14.07.14

Die Karte meiner Träume (FR/CA 2013)

"Das Erstaunliche an Wassertropfen ist, dass sie immer den Weg des geringsten Widerstandes nehmen. Bei Menschen ist das das genaue Gegenteil."
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 - Spoilerwarnung - 
Der Beitrag kann Details zur Handlung enthalten
Biancas Blick:

Nach gut vier Jahren kommt mit DIE KARTE MEINER TRÄUME endlich Jean Pierre Jeunets neuer Film in die deutschen Kinos. Der Meister des gefühlvoll kreativen Films hinterlässt damit neben einem Wohlfühlgefühl auch ein breites geseufztes „Hach“.

DIE KARTE MEINER TRÄUME erzählt den Auszug einer Kindheit in Montana. 
Der 10-jährige T.S. Spivet lebt mit seinem Bruder Layton, seiner Schwester Gracie und seinen Eltern in einem roten, idyllischen Farmhaus. T.S. eifert seiner Mutter nach und  ist der Wissenschaftler der Familie, während sein Bruder Layton wie sein Vater ein Cowboy werden will. Seine Schwester hingegen träumt von einer Schauspielkarriere und trauert über die Einöde, in der sie leben muss.

Nachdem ein Unglücksfall das Leben der Familie grundlegend verändert, vergräbt sich T.S. umso mehr in seine Bemühungen, die Welt mit Zeichnungen, Karten und wissenschaftlichen Regeln zu verstehen.

Als T.S. das Perpetuum Mobile erfindet und seinen Entwurf nach Washington schickt, wird er ins dortige Smithsonian Institute eingeladen, um den renommierten Baird Preis für seine Entwicklung entgegenzunehmen.
Er nimmt die Einladung an, läuft heimlich von zu Hause weg und beginnt eine lange abenteuerliche Reise. Mit dem Güterzug rumpelt er nicht nur den heiligen Hallen der Wissenschaft entgegen, sondern auch sich selbst und der Aufarbeitung einer Tragödie.
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DIE KARTE MEINER TRÄUME ist die Verfilmung des 2009 erschienenen Erstlingswerks des Amerikaners Reif Larsen, „The Selected Works of T.S. Spivet“. Dieser schreibt den Roman mit gerade einmal 29 Jahren und legt gleich einen Bestseller vor.
Das Buch ist angereichert mit Karten und Illustrationen, die T.S. anfertigt, um die Welt zu verstehen und dem Leser einen Einblick in seine Sicht der Dinge zu geben.
Larsen gibt in Interviews an, dass die großen Skizzen und Bilder, die den Roman begleiten, zunächst gar nicht geplant waren, sich aber aus dem Schreiben der Geschichte ergaben. Da er aus einer künstlerischen Famile stammt – seine Mutter ist Malerin und Fotografin, sein Vater ist Grafiker –, lag die Visualisierung der Erzählung nahe. Larsen zeichnet die Bilder selbst, wird aber von Ben Gibson, einem befreundeten Künstler, unterstützt.

Die amerikanischen Verlage reißen sich um die Rechte. Am Ende erhält der unbekannte Autor einen Vorschuss von 900.000 Dollar! Für seinen Debütroman!
Das Buch begeistert die Kritiker und wird noch heute in verschiedene Sprachen übersetzt. Es ist eines der meistgelesensten Bücher der letzten Jahre.

Kinderfilme und Kinderfilme


Kinderfilme, also solche, in denen Kinder die Hautprolle spielen, gibt es viele und sie sind grob in zwei Kategorien einzuteilen:
Zum einen gibt es die reinen Kinderfilme, deren Zielpublikum ebenfalls Kinder sind, an denen Erwachsene aber auch ihre Freude haben, wenn sie die Kleinen ins Kino begleiten. Etwa DIE KLEINEN SUPERSTROLCHE, PÜNKTCHEN UND ANTON, DAS FLIEGENDE KLASSENZIMMER, DENNIS, MATHILDA aber auch die HARRY POTTER-Reihe. Es sind Filme, die sich ganz und gar in die Welt der Kinder begeben.
Sie sind abenteuerlich, spannend und befassen sich mit Themen, die Kinder interessieren: Selbstständigkeit, Freundschaft, Loslösung von den Erwachsenen, die meist nur Staffage oder Antagonisten sind. Die Kinder agieren mit anderen Kindern, erleben Streiche, Familienstreitigkeiten, Schulstress oder phantasievollere Themen wie Zauberei und den Kampf für das Gute gegen das Böse. Die recht klare Moral und Aufteilung in Protagonisten und Antagonisten machen sie für Kinder gut zugänglich.
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Dann gibt es, deutlich seltener, Kinderfilme, die sich an Erwachsene richten. Sie nutzen die Perspektive und Figur des Kindes für metaphorische und philosophische Aussagen – für Kinder bieten sie allenfalls ein paar lustige Szenen. Neben der vermeintlich simplen Handlung versteckt sich meist eine deutungsfreudige Ebene, die entschlüsselt werden will.
Einer der ersten Filme dieser Sparte ist STAND BY ME von 1986.

Darin verfilmt Rob Reiner eine Stephen King Novelle, die er deutlich erweitert.
Die Suche der vier Jungs nach einer Leiche ist nur oberflächlich gesehen eine Abenteuergeschichte. Im Kern geht es ums Erwachsenwerden, um das Wissen, dass es der letzte gemeinsame Sommer der vier Freunde wird. Es geht um das Suchen nach sich selbst, und das Finden von Verständnis. Die Kinder in diesem Film erkennen sich selbst, überwinden tief sitzende Ängste und bereiten sich auf das Leben vor. Sie befinden sich an der Schwelle des Teenagerdaseins und auch mit dem biologischen Alter wird die „unbeschwerte“ Kindheit, die bei keinem der Kinder so richtig existiert, bald zuende gehen. Sie beginnen zu erkennen, was wirklich wichtig ist im Leben, und dass ihre Suche nach einem toten Jungen nicht der tatsächliche Grund ihrer Reise ist.

STAND BY ME wird seinerzeit als Kinder-und Jugendfilm vermarktet, avanciert aber schnell zu einem der erfolgreichsten Filme des Jahres, der ebenso viele Erwachsene anlockt. Sie finden sich in der Atmosphäre der 60er wohl, der Zeit ihrer eigenen Kindheit, und erkennen den tieferen Wert der augenscheinlich simplen Geschichte.
Aktuellere Beispiele sind BEASTS OF THE SOUTHERN WILD, KRABAT, HUGO CABRET und eben auch DIE KARTE MEINER TRÄUME.

Und worum geht’s in der Tiefe?


Auch DIE KARTE MEINER TRÄUME greift diese inneren Konflikte der Figuren auf.
Die Familie findet sich zu Filmbeginn in einer von einem Unglück ausgelösten Stagnation wieder.
Keiner weiß genau, wie er mit der Situation umgehen soll. 
Der kleine T.S. verräbt sich in seine Wissenschaft. Die Familie lebt aneinander vorbei, redet nicht mehr miteinander, spricht nicht über den Vorfall. Die Leere im Haus wird mit emotionaler Leere überdeckelt.
Vor allem die Eltern scheinen sich loszulösen. Der Vater, sowieso eher wortkarg, kann mit T.S.‘ wissenschaftlichen Arbeiten nichts anfangen und genießt sein Essen lieber im Regen als am Familientisch. Die Mutter vertieft sich in die Suche nach einem Käfer, den es vielleicht gar nicht gibt.
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Erst als T.S. aufbricht und sich der familiären Situation entzieht, entblößt er die entstandenen Lücken und zwingt sich und seine Familie, sich mit ihren Gefühlen zu befassen.

Auf seiner heimlichen Reise entblättert er Oberflächlichkeiten und gesellschaftliche Doppelbödigkeit. Aber eben auch nicht funktionierende familiäre Strukturen. Die Reise der „Wissenschaft“ ist eigentlich eine Reise in die „Emotionalität“. Die Fahrt weg von der Familie nähert ihn und die Familie wieder einander an.
Das Klischee, dass innerhalb der Wissenschaft kein Verständnis gefunden werden kann und nur Erfolg und Unverständnis für kindlichen Belange vorherrscht, ist dabei sicherlich nicht ganz glücklich gewählt. Der Kontrast hätte subtiler ausfallen können.

Und dann kam Amelie



Um den Roman zu verfilmen, der visuell ungewöhnlich und phantasievoll aus der Sicht eines Kindes erzählt wird, brauchte es einen Regisseur, der Bilder und Phantasie umzusetzen weiß, und mit Jean-Pierre Jeunet wird der perfekte Kandidat gefunden.
Regisseur Jeunet.

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Jean-Pierre Jeunet ist ein Regisseur, der uns schon vor 13 Jahren gelehrt hat, die Welt anders zu sehen.
Und zwar mit den Augen von Amelie.

Zwar hatte Jeunet bereits vor AMELIE große Erfolge mit seinen Filmen DELICATESSEN, ALIEN 4 und DIE STADT DER VERLORENEN KINDER, aber revolutioniert hat er das Kino mit diesen Werken nicht.
Dann kommt mit DIE FABELHAFTE WELT DER AMELIE einer der bezauberndsten Streifen der Filmgeschichte in die Kinos. Er zeigt uns die Welt aus der Sicht einer jungen Frau, die alles versucht, ihre Umwelt glücklich zu machen und sich selbst dabei fast vergisst,  ihre Liebe beinahe übersieht.
Jeunet spielt in diesem Film mit surrealen und realen Elementen, Traum und Wirklichkeit und hat mit Audrey  Tautou einen absoluten Glückgriff getätigt.
Amelie will die Welt bezaubern und tut es einfach durch ihr Dasein. Und sie tut es mit den einfachsten Mitteln. Es braucht nicht viel, um Menschen glücklich zu machen, manchmal reicht es einfach nur, ihnen zuzuhören und ihnen das zu geben, was sie sich ersehnen. Seien es Erinnerungen, Fotos und dadurch kleine Momente der Freude.
Sie steht im stetigen Kampf zwischen ihrer Fantasie- und der realen Welt.
Jeunet nimmt sich für seine Filme stets sehr viel Vorbereitungszeit. Für Amelie sammelt er fast 19 Jahre lang Bilder und Ideen. Aber auch sonst liegen meist 3-5 Jahre zwischen seinen Arbeiten. Er bereitet sich akribisch vor und legt viel Wert auf Details.

Spannend in diesem Zusammenhang ist die Tatsache, dass Jeunet ursprünglich als Regisseur für THE LIFE OF PI geplant ist.
Auch das eine Romanverfilmung, die zwischen Realität und Fantasie hin und herspringt und das perfekte Sujet für Jeunet darstellt.
Aufgrund seiner akribischen, langfristigen Planungen und seinem Faible für hochwertige Aussattung, liegt sein veranschlagtes Budget bei 85 Mio Dollar und für die Produzenten viel zu hoch. Schließlich bekommt Ang Lee den Regiestuhl angeboten - und dreht den Film für 135 Mio Dollar. Im Gegenzug nimmt er 2013 den Oscar für die beste Regie entgegen.
Was hätte Jeunet aus dem Schiffbruchdrama herausgeholt? Wir werden es nie erfahren.

Farben und visuelle Kontraste


Wie auch schon in AMELIE nutzt Jeunet in DIE KARTE MEINER TRÄUME eine ausgiebige Farbenpracht als erzählerisches Mittel.
Montana als Drehort ist von sich aus bereits prächtig und wuchtig, doch malt Jeunet das Gras noch grüner, die Scheune noch roter und den Himmel noch blauer, und unterstreicht damit die von einem Kind wahrgenommene Welt. Die Nostalgie des Romans fängt Jeunet ein, indem er die Welt in satten Farben erstrahlen lässt und den Film sehr klassisch ausstattet. Zu Beginn wähnt man sich in den 40er oder 50er Jahren ab. Erst durch die Bemerkung, dass Handys auf der Farm keinen Empfang haben, wird deutlich: wir sind in den 2000ern.

Die Welt in Montana scheint unendlich, etwas, das der Sicht eines Kindes durchaus entgegenkommt. (Und in Montana immer leicht zu filmen scheint!)
Umso kontrastreicher werden Chicago und Washington gemalt: klare Linien und Symmetrien, hohe Häuser, viel grau, kein Grün und doch eine seltsam beeindruckende, wuchtige Schönheit. Auch hier filmt Jeunet mit Kinderaugen, denn für T.S. ist die Welt, in die er da eintaucht, geheimnisvoll, groß, zum Teil unfassbar, aber schön.
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Jeunet bedient sich auch in der Stadt seiner surrealen Bilder. So erscheinen die Erwachsenen bedrohlicher als in der realen Welt (Polizisten, Landstreicher, Fakultätsvorsteher), unterstützt von den phantasievollen Gedankenbildern eines Zehnjährigen.
Jeunet erreicht nicht den Glanz von AMELIE – zu unscharf verwischen surreale und reale Bilder, derer es mehr hätten sein können und auch deutlicher kontrastierend, aber er erschafft eine Welt voller Nostalgie, Reinheit und kindgerechter Spannung.
Die surrealen Bilder durchziehen den Film und lassen den Zuschauer oft rätselnd zurück: Ist das Gesehene real oder aus der Sicht eines Kindes ins Surreale überzeichnet?
Jeunet dreht mit diesem Werk seinen ersten 3D Film, um die Vieldimensionalität der Karten und Skizzen von T.S. hervorzuheben.

Ein Franzose malt amerikanisch


Der Film muss viel Kritik einstecken, gerade im Vergleich zum Roman.
Zu idyllisch seien die Bilder, zu sehr verliere sich Jeunet in seiner gemalten Amerika-Nostalgie. Zu sehr greife er nach Klischees, die das Amerikabild eines Europäers ausmachen.

Nimmt man den Film alleine, ohne den Roman zu kennen, ist nicht alles geglückt, aber er erschafft eine Atmosphäre der Wärme und Fantasie.
Die größte inszenatorische Schwäche des Films ist vielleicht auch seine größte visuelle Stärke.
Da man im Nachhinein nie so genau weiß, was nun Realität und was nur T.S.‘ Sicht ist, verliert man sich als Zuschauer in dieser Ebene. Denkt man einen Tag über den Film nach und versucht zu erörtern, was nun real war und was nicht, ist es schier unmöglich. Denn ist nicht vielleicht der ganze Film gefälscht? In einigen Szenen wie dem Telefonat nach Hause oder der „Gehirnuntersuchung“, wird die Kindessicht zwar deutlich herausgestellt, aber schließlich schildert das Kind ja die gesamte Geschichte. Was ist echt? Was ist Sicht des Kindes?
Aus Kindersicht ist die Stadt imposant, ein Hot Dog das höchste aller Nahrungsgüter (gerade wenn die Mutter auf gesunde Ernährung achtet und somit solch kindgeliebte Nahrungsmittel verboten sind), Polizisten grimmig, die Reise nach Washington eine abenteuerliche Weltreise. Ist die Wiederzusammenführung der Familie so herzzerreißend, weil es von dem Kind so wahrgenommen und eingeordnet wird?
Wer vermag die Grenzen zwischen Traum, Fantasie, Kindersicht und Realität klar zu ziehen?
Autor Reif Larsen und Kyle Catlett, der Darsteller seines T.S. Spivet.

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Bedauerlich ist allenfalls, dass die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit seiner Mutter im Film zu kurz kommt. Die Beschäftigung mit ihrem Tagebuch, das T.S. klaut, nimmt im Roman einen großen Teil des zweiten Aktes ein, wird im Film aber nur kurz behandelt.
Allerdings hilft auch der kurze Tagebuchausschnitt, T.S. deutlicher zu zeichnen und klar zu machen, dass er die Welt in Maßen, Zahlen und Wissenschaftlich sieht, nahezu autistisch, nicht mit den Augen eines Kindes.

Hauptdarsteller Kyle Catlett leistet übrigens hervorragende Arbeit! Der Jungschauspieler meistert die Verantwortung, einen tiefgründigen Film zu tragen, ohne sichtbare Mühe. Mit tollen Bildern und einem anrührenden, freudigen Spiel trägt er den Film, der sein Kinodebüt darstellt. Größere Bekanntheit errang der Junge zuvor nur als Sohn eines Serienmörders in der Kevin Bacon Serie THE FOLLOWING. Als nächstes wird er im Remake von POLTERGEIST zu sehen sein. Auch der Rest des Casts bietet eine sehenswerte Performance, besonders Helena Bonham Carter darf mal wieder eine ruhige und gefühlvolle Rolle spielen, neben ihren für gewöhnlich ins Extreme tendierenden Rollen.

Ingesamt erreicht der Film sein Ziel: Er lässt den Zuschauer erwärmt zurück und regt zum Nachdenken an. Er ist ein "traumhaftes" Gesamtwerk, im wahrsten Sinne des Wortes.

Kommentare:

  1. Wow, ich habe selten eine so ausführliche Kritik zu dem Film gelesen, da kommt meine (https://filmkompass.wordpress.com/2014/08/17/the-young-and-prodigious-t-s-spivet-omu-2013/) ja vergleichsweise spartanisch daher. Die Buchvorlage kannte ich nicht und mir hat dieser Kinder-Roadmovie ganz gut gefallen.

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  2. Dankeschön! Ja, der Film war wirklich super. Uns gefällt deine Rezension aber auch gut. Sie macht in jedem Fall auch große Lust auf den Film!

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