlicht die damaligen Jazz-Standards. Er avanciert zu einem der erfolgreichsten Sänger der 30er und 40er Jahre. Als er sein jugendliches Publikum zu verlieren droht, nimmt er Duette u.a. mit Frank Sinatra auf und spült sich so stets in die Erfolgsliga zurück.
Der Song „White Christmas“ bleibt aber bis heute sein erfolgreichstes Lied. Ähnlich nachhaltig – wenn auch nicht so gewinnbringend – ist der Titel „True Love“, den Crosby mit Grace Kelly für den Film DIE OBEREN ZEHNTAUSEND aufnimmt, der ebenfalls oscarnominiert wird und bis heute mehrfach gecovert wurde, u.a. von Elton John und Kiki Dee. Damit entwickelt sich der Titel zu Crosbys zweitem lukrativen Evergreen.

Erfolgreicher Sänger, Moderator und Entertainer – da ruft natürlich bald Hollywood und versucht aus dem Gesangstalent Kapital zu schlagen. Crosby selbst nimmt die Angebote nur allzu gern an, schließlich steigern sie Popularität und – bei Erfolg – auch den Marktwert.
So zählt Crosbys künstlerische Vita bis zu seinem Tod 103 Auftritte in Kino und Fernsehen, seine Songs werden in diversen Filmen und Serien bis heute 277 Mal genutzt, letztmalig in den TV-Serien BATES MOTEL und 12 MONKEYS.
Bing Crosby wird drei Mal als Bester Hauptdarsteller für einen Oscar nominiert: 1945 und 1946 für seine Rolle als Pater an der Seite von Ingrid Bergmann (die ebenfalls nominiert wird) in DER WEG ZUM GLÜCK und DIE GLOCKEN VON ST. MARIEN und 1955 für seine Rolle eines Alkoholikers in EIN MÄDCHEN VOM LANDE (für ihre Rolle als verzweifelte, den Ehemann deckende Frau bekommt Grace Kelly ihren einzigen Oscar). Bereits seine erste Nominierung beschert ihm 1945 den begehrten Filmpreis.
Quelle: DVD „Weiße Weihnachten“ © Paramount Pictures
Auf dem „Walk Of Fame“ zieren drei Sterne den Erfolgsweg Crosbys: einer für seine Verdienste beim Radio, einer für seine Leistung als Sänger und einer für den Schauspieler Bing Crosby

Privat sieht es düster aus in Crosbys Leben und dem seines Familienclans. Beide Ehen werden geschieden, sein Sohn Gary aus erster Ehe beschreibt seinen Vater in seiner Biografie, die bis heute sehr umstritten ist, als „tyrannisch“ und „autokratisch“. Sein Sohn Lindsay begeht, nachdem das Erbe durchgebracht ist, und er nie mit dem emotionalen Missbrauch seines Vaters und seiner Alkoholsucht umgehen konnte, 1989 Selbstmord. Sein Bruder Dennis verwindet das nie, und beendet sein Leben 1991 ebenfalls. Bing Crosby erlebt das jedoch nicht mehr. Eine seiner Affären nach dem Tod seiner ersten Frau wird später seine Schwiegertochter, als sie Gary heiratet.
Seine Enkeltochter Denise Crosby (die Tochter von Dennis Crosby) ist dem heutigen Publikum als Schauspielerin wohl noch am vertrautesten. Ihre bekannteste Rolle als Tasha Yar in RAUMSCHIFF ENTERPRISE – DIE NÄCHSTE GENERATION gibt sie aufgrund mangelnder Entfaltungsmöglichkeiten früh ab, ist aber bis heute immer wieder in populären Serien und als Teil des STAR TREK Universums zu sehen.

1977 stirbt Bing Crosby nach einer Runde Golf an Herzversagen.
Crosby gilt bis heute als einer der bedeutendsten und prägendsten Künstler und Entertainer unserer Zeit. Er beeinflusst während seiner Schaffensperiode Kollegen wie Frank Sinatra und Dean Martin. 396 seiner eingesungenen Titel landen in den Hitparaden, und 38 davon werden Nummer-Eins-Hits.

Auch wenn WEIßE WEIHNACHTEN kein filmischer Weihnachtsklassiker ist, so steht er doch stellvertretend für einen der größten Künstler und eines der populärsten (und, ja, auch besten) Weihnachtslieder, die die besinnlichste Zeit des Jahres für uns so magisch machen.
Quelle: DVD „Weiße Weihnachten“ © Paramount Pictures

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