09.07.14

Porträt: Laurence Olivier - Das unbequeme Genie

Die Leute fragen mich, wieso ich in diesem Film mitspiele. Die Antwort ist leicht. Geld, mein Lieber. Ich bin wie ein erlesener Wein. Du musst mich schnell trinken, bevor ich verderbe. Ich nähere mich meinem Verfallsdatum, das spüre ich. Also geht es jetzt ums Geld. Ich habe nichts, das ich meiner Familie hinterlassen kann außer dem Geld, das ich mit meinen Filmen verdiene. Keine Rolle ist mir zu schäbig, solange sie gut bezahlt ist. Ich habe es mir verdient, noch einmal alles mitzunehmen was ich kann, solange ich noch die Zeit dazu habe.
Quelle: Blu Ray "Hamlet" © KSMFilm
Biancas Blick:

Sir Laurence Olivier - Schauspieler, Regisseur, Produzent und Theaterleiter, dreifacher Oscarpreisträger, 1947 als bisher jüngster Schauspieler überhaupt von König George VI. zum Ritter geschlagen - gilt bis heute als einer der größten Bühnen- und Filmdarsteller des 20. Jahrhunderts.

Sein Name flößt Film- und Theaterschaffenden bis heute Ehrfurcht und großen Respekt ein.

Laurence Olivier ist aber auch ein Künstler, der stets seinen eigenen Weg gegangen ist und allen Zweiflern zum Trotz seine Visionen und Träume umgesetzt hat.
Ein Mann, der nie einen Hehl daraus gemacht hat, dass er den Film als Unterhaltungswerk ablehnt, ihn dann aber zu seinem Medium formt und mit seinen Shakespeare-Interpretationen Geschichte schreibt.

Kurz: ein Mann, der sich - in seiner 60 Jahre währenden Karriere - selten angepasst hat, stattdessen stets versucht hat, sich selbst und seiner Kunstauffassung treu zu bleiben. Der zwar Zugeständnisse gemacht hat, aber nur, um seinen gehobenen Lebensstil zu finanzieren – und das auch in klare Worte gefasst hat.

Zum Schauspiel getrieben


Laurence Olivier wird 1907 in England geboren und wächst in einem streng religiösen Haushalt auf. Sein Vater ist ein angesehener anglikanischer Priester und formt mit seinen Regeln und Vorschriften die ganze Familie. 
Olivier fühlt sich zu seiner Mutter hingezogen, die mit Güte und Wärme das Zepter schwingt.

Mit neun Jahren steht er das erste Mal auf einer Bühne, in der Schulaufführung von Julius Caesar. Diesem Stück folgen noch weitere im Laufe der Schulzeit.
Als er 13 wird, muss er einen schlimmen Verlust ertragen: Seine Mutter stirbt im Alter von nur 48 Jahren.
Ein Trauma, dass der junge Olivier nur schwer überwindet.

Anders als in den Werdegängen anderer großer Schauspieler ist es nicht der junge Olivier selbst, der sich für die Schauspielerei entscheidet. Sein Vater entscheidet dies, als Olivier 17 Jahre alt ist.
Zwar macht es Olivier Spaß, auf der Bühne zu stehen und zu spielen - seine Lehrerin Ellen Terry erkennt sein Talent und prophezeit ihm eine große Karriere - aber so richtig für diesen Weg kann er sich nicht erwärmen. Er zweifelt. Er hadert.

Erst sehr viel später wird er sagen: „Ohne die Schauspielerei könnte ich nicht atmen.“ Und: „Wäre ich nicht Schauspieler, ich wäre, glaube ich, verrückt. Du hast eine ganz besondere Kraft, Elektrizität,Temperament, mehr Lebendigkeit, um bestimmte Höhen zu erreichen. Kunst ist größer als das Leben selbst – es ist vielmehr eine Essenz des Lebens und ich glaube, man braucht dafür etwas Wahnsinn.“

Die Kunst und die Schauspielerei werden ihn antreiben – ein Leben lang. Aber das weiß Olivier zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

1926 tritt er der Birmingham Repertory Company bei und ergattert schon bald größere und anspruchsvollere Rollen. Seine Leidenschaft für das, was er da tut, wächst und wächst.
Er beginnt, an sich und seiner Darstellung zu feilen und sich stetig weiterzuentwickeln, wird ehrgeizig und genauso anspruchsvoll sich selbst, wie seinen Rollen gegenüber.

1927 spielt er erstmals Hamlet und Macbeth, Figuren, die ihn noch lange und oft begleiten werden, in unterschiedlichen Stadien seines Lebens.

Unglücklich verheiratet


1930 heiratet er die junge Schauspielerin Jill Esmond. 
In diesem Jahr gibt er auch sein Leinwanddebüt in THE TEMPORARY WIDOW, nach einem Stück von Curt Goetz. Es wird jedoch kein Erfolg und seine Darstellung findet wenig Beachtung.
Als sollte das ein Omen für seine erste Ehe sein ...

Von Beginn an ist Olivier in der Ehe nicht glücklich. Obwohl das Paar 1936 einen Sohn bekommt, fühlt er sich einsam und unverstanden.
In seiner Biografie beschreibt er die Enttäuschung über die Hochzeitsnacht, sowie sein Unvermögen, sich sexuell attraktiv zu präsentieren.

Aufgrund seiner streng religiösen Herkunft gibt er sich über 10 Jahre dieser Ehe hin, vermeidet zunächst eine Scheidung und erträgt seinen Frust – und sicherlich auch das daraus resultierende Unglück seiner Frau.

Olivier hat eine Taktik für solche Situationen: Er stürzt sich in die Arbeit, flieht aus dem gemeinsamen Zuhause und spielt, spielt, spielt.
Seine Frau Jill bleibt zu Hause - sie hat ihre Schauspielkarriere zugunsten der Familie abgebrochen.

Die Fassade der Oliviers kommt erst 1938 zum Einsturz, als Vivien Leigh in Oliviers Leben tritt.

Olivier vs. „The Method“


Drei Jahre vorher, 1935, entdeckt ihn John Gielgud, ein Topstar auf britischen Theaterbühnen, und besetzt ihn in Romeo und Julia. Das Stück wird ein enormer Erfolg. 
Die beiden spielen alternativ Mercutio und Romeo, wobei Gielgud die weitaus besseren Kritiken erhält.
Olivier fühlt sich herausgefordert und motiviert. Die Kritiken spornen ihn an, ein noch besserer Romeo zu werden.

Zwei Jahre später bekommt er - diesmal als 30-Jähriger - erneut die Möglichkeit, den Hamlet zu spielen. 
Doch in den zehn Jahren seit er das letzte Mal den dänischen Prinzen gespielt hat, hat sich etwas Fundamentales verändert: Olivier ist gereift und mit ihm seine Kunstauffassung und seine Erarbeitung der Rolle. Er studiert die Psychologie der Figur bis ins Innerste und vertieft sich in die Beweggründe und geschichtlichen Hintergründe. Er arbeitet so akribisch wie nie zuvor, um die Rolle bis in die letzte Haarfaser zu begreifen und es macht sich bezahlt: Er feiert einen enormen Erfolg.

Mit seiner Herangehensweise und Darstellung eröffnet er einen neuen Schauspielstil und verändert das Bühnenspiel nachhaltig.  
Nicht nur, dass er die Freud'sche Psychologie in seine Darstellung einflechtet, er tritt auch enthusiastisch und weniger gestelzt auf, als man es gemeinhin auf englischen Bühnen gewohnt ist. 
Er agiert als Mensch, völlig natürlich, nicht als Schauspieler, der einen Charakter darstellt. Seine Worte sind zwar die des Originaltextes und auch die Versmaße sind eingehalten, aber er spielt modern, im Hier und Heute. 
Das Publikum ist zunächst verwirrt. Bald erkennt es aber, dass da auf der Bühne etwas Wundervolles geschieht. Etwas, das das Theater erfrischt und belebt. Olivier hat es geschafft, seine Vision zu verwirklichen und diesen Weg wird er weitergehen und perfektionieren.
Quelle: Blu Ray "Henry V." © KSMFilm
Bis zu seinem Ende wird er nicht müde zu betonen, dass er seine eigene Schauspieltechnik ausübt und nicht, wie die „Method Actor“, sich in der eigenen Psychologie verliert. 
Er stellt sich ganz in den Dienst seiner Figur mit seiner ureigensten, selbst erarbeiteten Technik und grenzt sich dadurch in aller Direktheit von Lee Strasberg und seine Methode ab.
Ein legendärer Ausspruch seinerseits dazu  ist: „All diese Gerede über 'The Method', 'The Method!' Welche Methode? Ich glaube jeder von uns hat seine eigene Methode! “

Seine Abneigung gegen das Method Acting erreicht ihren Höhepunkt, als er 1956 mit Marilyn Monroe an DER PRINZ UND DIE TÄNZERIN arbeitet. Monroe ist eine bekannte Method-Schauspielerin, die mit ihrer Lehrerin Paula Strasberg auch noch Oliviers schlimmsten Albtraum ans Filmset mitbringt. Als Paula Strasberg Oliviers Regieanweisungen untergräbt, wird sie vom Set verbannt. Olivier wird nie wieder aufhören, klar zu machen, für wie gewöhnlich er Monroes Schauspielerei hält.
Mit den lapidaren Worten „Sie ist eine professionelle Amateurin“ wird er noch Jahre später ihre Darbietung herablassend quittieren.
Nein, „The Method“ ist nichts für den klassischen Schauspieler Olivier.

Mit seinem Hamlet wird er 1937 ins Londoner Old Vic Theater eingeladen und kann erneut mit John Gielgud zusammenarbeiten.
Gielgud und Olivier werden ein erfolgreiches Regie-Darsteller-Gespann. 
Beide arbeiten an Macbeth, das nur gemischte Kritiken einfährt, sowie an Henry V., Coriolanus und Ein Sommernachtstraum, die wieder große Erfolge feiern.

In seinen ersten Filmen dieser Zeit gestalten sich seine Rollen ein wenig anders: Er spielt meist den unschuldigen, in Schwierigkeiten geratenen Helden, seine Darstellungen sind wenig beeindruckend und führen dazu, dass Olivier mit der Darstellungsform des Films ewig unzufrieden bleibt und ihm niemals große Liebe entgegenbringt.

Seine Liebe gilt dem Theater und auf den Bühnen der Welt wird er zu einem der ganz Großen werden.

Wahnsinnig verliebt


1938 spielt neben seinem Hamlet eine junge, unbekannte Schauspielerin die Ophelia: Vivien Leigh. 
Leigh ist ebenso theaterbesessen wie er, allerdings deutlich unerfahrener. 
Olivier entwickelt sich zu Leighs Mentor, Förderer und Fürsprecher. Er probt mit ihr und bildet ihre dünne Stimme zur Bühnenreife aus.
Es wird eine einzigartige Verbindung, voller Hingabe, Liebe und Verzweiflung.
Vivien Leigh verehrt Olivier und macht es sich zum Ziel, nicht das Publikum zu beeindrucken, sondern ausschließlich ihn: ihr Idol, ihr Vorbild, ihren Schauspielgott.
Wie Olivier ist auch Vivien Leigh zu diesem Zeitpunkt ebenso unglücklich verheiratet. Bald stürzen sich beide - vielleicht aus Verzweiflung und der Suche nach Verständnis - in eine Affäre, die leidenschaftlich und, laut Olivier, sexuell sehr befriedigend ist.

Schon 1936 waren sie in FEUER ÜBER ENGLAND als Liebespaar auf der Leinwand zu sehen. Der Film war nur ein mäßiger Erfolg. LORD NELSONS LETZTE LIEBE, in dem sie erneut als Liebespaar auftreten, wird einige Jahre später wesentlich erfolgreicher.

1939 nimmt Vivien Leigh mit Scarlett O'Hara die Rolle ihres Lebens an! Laurence Olivier akzeptiert gleichzeitig ein Angebot aus Hollywood, neben Merle Oberon in STÜRMISCHE HÖHEN den Heathcliff zu spielen.
Trotz seiner Abneigung gegen Hollywood und den Filmrummel sieht er in seinem amerikanischen Filmdebüt die Möglichkeit, einen tiefen Charakter zu formen und in der Nähe seiner großen Liebe Vivien Leigh zu bleiben.
Da sie inzwischen auch öffentlich als Paar auftreten, ist eine Scheidung der beiden von ihren jeweiligen Ehepartnern unvermeidbar. 1940 endlich heiratet das bis dahin in wilder Ehe lebende Paar.
Mit seiner ersten Ehefrau, Jill Esmond, wird Olivier bis zu seinem Tod eine enge Freundschaft verbinden. Sie begegnen einander mit Respekt. Tarquin, ihr gemeinsamer Sohn beschreibt die Beziehung der zwei Jahre später sehr einfühlsam in seiner Biografie.

Ins verhasste Hollywood


Zu Beginn seiner Zeit weiß Olivier sein Leben in Hollywood trotz aller Abneigung zu schätzen. Er scheint angekommen zu sein. Ein gefeierter Theaterstar, vom Film umworben, lebt er mit der Frau, die er liebt. Und er weiß das Geld zu schätzen, das ihrer beider gehobenen Lebensstil ermöglicht. 
Amerika bietet mit seinen Gagen eine Möglichkeit, sich finanziell zu etablieren.
Dennoch gestaltet sich der Dreh zu STÜRMISCHE HÖHEN genau so schwierig, wie es zu erwarten steht.
Der Filmproduzent Samuel Goldwyn ist entsetzt, als er die ersten Muster sieht. Er findet Oliviers Darstellung unzureichend und droht, ihn zu entlassen. Olivier seinerseits findet Merle Oberon, seine Filmpartnerin, dilettantisch und grauenvoll und macht sie für seine schlechte Leistung verantwortlich. 
Samuel Goldwyn muss Olivier wiederholt erklären, dass Oberon der Star des Films ist und nicht Olivier und dass er sich gefälligst in ihre Dienste zu stellen hat. Olivier fügt sich. Grummelnd.

Wie dem auch sei, der Film STÜRMISCHE HÖHEN wird ein enormer Erfolg und Olivier kassiert die erste von insgesamt 11 Oscarnominierungen seiner Karriere. 
Mit diesem Film hat er den Fuß in Hollywood und beginnt, auch das amerikanische Publikum zu erobern.
Während es für Olivier bei einer Nominierung bleibt, darf Vivien Leigh 1940 ihren Oscar für VOM WINDE VERWEHT mit nach Hause nehmen. Das Paar ist im Nu das meistzelebrierte der Welt. Sie sind berühmt, geachtet und ausgebucht.

Eine Mitwirkung in Alfred Hitchcocks REBECCA sagt Olivier unter der Bedingung zu, dass Vivien Leigh seine Partnerin spielt, was von Produzent David O. Selznick, für den Leigh die Scarlett gespielt hat, auch zugesagt wird. Kurzfristig entscheidet Selznick sich jedoch um und nimmt Joan Fontaine für die Rolle, die sich dafür auch den Oscar abholt. Olivier kocht innerlich und sein Hass auf Hollywood und die Machenschaften hinter den Kulissen wächst weiter.
Quelle: DVD "Rebecca" © Euro Video GmbH
Dennoch wird der Film, wie auch Oliviers nächstes Werk STOLZ UND VORURTEIL, ein großer Erfolg bei Kritik und Publikum. Olivier ist endgültig in Hollywood angekommen.
Noch 1940 stehen Olivier und Leigh in New York  für Romeo und Julia auf der Bühne. Als das in Europa aufziehende Unheil nicht mehr zu ignorieren ist, wirken sie außerdem in Alexander Kordas LADY HAMILTON mit, einem Propagandafilm, der dazu anregen soll, die amerikanische Neutralität gegen Nazideutschland aufzugeben.

Im Krieg und auf dem Schlachtfeld


In Europa tobt der Krieg und Laurence Olivier will zur Royal Air Force. Er nimmt über 200 Flugstunden. Bereitet sich, wie auch für seine Rollen, akribisch auf einen möglichen Einsatz vor. Nach zwei Jahren Dienst erlangt er den Rang eines Lieutenant als Kampfpilot, kommt aber nie zum Einsatz.
Zwar soll er in Michael Powells THE LIFE AND DEATH OF COLONEL BLIMP spielen, aber Churchill beäugt den Film äußerst kritisch und die Luftwaffe lehnt es ab, Olivier für diesen Film freizugeben.

Doch wartet zu Hause ein viel schlimmerer Kampf auf den sensiblen Künstler. 1944 beginnen sich die Symptome der manisch-depressiven Erkrankung bei Vivien Leigh zu verschlimmern.
Ihr wird außerdem Tuberkulose diagnostiziert, und 1945 erleidet sie eine Fehlgeburt. 
Mit einem Mal halten schwerwiegende Phasen der Depression und Zusammenbrüche Einzug in die bis dahin intakte Ehe. 
Vivien Leigh beschimpft Olivier, wird sogar handgreiflich, um anschließend in Lethargie zu verfallen, gefolgt von einer schier unbändigen Aktivität. Wenn sie sich wieder beruhigt, hat sie keinerlei Erinnerung an das Geschehene.

Die Ehe wird zu einem Schlachtfeld, auf dem Olivier aufgrund seiner Überforderung hilflos mit ansehen muss, wie seine Liebe mehr und mehr zerfällt. Vivien Leigh beginnt, sich zu verlieren.

Wie schon in den schlimmsten Zeiten seiner ersten Ehe mit Jill Esmond stürzt sich Olivier in die Arbeit. Er bereitet für das Old Vic drei Stücke vor, unter anderem Peer Gynt und Richard III.
Als König Richard avanciert Olivier endgültig zum bedeutendsten Shakespeare-Darsteller seiner Zeit. 
Der einflussreiche Schriftsteller und Kritiker Noel Coward notiert über Olivier: „Damals und heute der beste Schauspieler, den wir haben.“

In diesen Jahren spielt Olivier erfolgreich in Sophokles‘ Oedipus und in Sheridans Der Kritiker, einem humorvollen Stück, und spielt beides, griechische Tragödie und moderne Komödie, mit Bravour.

1945 flieht er vor den Schrecken daheim in den Krieg. Er tourt sechs Wochen mit Peer Gynt und Richard III. für die Armee durch Europa.
Als er nach London zurückkehrt, bemerkt die Öffentlichkeit eine Veränderung an ihm, was er trocken kommentiert: „Vielleicht werden wir alle einfach älter.“

Wer wird denn da untreu werden?


Zu dem Zeitpunkt hat Olivier seiner Karriere allerdings bereits den nächsten Glanzpunkt aufgesetzt.
Er nutzt seinen Arbeitseifer 1944 und verfilmt aufwendig Shakespeares Drama HENRY V.
Der Film wird ein enormer Triumph! Olivier inszeniert sich selbst in der Hauptrolle und heimst einen Ehrenoscar dafür ein. Der Film ist für weitere vier Oscars nominiert, darunter für den besten Film, die beste Regie und den besten Hauptdarsteller, geht aber leer aus.
Es ist bemerkenswert, wie versessen Olivier seinen geliebten Shakespeare mit dem ungeliebten Film kombiniert.
Aber er erkennt, dass Film das Theater unterstützen, erweitern und in einem Punkt vielleicht sogar übertreffen kann: in der visuellen Darstellung der Werke.
Die folgenden Jahre bringt er drei der bedeutendsten Shakespearestücke auf die große Leinwand.
Quelle: Blu Ray "Henry V." © KSMFilm
Kenneth Branagh wird es ihm fünfzig Jahre später mit derselben Intensität, Leidenschaft und demselben großen Erfolg gleichtun.

Doch neben den größten Erfolgen seiner Karriere muss Olivier eine der schlimmsten persönlichen Katastrophen verkraften.

Nach dem Krieg ist vor der Niederlage


Nach dem Zweiten Weltkrieg spielt Olivier wieder vermehrt Theater, oft an der Seite seiner Frau Vivien Leigh, etwa in School For Scandal und The Skin Of Our Teeth. 
Zwar verbietet Leighs Arzt, dass sie sich diesen Strapazen aussetzt, aber sie setzt sich über die Warnung hinweg und bleibt auch für eine mehrwöchige Tournee auf der Bühne. 
Die Tour läuft äußerst erfolgreich, doch bemerken Mitarbeiter und Kollegen erste Spannungen zwischen Olivier und Leigh. Es kommt zu Handgreiflichkeiten kurz vor den Auftritten und allen wird klar, wie krank Vivien Leigh physisch und psychisch ist. Und dass die Ehe kurz vor dem Aus steht.

Olivier erklärt später, dass er Vivien Leigh 1948 während einer Australien-Tour verloren habe, als sie eine Affäre mit ihrem Kollegen Peter Finch beginnt.

1951 erhält Vivien Leigh die Rolle der manisch-depressiven Blanche Dubois in ENDSTATION SEHNSUCHT unter der Regie von Elia Kazan. Sie spielt in ENDSTATION SEHNSUCHT eine Figur, die an der Seite von Marlon Brando dem Wahnsinn verfällt und eingewiesen wird.
Obwohl Jessica Tandy mit ihrer Interpretation der Rolle am Broadway ausgezeichnet und frenetisch gefeiert wird, wird sie als einzige vom preisgekrönten Theaterbesetzung übergangen, als der Film gecastet wird. Vivien Leigh ist zu diesem Zeitpunkt deutlich zugkräftiger, im Zenit ihres Erfolges.
Olivier bleibt wie üblich in ihrer Nähe. Dafür nimmt er die Rolle in CARRIE an. Er will seine Frau im Auge behalten und beschützen. Wie immer proben sie gemeinsam die Rolle, und er erarbeitet mit ihr eine Blanche, die ungeahnte Höhen erreicht.

Für Leigh und ihre Verfassung ist die massive Vorbereitung ein weiterer Schritt in den Wahnsinn. 
Zwar spielt sie die Rolle berührend und intensiv, verliert sich aber selbst zusehends. Sie erhält ihren zweiten Oscar, findet nach dem Film aber nie wieder zu sich selbst zurück. Ihre eigenen Krankheitsphasen kulminieren in Alkoholexzessen, Wein- und Schreikrämpfen. Olivier steht dem Trümmerfeld seiner Ehe machtlos gegenüber.

Lieben tut er Vivien Leigh zu diesem Zeitpunkt nicht mehr.

Er weiß, dass er den Kampf, und seine Frau, verliert.
Zwar stehen sie, ebenfalls 1951, beim Britischen Theaterfestival noch gemeinsam für Caesar Und Cleopatra auf der Bühne, aber bereits ihren nächsten Dreh, 1953 für ELEFANTENPFAD, muss Vivien Leigh abbrechen und wird durch Elizabeth Taylor ersetzt.

Bis 1957 spielen Olivier und Leigh noch in verschiedenen Stücken auf den Bühnen der Welt, aber als Olivier 1958 bei einem Vorsprechen Joan Plowright kennenlernt, fühlt er sich sofort zu ihr hingezogen und schafft es, sich von Vivien Leigh zu lösen.
Von Leigh lässt er sich 1960 scheiden und heiratet ein Jahr später Joan Plowright. Mit ihr bleibt er bis zu seinem Tod verheiratet.

Shakespeare goes Cinema


Wohl auch aus der häuslichen Unerträglichkeit heraus feiert Olivier zu dieser Zeit seine größten filmischen Triumphe.
Nach dem 1944 gefeierten Erfolg mit HENRY V. inszeniert Olivier zwei weitere Shakespeare-Dramen für das Kino: 1948 HAMLET und 1955 RICHARD III. In beiden Filmen führt er Regie und übernimmt die Titelrolle. 
HAMLET gewinnt vier Oscars, darunter den zweiten für Olivier und als bester Film.

Auch für RICHARD III. erhält Olivier eine Oscarnominierung, geht aber leer aus.
Während der Dreharbeiten in Spanien wird Olivier versehentlich mit einem Pfeil in den Knöchel getroffen. Das Hinken, das er bis zum Drehende nicht ablegen kann, passt allerdings zur Figur.
Trotzdem wird RICHARD III. ein großer Misserfolg. Olivier hat den Film mit eigenen Geldern finanziert und kann seinen Frust nicht verbergen. Seine Pläne, auch Macbeth zu verfilmen, legt er ad acta.
Er wird nie wieder ein Shakespeare-Stück fürs Kino inszenieren.
Quelle: DVD "Die Brücke von Arnheim" © Twntieth Century Fox, All Rights Reserved.
Dennoch ist Oliviers Verdienst gar nicht hoch genug zu bewerten.

Er ist einer der ersten, die klassisches Theater mit den Mitteln des Films modern und für eine große Öffentlichkeit zeitgemäß inszenieren. Er hält an den Originaltexten fest und schafft es dennoch, wie schon auf der Bühne, die Charaktere modern und im Jetzt zu gestalten.
Damit betritt er, überaus erfolgreich, filmisches Neuland und schreibt allen Unkenrufen zum Trotz Geschichte und startet eine neue Form des Kinos.

Große nachfolgende Schauspieler und Regisseure treten in Oliviers Fußstapfen und kreieren ihre Shakespeare-Fassungen für das Kino.
Neben Kenneth Branaghs riesigen Erfolgen in den 90ern findet sich vor allem Baz Luhrmans ROMEO UND JULIA in dieser Tradition wieder, aber auch Al Pacino will den Dichter und das Theater mit LOOKING FOR RICHARD einem Kinopublikum näherbringen.

Olivier bleibt aber der Erste, der Shakespeare für die Kinoleinwand salonfähig macht.

Und der verhasste Film?


Olivier spielt in seinen späteren Jahren immer wieder in Film- und Fernsehproduktionen mit, macht aber nur noch wenig Theater. Er bekommt die ersten "Blackouts" auf der Bühne, über die er nicht hinwegkommt und die eine Theaterpanik in ihm auslösen. Im Film kann er Texthänger noch überspielen, nicht aber im Theater.
Sein Sohn berichtet, dass sein Vater ohne Arbeit regelrecht depressiv geworden sei.
Doch auch außerhalb der Bühnen, in seinen Filmen, zeigt Olivier seine Brillanz.
In Stanley Kubricks SPARTACUS etwa als Crassus. Unnachgiebig und majestätisch schafft er es sogar in einer Nebenrolle, Kirk Douglas, dem Star des Dramas, die Schau zu stehlen.

Desweiteren spielt er in OTHELLO, erneut ein für die Leinwand adaptiertes Shakespearestück, allerdings ohne ihn auf dem Regiestuhl – und zum vierten Mal erhält er für die Darstellung eines Shakespeare-Charakters eine Oscarnominierung.

Dann und wann muss aber selbst Laurence Olivier Rückschläge hinnehmen.

So will ihn Luchino Visconti 1963 unbedingt für DER LEOPARD.
Visconti verehrt Olivier und ist hocherfreut, ihm eine gute Rolle anbieten zu können. Und Olivier ist an der Darstellung des Fürsten von Salina sehr interessiert.
Am Ende bestimmten aber die Produzenten. Und sie wollen Burt Lancester, der mit dem Film eine der besten Leistungen seiner Karriere abliefert.
Den vielleicht härtesten Schlag ins Gesicht erleidet Olivier 1972.
Er soll die prestigeträchtige Rolle des Vito Corleone in der Verfilmung von Mario Puzos Meisterwerk DER PATE spielen. Er trainiert sich bereits einen italienischen Akzent an, probt Texte und erarbeitet die Psychologie der Figur, als die Nachricht kommt: Die Rolle wird kurzfristig an Marlon Brando vergeben. (Der dafür einen Oscar erhält, den er legendär ausschlägt!)
Wieso die Rolle so kurzfristig umbesetzt wird, ist schwer nachzuvollziehen, man munkelt aber, dass sich die Produktion mit Brando ein finanziell stärkeres Zugpferd verspricht.

1976 schließlich bietet John Schlesingers DER MARATHON MANN eine kleine aber äußerst prägnante Rolle für Olivier. Und eine ausgesprochen perfide.
Wer den Film gesehen hat, sollte bei den Wörtern „Zahnarzt“ und „bohren“ ausreichend ins Schwitzen kommen, was vor allem Oliviers bösartig-genialem Spiel zu verdanken ist. Es bleibt das letzte Highlight einer einzigartigen Karriere.

Weitere Rollen sind die des Van Helsing in DRACULA 1979 und die des Zeus in KAMPF DER TITANEN - beides zu ihrer Zeit spektakuläre Filme, in denen Olivier versucht, seine kleinen Rollen mit Leben zu füllen. Beide Rollen aber, das muss man sagen, sind nicht besonders dankbar und es sind insgesamt eher die Filme, als die Darsteller, die in Erinnerung bleiben.
In DIE BOUNTY, der dritten Aufbereitung des Klassikers "Meuterei auf der Bounty", spielt Olivier 1984 an der Seite von Anthony Hopkins und Mel Gibson den Admiral Hood. Der Film ist an den Kinokassen und bei den Kritikern allerdings wenig erfolgreich.
Seine letzte Rolle hat er kurz vor seinem Tode 1989. In WAR REQUIEM spielt er neben Tilda Swinton einen alten Soldaten.
Es ist ein Film, der keinen gesprochenen Dialog aufweist, sondern nur durch Benjamin Brittens Musik und gelesene Gedichte die Grausamkeiten des Ersten Weltkriegs reflektiert.

Olivier stirbt am 11. Juli 1989 im Alter von 81 Jahren und hinterlässt 90 Rollen in Film und Fernsehen, sowie Dutzende Auftritte auf den Theaterbühnen der ganzen Welt.

Er hat das Kino mit der Verarbeitung klassischer Theaterstücke revolutioniert und die Darstellung auf den Theaterbühnen modernisiert.
1984 wird der höchste britische Theaterpreis in "Laurence Olivier Award" umbenannt. Mit dem britischen Gegenstück zum "Tony Award" am New Yorker Broadway werden außergewöhnliche Leistungen an den Bühnen des Londoner Westend ausgezeichnet - den vermutlich besten Theaterbühnen der Welt. Wie kaum ein anderer Akteur trug Laurence Olivier zu diesem Ruf bei.

Nur wenige Stars haben den Beruf des Schauspielers und das Kino in Hollywood so vorangetrieben wie Laurence Olivier - der kleine Junge, der nur widerwillig zum Schauspieler wurde, und der Hollywood Zeit seines Lebens verachtete. Am Ende wurde er einer der bedeutendsten Künstler des ersten Kinojahrhunderts. 

"Gib immer dein Bestes! Mehr kannst du nicht, weniger darfst du nicht tun."

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