20.12.15

Kevin – Allein zu Haus (USA 1990)

Es ist Weihnachten. Das Haus steht leer und ruhig – bis auf den kleinen Jungen, der sich gewünscht hat, dass seine Familie verschwindet. Und bis auf die beiden zwielichtigen Gestalten, die versuchen, einzubrechen. Doch die Feuchten Banditen haben nicht mit der Beharrlichkeit und dem Einfallsreichtum von Kevin gerechnet! Fertig ist der Riesenspaß für die ganze Familie.
© Twentieth Century Fox
Jetzt auf DVD und Blu-Ray
Marcos Blick:

Es ist die Zeit des Jahres, in der Brutalität, Schmerzen und vereinsamte Kinder gefeiert werden. Zumindest wenn man den enormen Erfolg von KEVIN – ALLEIN ZU HAUS als Maßstab nimmt. Die Weihnachtskomödie, an die viele Beteiligte nicht so richtig glauben, walzt sich mit der Kraft einer Naturkatastrophe nicht nur durch die Weihnachtszeit, sondern bis in den kommenden Sommer hinein. Und in die Geschichts- und Rekordbücher und die Herzen von Kindern und Zuschauern auf aller Welt.

Briefschlitz und Reisefieber


Beginnen tut KEVIN – ALLEIN ZU HAUS mit Freundschaft und Reiseangst. Mit zwei Freundschaften sogar. Auf der einen Seite stehen ein Filmemacher und der Komiker, der von ihm gefördert wird, wo immer es geht. John Hughes, der als Autor der Witzzeitung „National Lampoon“ bekannt geworden ist, beginnt Anfang der Achtzigerjahre, Filme zu drehen, und entdeckt dabei schnell eines jener großen Comedytalente, denen man nur selten über den Weg läuft. Er besetzt John Candy – der zu jener kanadischen Comedytruppe gehört, die dank Dan Aykroyd und Co. auch in SATURDAY NIGHT LIVE Fuß gefasst hat – in einer kleinen Rolle in DIE SCHRILLEN VIER AUF ACHSE. Da er das komödiantische Talent des übergewichtigen Stars erkennt, baut er in den Achtzigern voll darauf. Auch wenn Candys Rollen ohnehin immer größer werden, und er einzelne Filme bereits tragen darf, bietet Hughes ihm in TICKET FÜR ZWEI seine erste wirklich bedeutende Hauptrolle – als kongenialer Partner für Steve Martin, der zwar zu jener Zeit der größere Star ist, hinter Candys Rolle allerdings deutlich zurückstecken muss.

1989 schließlich schreibt und inszeniert Hughes den komplett auf John Candy zugeschnittenen Streifen ALLEIN MIT ONKEL BUCK, in dem der etwas verschnodderte Lebemann Buck auf die Kinder seines verspießten Bruders aufpassen soll.
In der Rolle eines der Kinder: der damals neunjährige Macaulay Culkin, der schon einige kleinere Film und Fernsehauftritte hatte.
© Twentieth Century Fox
John Hughes ist von dem Jungen so begeistert, dass er unbedingt wieder mit ihm arbeiten will. Und ALLEIN MIT ONKEL BUCK verschafft ihm auch schon die passende Story: eine besonders witzige Szene handelt davon, wie Culkins Figur durch den Briefschlitz die angereiste Babysitterin verhört. Für Hughes der Zündfunke zu einem Weihnachtsfilm der ganz besonderen Art, dem jedoch noch eine weitere Zutat fehlt. Die findet Hughes bei einem Familienausflug 1989, als er sich während der Fahrt plötzlich fragt, was wohl wäre, wenn sie eines der Kinder zu Hause vergessen hätten ... Und was wohl wäre, wenn dieser spritzige Junge aus seinem letzten Film sich ganz allein gegen ein paar rabiate Einbrecher wehren müsste?

Stooges, Kojoten und schwierige Chevys


Zwei Wochen später endet der Urlaub und Hughes macht sich sofort daran, sein Script für KEVIN – ALLEIN ZU HAUS nieder zu schreiben (der Originaltitel konzentriert sich auf ein schlichtes HOME ALONE). Und er schreibt es Macaulay Culkin direkt auf den Leib.
Als Grundlage dienen ihm dafür vor allem die populären Kurzfilme der DREI STOOGES  aus seiner Kindheit – eine in Deutschland kaum bekannte Komikertruppe, deren Humor sich vor allem aus sehr körperlichem, oftmals brutal anmutenden Slapstickeinlagen speist. Als weitere Grundlage dürften Hughes die Cartoons der Looney Tunes dienen, zumindest haftet KEVIN – ALLEIN ZU HAUS eine Menge von dem an, was Bugs Bunny und vor allem die Jagd des Kojoten auf den Road Runner auszeichnet. Kurz: Hughes schreibt eine Weihnachtskomödie für Kinder, voller brutalem Slapstick und Zeichentrick-Humor.
© Twentieth Century Fox
Noch während der Entstehungsphase kommt es allerdings zu einer unerwarteten Wendung. Hughes arbeitet parallel an seiner Weihnachtskomödie SCHÖNE BESCHERUNG, die er auf Wunsch des Studios Chevy Chase auf den Leib geschrieben hat. Die Regie dafür soll an Chris Columbus gehen, mit dem hughes unbedingt einmal arbeiten will. Columbus hat sich vor allem als Autor von GREMLINS – KLEINE MONSTER, DIE GOONIES und DAS GEHEIMNIS DES VEBORGENEN TEMPELS einen Namen gemacht und gerade mit DIE NACHT DER ABENTEUER und dem heute wenig bekannten HEARTBREAK HOTEL seine ersten Regiearbeiten hingelegt. Allerdings merkt er schnell, dass er mit Chevy Chase nicht wird arbeiten können, und so wirft er die Regie an SCHÖNE BESCHERUNG  schnell wieder hin.
Hughes bietet ihm daraufhin einige geplante Projekte an – und Columbus entscheidet sich augenblicklich für KEVIN – ALLEIN ZU HAUS.

Mafiosi, Geister und Eltern


Mit der Entscheidung stehen allerdings auch ein paar Veränderungen an. Eine der weniger großen besteht darin, dass Columbus das Script umschreibt. Hughes hat eine reine Haudraufkomödie im Stil der DREI STOOGES verfasst. In Columbus' Augen fehlt der Story das für einen Weihnachtsfilm so wichtige Herz. Columbus muss es wissen, immerhin ist das einer der Hauptgründe dafür, dass GREMLINS seinerzeit so gut funktioniert.
Columbus' Hauptbeitrag zum Drehbuch liegt in der Figur des Nachbarn, Mr. Marley (benannt nach dem Geist aus Charles Dickens Weihnachtsgeschichte), der zunächst als vermeintlicher Gruselnachbar wahrgenommen wird, sich am Ende des Films jedoch als herzensguter alter Mann erweist, der Kevin die Bedeutung von Familie und Zusammenhalt an Weihnachten vermittelt.
© Twentieth Century Fox
Columbus' zweite, und deutlich schwerwiegendere Entscheidung besteht darin, dass er Macaulay Culkin nicht als Hautpdarsteller übernehmen will.
Zum einen hat er im Gegensatz zu Hughes natürlich noch nicht mit dem Jungen gearbeitet, doch vor allem lehnt er den Jungen aus politischen Gründen ab: Da er das Projekt von Hughes übernommen hat, will er sich auch künstlerisch emanzipieren. Columbus befürchtet, in Hollywood als leicht zu beeinflussender Ja-Sager zu gelten, wenn er sich alles von Hughes diktieren lässt.
Also veranstaltet er ein großes Casting und lässt Hunderte Jungen für die Rolle des Kevin McCallister vorsprechen. Am Ende jedoch muss er reumütig zugeben, dass niemand die Rolle des kleinen Kevins so gut spielt wie Culkin. Also castet er den Jungen.

Auch wenn der junge Macaulay Culkin den Film zu dem macht was er ist (und dafür eine Golden Globe Nominierung erhält!), spürt man Chris Columbus später eine gewisse Reue an. In jedem Fall gibt er zu, etwas Wichtiges gelernt zu haben, darüber, was es bedeutet, einen Kinderstar zu casten: „Es bedeutet, auch die Familie des Kindes zu casten. Und in Macaulays Fall zeigte sich, dass er ein Junge aus einer sehr probembeladenen Familie war.“ Tatsächlich ranken sich etliche Geschichten um Culkins Eltern. Nur wenige davon sind gut. Viele handeln von Erfolgsdruck, von Einmischungen und Forderungen am Set, von dem Wunsch nach mehr Ruhm und Reichtum, und sie gipfeln in einem langen, schmutzigen öffentlichen Rechtsstreit zwischen den nie verheirateten Eltern, die sich 1995 um das Vermögen ihres Sohnes zanken.
Für Columbus scheinen sich Macaulays Eltern als warnende Erinnerung präsentiert zu haben, und vermutlich ist dieses familiäre Umfeld später mitverantwortlich für Macaulays Absturz. Zumindest ist es wohl kein Zufall, dass der riesige Rechtsstreit mit der zehnjährigen Arbeitspause von Culkin zusammenfällt.

Der Rest des Castings erweist sich ebenfalls als nicht so einfach. Für die Rolle von Kevins Mutter werden zahllose berühmte Kandidatinnen erwogen und verworfen, bevor die ebenfalls kanadische Komikerin Catherine O'Hara verpflichtet wird. Die verbindet seither eine lebenslange Freundschaft mit Macaulay Culkin der sie noch heute „Mom“ nennt.
© Twentieth Century Fox
Für die Feuchten Banditen steht recht schnell Daniel Stern als Marv fest – der Schauspieler ist seinerzeit nicht unbedingt als Komiker bekannt, im Grunde ist er generell kaum bekannt, höchstens aus kleineren, seriösen Rollen. Am ehesten kennt man seine Stimme – denn seine damals größte Rolle ist die der erwachsenen Off-Stimme des jungen Kevin Arnold in der Serie WUNDERBARE JAHRE. Erst als er in KEVIN – ALLEIN ZU HAUS sein Slapsticktalent beweist, entwickelt er sich in den Neunzigern zu einem gefragten Komiker.

Für Marvs etwas granteligeren Partner Harry Lime (benannt nach der Figur aus DER DRITTE MANN) sucht man ein wenig länger die passende Besetzung. Unter anderem werden Jon Lovitz, Danny DeVito und vor allem Robert De Niro für die Figur angefragt, die aber alle ablehnen. Am Ende geht sie ausgerechnet an Joe Pesci. Der erweist sich zwar als Glücksgriff für den Film, aber auch als ungewöhnliche Wahl. Pesci gilt im wahren Leben zwar als unterhaltsamer Umgang, aber auch als harter Hund. Der New Yorker steht dazu, Verbindungen zur Mafia zu haben, wodurch er besonders in Gangsterfilmen immer wieder zu sehen ist. Im selben Jahr wie KEVIN – ALLEIN ZU HAUS legt er in GOODFELLAS eine der furchteinflößendsten Darbietungen aller Zeiten hin. Sein berühmt berüchtigter „You think I'm funny?“ Auftritt ist schon damals legendär und sorgt für Gänsehaut (vermutlich, weil er die Szene gar nicht spielt, sondern sich gibt wie er ist), und auf Wunsch der Crew muss er sie am Set von KEVIN – ALLEIN ZU HAUS einige Male aufführen.

Pesci bemüht sich jedoch auch um eine glaubhafte Atmosphäre – als Ergebnis hält er sich von dem jungen Macaulay Culkin fern oder ist besonders schroff zu ihm – der Junge soll Angst vor ihm haben. Wie weit das geht, zeigt sich in einer Probe: Als es an die Szene geht, in der Kevin am Kleiderhaken hängt und Pesci ihm droht, ihm die Finger abzubeißen, beißt er wirklich zu – und hinterlässt eine Narbe.
© Twentieth Century Fox
Außerdem scheint er immer wieder zu vergessen, dass er einen Familienfilm dreht und untermalt, wie es nunmal seine Art ist, seine ausufernden Fluchereien mit einem „Fuck“ nach dem nächsten, bis Chris Columbus ihm vorschlägt, einfach das Wort „Fridge“ zu verwenden.
Mit der sauberen Sprache hat aber auch Daniel Stern Probleme, dem ein auf der DVD gut hörbares „Shit“ herausrutscht, als er sich mit dem Fuß aus der Hundetür befreit.

Dreckige Seelen, stumme Schreie, Alpträume und der King of Rock 'n' Roll


Es hat Tradition, dass Hughes' Filme in den Vororten von Chicago spielen, und KEVIN – ALLEIN ZU HAUS macht da keine Ausnahme. Einige der Originalszenen, vor allem die Außenansicht des Hauses, dessen Küche und der Flur werden in einem kleinen Haus in Winnetka gedreht. Die damaligen Hausbesitzer waren dabei bereits gut mit John Hughes' Location Scout bekannt. Der hatte das Paar schon in deren alter Behausung aufgesucht, um dort ALLEIN MIT ONKEL BUCK zu drehen. Sie lehnten jedoch ab, da sie gerade dabei waren, das Haus zu verkaufen und es nicht vom Markt nehmen wollten. Frisch ins Kevin-Haus umgezogen, fragte man sie erneut, diesmal wegen der Dreharbeiten zu SCHÖNE BESCHERUNG. Aufgrund der Renovierungsarbeiten mussten sie erneut absagen. Erst als man für KEVIN – ALLEIN ZU HAUS erneut anfragte, konnte man zusammenarbeiten.

Die meisten der anderen Zimmer wurden hingegen im Studio nachgebaut (übrigens: Auch wenn Kevin allein zu Haus ist, sieht man ihn nie in seinem eigenen Zimmer!), andere am Flughafen von Chicago und in einer alten Highschool.

Das Foto der „hässlichen“ Freundin von Kevins Bruder Buzz ist übrigens ein Junge (vermutlich der Sohn des Ausstatters), der als Mädchen verkleidet ist. Columbus möchte diese unangenehme und äußerst demütigende Szene keinem echten Mädchen zumuten.

Daniel Stern stellt sich außerdem extrem quer, sich eine Tarantel aufs Gesicht setzen zu lassen. Schließlich willigt er ein – für exakt einen Take! Den Schrei, den er dabei ausstößt, darf er nur spielen. Würde er wirklich so laut schreien, würde er die Tarantel zu Tode erschrecken, so wird der Ton später nachsynchronisiert.
© Twentieth Century Fox
Ein weiteres Markenzeichen von Chris Columbus findet sich in der Verwendung von IST DAS LEBEN NICHT SCHÖN?, den Kevins Eltern in Frankreich auf französisch schauen. Der Weihnachtsklassiker läuft immer wieder in Columbus' Filmen, so etwa auch in GREMLINS und in KEVIN – ALLEIN IN NEW YORK, dort allerdings auf Spanisch. Auch die Szenen aus WIE DER GRINCH WEIHNACHTEN GESTOHLEN HAT sind echt.
Eigens für den Film produziert sind hingegen die für die Handlung so wichtigen Szenen aus dem Film „Angels with Filthy Souls“, den Kevin guckt. In Zeiten vor dem Internet führt das zu einigen verzweifelten Szenen in örtlichen Videotheken, da unzählige Fans den vermeintlichen Schwarzweiß-Klassiker gucken wollen.
Der Titel und die „Handlung“ sind allerdings an den James Cagney Klassiker ANGELS WITH DIRTY FACES (Deutsch: CHICAGO – ENGEL MIT SCHMUTZIGEN GESICHERN) angelehnt.

Andere Szenen können gar nicht erst realisiert werden. So fertigt Columbus Storyboards für eine umfassende Traumsequenz an, in welcher der Ofen der McCallisters lebendig wird und Kevin durchs Haus jagt, ebenso wie einige diabolische Nussknackerfiguren. Am Ende hätte die Szene jedoch eine Million gekostet (bei einem Gesamtbudget von gut 15 Millionen unvertretbar) und wäre viel zu aufwendig geworden. So belässt man es dabei, den Ofen mit Angelschnüren und Taschenlampen für eine kurze Gruselsequenz lebendig wirken zu lassen.

Natürlich hat auch John Candy einen Auftritt – wenn auch nur einen kurzen – als Reisender Polkaspieler am Flughafen. Die Rolle ist sehr eng an seine Figur aus EIN TICKET FÜR ZWEI angelehnt, und er dreht die Szenen an einem einzigen, 23-stündigen Drehtag (Catherine O'Hara muss dementsprechend ebenso lange arbeiten). Das erstaunliche dabei: beinahe der gesamte Text von John Candy, vor allem sein Monolog über den Jungen, der bei einer Beerdigung mit der Leiche eingesperrt wird, ist improvisiert – und zeigt wieder, welch großes Talent mit dem Komiker verloren ging.
© Twentieth Century Fox
In derselben Szene findet sich übrigens das Objekt einer skurrilen Verschwörungstheorie: Unter Gläubigen, die davon überzeugt sind, dass Elvis Presley seinen Tod nur vorgetäuscht hat, verbreitet sich schnell die Kunde, dass er als Statist zu sehen sei. Tatsächlich steht in de Flughafenszene, in der Kevins Mutter einen Ticketangestellten zusammenstaucht, ein bärtiger Mann hinter ihr – doch selbst wenn Elvis zu diesem Zeitpunkt nicht bereits seit dreizehn Jahren Tod gewesen wäre, hätte dieser Statist keinerlei Ähnlichkeit mit dem damals fast 60-jährigen Star gehabt.

Wobei auch Macaulay Culkin durchaus in der Lage ist, zu improvisieren: Sein berühmter Spruch auf der Treppe: „You guys give up? Or are you thirsty for more?“ ist ebenfalls aus dem Stegreif eingeworfen.
Etwa an dieser Stelle des Films zeigt sich allmählich die Überlegenheit des kleinen Jungen. Dass diese so gut beim Zuschauer ankommt, liegt aber auch an einem simplen aber effektiven Kameratrick. Dieser besteht darin, dass Kevin zu Beginn des Films vornehmlich von oben gefilmt wird – wodurch er kleiner und verletzlicher wirkt. Erst zum Ende hin wird er zunehmend von unten aufgenommen, so dass er größer und mächtiger wirkt. Das Ergebnis ist erstaunlich und sorgt dafür, dass Kevin zum Helden und Vorbild einer ganzen Generation von Kindern avanciert, die nur darauf warten, dass jemand in ihr Haus einzubrechen versucht. (Kleines Funfact: Der französische Film DEADLY GAMES greift diese Thematik schon 1989 auf. Hier kämpft ein kleiner Junge mit seinen Spielzeugen gegen einen als Weihnachtsmann verkleideten Killer, der in sein Haus einsteigt und neben dem Jungen auch dessen blinden Opa bedroht. Der Streifen ist deutlich weniger familienfreundlich als KEVIN – ALLEIN ZU HAUS und bisher nie auf DVD erschienen, aber lohnenswert. Ob und inwiefern er John Hughes inspiriert haben mag, war jedoch nicht herauszufinden.)

Eine der fiesesten Fallen, in welche Einbrecher Harry tappt, ist vermutlich der glühend heiße Türgriff, der ihm ein fettes „M“ in die Handfläche brennt. Auch wenn Filmfans immer wieder meinen, darin eine Hommage an eine ähnliche Szene in JÄGER DES VERLORENEN SCHATZES zu erkennen, stammt die Inspiration dafür in Wirklichkeit von einem Poster für Fritz Langs Meisterwerk M – EINE STADT SUCHT EINEN MÖRDER.
Im Netz gibt es übrigens einige Untersuchungen darüber, wie die beiden Einbrecher die vielen Verletzungen (es sollen 85 sein!) wohl in der Realität weggesteckt hätten. Zur Information: beide wären höchstwahrscheinlich einfach Tod und im besten Fall schwerst verstümmelt und auf etliche Transplantationen angewiesen!
© Twentieth Century Fox
Dass die Farbpalette des Films sich so stark auf die Kontraste Rot und Grün konzentriert, ist übrigens ebenfalls Chris Columbus geschuldet. Der will damit die weihnachtliche Atmosphäre des Films verstärken.
Ähnliches gelingt auch Komponist John Williams, der mit seinem eigens geschriebenen Stück „Somewhere In My Memory“ einen echten Weihnachtsklassiker schafft, der dem Film ein gutes Stück seiner Feiertagsstimmung verleiht. Der Track wird auch in der Fortsetzung KEVIN – ALLEIN IN NEW YORK verwendet, auf dessen Soundtrack sich auch die Fassung findet, in der Bette Midler den Text singt.

Das unerwartete Monster


An einen echten Erfolg glauben damals übrigens nur wenige. Die meisten gehen davon aus, einen kleinen Nischenfilm ohne viel Publikum zu drehen. John Heard etwa, der Kevins Vater spielt. Als er seine erste Szene für die Fortsetzung KEVIN – ALLEIN IN NEW YORK dreht, nutzt er die Gelegenheit, und spricht Regisseur Chris Columbus eine offizielle Entschuldigung und ein Eingeständnis, sich geirrt zu haben, in die Kamera. Der Regisseur bewahrt diese Aufnahme bis heute auf.

Auch Joe Pesci und Daniel Stern glauben nicht an einen Erfolg. Die beiden sind sogar so überzeugt davon, dass der Film floppen wird, dass sie mit Absicht in ihrem Spiel übertreiben. Ob gerade dieses Overacting am Ende ein Aspekt ist, der zum Erfolg des Filmes beiträgt, sei dahingestellt. In jedem Fall ist es enorm unterhaltsam anzuschauen. Und vielleicht ist das auch der Grund dafür, dass Joe Pesci sich gar nicht erst die Mühe macht, während der Dreharbeiten seinen Ehering abzunehmen, wodurch es immer so aussieht, als wäre Einbrecher Harry verheiratet – was irgendwie nur schwer zur Figur passen würde.

Auch die Kritiker sind eher zurückhaltend. Einen Film wie KEVIN – ALLEIN ZU HAUS gab es noch nicht, und er stößt nur selten auf freundliche Geister. Die meisten beklagen die unsinnige und überkonstruierte Handlung, die lange Einleitung, die Logiklöcher, den fehlenden Realismus und tatsächlich die grobe Gewalt. Roger Ebert erklärt gewohnt süffisant, dass der junge Kevin den Einbrechern genau die Fallen stellen würde, die jeder 8-Jährige aufbauen würde, der über ein Budget von zehntausenden von Dollar und die Special Effects Crew eines Kinofilms verfügt.
© Twentieth Century Fox
Doch am Ende zeigt sich wieder, dass ein Film eben nicht den Kritikern gefallen muss, sondern den Zuschauern. Und die sorgen dafür, dass KEVIN – ALLEIN ZU HAUS zu einer beispiellosen Naturgewalt wird.

KEVIN – ALLEIN ZU HAUS startet am 16. November 1990 in den amerikanischen Kinos, mit der Hoffnung, sein Budget von 17 Millionen möglichst bis Weihnachten einzuspielen.
Doch dieses Ziel erreicht er bereits am ersten Wochenende. Und er holt gerade erst Schwung. Weihnachten hin oder her – die Leute rennen ins Kino, weil die Kinder sich scheckig lachen, die Erwachsenen den kleinen Jungen lieben, und die ganze Familie sich an einem familienfreien Familienfilm erfreuen kann. KEVIN – ALLEIN ZU HAUS wird ein völlig unerwarteter Supererfolg. 12 Wochen lang steht er in den USA auf Platz 1, bis in den Februar hinein. Bis Ende April – und damit lange nach Ostern – hält sich der Weihnachtsfilm in den Top Ten der Kinocharts. Doch er läuft und läuft, länger als neun Monate ist er in den amerikanischen Kinos.

Dieser unerwartete, so noch nie erlebte Erfolg, dem sich selbst hochgezüchtete Blockbuster nicht entgegenstellen können, gebärt sogar ein Verb in Hollywoods Produktionsetagen: „Home Aloned werden“ bezeichnet den Vorgang, wenn der eigene, auf Erfolg getrimmte Blockbuster sich einem kleinen, unerwartet erfolgreichen Film geschlagen geben muss.
Trotz seines späten Starts Mitte November und seiner Weihnachtsthematik wird KEVIN – ALLEIN ZU HAUS der erfolgreichste Film 1990. In den USA allein spielt er 285 Millionen Dollar ein, weltweit sind es über 533 Millionen Dollar, womit er die erfolgreichste Komödie aller Zeiten wird (erst 2009 durch HANGOVER II vom Thron gestoßen), und der dritterfolgreichste Film aller Zeiten nach STAR WARS und E.T. – DER AUßERIRDISCHE!
Die Welt ist im Kevin Fieber. Mit teilweise überraschenden Folgen! Stand der Name „Kevin“ 1990 etwa noch auf Platz 12 der beliebtesten Vornamen in Deutschland, schießt er 1991 direkt auf Platz 1! Übrigens: Auch wenn man heute oft glaubt, dass „Kevin“ ein in Deutschland besonders populärer Modename jener Zeit war, scheinen die Statistiken das gar nicht zu belegen. Zwar hält sich „Kevin“ die beiden folgenden Jahre auf Platz 6 und 5, rutscht dann jedoch schnell wieder aus den Top Ten.
Der wahre Trendname jener Zeit ist „Jan“, der sich von 1990 bis 1999 ganze acht Mal auf Platz 1 der Beliebtheitsskala findet, abgelöst nur 1991 durch „Kevin“ und 1996 durch den sonst immer auf Platz 2 liegenden „Lukas“!

Kevin – immer nur noch allein erfolgreich


Dafür beginnt der Trubel um den Film-Kevin. Macaulay Culkin wird über Nacht zum weltweiten Megastar – und schliddert mitten hinein in die fieseste Falle eines Kinderstars. Zunächst findet sich das halbe Team (Produzent Hughes, Regisseur Columbus, Catherine O'Hara und Macaulay Culkin) für eine weitere John Candy Komödie zusammen: MAMA, ICH UND WIR ZWEI floppt jedoch veritabel.
 Dafür darf Culkin, der sich zu Zeiten von KEVIN – ALLEIN ZU HAUS eng mit Michael Jackson angefreundet hat (und sich später immer wieder für seinen Freund ausspricht, als es um den Vorwurf des Kindesmissbrauchs ging) in seinem Video zu „Black or White“ auftreten – einem der ersten cineastischen Effektvideos der Neunziger.

Ein erster Versuch, sich vom Kevin-Image zu lösen scheitert. Das Nostalgiedrama MY GIRL – MEINE ERSTE LIEBE floppt trotz Starbesetzung, der tollen Newcomerin Anna Chlumsky sowie einer zu Tränen rührenden Szene von Culkin. Wenig überraschend findet man sich also in New York wieder, wo 1992 die Fortsetzung KEVIN – ALLEIN IN NEW YORK entsteht. Viele Kritiker werfen dem Film vor, ein derart plumper Abklatsch des ersten Teils zu sein, dass es eine Frechheit sei. Doch der erwartete Erfolg stellt sich trotzdem ein.
© Twentieth Century Fox
Culkin versucht einen erneuten Imagewechsel und spielt in DAS ZWEITE GESICHT an der Seite von Elijah Wood äußerst beeindruckend den jungen Bösewicht in einem der in den Neunzigern so populären Psychothriller. Damit erarbeitet er sich einen Achtungserfolg unter den Kritikern (und dreht einen seiner besten Filme!) – doch das Publikum will ihn offensichtlich nur als Kevin sehen. Und so folgen noch zwei weitere Kinderkomödien – der halb-Animationsfilm THE PAGEMASTER und die Realverfilmung der Zeichentrickserie RICHIE RICH. Beides sind keine Meisterwerke, ja, RICHIE RICH ist ein derart alberner Klamaukfilm, dass er den mittlerweile fast 14 jährigen Culkin deutlich unterfordert. Und beide Filme fallen beim Publikum durch.

Spätestens jetzt, 1994, sind Culkins familiäre und persönliche Probleme mit dem Ruhm und seinen Eltern nicht mehr zu übersehen. Er zieht sich zurück und verschwindet für wenigstens zehn Jahre völlig der Bildfläche. Erst Mitte der Zweitausender taucht er sporadisch immer wieder auf – als ehemaliger Kinderstar mit Drogenproblemen, als Musiker, und von Zeit zu Zeit sogar als Schauspieler. Vor allem aber als drängendes Negativbeispiel für einen Kinderstar, der von den eigenen Eltern überfordert, und vom Publikum nur in einer einzigen Rolle akzeptiert worden ist.

Das ist umso bedauerlicher, wenn man sich klar macht, dass in der Familie Culkin durchaus Talent schlummert. Vermutlich ebenfalls durch die Eltern angetrieben wagen nämlich auch Macaulays Geschwister den Weg vor die Leinwand. Neben Macaulays heißem Strohfeuer findet sich auch sein Bruder Rory Culkin immer wieder auf der Leinwand wieder, etwa in dem Gruselthriller SIGNS. Aktuell beweist allerdings wohl Bruder Kieran Culkin das größte Talent, denn neben einigen nennenswerten Independentperlen wie GOTTES WERK & TEUFELS BEITRAG oder SCOTT PILGRIM VS. THE WORLD konnte der zwei Jahre jüngere Bruder von Macaulay zuletzt eine Rolle in der gefeierten und herausragenden Serie FARGO ergattern. Dabei war ausgerechnet für ihn der Film KEVIN – ALLEIN ZU HAUS das Kinodebüt. Wer sich überzeugen will: Kevins kleiner, bettnässender Cousin Fuller wird vom damals siebenjährigen Kieran gespielt.
© Twentieth Century Fox
Zuletzt scheint Macaulay sich ein wenig gefangen zu haben – und seinen Frieden mit Kevin gefunden zu haben. Zumindest zeigt er durchaus Sinn für Selbstironie, etwa in einem Kurzfilm aus der Webserie DRYVRS, in dem er einen 33-jährigen, durch die Erlebnisse schwer traumatisierten Kevin spielt. Der Clip ist zum größten Teil wirklich komisch und doch bleibt ein fader Beigeschmack, denn er erinnert auch daran, wie sehr Culkin unter der Rolle auch zu leiden hatte.

Kevin – nie allein zu Weihnachten


Noch heute ist KEVIN – ALLEIN ZU HAUS einer der populärsten und der erfolgreichste Weihnachtsfilm aller Zeiten. In Dutzenden Ländern auf aller Welt läuft er regelmäßig zu Weihnachten im Fernsehen, auch in Deutschland. Besonders populär ist der Film in Polen, wo er 1990 kurz nach dem Fall des eisernen Vorhangs einer der ersten westlichen Kassenschlager im Kino wird. In der polnischen Weihnachtszeit nimmt der Film mittlerweile einen ähnlichen Stellenwert ein wie hierzulande DREI HASELNÜSSE FÜR ASCHENBRÖDEL oder DINNER FOR ONE an Silvester.

Ohne es geplant zu haben, entwickelt sich aus der kleinen, albernen Komödie ein finanzstarkes Franchise. Insgesamt vier Fortsetzungen werden gedreht (außer der ersten sind sie sämtlich nicht erwähnenswert), wobei die deutschen Titelschummeleien wie KEVINS COUSIN ALLEIN IM SUPERMARKT (der nicht das Geringste mit KEVIN – ALLEIN ZU HAUS zu tun hat, außer dass er ebenfalls von John Hughes geschrieben wurde) noch gar nicht mit eingerechnet sind. Hinzu kommen Brettspiele, Videospiele (was für eine Vorstellung: Macaulay Culkin war vermutlich das erste Kind, das sich selbst in einem Videospiel spielen konnte!) und sogar der im zweiten Teil nur als nutzloses Requisit erfundene „Talkboy“, der in den USA ein echter Verkaufshit wird.

KEVIN – ALLEIN ZU HAUS kann einen auf allen Ebenen emotional berühren. Er versprüht weihnachtliches Familienidyll – auch ohne Familie –, liefert Spaß und Unterhaltung für Kinder und Erwachsene, er ist ein moderner Klassiker, der mittlerweile zwei Generationen von Kindern begeistert, aber er steht eben auch für das tragische Schicksal des Jungen hinter Kevin. KEVIN – ALLEIN ZU HAUS wird neben all der Freude, die er bringt, auch immer das Drama des Macaulay Culkin symbolisieren.

Das ist ziemlich viel für einen kleinen Film voller Zeichentrick-Slapstick, in dem ein achtjähriger, selbstbewusster Dreikäsehoch zwei ernstzunehmenden Verbrechern ordentlich den Hintern versohlt. In diesem Sinne: Frohe Weihnachten euch allen. Und eurer Familie!
© Twentieth Century Fox

Keine Kommentare:

Kommentar posten

Ihr seid unserer Meinung? Ihr seht was anders? Wir freuen uns über eure Ansichten, über Lob und Kritik! Aber bitte seid nett zu uns. Und zueinander!