26.02.17

Kinokritik: Boston (USA 2017) - Terror und Alltag

Es gilt, neben dem 11. September 2001, als das größte islamistisch motivierte Attentat auf amerikanischem Boden: das Bombenattentat während des Boston Marathons am 15. April 2013.
Peter Bergs neuer Film BOSTON widmet sich dem Anschlag auf vielschichtige Weise: Neben einer minutiösen Darstellung der Tat selbst und vor allem der sechstägigen, polizeilichen Jagd auf die Täter, findet er auch noch jede Menge Raum, um zu zeigen wie das stolze Boston auf den blutigen Angriff auf ihre Freiheit und ihren Alltag reagiert: mit Selbstbewusstsein und Geschlossenheit.
Leider wird genau das den Film in deutschen Kinos etliche Zuschauer kosten.
© Studiocanal GmbH Filmverleih


Marcos Blick: 

BOSTON steht an deutschen Kinokassen vermutlich ein tragisches Schicksal bevor. Denn der durchaus spannende und historisch sowie ermittlungstechnisch lehrreiche Thriller hat ein Problem. Er will der getroffenen Stadt Boston, ihren Bewohnern und nicht zuletzt den Opfern des Attentats ein Denkmal setzen. Als Folge davon wird die Geschichte von einer deutlichen Spur Bostoner Lokalstolz und Opferhuldigung durchzogen, die in den letzten Minuten des Films den Bogen ein Stück überspannt.
Zumindest das deutsche Publikum jedoch reagiert in weiten Teilen allergisch auf alles, was in irgendeiner Form amerikanischen Patriotismus ausstrahlt. Und so wird auch BOSTON darunter leiden, dass das hiesige Publikum bei diesem Film von einem klasse Thriller vor allem die (lokal-)patriotischen Tendenzen wahrnehmen wird.
Schade.

Patriots Day


Wie groß das Problem, und wie bewusst dem Verleih die Situation ist, zeigt sich bereits in der für den deutschen Markt vorgenommenen Titeländerung des Terror-Thrillers. (Irgendwo zwischen PROJEKT: PEACEMAKER und BOSTON scheint daraus ein eigenes Genre gewachsen zu sein.) Im Original kommt der Streifen nämlich noch mit dem schneidigen Titel PATRIOTS DAY daher.
Ein Titel, der an deutschen Kinokassen vermutlich Gift gewesen wäre.
Nun mag eine Titeländerung vom eher Naserümpfen hervorrufenden Titel PATRIOTS DAY zum relativ aussagebefreiten BOSTON ein cleverer Marketing-Schachzug gewesen sein. Bedauerlicherweise ändert diese kleine Täuschung jedoch nicht darüber hinweg, dass auch BOSTON die Rettungskräfte und Bewohner der Ostküstenmetropole zu Helden erklärt.

Diese Vorurteile des deutschen Publikums sind bedauerlich. Denn sieht man einmal vom großzügig gestreuten Lokalpatriotismus und den mit breitem Pinsel gezeichneten amerikanischen Alltagshelden ab, verbirgt sich hinter BOSTON ein wirklich cleverer Thriller, der sogar, hier und da, mit einer Prise amerikanischer Gesellschaftskritik überrascht.

Von Athen bis Boston


Natürlich erweist sich auch der deutsche Titel als äußerst zutreffend, denn die Stadt Boston spielt eine nicht zu unterschätzende Nebenrolle.

Der Patriots' Day ist ein offizieller Feiertag in den US-Staaten Maine und Wisconsin, der jedes Jahr am dritten Montag im April stattfindet. Er gilt als Gedenktag der Gefechte von Lexington und Concord, die am 19. April 1775 den Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg auslösten und damit schließlich zur Unabhängigkeit der USA führten.
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Die Feierlichkeiten beinhalten ein (frühmorgendliches) Reenactment der Schlachten, und des berühmten Mitternachtsritts, bei dem Paul Revere am Abend des 18. April 1775 von Boston nach Lexington und Concord galoppierte, um die Ankunft der Briten zu verkünden.

Seit 1897 bildet der „Boston Marathon“ den Höhepunkt des Feiertags, eingeführt, um das Jubiläum der amerikanischen Freiheit mit dem freiheitsverkündenden Lauf des Pheidippides zu verknüpfen, der einst von Marathon nach Athen lief, um den Sieg der Griechen gegen die Perser zu verkünden.
Es ist also ein bedeutungsschwangerer, vor allem aber ein von allen Bostonern mit Seele gelebter Feiertag.

BOSTON erzählt nun vom Patriots' Day des Jahres 2013, der eine schlimme Wendung nimmt: Zwei Tschetschenen, unter anderem überzeugt davon, dass der 11. September ein „Inside-Job“ gewesen sei, und die in Amerika eine Gefahr sehen, radikalisieren sich selbst. Sie platzieren zwei selbstgebastelte Bomben an der Ziellinie der Marathonstrecke. Die Explosion tötet drei Menschen und verletzt Hunderte, viele davon schwer.
Was folgt, ist eine abenteuerliche und stellenweise unglaubliche Jagd des FBI und der Bostoner Polizei auf die Attentäter.

Dem Film gelingt es dabei, nicht nur interessante und glaubwürdige Figuren vorzustellen, sondern auch, die Ermittlungsarbeit extrem lehrreich aufzuarbeiten.
So ist etwa beeindruckend, wenn der Leiter des örtlichen FBI-Büros am Tatort eintrifft, und den Polizisten verbietet, die Tat als Terroranschlag einzustufen, bevor Genaueres feststeht. "Sobald wir von einem Terrorakt sprechen, ändert sich alles", erklärt er, und legt dann dar, wie sich die mediale Aufmerksamkeit ändert, die öffentliche Wahrnehmung, die Zuständigkeiten von FBI, CIA und NSA sowie der Homeland Security. So wird spürbar, welch große und folgenreiche Entscheidung er fällt, als er den Fall schließlich doch offiziell als Terrorakt deklariert. Kaum ein Film widmet solchen fundamentalen Entscheidungen der Justizsysteme auch nur eine Sekunde Spielzeit. 
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Man schaut den Behörden bei jedem Handschlag über die Schulter, und erfährt so zum einen, wie es ihnen gelingt, die Täter überhaupt so schnell ausfindig zu machen, vor allem aber auch, mit welchen Problemen und Fehlern sie zu kämpfen haben. Beständig müssen Entscheidungen abgewogen werden, oder läuft eine Spur ins Leere. Wer BOSTON schaut, versteht schließlich auch, weshalb das „Boston Marathon Bombing“ bis heute als eines der Hauptargumente für eine großflächige Videoüberwachung gilt. 

Regisseur Peter Berg und Autor Matt Cook haben dabei das „Glück“, eine Geschichte vor sich zu haben, die Suspense, Thrill und jede Menge Action mitbringt, ohne sie groß hinzuerfinden zu müssen.
Das Ergebnis ist ein hochroutinierter und stellenweise äußerst actionlastiger Thriller, der bis auf einige wenige Dramatisierungen im Personal beinahe wirklich so stattgefunden hat.

Strong 


Diese Mischung aus Thriller und Actioner ist dabei kein Zufall. Denn wie es in Hollywood häufig geschieht, kommt ein Studio selten alleine auf eine Idee. So starten in Boston beinahe zeitgleich die Vorbereitungen für gleich drei(!) Filme über das Attentat auf den Boston Marathon. Eines davon ist der Actionthriller BOSTON STRONG. (Der Titel beruht auf dem damals schnell gefundenen Hashtag #BostonStrong, der die Stadt im Zuge der Tragödie eint.) Ein zweiter namens PATRIOTS DAY soll ein äußerst faktenbasiertes Drama werden, das sich um den damaligen Bostoner Polizeichef Ed Davis dreht. Ein drittes Skript, STRONGER, erzählt die Geschichte eines der bekannteren Opfer, das der Polizei bei der Suche nach den Attentätern hilft.

Am Ende werden die Drehbücher von BOSTON STRONG und PATRIOTS DAY miteinander verschmolzen, was die überaus faszinierende Mischung aus faktenbasiertem Drama und krachenden Actionsequenzen erklärt.
Der Film STRONGER wird zeitgleich gedreht. Das Drama mit Jake Gyllenhaal soll noch 2017 erscheinen.

Bergs Geschick bei dem Genremischmasch zwischen Drama und Action liegt darin, dass man als Zuschauer nie die Übersicht verliert, weder in den häufigen Ortswechseln, den zahlreichen Figuren (die allesamt prägnant aber nachhaltig eingeführt und von irgendeinem Star verkörpert werden), und auch nicht in den Actionszenen.
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Das Ergebnis funktioniert am Ende erstaunlich gut, auch wenn es sich zwischendrin immer wieder einmal ein wenig fremdartig und ungewohnt anfühlt.
Dabei erweist sich der deutsche Titel ebenfalls als äußerst passend. Denn man wird das Gefühl nicht los, dass es im Film immer wieder über längere Strecken viel weniger darum geht, was die Attentäter den Opfern direkt angetan haben, als darum, wie der Anschlag die Stadt insgesamt in die Seele trifft. Und wie die Bewohner Bostons im Angesicht des Terrors zusammenhalten, sich an ihrem Stolz hochziehen, und den beiden gesuchten Männern geschlossen entgegentreten.

Auch wenn der Film immer wieder die uramerikanischen Werte der Freiheit aufleben lässt – es ist Boston, das hier als Stadt im Mittelpunkt steht. Vor allem der Stadt setzt der Film ein Denkmal.

Vom OP in den Dschungel


Für Peter Berg ist der Stoff vermutlich mit Leichtigkeit zu bewältigen.
Der ehemalige Schauspieler, dessen größte Rolle der Chirurg Dr. Kronk in der Serie CHICAGO HOPE bleibt, liefert 1999 mit VERY BAD THINGS sein Regiedebüt ab, in dem er bereits zeigt, dass er es meisterlich versteht, spannende, oft schrille Filme immer auch mit einem guten Schuss gesellschaftlicher Kritik zu würzen. So ist VERY BAD THINGS nicht nur eine haarsträubend schwarze Komödie über einen aus dem Ruder laufenden Junggesellenabschied in Las Vegas, sondern gleichzeitig ein bitterböser Kommentar zu der Art, mit der in den USA nicht nur die zuckersüße Hochzeit zelebriert wird, sondern auch über die Tradition des Jungesellenabschieds selbst, der vor allem danach definiert wird, wie wild und zügellos er vonstatten geht. (Eine kritische Note, die dem vergleichbaren HANGOVER beispielsweise vollkommen fehlt.)

Und in seinem ersten Terror-Thriller OPERATION: KINGDOM findet Peter Berg neben all den Verfolgungsjagden und Entführungen durchaus noch Platz, die lange bestehenden Beziehungen zwischen den USA und Saudi Arabien kritisch zu beleuchten.
Selbst Bergs vermutlich albernstem Film, WELCOME TO THE JUNGLE, gelingt es noch, für die Situation armer Landbewohner in Brasilien zu sensibilisieren, die von amerikanischen Millionären unterdrückt werden. (Irgendwie zumindest ... Okay, vielleicht überinterpretieren wir das, aber wirklich, irgendetwas Kritisches steckt da drin!)
In HANCOCK lässt sich leicht eine kritische Parabel über das Leben als Berühmtheit in den USA ablesen, und am Umgang der Amerikaner mit ihren Berühmtheiten. 

Möglicherweise findet sich sogar in seinem TRANSFORMERS-Klon BATTLESHIP eine irgendwie geartete Sub-Kritik. Bisher war uns der Film die Zeit einfach nicht wert, das zu untersuchen.

In jedem Fall beherrscht Berg die Kunst, Patriotismus, spannende Unterhaltung und dezent eingestreute Amerika-Kritik sauber zu verknüpfen, und so ist es kein Wunder, das seine Filme sich immer stärker realen amerikanischen Zwischenfällen widmen, die einerseits jede Menge Hurra-Patriotismus, aber eben auch einige kritische Zwischentöne ermöglichen.
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BOSTON ist dabei schon die dritte Zusammenarbeit Bergs mit Mark Wahlberg, der bereits in LONE SURVIVOR aufspielte, und erst letztes Jahr in DEEPWATER HORIZON.
Ja, Bergs Filme strotzen vor amerikanischem Stolz; wer jedoch genauer hinschaut, vermag zu erkennen, dass dieser in der Regel immer auch kontrastiert wird mit Fragen nach Amerikas Verantwortung, nach ihren Methoden, Traditionen und Selbstverständlichkeiten. Es ist daher schwer, Berg einfach nur als patriotischen Hauruck-Regisseur zu verstehen (wie etwa Michael Bay), dafür werfen seine Filme schlicht zu viele unbeantwortete Fragen auf, ob Amerika wirklich so groß ist, wie es auf den ersten Blick scheint.

Ebenso verhält es sich nun auch mit BOSTON.
Auch wenn der Film seine beiden Attentäter nie ganz zu Identifikationsfiguren macht, und die Tat niemals entschuldigt, erfährt man genügend über sie, um ihre Kritik an Amerika zumindest kognitiv nachvollziehen zu können. Auch wird deutlich, dass hier nicht einfach nur blinder Hass regiert, sondern durchaus der (völlig fehlgeleitete) Wunsch, etwas zu verändern, das als falsch empfunden wird.
Diese Vemenschlichung und Banalisierung des Bösen gelingt dem Film auch dadurch, dass er die „Schurken“ so alltäglich zeigt. Hier sind keine Superschurken mit Geheimbasis und Heerscharen von Henchmen am Werk, sondern junge Männer, einer davon noch ein Teenager, die SMS schreiben, die Drogen im Schrank verstecken, die versuchen, ihre junge Familie durchzubringen. Die Bösen werden hier zu Menschen von Nebenan, zu Nachbarn, zu Tätern aus der Mitte der Gesellschaft, nicht weniger arm oder reich als die Opfer, Polizisten und Rettungskräfte, die ihre Tat auszubaden haben.
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Auch werden in wenigstens einem Fall von den Behörden Methoden angewandt, die für regelmäßige Zuschauer von HOMELAND oder 24 wie kalter Kaffee wirken mögen, aber Amerikas Vorgehen eben doch auch wieder kritisch betrachten.

BOSTON ist weit davon entfernt, ein Amerika-kritischer Film zu sein – nur bringt er eben immer noch genügend Farbe ins Spiel, um kein pures, amerikanisches Stolz-Vehikel voller „Wir sind die Besten“-Auftritte zu sein.

Fazit


BOSTON gewinnt keinen Preis als bester Film des Jahres. Dennoch ist er äußerst bunt und sehenswert. Die Mischung aus Actionkracher und faktenverliebtem Ermittlungsthriller funktioniert unerwarteterweise ziemlich gut, auch wenn sich dadurch ein ungewohnter Rhythmus einstellt, der einige Passagen wie eine Länge wirken lässt.
Hinzu kommen jede Menge Stars, von Mark Wahlberg über Kevin Bacon, John Goodman, J.K. Simmons und Michelle Monahan, die zwar stellenweise nur kurze Auftritte haben, dabei aber immer überzeugen.
Auffällig ist auch, dass BOSTON immer wieder die für den Film gedrehten Bilder mit realen Film- und Fernsehaufnahmen von 2013 durchwebt. Auch das hilft dabei, dass BOSTON kein Superheldenfilm voller Supersoldaten wird. Hier geht es um Menschen, die ihren alltäglichen Job machen. Rettungskräfte, Polizisten, Beamte, die während der mehrtägigen Jagd immer wieder vor allem eins sind: überfordert.

Tatsächlich negativ auffallen tut erst das Ende, bei dem Berg den Bogen überspannt.
Schon der gesamte Film macht deutlich, dass er als Denkmal für die Opfer, Polizisten und Bewohner von Boston gedacht ist. Doch damit nicht genug. 
Als erstes folgen die obligatorischen Texttafeln, die dem Zuschauer erzählen, was aus den beteiligten Personen wurde.
Daran anschließend folgen Originalaufnahmen von einer Zeremonie aus dem Stadion der Red Sox, etwa ein Jahr nach dem Attentat, bei dem die Beteiligten Polizisten und Rettungskräfte als Helden geehrt werden.
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Anschließend folgen Interviewschnipsel mit etlichen Beteiligten und auch Opfern, sowie ein kurzer Einblick in das Leben der Opfer nach der Katastrophe.
Und darauf folgt noch eine Texttafel, die die Beteiligten und Bewohner Bostons zu Helden erklärt.
Jede Einzelwürdigung davon ist toll und stimmungsvoll, und bei der Premiere in Boston mag das zu jubelstürmen geführt haben, doch die pure Menge, mit der der Film seine letzten Minuten füllt (gefühlt scheint der Abstand gut zehn Minuten zu dauern), wirkt tatsächlich redundant und übertrieben.

Wer jedoch einen spannenden und realitätsnahen Terror-Thriller sehen will, welcher die übliche feingeschliffene Superhelden-Dramaturgie einer faktischen Realitätsnähe unterordnet, und wer damit leben kann, dass der Film ein Denkmal für die Helden sein will, die in jener historischen Woche gemeinsam gegen die Wunde in ihrer Mitte angehen, wird mit BOSTON jede Menge Freude haben.

Kommentare:

  1. Die Mischung klingt tatsächlich sehr interessant. Hab ihn mir noch nicht angesehen, weil ich beim Trailer schon den Eindruck hatte, dass die typischen Erwartungen an einen solchen Film auch alle bedient werden. Scheinbar ist dem nicht so (zumindest nicht ganz).

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    1. Ja, der Film ist durch und durch routiniert, und doch irgendwie ... anders. :)

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  2. Ich war 2015 in Boston. 2 Jahre nach dem Anschlag. Der Platz um den Tatort war stellenweise noch Baustelle und irgendwie spürte man dort diese besondere Atmosphäre, insbesondere an der Finish Line, die ziemlich frequentiert war.

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    1. Oh, spannend!!
      Das können wir uns gut vorstellen, dass der Anschlag dort damals noch sehr deutlich spürbar war. Der Film vermittelt ganz gut, welche Bedeutung er in Boston zu haben scheint.

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