13.11.14

Kinokritik: Interstellar (USA 2014)

Christopher Nolan greift nach den Sternen!
Mit INTERSTELLAR hievt der englische Regisseur seinen bisher dicksten Brocken auf die Leinwand. Dafür fehlt ihm ein wenig die Finesse, das Werk auch an allen Stellen ordentlich durchzugaren.
INTERSTELLAR ist vieles, will aber noch mehr sein – und stolpert ein bisschen über den fehlenden Mut des Filmemachers.
© 2014 Warner Bros. Entertainment INC. and Paramount Pictures Corporation
- Spoilerwarnung - 
Auch wenn INTERSTELLAR nicht von überraschenden Wendungen lebt, und wir bemüht sind, keine Details vorwegzunehmen, sprechen wir hier und dort einige Kritikpunkte an, die man unter Umständen lieber erst im Kino erleben will. Daher unsere Warnung:
Dieser Bericht enthält Hinweise zur Handlung

Marcos Blick:

Christopher Nolan gilt zu Recht als Kultregisseur! Wer sich nach nur acht Filmen mit dem Vorwurf auseinandersetzen muss, dass sein enttäuschendster Film immer noch einer der besten Superheldenfilme überhaupt ist, darf sich was trauen.
Genau das tut Nolan nun, zwei Jahre nach seinem von vielen Seiten etwas geschmähten THE DARK KNIGHT RISES.

Die Liebe des Publikums


Dabei muss vorweggestellt werden, dass THE DARK KNIGHT RISES kein schlechter Film ist. Dass viele Zuschauer den Film etwas abwatschen, liegt viel eher daran, dass Nolan mit Klassikern wie MEMENTO, INCEPTION und dem alles überragenden THE DARK KNIGHT gezeigt hat, zu was er in der Lage ist! Mit THE DARK KNIGHT RISES bleibt Nolan sichtlich unter seinen Fähigkeiten. Das nehmen ihm einige Besucher des Films übel!

Nun wagt Nolan sich wieder mit einem Originalstoff ins Kino. Noch dazu einem, den er, wie schon MEMENTO, aus dem Geist seines Bruders Jonathan Nolan gezogen hat.
Jonathan will den Stoff ursprünglich für Steven Spielberg erstellen. Dass daraus nichts wird, ist erst einmal löblich, doch haftet INTERSTELLAR noch immer ein dicker Haufen Spielbergscher Erklärwut an – doch dazu später.

Zunächst einmal: INTERSTELLAR ist vermutlich der am meisten erwartete Film des Jahres, in dem keine Hobbits auftreten. Diesem Hype wird der Film gerecht. Was nicht bedeutet, dass er nicht trotzdem an einigen Stellen entäuschen kann.

Zusatzgebühr wegen Überladung


Wer jemals eines der Bilder von indischen Eisenbahnen gesehen hat, auf denen die Fahrgäste auf dem Dach sitzen und sich von außen an die Fensterrahmen klammern, hat eine ziemlich gute Vorstellung davon, was ihn in INTERSTELLAR erwartet.
Die Nolans scheuen sich nicht, in ihrem fast dreistündigen Sternenepos die großen Themen der Menschheit anzupacken. Und damit meinen wir alle großen Themen der Menschheit! Ein kleiner Ausschnitt:
Umweltschutz, Gesellschaftskritik, Familiendrama, die Unbewohnbarkeit der Erde für den Menschen, Relativitätstheorie, Quantenphysik, Zeitreisen, Wurmlöcher, individuelle Lebensplanung vs. gesellschaftliche Lebensplanung, Ursprung der Emotionen, interplanetare Reisen, interstellare Reisen, künstliche Intelligenz, Definition der Menschlichkeit, Lyrik, fünfdimensionale Wesen, echter und falscher Heldenstatus und, und, und.
Aus jedem einzelnen dieser Themen kreieren andere Filmemacher ein eigenständiges Werk.
© 2014 Warner Bros. Entertainment INC. and Paramount Pictures Corporation
Das Erstaunliche ist: In Nolans Händen funktioniert dieses überbordende All-you-can-eat Büffet der Philosophie und Wissenschaft tatsächlich!
Zwar zu dem Preis, dass man sich nach dem Abspann zunächst etwas übersättigt aus dem Saal schleppt, aber dafür hält das Menü eine Weile vor. (Und im Gegensatz zu den meisten anderen Filmen bekommt man was für sein Geld!)

Zwischen den Welten


Den vermutlich größten Makel trägt INTERSTELLAR dadurch davon, dass Nolan allmählich eines seiner Markenzeichen mehr und mehr sichtbar macht: Die vollkommen hemmungslose Mischung aus Arthouse und Fantasy. Schon in THE PRESTIGE beweist Nolan, dass er ohne Scham in einen realitätsnahen Zaubererfilm echte Fantasy einfließen lassen kann. Und das mag man ihm auch nicht vorwerfen, weil diese Mischung immerhin seinen Erfolg ausmacht. Nolan verpackt mit sicherer Hand tiefe Themen und Fragen in poppigen, knalligen Geschichten.
In MEMENTO verkleidet er die Frage, wie Erinnerungen unsere Identität und Realität prägen in einen kurzweiligen Thriller. In THE DARK KNIGHT handelt er die Frage danach, ob die menschliche Natur gut oder böse ist, in einem poppigen Comicfilm ab. Und in INCEPTION überdreht er die Problematik der Privatssphäre und des Datendiebstahls in einem gut verkleideten Science-Fiction Film.

Christopher Nolan, das wird klar, schert sich nicht darum, ob seine Filme realistisch sind. Sie sollen unterhaltsam sein und zum Nachdenken anregen. Das ist sein großes Talent. Und vielleicht ist sein Remake von INSOMANIA auch deshalb einer seiner schwächsten Filme, weil er kein fantastisches Element enthält.
In INTERSTELLAR krankt er viel eher daran, dass er genau die Kaltschnäuzigkeit verliert, mit der er seine sonst ungehemmt unrealistischen Filme erzählt, weil er INTERSTELLAR unbedingt mit einer Fassade der Glaubwürdigkeit übertünchen will. Es ist eines der Elemente, die im Film nicht funktionieren wollen und können, und die das Erlebnis damit trüben.
So holt Nolan in großem Maß den Rat des amerikanischen Astrophysikers Kip Thorne ein. Thorne ist Experte auf dem physiktheoretischen Feld der Gravitation und relativistischen Astrophysik – also exakt der Themen, um die es in INTERSTELLAR geht.
Thornes Mitarbeit führt zu großzügigen Ausführungen innerhalb des Films über Schwarze Löcher, Raumzeit, relative Zeitverläufe und anderes hirnverschwurbelndes Zeug, mit dem sich Astrophysiker zwischen den Mittagspausen so herumschlagen. Dabei gelingt es Nolan, die tatsächlich komplexen Sachverhalte korrekt darzustellen und zwar so, dass sie gerade noch am Rande der allgemeinen Verständlichkeit liegen. Selbst ohne Physikstudium sollte man den Theorien also folgen können.
© 2014 Warner Bros. Entertainment INC. and Paramount Pictures Corporation
Das Bedauerliche ist, dass Nolan den Ausführungen nicht konsequent folgt! So legt er erst groß und breit fest, wieso die Reise von der Erde zum Saturn zwei Jahre dauert, bringt „Slingshotmanöver“ und anderes ein, nur um sein Raumschiff am Ende doch innerhalb weniger Stunden von Planet zu Planet zu bewegen und keinerlei Realität der interplanetaren Reisen mehr zu befolgen. Auch wundert man sich, dass es gewöhnliche Schubraketen braucht, um das „Lander“-Raumschiff von der Erde zu kriegen, das Gefährt aber später selbständig von Planeten abheben kann, die eine höhere Gravitation aufweisen als die Erde. Und weshalb die Zeit auf der Oberfläche des Planeten langsamer verläuft, im niedrigen Orbit des Planeten aber ebenso schnell wie im Rest des Universums.

Es sind solche Ungereimtheiten, die dem Film einiges von seiner Kraft nehmen. Nicht, weil Nolan sich künstlerische Freiheiten nimmt und freimütig in der Science Fiction wildert – diese Exzesse werden im Verlauf des Films noch deutlich großzügiger und sind ohnehin sein Markenzeichen, welches man ihm mit Freude verzeiht. Sondern weil der Film sich soviel Zeit und Raum nimmt, die Physik zu erklären und sich als physikalisch korrekt vorzustellen – nur um eine Minute später alles über den Haufen zu werfen und sein eigenes Ding zu machen.
Das Ergebnis ist eine schwerverdauliche Mischung aus der Realitätsfreude eines 2001 – ODYSSEE IM WELTRAUM, des Pseudo-Technobabbels aus STAR TREK und der auf reine Unterhaltung ausgerichteten Physik aus STAR WARS.
So changiert INTERSTELLAR etwas unausgegoren zwischen „Hard Sci-Fi“, die sich um physikalische Korrektheit und tiefe Menschheitsthemen bemüht (an vielen Stellen erinnert INTERSTELLAR an Robert Charles Wilsons Romane, besonders die THE SPIN-Trilogie) und einer „Space-Opera“ die sich nicht die Bohne um Physik schert und bei der wilde Lasergefechte und abenteuerliche Rettungen in letzter Sekunde den Ton angeben.

Gut, dass wir drüber gesprochen haben


Ebenso unausgewogen wirkt der Raum, den Nolan seinen Themen gibt. Wie für Nolan üblich (und spätestens seit INCEPTION offenkundig) lässt er sich viel Zeit, seine Geschichte einzuführen: Fast eine Stunde dauert es, die Figuren vorzustellen (die leider ein wenig klischeehaft geworden sind – natürlich ist Cooper „der beste Pilot der Welt und muss die Mission fliegen!“) und die Welt zu erklären, die kurz vor dem Kollaps steht, für die Menschen unbewohnbar zu werden.
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Auch hier gilt die Kritik nicht der langen Exposition – die unterhaltsam ist, die Figuren gut einführt, und glaubhaft vermittelt, weshalb die Menschen auf der Erde (zumindest in Amerika) keine Zukunft haben.
Problematisch wird es, weil er viele andere, durchaus interessante Themen im Verlauf des Films so schnell abhandelt, dass man kaum mitkommt. Wer sich eine Stunde Zeit nimmt, die Gefahr von Mehltau und Staubwolken zu erklären, und anschließend innerhalb eines drei Minuten Monologs die Frage durchnudelt, ob das Gefühl der „Liebe“ eine womöglich raumzeitlich-evolutionäre Schutz- oder Warnfunktion erfüllt, muss sich den Vorwurf der Unausgewogenheit gefallen lassen.

Natürlich zwingt Nolan die Zuschauer mit dieser Methode zum Nachdenken. Wer mag, darf sich im Rest des Films selber ausmalen, ob die „Liebe“ nun ein derartige Funktion besitzt oder nicht. Auch das sorgt dafür, dass der Film wiegt und den Zuschauer fordert. Auch das ein Markenzeichen Nolans, für das ihn viele Fans verehren: Ein Regisseur, der seinen Zuschauern zumutet, mitdenken zu müssen!

Doch am Ende kneift Nolan leider vor dem letzten Schritt!
Der eine Moment, an dem sich entscheidet, ob INTERSTELLAR "nur" ein guter Unterhaltungsfilm über interessante Themen der Menschheit wird, oder aber ein großer Beitrag zu den interessanten Themen der Menschheit , ist der Schluss. Hier muss Nolan wählen, seine Zuschauer alleine zu lassen, damit sie sich ihr eigenes Bild zaubern können, oder ihnen eine Erklärung zu liefern.
Leider, möchte man fast sagen, entscheidet sich INTERSTELLAR hier, weniger 2001: ODYSSEE IM WELTALL zu sein und mehr – Steven Spielberg. Auf den letzten Metern bleibt Nolan weiter inkonsistent und mutiert zum Erklärbär! Noch die letzte offene Frage, über die man nach dem Kinobesuch trefflich hätte philosophieren und rätseln können, wird erklärt und beantwortet, die Geschichte zu einem vollständigen, in keinem Punkt offenen Ende geführt und dermaßen blitzeblank abgeschlossen, dass man ob der mutigen Geschwindigkeit, mit der Nolan die zweieinhalb Stunden vorher durch die schweren Themen rast, beinahe enttäuscht ist. Statt sich die Zuschauer eine eigene Meinung bilden zu lassen, bekommt man hier auch noch die letzte Antwort vorgekaut.
Das ist um so bedauerlicher, wenn man bedenkt, wie großartig ambivalent Nolan etwa sein Ende zu INCEPTION konzipiert hat und dass selbst ein Film wie GRAVITY es schafft, das Ende für den Zuschauer mehrdeutig zu halten.

Das Zentrum des Universums


Was INTERSTELLAR am Ende weit über den Durchschnitt hebt, sind zwei Aspekte: Zum einen die Darsteller, die trotz der durchaus klischeehaften Figuren (Denn natürlich können nur der beste Pilot der Welt und die beste Physikerin der Welt die Erde retten!) diese jederzeit glaubwürdig und sehenswert darstellen.
Zum anderen die Entscheidung, die gesamte universale Geschichte von Raumzeit und Rettung der Menschheit auf eine simple und liebevolle Vater-Tochter Geschichte runterzubrechen.
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Hier liegt das Herz von INTERSTELLAR – denn die Beziehung zwischen Cooper und seiner Tochter Murph ist so gut, liebevoll und unkitschig inszeniert (und von den Schauspielern gespielt), und dient der überbordenden Geschichte immer wieder als glaubhafter Anker und Orientierungspunkt, dass man sich gerne darauf einlässt, dem Film zu folgen. INTERSTELLAR umgeht den Fehler, eine simple Heldengeschichte zu erzählen und spinnt stattdessen einen interstellaren Konflikt um eine kleine Familie.
Dabei gelingt es INTERSTELLAR, die epochale Bandbreite der Geschichte glaubwürdig zu vermitteln! Man spürt die Dringlichkeit, man spürt das Ende einer 100.000 Jahre währenden Entwicklungsgeschichte des Menschen, das Galaxien umspannende Spielfeld und die Jahrzehnte der Weiterentwicklung. INTERSTELLAR atmet seine Größe und Breite, seine Bedeutung aus jeder Pore und wird zum ersten wirklich epischen Film seit den epochalen Klassikern der Fünfziger und Sechziger, denen man die Globalität und Dauer der Erzählung abnimmt.

Allerdings ist auch hier nicht alles ideal. Einige Figuren und (auch längere) Handlungsabschnitte wirken überflüssig oder sind, bei näherer Betrachtung, für die Geschichte schlicht unnötig. Man fragt sich, ob der Film nicht profitiert hätte, wenn man ihn hier um zwanzig oder dreißig Minuten gestrafft hätte.

Coole, Spröde, Roboter, Kinderstars


Mit seinem Cast beweist Nolan ein besonderes Händchen. Auch wenn er um einige Stammspieler, allen voran Michael Caine, nicht herumkommt, füllt etwa Matthew McConaughey seine Rolle nahezu perfekt aus – die Mischung aus coolem Piloten und fürsorglichem Vater passt perfekt, und McConaughey, der das Dreistundenepos zu 90% trägt, spielt die coolen Szenen ebenso glaubwürdig wie die zu Herzen gehenden Familienmomente. Man glaubt Nolan, wenn er erzählt, sich beim ersten Treffen mit McConaughey drei Stunden lang über alles mögliche unterhalten zu haben, nur nicht über den Film.

Klar empfehlen tut sich in INTERSTELLAR vor allem die während der Dreharbeiten erst zwölfjährige Mackenzie Foy. Die Jungschauspielerin, die ihr Kinodebüt als Renesmee, die Tochter von Bella und Edward in den TWILIGHT-Filmen ablieferte (die es damit auch auf diesen Blog geschafft haben! Gratulation!) und zuletzt in THE CONJURING zu sehen war, spielt Coopers störrisch-begabte Tochter grandios und kann sich deutlich mit Matthew McConaughey messen. Vor allem stimmt die Chemie zwischen den beiden, so dass man die Beudeutung ihrer Beziehung nie in Frage stellt.

Als Comic-Relief und heimlicher Star des Films entpuppt sich der KI-Roboter TARS, der äußerlich angenehm unprätentiös wirkt. Man merkt dem Design an, dass es eher auf Praktikabilität als auf optische Finesse ausgelegt ist. Man darf davon ausgehen, dass TARS in kürzester Zeit den Weg in den Kanon populärer Roboterfiguren der Popkultur findet, dass TARS-T-Shirts in den Nerd-Shops erscheinen und wenigstens einen Gag in THE BIG BANG THEORY dürfte er über kurz oder lang ebenfalls wert sein.

Jessica Chastain, um die es nach ihrem Superspieljahr 2013 aktuell etwas ruhiger geworden ist, agiert souverän, ist von ihrer Rolle aber deutlich unterfordert und kommt gar nicht dazu, zu zeigen was sie kann.
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Anne Hathaway, die hier ganz entgegen ihres sonstigen Œuvres einmal eine eher spröde Figur spielen darf, macht auch das wieder sehr gut.
Andere Talente wie Wes Bentley oder Casey Affleck wirken hingegen ein wenig vergeudet, schlicht weil ihre Rollen unterentwickelt und stellenweise überflüssig wirken und zu den Aspekten des Films gehören, die man gut hätte straffen können.
Auch Hans Zimmers Musik ist gewohnt unsubtil und in diesem Fall vielleicht nicht die beste Wahl, aber in wenigstens einem Fall liefert er die ideale musikalische Untermalung ab, und insgesamt macht man mit einem Zimmer-Soundtrack in einem epischen Film ja nie was falsch.

Eine Reise wert


Am Ende aber bleibt INTERSTELLAR ein Highlight des Blockbusterkinos und des Kinojahres 2014 und einer der epischsten Filme der letzten Jahre, vielleicht Jahrzehnte. Ein Fest für jeden, der intelligentes und ambitioniertes Kino mag. INTERSTELLAR ist Nolans ehrgeizigstes Werk, zeigt aber auch die Grenzen des Filmemachers auf, der sich an der ein oder anderen Stelle ein wenig verhebt. Nolan mag immer noch der bestmögliche Regisseur für den Stoff gewesen sein, trotzdem wäre es ihm zu wünschen, in Zukunft wieder ein, zwei Gänge zurückzuschalten, und sein Talent in etwas kleineren Geschichten zu verwenden, die er dafür vollständig ausfüllen kann.

Was er aber bitte beibehalten mag, denn auch das trägt zur enormen Wirkung des Films bei, ist sein Beharren auf „erdigem“ Kino. Auch wenn Interstellar nicht ohne CGI auskommt, merkt man dem Film an, dass Nolan es klassisch mag. Er dreht noch immer auf Film statt digital und versucht, möglichst viele Tricks auf klassische Art statt mit digitalen Effekten umzusetzen. In INTERSTELLAR führt das zu einigen spannenden Szenen, in denen die „Außenkamera“ dicht am Lander-Raumschiff bleibt, statt von weiter weg das gesamte Geschehen zu zeigen. Das fühlt sich zunächst befremdlich an, bewirkt im Laufe des Films aber eine eigene, befremdliche Note.

Visuell ist INTERSTELLAR ohnehin über jeden Zweifel erhaben, selbst ohne Nolans Stammkameramann Wally Pfister, der mit seinem Regiedebüt TRANSCENDENCE beschäftigt war. Dafür springt der aus Schweden kommende Schweizer Hyote Van Hoytema ein, der dank des Vampirklassikers SO FINSTER DIE NACHT den Sprung nach Hollywood schaffte und zuletzt mit HER bewies, dass er es perfekt versteht, eine emotionale Geschichte mit wuchtigen aber gleichzeitig beruhigenden Bildern perfekt zu unterstreichen.
Nolan gibt an, sich mit seinem Team alte Weltraumfilme wie DER STOFF AUS DEM DIE HELDEN SIND angeschaut zu haben, um zu sehen, welche Tricks mit damaligen Techniken möglich waren. So arbeitet INTERSTELLAR mit Helmreflektionen und anderen Möglichkeiten, um die Reisen im Weltraum glaubhaft zu vermitteln, ohne wie eine digitale Schaubude zu wirken.
© 2014 Warner Bros. Entertainment INC. and Paramount Pictures Corporation
Hier zeigt sich die Bedeutung Nolans und einer der Gründe für seine Popularität und die seiner Filme. Nolan ist aktuell auch deshalb einer der besten Regisseure der Welt, weil er ein nahezu perfektes Gesamtpaket abliefert: Mutige, smarte Filme, die bedeutende und tiefe Themen angehen und ihre Zuschauer die ganze Laufzeit hindurch fordern, aber dennoch pure Unterhaltung sind. Ein Filmemacher, der verstanden hat, dass die „Magie“ des Kinos nicht in einer Überzahl digitaler Effekte liegt, sondern darin, die Zuschauer zu verzaubern und ihnen das Gefühl zu geben, in eine andere Welt einzutauchen. Das macht das „Nolan-Feeling“ seiner Filme aus, und davon lebt auch INTERSTELLAR. Wir können nur hoffen, dass auch seine nächsten Filme diese ganz besondere Magie verströmen.

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