19.02.17

King Kong (USA 1933) Teil 1 – Von Drachen, Armut und Abenteurern

Kaum ein Film ist derart ikonisch wie KING KONG. Selbst wer nie einen der mittlerweile zahlreichen Streifen rund um „Kong“ gesehen hat, kennt die Bilder des Riesenaffen, der mit einer weißen Frau in der Hand aufs New Yorker Empire State Building steigt, und dort gegen ein Geschwader Flugzeuge kämpft.
Bei aller Faszination, die Kong heute noch hervorruft, ist es inzwischen kaum noch vorstellbar, welche Wucht das Original besitzt, als es im März 1933 in die amerikanischen Kinos kommt. KING KONG wird ein Erfolg der Superlative und der Rekorde, der das Spektakelkino in ganz neue Sphären hebt und Kinostandards setzt, die bis heute gelten. Kurz: KING KONG wird der erste Kinoblockbuster überhaupt.
Einen Giganten wie KING KONG artgerecht vorzustellen, sprengt unseren Rahmen – weshalb wir beschlossen haben, dem König des Großstadtdschungels den Platz einzuräumen, der ihm gebührt, und ihm einen Zweiteiler zu widmen.
In diesem ersten Teil widmen wir uns der Frage, wie der Riesengorilla Kong in die New Yorker Kinos kam – eine Geschichte, nicht weniger abenteuerlich und legendenumwoben als der Film selbst.
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Marcos Blick:
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Um den enormen Erfolg sichtbar zu machen, der den Kinostart von KING KONG begleitet, muss man einen kurzen Blick auf die Zeit werfen, in welcher der Film startet.

Der März 1933 markiert den Tiefpunkt der Großen Depression in den USA. Die Weltwirtschaftskrise, im Oktober 1929 mit dem Börsencrash eingeläutet, erreicht Anfang 1933 ihre dramatischsten Auswirkungen. Die Arbeitslosenquote in den USA steigt auf knapp über 25%. Zum Vergleich: Die schwere Finanzkrise von 2008 ließ die amerikanische Arbeitslosenquote „nur“ bis dicht unter die 10% Marke steigen und erwies sich bereits als landesweite Katastrophe.
1933 lebt über die Hälfte der Amerikaner in bitterster Armut. Besonders in den Städten findet man kaum noch Arbeit. Zehntausende hungernde Menschen streifen die Landstraßen und Bahnstrecken entlang auf der Suche nach Beschäftigung. Suppenküchen und Brotausgabestellen mit langen Warteschlangen werden zum Symbolbild der Ära.
Das durchschnittliche Jahreseinkommen, wenn man denn Arbeit hat, liegt bei 1.400 Dollar; eine Monatsmiete bei 15 Dollar, und ein Kinobesuch mit Popcorn bei etwa 30 Cent.

Es ist dieser Tiefpunkt, an dem Franklin Roosevelt im Herbst 1932 seinen gigantischen Wahlsieg einfahren kann. Seine Amtseinführung findet am 4. März 1933 statt, zwei Tage nach der Premiere von KING KONG. Und Roosevelt ist es, der in seinen zwei Amtszeiten (die damals noch freiwillig und nicht vorgeschrieben sind!) mit seinem „New Deal“ das Land wirtschaftlich wieder auf die Beine bringt.
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All das sollte man wissen, bevor man sich vergegenwärtigt, dass KING KONG mitten in der Depression mehr als ein Jahr Produktionszeit einnimmt, dabei ein Budget von gut 670.000 Dollar verschlingt (damals zumindest nicht unüblich) – und allein an seinem Startwochenende 90.000 Dollar einspielt (was seinerzeit hingegen einen Rekord darstellt). Auch wenn die Umsätze in der zweiten Woche wegbrechen, da Roosevelt als eine seiner ersten Amtshandlungen acht Tage lang sämtliche Banken schließen lässt, spielt KING KONG bei seiner ersten Aufführung, aller Depression zum Trotz, gut zwei Millionen Dollar ein! Und es wird erst der Beginn des Triumphzuges des Riesenaffen werden.


Drachen und Könige


84 Jahre später, KING KONG ist längst einer der bekanntesten und populärsten Filme überhaupt, ist die Literatur über den Film unüberschaubar geworden. Zu viele Legenden sind gestrickt, zu viele Stars und Ikonen hat der Film hervorgebracht.
Entsprechend schwierig gestaltet sich die Suche nach den Ursprüngen. Wie genau kam KING KONG in die Welt?

Sicher ist, dass der Riesenaffe das erste je selbsterdachte Filmmonster ist. Zwar gibt es z.B. mit NOSFERATU oder DAS PHANTOM DER OPER, aber auch mit DRACULA, DIE VERLORENE WELT und FRANKENSTEIN 1933 schon etliche Filmmonster. Sie alle basieren jedoch auf literarischen Vorlagen.

Die Idee für KING KONG hingegen entstammt, so will es die Legende, einem Traum.
Merian C. Cooper ist es, der um 1930 herum angeblich davon träumt, wie ein riesiger Affe durch New York wütet. An anderer Stelle liest man, seine Ausgangsidee wäre das Bild gewesen, wie ein Riesenaffe auf dem neu errichteten Empire State Building gegen Flugzeuge kämpft.

Was wie eine wilde, beinahe willkürliche Aneinanderreihung von Elementen klingt, ist dabei eine beinahe logische Kombination von Coopers Vergangenheit und der Gegenwart, in der er lebt.
Denn Merian C. Cooper ist nicht irgendein Filmemacher. Tatsächlich liest sich seine Biografie wie eine Abenteuerserie über drei Staffeln!

Am 24. Oktober 1893 in Florida als jüngstes von drei Kindern geboren, beschließt Cooper schon mit sechs Jahren, einmal Entdecker werden zu wollen. Zunächst jedoch arbeitet er als Reporter im mittleren Westen der USA, bevor er 1916 der Nationalgarde beitritt und in Mexiko gegen Pancho Villa kämpft. Im März 1917 wird er in die Heimat beordert und zum Kampfflieger ausgebildet.
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Im Oktober 1917 zieht er als Kampfpilot nach Frankreich in den Ersten Weltkrieg. Er stürzt ab, verliert das Gedächtnis, lernt erneut fliegen, diesmal als Bomberpilot, und wird im September 1918 abgeschossen. Cooper landet das brennende Flugzeug spektakulär und gerät bis Kriegsende in deutsche Kriegsgefangenschaft.
Von 1919 bis 1921 kämpft Cooper auf Seite der Polen im Polnisch-Sowjetischen Krieg. 1920 wird er dabei erneut abgeschossen und verbringt neun Monate in sowjetischer Kriegsgefangenschaft. In dieser Zeit schreibt er eine Autobiografie, von der er später jedoch sämtliche Exemplare aufkauft, weil er darin einen Seitensprung beichtet.

1921 kehrt Cooper nach Amerika zurück und arbeitet wieder als Reporter. Für das Asia Magazine soll er exotische Reportagen schreiben,und bereist mit dem Schiff das Kaiserreich Abessinien (heute Äthiopien und Eritrea), eine Fahrt, auf der er seinen späteren Kompagnon und besten Freund Ernest B. Schoedsack kennenlernt. Auf der Rückfahrt wird sein Schiff von Piraten aufgerieben und versenkt.
Wieder zu Hause, arbeiten Cooper und Schoedsack für die American Geographical Society und den Explorers Club of New York. Sie reisen um die Welt, halten Vorträge und beraten Mitglieder, die neugierig auf die Welt sind.
1925 drehen und produzieren die beiden den Dokumentarfilm GRASS: A NATION'S BATTLE FOR LIFE über einen Nomadenstamm im Iran. 1927 folgt der Film CHANG, eine Dokumentation über arme Farmer und die gefährlichen Wildtiere in Siam (heute: Thailand). Beide Filme werden relativ erfolgreich, und 1929 arbeiten Cooper und Schoedsack im Sudan, wo sie in einer Mischung aus dokumentarischen Aufnahmen und Spielszenen eine erste Verfilmung von DIE VIER FEDERN inszenieren.

Etwa um diese Zeit herum erhält der Abenteurer und noch junge Filmemacher Cooper seine Idee für KING KONG.

Ein vermutlich nicht unbedeutendes Element des späteren Films stammt dabei gar nicht aus dem reichhaltigen Erfahrungsschatz Coopers, sondern dem eines Kollegen.
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Der Entdecker W. Douglas Burden leitet 1926 eine Expedition auf die Insel Komodo, wo er für das American Museum of Natural History einige lebende Komodowarane (auf Englisch: Komodo dragon) fangen und nach Amerika bringen soll. Diese Erfahrungen hält er in seinem Buch „Dragon Lizards of Komodo“ fest, in dem er nicht nur die „Vergessene Welt“ von Komodo schildert, sondern auch schwärmerisch erklärt: „Es würde mir gefallen, meine ganze Familie herzubringen, und König von Komodo zu werden.“

Cooper bringt seine Idee beim Studio RKO unter, und arbeitet mit dem dort angestellten Autor Edgar Wallace daran, eine Story für den „Gorilla-Film“ zu entwickeln. Gemeinsam arbeitet man sich von Coopers Grundidee eines auf dem Empire State Building wütenden Riesenaffen aus rückwärts zum Anfang der Geschichte vor.

Bald schon erinnert sich Cooper an Burdens Buch über die Insel Komodo, und er nimmt Kontakt zu dem Forscher auf. Was Cooper besonders reizt, sind die Elemente der urzeitlichen Tiere (immerhin Drachen!) auf einer abgelegenen Insel, und der gebrochene Geist der gefangenen Wildtiere, den Burden im Buch beschreibt: Nur zwei der gefangenen „Komodo-Drachen“ erreichen Amerika lebend, kommen dort in den Bronx-Zoo und sterben kurze Zeit später.

Außerdem erinnert sich Burden 1964 in einem Brief an Cooper: „Neben meiner Beschreibung der urzeitlichen Insel Komodo und der Drachen, die dort leben, gefiel Ihnen vor allem die Stärke von Wörtern, die mit dem Buchstaben 'K' beginnen, wie in Kodak, Kodiak Island und Komodo. Ich glaube, das war der Augenblick, in dem Ihnen der Name Kong als möglicher Titel für ihren Gorilla-Film einfiel. Ich denke, dass die Verbindung des Ausdrucks 'King of Komodo' in meinem Buch, und Ihre Erfindung des Namen 'Kong', Sie schließlich auf den Titel KING KONG brachte.“

Es ist also kein Zufall, dass Cooper sich eine Geschichte ausdenkt, die urzeitliche Wildheit mit der amerikanischen Moderne perfekt verknüpft, macht doch eben dieser Widerspruch sein eigenes Leben aus.


Höher geht immer


Auch Coopers Idee eines Affen, der auf der Spitze des Empire State Buildings gegen Flugzeuge kämpft, ist nicht „aus der Luft gegriffen“.
1930 lebt und arbeitet der ehemalige Kampfflieger in Amerika, und der gerade angelaufene Bau des Empire State Buildings ist DAS Prestigeobjekt des Landes. In erstaunlich kurzer Zeit hochgezogen (Baubeginn am 17. März 1930, Fertigstellung am 11. April 1931), konkurriert das Empire State Building mit dem Turm an der Adresse 40 Wall Street (damals das Bank of Manhattan Trust Building, heute das Trump Building) und dem Chrysler Building um den Titel des höchsten Gebäudes der Welt.
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Da die beiden Mitkonkurrenten früher fertiggestellt werden, letztendlich aber deutlich niedriger sind, tritt das stylishe Empire State Building als Sieger aus dem Wettbewerb hervor. Und es behält den Titel „Höchstes Gebäude der Welt“ länger als irgendein anderes Gebäude seither: von 1931 bis 1972. Erst mit der Fertigstellung des World Trade Centers, muss es den Titel abgeben. (Das World Trade Center wird bereits zwei Jahre später vom Sears Tower in Chicago abgelöst.)

Noch heute ist die Faszination greifbar, die seinerzeit von der schieren Höhe dieses menschgeschaffenen Bauwerks ausgeht. Wer diese Faszination selbst einmal nachempfinden möchte, muss heute nach Dubai reisen. Kaum ein Besucher kann der Verlockung widerstehen, sich dort einmal der unglaublichen Höhe des Burj Khalifa auszusetzen, dem seit 2010 höchsten Gebäude der Welt. (Übrigens mit 828 Metern mehr als doppelt so hoch wie das Empire State Building!)


Extreme Sehnsucht


Cooper vermengt bereits in seiner Grundidee zu KING KONG alle denkbaren Extreme: Das höchste Gebäude der Welt, in der modernsten Stadt der Welt, heimgesucht von einem unvorstellbaren Biest aus der entferntesten Urzeit, die perfekte Wildheit, konfrontiert mit der modernen Zivilisation, aber auch die Kontraste von Gefangenschaft und Freiheit, von Mensch und Natur. KING KONG ist, für das zeitgenössische Publikum noch mehr als für die heutigen Zuschauer, eine einmalige Reise. Urzeitlich und modern, exotisch und heimatlich zugleich.
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In KING KONG schwingt eine seltsame, beinahe nostalgische Sehnsucht mit, die durch das Zeitalter der Moderne überhaupt erst möglich wird. Cooper selbst sagt einmal: „Die Welt wird jedes Jahr immer kleiner. Ich meine, sie wird zu sehr zivilisiert. Ich erinnere mich noch, als die Welt ein beeindruckender, uralter Ort war – ein Ort voll unerforschter Länder, vollgestopft mit Abenteuern. Doch was soll man heute noch erleben? Wohin soll man heute noch reisen?“


Schreib uns mit rein


Diese Sehnsucht, die in KING KONG spürbar wird, mag ein weiterer Grund für seinen bis heute andauernden Erfolg sein.
Mit Sicherheit bedingt sie jedoch die Tatsache, dass zwei Filmemacher zu den Helden des Films werden.
Denn während Cooper für die Grundgeschichte noch mit Edgar Wallace zusammenarbeiten kann, steht ihm der erfahrene britische Autor, der eigentlich das Drehbuch verfassen soll, bald nicht mehr zur Verfügung. Keine zwei Monate, nachdem Wallace im Dezember 1931 mit der Arbeit an KING KONG begonnen hat, stirbt er am 10. Februar 1932 an einer Kombination aus diabetischem Koma und einer beidseitigen Lungenentzündung.

Also wendet sich Cooper an James Ashmore Creelman, der ein Script verfasst, das Cooper jedoch zu langatmig ist, voll überflüssiger Expositionen und blumiger Dialoge. Cooper aber  will ein wildes, atemloses Action-Abenteuer auf die Leinwand bringen.
Und so wendet er sich an seinen Freund Schoedsack, bzw. an dessen Frau Ruth Rose, die die beiden schon bei früheren Expeditionen begleitet hat. Sie arbeitet das Script schließlich zu dem Film um, der später auf der Leinwand zu sehen ist.
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Dabei erhält Rose einen recht deutlichen Auftrag von Cooper: „Setz uns beide in den Film“, erklärt Cooper ihr, und meint damit sich selbst und Schoedsack. Und so kommt es, dass am Ende ein abenteuerlustiger Dokumentarfilmer (Cooper) und sein nicht minder abenteuerlicher, ja sogar heldenhafter Freund und Kameramann (Schoedsack) die Stars in KING KONG werden.

Der Film gewinnt dadurch beinahe autobiografische Züge. Wenn etwa Carl Denham zu Beginn des Films erklärt, dass man seinen Filmen immer wieder vorwerfe, ihnen würde eine Liebesgeschichte fehlen, und dass er deshalb unbedingt eine Frau in seinem Film brauche, spiegelt das sehr deutlich die Kritik an Coopers echten (und durchaus erfolgreichen) Dokumentarfilmen wider.


In den Dschungel, fertig ...


Die Dreharbeiten erweisen sich schließlich als trickreich, was auch ihre enorme Länge erklärt.
Als Cooper seine Idee einige Jahre zuvor erstmals ausarbeitet, schwebt ihm noch eine Handlung vor, in der sein Riesenaffe gegen Riesendrachen (vermutlich von Komodo) kämpft. Dafür will er an Originalschauplätzen drehen, und erneut dokumentarische Aufnahmen mit Spielszenen kreuzen. Mit dieser Idee geht er bei den Studios hausieren.
Paramount ist kurzfristig interessiert, doch 1931, als die Wirtschaftskrise anzieht, scheuen sie davor zurück, ein Filmteam um die Welt zu schicken, ohne das Ergebnis wirklich kontrollieren zu können.
Zur gleichen Zeit arbeitet David O. Selznick als Studioboss bei der RKO, und will Cooper unbedingt als Produzenten im Studio anstellen. Er bietet ihm den Job an und macht ihm das Angebot auch dadurch schmackhaft, dass Cooper hier seinen Gorilla-Film selbst produzieren kann.

Coopers erstes Projekt als Produzent wird GRAF ZAROFF – GENIE DES BÖSEN (auf Englisch: THE MOST DANGEROUS GAME), bei dem es um eine Menschenjagd im Dschungel geht. Cooper engagiert als Hauptstars den populären Robert Armstrong und die ebenfalls populäre, seit Kurzem vor allem auf Horrorfilme abonnierte Fay Wray. Für den Streifen wird ein riesiges Dschungelset im Studio errichtet.
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Gleichzeitig sichtet Cooper erste Aufnahmen für einen weiteren Monsterfilm, der ihm unterstellt wird, CREATION, in dem der Stop-Motion-Techniker Willis O'Brien Dinosaurier gegeneinander kämpfen lässt. Cooper ist von den Tricks zwar nicht begeistert, erkennt jedoch das Potential. Er wirft die Idee über Bord, seinen Affen gegen einen Drachen kämpfen zu lassen, und will statt in der Wildnis im Studio drehen, und den Affen durch Tricktechnik zum Leben erwecken. Dadurch sinkt das Budget auf ein mehr als erträgliches Maß.
Cooper macht von seinem Recht als Produzent Gebrauch, lässt sämtliche Arbeiten an CREATION abbrechen (der Film bleibt unvollendet), und schickt das Team an die Arbeit an KING KONG. (O'Brien kann seine Sauriermodelle aus CREATION jedoch erfolgreich in KING KONG einsetzen.)

Schließlich gibt die RKO Cooper grünes Licht für einige Testaufnahmen.
Marcel Delgado entwirft und baut ein paar Gorilla-Modelle aus einem Aluminiumskelett, umgeben von Schaumstoff, Gummimuskeln und Kaninchenfell.
Als Vorlage dienen echte Berggorillas aus dem Zoo, die Delgado jedoch etwas menschlicher gestaltet, da er befürchtet, der Affe sähe zu lächerlich aus, wenn er die Originalproportionen der Berggorillas verwenden würde.

Zusätzlich werden einzelne Körperteile in Lebensgröße hergestellt: Die Partie um Kongs Kopf, Hals und ein Teil seines Oberkörpers, um in Nahaufnahmen Kongs Mimik darzustellen. (Vier Techniker sitzen in dem Schädel und bedienen die mimik mit etlichen Hebeln.) Hinzu kommen zwei Versionen von Kongs rechter Hand, eine unbewegt (mit der Kong nach Driscoll in der Höhle greift) und eine mit beweglichen Fingern (die Hand, mit der Kong Ann Darrow festhält). Und natürlich gibt es einen nicht-beweglichen Fuß, mit dem Kong auf seine Opfer trampeln kann.
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Insgesamt überzeugen die Effekte und Testaufnahmen die Bosse von RKO so sehr, dass sie dem Projekt die Finanzierung zusichern.

Endlich am Set zeigt sich schnell ein erstes Problem. Ursprünglich wollen Cooper und Schoedsack als Regie-Duo jede Szene gemeinsam inszenieren. Das erweist sich jedoch als problematisch, da beide gänzlich unterschiedliche Stile pflegen: Cooper inszeniert eher ruhig und sachlich, während Schoedsack etwas ruppiger und impulsiver ist.
Schließlich teilt man sich die Arbeit auf: Cooper überwacht die Effektszenen und die Dramatik der Kampf- und Actionsequenzen, während Schoedsack für die Dialogszenen zuständig ist.


… hin und her


Insgesamt dauern die Dreharbeiten an KING KONG acht Monate, die jedoch in teils sehr unterschiedlichen Phasen ablaufen. Manchmal sind die Pausen für einzelne Schauspieler so lang, dass sie währenddessen ganze Filme komplett abdrehen können. (Fay Wray etwa beendet in ihren Drehpausen die Filme DOKTOR X und DAS GEHEIMNIS DES WACHSFIGURENKABINETTS).

Obwohl das Drehbuch noch in der Schreibmaschine steckt, und die Dialoge teilweise improvisiert werden müssen, muss Cooper schon gleich zu Beginn etliche Dschungelszenen drehen, solange das Dschungelset für GRAF ZAROFF – GENIE DES BÖSEN noch steht, denn nach Beendigung der Dreharbeiten soll dieses abgerissen werden. Für Fay Wray und Robert Armstrong wird das zu Doppelbelastung: Beide werden neben GRAF ZAROFF auch in KING KONG besetzt. So drehen sie tagsüber GRAF ZAROFF, und nachts in denselben Sets KING KONG. (Etliche dieser Szenen landen später in der Testrolle, die RKO überzeugt, das Projekt zu finanzieren.)

Nachdem der Dschungeldreh abgeschlossen ist, wird das Dorf der Ureinwohner vorbereitet. Zur gleichen Zeit dreht Schoedsack die Außenszenen am Hafen, einige Aufnahmen der startenden Kampfflieger, sowie etliche Luft- und Außenaufnahmen der Stadt New York für später.
Anschließend dreht man die Szenen im Eingeborenendorf.
Für die Mauer und das große Tor darin nutzt man Kulissen aus Cecille B. DeMilles Stummfilmepos KÖNIG DER KÖNIGE, die umgebaut werden.
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Sie finden 1939 ein spektakuläres Ende: David O. Selznick lässt sie in lodernden Flammen aufgehen, und liefert damit den beeindruckenden Hintergrund für sein brennendes Atlanta in VOM WINDE VERWEHT.

Erst als diese und einige weitere kleine Szenen vollendet sind, wird die Produktion unterbrochen, damit wichtige Innenkulissen fertiggestellt werden können und Ruth Rose das Drehbuch beenden kann.

Ende 1932 schließlich werden die letzten Szenen an Bord des Schiffes, auf der Kulisse des Empire State Buildings, im Theater und in New York gedreht, sowie die letzten Aufnahmen, die die echten Schauspieler mit den Trickeffekten kombinieren. So verbringt Fay Wray etwa gut 22 Stunden in einem künstlichen Baum, um dem Kampf zwischen Kong und dem T-Rex zuzuschauen.


Endlose Bewegungsstopps in Gelb und Blau


Doch Wray ist nicht die einzige, die für KING KONG lange Drehtage über sich ergehen lassen muss. Vor allem O'Brien und sein Effekt-Team haben eine Menge Arbeit zu bewältigen.

Selbst heute noch kann man nur ins Staunen geraten, wenn man sich die Fülle an Tricktechnik vor Augen führt, die in KING KONG zum Einsatz kommt.
Denn nicht nur die offensichtliche Stop-Motion-Technik bereitet Cooper Schwierigkeiten. Vor allem die Frage, wie man reale Schauspieler mit allein durch Tricktechnik zum Leben erweckten Figuren verschmelzen lassen kann, und wie man die exotische Landschaft lebendiger gestalten soll, muss geklärt werden.
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Vorangestellt sei, dass natürlich keine der in KING KONG genutzten Tricktechniken neu sind. Stop-Motion etwa wird bereits in der Frühzeit des Kinos genutzt, stellenweise mit Puppen, aber auch mit Scherenschnitten oder Ähnlichem.
Und nicht zuletzt Willis O'Brien hattdie Technik schon vorher erfolgreich eingesetzt, etwa 1925 in DIE VERLORENE WELT.

Die Menge und das Zusammenspiel der Tricktechniken in KING KONG sind mehr als erstaunlich. Denn neben Stop-Motion kommen auch Rückprojektionen, die erst um 1930 herum aus dem Tonfilm entwickelt werden, Travelling Mattes, Bipacking und optische Printer zum Einsatz. Kurz: Das Edelste, was die Tricktechnik 1933 zu bieten hat.

Dennoch steht die Stop-Motion-Technik sichtbar im Mittelpunkt. Neuartig an KING KONG ist, dass das Model ein verstellbares Aluminiumskelett besitzt, wodurch deutlich fließendere Bewegungen möglich werden als noch in DIE VERLORENE WELT. Auch sehen die Modelle von Delgado besonders realistisch aus, da er die Oberfläche mit Gummimuskeln überspannt. Doch obwohl die Haut der Modelle relativ fest ist, sieht man im fertigen Film deutlich die Arbeit der Tricktechniker: Das Kaninchenfell, mit dem Kong überzogen ist, lässt immer wieder erkennen, wo das Modell für die Einzelbewegungen berührt wurde.

Dennoch ist die Arbeit für alle Beteiligten mühsam. Es stellt sich schnell heraus, dass einzelne Sequenzen möglichst „am Stück“ fertiggestellt werden müssen. Das Modell verzieht sich unter der Scheinwerferhitze, wodurch es am nächsten Morgen oft „anders“ aussieht. Außerdem ist das Laubwerk, in dem das Modell steht, lebendig und verändert sich im Laufe eines Tages.
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Die Folge sind Arbeitstage von manchmal bis zu 20 Stunden, die penibel geplant werden müssen. Jeden Morgen werden sämtliche Brenner der Scheinwerfer ausgetauscht, damit im fertigen Film kein „Flimmern“ entsteht, wenn die Brenner mit der Zeit schwächer werden. Das Blattwerk wird ausgerichtet, und anschließend die Tür des Studios fest verriegelt. Niemand darf herein oder hinaus – jeder kleine Windhauch könnte die Position des Laubs verändern.
Am Ende des Tages sind die Pflanzen aufgrund der Hitze nicht selten völlig vertrocknet.

Der legendäre Kampf zwischen Kong und dem T-Rex (der vermutlich eher ein Allosaurus ist)  benötigt sieben Wochen für die Fertigstellung. Ein Tag landet dabei komplett im Müll: Unbemekrt von den Trickleuten gerät im Hintergrund eine Blume in volle Blüte, was den fertigen Filmstreifen komplett ruiniert.
Die Choreographie für den Kampf erarbeiten Cooper und Schoedsack im Studio und nehmen ihn für die Techniker auf – beide waren früher in der Schule als Ringer aktiv. O'Brien hingegen war früher Boxer, und fügt dem Kampf neben einigen Ringer-Zügen auch noch Boxbewegungen hinzu.

Die Verknüpfung der Stop-Motion-Szenen mit den Realszenen wird später vornehmlich über Doppelbelichtung ausgeführt. In den Szenen, in denen die echten Schauspieler mit den Trickfiguren interagieren, ist diese technik allerdings nicht ausreichend. Hier werden sogenannte Traveling Mattes eingesetzt.
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Im Falle von KING KONG setzt man dafür in hohem Maße auf den sogenannten „Dunning Prozess“, einer Form komplizierter Bluescreen-Technik der späten Schwarz-Weiß-Epoche.

Dabei wird der Vordergrund einer Szene in starkem Gelblicht ausgeleuchtet, der Hintergrund hingegen in starkem Blaulicht.
Durch die Kamera laufen nun zwei Filmrollen: vorne ein gelbgefärbtes Positiv der Trickszenen, dahinter ein noch unbelichteter Filmstreifen.
Das blaue Licht des Hintergrunds wird nun durch den gelben Filmstreifen geblockt und damit für das unbelichtete Negativ dahinter unsichtbar, wodurch lediglich die bereits sichtbaren Filmszenen auf dem Negativ erneut belichtet werden.
Der gelb beleuchtete Vordergrund hingegen wandert durch den gelben Filmstreifen direkt auf das Negativ und belichtet dieses. Als Ergebnis werden beide Bilder, der gelbbeleuchtete Vordergrund und die Bilder des gelben Filmstreifens gleichzeitig auf das unbelichtete Filmmaterial geworfen, So dass beide Bilder auf einem Filmstreifen kombiniert werden.
(Und wem das – wie mir – zu hoch sein sollte, kann sich vorstellen, wie beeindruckend die Technik  1933 gewesen ist!)

Leider wird der Dunning-Prozess, da er nur auf Schwarz-Weiß-Material funktioniert, mit der immer größeren Verbreitung des Farbfilms obsolet.

Erwähnenswert ist dabei noch die ebenfalls legendäre Szene, in der Kong Ann die Kleidung vom Leibe zupft. Hier arbeitet Cooper mit einer komplexen Kombination aus Dunning-Technik und einer winzigen Rückprojektion, die selbst heute noch fasziniert! Neben dem Trickmodell steht eine winzige Leinwand, auf die durch einen Spezialprojektor Bild für Bild die Szene gespielt wird, bei der Ann entkleidet wird.
Dabei nutzen O'Brien und Cooper den Trick, Wray die Kleidungsfetzen durch einen Draht von hinter der Kamera vom Leibe zu reißen.
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Die gesamte Technik ist vollkommen revolutionär und neuartig. Leider denken beide nicht daran, sie patentieren zu lassen – und verschenken dadurch ein Vermögen.


Arie der Qualen


Alles, was dem Film am Ende noch fehlt, ist Ton.
Für die Toneffekte des Films zeichnet Murray Spivack verantwortlich. Kongs Brüllen etwa besteht aus den Tönen von Löwen und Tigern, rückwärts und langsam abgespielt. Das Fauchen des T-Rex ist eine Mischung aus dem Schrei eines Pumas und dem Fauchen eines Luftkompressors. Kongs lustvolles Grunzen, als er Ann entkleidet, ist Spivack selbst, der in ein Megaphon grunzt. Im Grunde keine andere Technik als heute auch.

Fay Wray verbringt nach den Dreharbeiten noch etliche Stunden im Tonstudio, um alle möglichen Schreie auszustoßen. Sie selbst nennt diese Aufnahmen ihre „Arie der Qualen“. Aber die Mühe lohnt sich: Wray geht als erste, und bis heute eine der populärsten, „Scream-Queens“ in die Filmgeschichte ein.

Alles andere als eine Qual wird hingegen der Soundtrack.
Die RKO will aufgrund des bereits recht hohen Budgets keinen eigenen Soundtrack komponieren lassen, sondern beauftragt den Komponisten Max Steiner damit, Musik aus alten Filmen zu verwenden. Damit jedoch will Cooper sich nicht abfinden. Er zahlt Steiner 50.000 Dollar aus eigener Tasche, damit dieser einen Soundtrack komponiert. Und selten wurde ein kleines Vermögen besser angelegt. Denn Steiners Arbeit revolutioniert das Kino.

Sechs Wochen lang komponiert er die Stücke des Films und nimmt die Musik schließlich – Geld hat er ja reichlich – mit einem 46-köpfigen Orchester auf. Damit wird KING KONGs Score der erste Soundtrack, der je für einen Abendfüllenden Tonfilm komponiert wird. Da sich Steiner außerdem an der Oper orientiert, und Leitmotive verwendet, wird KING KONG der erste große Hollywoodfilm, der nicht einfach nur Hintergrundmusik verwendet, sondern ein den Film umspannendes Gesamtkunstwerk einspielt, noch dazu als erster Film mit einem so großen Orchester.
So wird KING KONG, ganz nebenbei, der erste Film, der schlussendlich drei Tonspuren verwendet: eine für den Dialog und je eine für Soundeffekte und Musik.
Mit seiner Arbeit an KING KONG gelingt Steiner der Durchbruch. Er verändert die Art und Weise, wie Filmmusiken eingesetzt werden nachhaltig, und avanciert zu einem der besten und populärsten Filmkomponisten des Jahrhunderts, dessen berühmtestes Werk wohl für immer VOM WINDE VERWEHT bleiben wird.
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Dennoch überzeugt auch KING KONG mit einem bis heute herausragenden Soundtrack, der noch fast neunzig Jahre später, anders als viele andere Soundtracks jener Zeit, äußerst modern klingt.
Nach dem großen Erfolg des Films zahlt die RKO Cooper außerdem die 50.000 Dollar zurück!


Kong erobert die Leinwand


Seine Uraufführung erlebt KING KONG am 2. März 1933 in den beiden größten Theatern New Yorks. Insgesamt 9.900 Plätze stehen zur Verfügung. Die Tickets kosten 35 bis 75 Cent. (Vor dieser Kulisse sei noch einmal erwähnt, dass Carl Denham im Film Eintrittspreise von zehn Dollar(!) nimmt, um Kong bestaunen zu dürfen!). Als Einstimmung gibt es eine Bühnenshow namens „Jungle Rythms“.
Die Menschen stehen kilometerlang Schlange, zehn Mal pro Tag wird der Film in den ersten vier Tagen aufgeführt, und jede einzelne Show ist restlos ausverkauft! Damit stellt der Film einen noch heute gültigen Rekord für die bestbesuchte Hallenveranstaltung der Welt auf und spielt, wie erwähnt, 90.000 Dollar ein.
Doch das Abenteuer KING KONG und der Siegeszug des Biests, das der Schönheit nicht widerstehen kann, haben gerade erst begonnen.

Den Erfolgen, Folgen und spannendsten Legenden rund um KING KONG widmen wir uns in Teil 2 unseres Rückblicks.

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