20.11.14

Der Koch (D/CH 2014)

Die Martin Suter Verfilmung DER KOCH ist eine Geschichte über Transformation – das Grundwesen des Kochens. Wie der Vorgang des Kochens die Zutaten verändert, verändert sich hier eine gutherzige Hauptfigur, als sie mit dem abgrundtief Bösen im Menschen konfrontiert wird.
© Senator Film GmbH
Marcos Blick: 

Die Romane des Schweizer Erfolgsautors Martin Suter sind immer eine etwas zweischneidige Angelegenheit.
Auf der einen Seite verfügt Suter über ein ausgesprochenes Talent, realistische und glaubwürdige Figuren zu erschaffen. Menschen, die direkt neben einem wohnen könnten. Die authentisch und interessant, und immer wieder äußerst sympathisch sind.
Diesen zutiefst sympathischen Figuren lässt Suter immer wieder aufregende Dinge geschehen, die Ausgangspunkt einer spannenden Handlung sind. So erkrankt der vom Leben gebeutelte, um die Aufmerksamkeit seiner reichen Ziehfamilie bettelnde Konny Lang in Suters Debütroman „Small World“ an Alzheimer. Innerhalb kürzester Zeit wird der Leser Zeuge des glaubwürdigen Verfalls eines sehr stolzen Mannes.
In „Die dunkle Seite des Mondes“ darf man den Anwalt Urs Blank dabei verfolgen, wie sein Leben und seine Persönlichkeit zerfällt, als er auf einem schlechten Drogentrip hängenbleibt. Und in „Lila, Lila“, einem der besten deutschen Liebesromane überhaupt, folgt man dem herzensguten David, dessen Liebe zur unerreichbaren Marie ihn als Plagiator in die Mühlen des deutschen Buchbetriebs taumeln lässt.

All das sind kräftige und tolle Geschichten. Leider, möchte man fast sagen, will Suter immer noch einen Schritt weitergehen. Er erweitert seine starken, zwischenmenschlichen Geschichten immer noch um einen Krimi- oder Thrillerplot. In „Small World“ ein dunkles Familiengeheimnis, in „Die dunkle Seite des Mondes“ um einen Mord, und in „Lila, Lila“ um ein Erpressungsdrama.
Auch sein Anfang 2010 erschienener Roman „Der Koch“, dessen Verfilmung nun ins Kino kommt, krankt ein wenig an diesem letzten Schritt Suters.
Doch von Anfang an:

Im Schweizer Exil


DER KOCH erzählt von dem jungen, sensiblen und freundlichen Tamilen Maravan. Maravan ist vor dem in Sri Lanka zwischen Tamilen und Singhalesen tobenden Bürgerkrieg in die Schweiz geflohen, wo er als Hilfsarbeiter in der Küche eines Nobelrestaurants arbeitet.
Maravan ist allerdings höchsttalentierter Koch. Seit seiner frühesten Kindheit lernt er von seiner Großmutter die traditionellen tamilischen Gerichte, den Umgang mit den Essenzen und Gewürzen und welche Wirkungen diese auf den Körper haben können.
Maravan möchte als Koch selbstständig werden, findet aber keinen Ausweg. Bis die lebensfrohe und gewiefte Kellnerin Andrea auf den jungen Tamilen aufmerksam wird.

Maravan kocht für Andrea ein für seine aphrodisierende Wirkung bkenntes Gericht seiner Großmutter – mit überraschendem Ergebnis!
Fortan werden die beiden Geschäftspartner. Sie bekochen Paare mit Sexual- und Beziehungsschwierigkeiten. Doch während Maravan dem Liebesleben fremder Paare auf die Sprünge hilft, gerät sein eigenes Leben mehr und mehr in Schieflage – denn die Auswirkungen des Bürgerkriegs in der fernen Heimat schlingen sich immer fester um ihn.
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Genau hier bekommt die sympathische Geschichte des schüchternen Zuwanderers mit dem unerkannten Talent die üblichen Suterschen Schwierigkeiten. Denn anstatt sich lediglich auf seine Figuren und deren Entwicklung zu konzentrieren, sucht Suters Geschichte den Thriller. In DER KOCH nimmt dieser die Form eines Waffenhändlers an, der Kriegsgerät nach Sri Lanka verschifft. Als Maravan den Nutzniesser seines Elends bekochen soll, gerät er in ein Dilemma ...

Die Schilde des Tigers


Problematisch ist das erzählerisch vor allem deshalb, weil der Film – wie schon das Buch – mit dieser Komponente völlig überladen wird. In 106 Minuten schafft es DER KOCH leider nicht, seine anrührende Einzelgeschichte um die Bürgerkriegskomponente zu erweitern und seine Figuren deutlich genug zu zeichnen, um einen mitfühlen zu lassen. Dabei bietet der Krieg in Sri Lanka genügend Stoff für ein Dutzend Dramen!

Die Streitigkeiten in Sri Lanka entbrennen 1983. Sri Lanka, das zu 75 Prozent von Singhalesen bewohnt wird, beherbergt eine Minderheit von 18 Prozent Tamilen. (Der Rest der Bevölkerung sind vornehmlich Muslime.) Der Konflikt zwischen den buddhistischen Singhalesen und den zumeist hinduistischen Tamilen sitzt tief und währt seit Generationen. Vor allem, weil die Tamilen seit Jahrzehnten kaum politisches Mitspracherecht haben und ihre Religion und Bildungschancen immer wieder unterdrückt werden.
Immer stärker wird daher der Wunsch eines eigenen Tamilenstaates im Norden und Osten des Inselstaates Sri Lanka.

Ein Attentat auf eine Singhalesische Kaserne im Juli 1983 entzündet die Feindseligkeiten. In den folgenden Ermordungen und Vertreibungen von Tamilen steigt die militante Gruppe der „Tamil Tigers“ genannten Gruppierung „Liberation Tigers of Tamil Eelam“ (LTTE) zur größten Macht des tamilischen Widerstandes auf. Die Tamil Tigers leisten sich einen 26 Jahre währenden Befreiungskrieg mit der Singhalesischen Armee.
Wie in jedem Bürgerkrieg leidet vor allem die Zivilbevölkerung unter den Zuständen.
Insgesamt 100.000 Menschen sterben bis zum Ende des Krieges 2009. Beinahe die Hälfte davon in den letzten Monaten. Als die LTTE immer weiter zurückgedrängt wird, beginnen sie, tamilische Zivilisten als Schutzschilde zu missbrauchen. Sie „rekrutieren“ Selbstmordattentäter und Kindersoldaten, ermorden kritische Tamile und vertreiben Tausende Menschen aus ihren Heimen. Mehr als 250.000 Zivilisten werden eingekesselt, als es zu den letzten Kampfhandlungen kommt, in denen die LTTE schließlich zerschlagen wird.
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Es ist genau dieses politische Spannungsfeld, in dem sich DER KOCH bewegt, sobald er die persönliche Geschichte Maravans verlässt. Allerdings gelingt es ihm nicht, diese Gräuel des Krieges in ein verständliches Umfeld zu setzen. Wer nicht bereits mit Vorwissen über den Bürgerkrieg in den Film geht, wird nicht nachempfinden können, welchen Grausamkeiten sich Maravans Familie ausgesetzt sieht – und welchen Konflikt der sanfte Hindu schließlich durchlebt, als er in den Wirkungsbereich des Waffenhändlers gerät, der die Grausamkeiten der Tamil Tigers unterstützt.

Gute Erfahrung in molekularem Gewand


Abseits der politischen Komponente bleibt DER KOCH aber eine sehenswerte und vor allem sehr sinnliche Filmerfahrung!

Schon der Roman besticht vor allem durch seine detaillierte und extrem appetitanregende Präsentation der von Maravan zubereiteten Gerichte. Ohne zu übertreiben: Derart ausführliche Passagen über Essen findet man sonst für gewöhnlich nur in Fantasyliteratur wie „Ein Lied von Eis und Feuer“.
Einen besonderen Kniff gibt Suter seiner Geschichte, indem er Maravan nicht einfach nur kochen lässt, sondern mit allen Methoden der schönen neuen Kochwelt aufwartet: der Molekularküche!

Der Begriff „Molekularküche“ ist äußerst unscharf und nicht genau definiert. Im Wesentlichen geht es darum, die eher „traditionelle“ Zubereitung von Gerichten zu erweitern und zu variieren, um die Erfahrung des Essens zu intensivieren.
Dazu gehört die Kombination unterschiedlicher Texturen, Zustände und Aromen, aber auch das Spiel mit Vertrautem in neuem Gewand. Populäre Beispiele sind etwa Melonensaft, der zu Kaviarkugeln geformt wird, Eismasse, die warm in den Mund kommt und beim Abkühlen schmilzt oder Bonbons aus Olivenöl. So sollen vertraute Dinge neu erfahrbar werden und Althergebrachtes wieder bewusst erlebt werden.
Anders als eine „Methode“ ist die Molekularküche viel eher eine Absicht!

Man soll das Essen wieder bewusst genießen. Molekularküche will alle Sinne ansprechen – in bisher unbekannter Form. Wer eine Mandel-Safran-Mousse genießt, mag begeistert sein. Wer sie zuvor in flüssigem Stickstoff zu einem außen harten und innen weichen Bällchen gefriert, genießt sie anders – bewusster.
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Molekularküche will das Essen zu einem Erlebnis für alle Sinne machen. Durch das gezielte Spiel mit Aromen, haptischen Aggregatszuständen und Geschmackskombinationen wird eine einmalige Erfahrung geschaffen – denn meist sind die neuen Zustände bekannter Gerichte nur flüchtig. Die gefrorene Mousse wird innerhalb einer Minute wieder warm und damit „gewöhnlich“.
Die Methoden der Molekularküche sind häufig direkt aus dem (lebensmittel-)chemischen Fachbereich entnommen: Gelierer, Verdampfer, flüssige Gase, Vakuumgaren und (in der Regel natürliche) Zusatzstoffe.
Weitläufig bekannt wird die Molekularküche um den Jahrtausendwechsel durch das Restaurant El Bulli des spanischen Kochs Ferran Adriá

Für sein Buch sucht Suter die Hilfe des deutschen Molekularkochs Heiko Antoniewicz, der die traditionellen tamilischen Gerichte, die Suter heraussucht, molekular aufbereitet.
So kreiert Antoniewicz eine (mit dem Rotationsverdampfer hergestellte) Curry-Zimt-Kokosöl Essenz, die er auf Weizenbrotfladen mit Kichererbsenmus und fritierten Curryblättern servieren lässt. Eine unglaublich intensive Aromenmischung, die saftiges Brot mit weichem Mus und knusprigen Curryblättern kombiniert. (Ich durfte es im Rahmen der Filmpräsentation selbst testen – köstlich!)

Auch für den Film DER KOCH steht Antoniewicz beratend zur Seite.
Der Film verwendet die Originalrezepte des Romans (die im Buch im Anhang angeführt sind), wenngleich, wie Antoniewicz zugibt, hier und da ein paar Änderungen vorgenommen werden, um die Optik zu verbessern.
Das Ergebnis sind schmackhaft (und manchmal etwas verspielt) aussehende Gerichte, die Appetit machen. Und neugierig, wie man einen knallgelben Aromaschaum herstellt oder Spargelgelee in Penisform ...
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Internationale Schweiz


Neben dem Essen überzeugen vor allem die Darsteller des Films. Die Hauptrolle des Maravan spielt der Engländer Hamza Jeetooa, der über indische Wurzeln verfügt. Für den Film musste er sich die tamilische Sprache erst mühsam aneignen. Seinem sensiblen, in den Konflikt geratenden Maravan zuzuschauen bringt einfach Spaß und bleibt neben dem Essen das Highlight des Films. Dabei kommt ihm zugute, dass die Chemie zu Jessica Schwarz stimmt, die seine Partnerin Andrea mit derselben Verve spielt, wie ihre Buchfigur sie ausstrahlt.

Die Nebenrollen wirken ein wenig klischeehaft – dass der Waffenhändler ein schmieriger, älterer und überbeleibter Rassist sein muss, wirkt in Zeiten, in denen Filme wie LORD OF WAR deutlich smartere Waffenhändler zeichnen, irgendwie altbacken und deutsch.
Wer nun übrigens befürchtet, mit Schwyzerdütsch und Untertiteln leben zu müssen, sei beruhigt: Alle Figuren sprechen Hochdeutsch und wurden zur Not (etwa Hauptdarsteller Hamza Jeetooa) synchronisiert. Am Set wurde mehrsprachig gearbeitet.

Wer von DER KOCH eine tiefgehende Abhandlung über den Bügerkrieg in Sri Lanka erwartet, oder ein informatives Stück Politthriller, wird enttäuscht werden. Dafür bleibt die Thematik (trotz zweiwöchigen Drehs an indischen Originalschauplätzen) einfach zu sehr an der Oberfläche und die Figuren nicht gut genug gezeichnet. (Tragische Nebenstory: Einer der englischen Schauspieler hat pakistanische Familie - und durfte daher nicht in Indien einreisen. Seine Szenen mussten daheim vor dem Greenscreen nachgedreht werden.)
Auch für wildes deutsches Genrekino wie ihn zuletzt STEREO oder WHO AM I ins Kino gebracht haben ist der Film zu traditionell. DER KOCH ist ein unterhaltsames Stück Erzählkino über einen faszinierenden Helden in einer schwierigen Lage und eine überaus sinnliche Erfahrung, die gut in den Herbst passt – man bekommt automatisch Lust auf die gekochten Gerichte. Hier und da kann man sie beinahe riechen. Darüber hinaus ist man erstaunt, mit welchen Mitteln man Nahrung umwandeln kann. Und fragt sich: Wie zum Henker haben sie den kanariengelben Schaum gemacht?
Guten Appetit!

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