03.03.19

Green Book (USA 2018) – Ein Roadmovie der anderen Art

“Weißt du, mein Vater hat immer gesagt, was immer du tust, tu es hunderprozentig. Wenn du arbeitest, arbeite, wenn du lachst, lache und wenn du isst, dann iss.“
Tony Lip (alias Tony Vallelonga) beweist uns in GREEN BOOK, dass er all die genannten Dinge in der Tat zu hundert Prozent tut. Und ja, besonders essen. Aber auch seine Loyalität stellt er über die eigenen Ansichten und Urteile.
© Entertainment One
Biancas Blick:

Tony „Lip“ ist Italoamerikaner und Rassist, was aus Sicht mancher Zuschauer erstaunen mag, ist er als Italiener doch häufig selbst Opfer rassistischer Übergriffe durch weiße Amerikaner. Er ist Türsteher in einem New Yorker Nachtclub Anfang der 60er, entstammt der Arbeiterklasse und hat die Schule nach der siebten Klasse abgebrochen. Seiner Frau und den beiden gemeinsamen Kindern ist er liebender Familienvater, auch wenn er immer Sorge hat, wie er sie ernähren soll. Als sein Nachtclub wegen Renovierung vorübergehend schließen muss, bewirbt er sich auf eine Stelle als Fahrer für einen Doktor, der vor Weihnachten eine zweimonatige Tour durch die Südstaaten plant. (In Wahrheit dauerte der Trip übrigens anderthalb Jahre mit Unterbrechungen – die Filmemacher nahmen sich hier zur Verdichtung eine Freiheit.) Sein Erstaunen ist groß, als der „Doktor“ sich nicht nur als erfolgreicher Musiker entpuppt, sondern auch als Schwarzer: Dr. Don Shirley ist hochgebildet, intellektuell, ein begnadeter, klassischer Pianist und wohnt über der Carnegie Hall(!). Er hat es sich in den Kopf gesetzt, mit seinem Jazz-Trio eine Tournee für reiche Weiße im Süden der USA zu geben – jene weiße Oberschicht, die Schwarze noch immer als minderwertig ansieht und sich lediglich mit dem Namen Shirley schmücken wollen.
Die beiden grundgegensätzlichen Männer – der gebildete, auf die Arbeiterklasse herabschauende Shirley, und der gefrässige, ungebildete Arbeiter und Rassist Tony – begeben sich auf eine Fahrt quer durch die Südstaaten und erleben in mehr als nur einer Hinsicht eine Reise in eine ihnen völlig fremde Welt …

Nicht neu – und doch anders


Was sich im ersten Augenblick nach einer Neuauflage des Klassikers MISS DAISY UND IHR CHAUFFEUR anhört (und ja, das musste der Film sich mehr als ein Mal vorwerfen lassen), kommt mit so viel Herzwärme daher, dass man im Kino geradezu ins Schwitzen gerät.

Selbst wenn die Prämisse der des Klassikers von 1990 ähneln mag, in dem Jessica Tandy als wohlsituierte weiße Amerikanerin auf sich ihrem schwarzen Chauffeur Morgan Freeman öffnet, und so einen neuen Weltblick gewinnt, funktioniert GREEN BOOK ganz anders, schon weil er die Hierarchie der Rollen vertauscht.
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Hier trifft ein gebildeter, höherstehender Schwarzer auf einen ungebildeten, „street smarten“ Italoamerikaner, der doch in vielerlei Hinsicht mehr von der Welt weiß, als der gebildete Doktor.
Zudem ist der Ton, den GREEN BOOK anschlägt, von Anbeginn an humorvoll, und auch wenn er nichts beschönigt, wird er nie die Gefilde einer Komödie verlassen und übermäßig dramatisch werden.

Und das ist wenig verwunderlich – Regisseur Peter Farrelly, der hier einmal ohne seinen Bruder Bobby verantwortlich zeichnet, hat sich seit jeher auf warmherzige, und dennoch sozial durchaus kritische Buddy-Komödien spezialisiert. Schon in ihren Erstlingen DUMM UND DÜMMER und KINGPIN ließen die beiden konträrste Weltentwürfe aufeinanderprallen, um mithilfe der Energie dieser Sprengkraft soziale Hierarchien und Trennlinien offenzulegen und zu kritisieren. In ihren Filmen ging es schon immer um Freundschaft und Loyalität unter extremsten Bedingungen – mit viel Herz und wenig Understatement. Was GREEN BOOK angenehm von den oben erwähnten Titeln und weiteren Klassikern wie SCHWER VERLIEBT, UNZERTRENNLICH oder VERRÜCKT NACH MARY unterscheidet, ist der Verzicht auf allzu platte, vulgäre und oft bewusst tabubrechende „Ekelwitze“, um den Kontrast zu verstärken. Beinahe scheint es, als habe Peter Farrelly mit GREEN BOOK einen Weg gefunden, sein bewährtes Konzept in ein erwachsenes Gewand zu kleiden. Und so auch seine Scharte von MOVIE 43 ein bisschen auszuwetzen. Ein kleines bisschen. Einen Hauch. Ein µ. Na gut, MOVIE 43 bleibt unentschuldbar …)

Festzuhalten bleibt: Anders als in MISS DAISY überwiegt in GREEN BOOK jederzeit die Leichtigkeit und das tut dem Film gut. Er zeichnet seine Figuren mit groberen Strichen, doch viel Feinschliff haben die extrovertierten Figuren gar nicht nötig. GREEN BOOK ist eben ein Farrelly – durch und durch. 

Grüne Bücher


Das Green Book für schwarze Autofahrer wurde von 1937 bis 1966/67 von Victor Hugo Green herausgegeben. Es handelte sich dabei um eine Art Reiseführer, der während der Ära der „Jim-Crow-Gesetze“ (im Volksmund „Rassentrennung“) bei der Planung einer Reise mit dem Auto durch die Vereinigten Staaten seine Verwendung fand. 

Die „Jim-Crow-Gesetze“, wie sie heute oft bezeichnet werden, beschrieben ein umfassendes System zur Aufrechterhaltung der Rassenhierarchie in allen Bereichen der Südstaaten. Die Rassendiskriminierung und finanzielle Schlechterstellung der Schwarzen bewirkten, dass sich zunächst nur wenige Schwarze ein Auto leisten konnten. Trotzdem erwarben Mitglieder der aufstrebenden afroamerikanischen Mittelklasse Autos – mutmaßlich sogar mit besonderem Enthusiasmus, um der allgegenwärtigen Diskriminierung in öffentlichen Verkehrsmitteln zu entgehen. Das brachte etliche Unannehmlichkeiten mit sich: Tankstellen, Restaurants, Hotels und Krankenhäuser verweigerten Schwarzen ihre Dienste und nach Sonnenuntergang wurden sie vielerorts, der Stadt verwiesen oder verhaftet, wenn sie sich noch auf der Straße aufhielten.
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Das Green Book sammelte Namen und Adressen von Diensten, Einrichtungen und Unterkünften, die den Schwarzen uneingeschränkt zur Verfügung standen und sollte die Fahrt „angenehmer“ gestalten.
Erst der 1964 erlassene Civil Rights Acts verbot die Diskriminierung von Schwarzen, wodurch der Reiseführer obsolet wurde. Dennoch wurde er noch 1966/67 vertrieben.

Puh! Noch mehr Essen ...


Viggo Mortensen, der nach einer eher bescheidenen, zehnjährigen Karriere in Nebenrollen, wie 1985 in Peter Weirs DER EINZIGE ZEUGE, 2001 als Aragorn zu Weltruhm gelangt, hat sich seitdem zu einem der respektiertesten, wandlungsreichsten und populärsten Schauspielern unserer Zeit gemausert.
Nach seinen Rollen in TÖDLICHE VERSPRECHEN und CAPTAIN FANTASTIC, erhält der charismatische Däne für seine Rolle als Tony „Lip“ in GREEN BOOK seine dritte Oscarnominierung als Bester Hauptdarsteller.

Viggo Mortensen ist Peter Farrellys erste Wahl für die Rolle. Der Regisseur hat ihm das Drehbuch geschickt, ohne wirklich daran zu glauben, dass Mortensen akzeptiert, immerhin macht sich der Schauspieler im Kino rar und sucht sehr gewählt seine Rollen aus. Doch Mortensen denkt nur wenige Wochen über das Angebot nach und sagt dann zu. Er verlässt Spanien, wo er lebt, um nach New York zu kommen, und dort die Familie Vallelonga kennenzulernen. Er hört sich auch Tonys Aufnahmen an, die dessen Sohn Nick einst aufnahm, tourt durch die Bronx und New Jersey und sieht sich die gesamte Serie DIE SOPRANOS an, in der Tony „Lip“ den Part des Carmine Lupertazzi innehatte.
Der Schauspieler fühlt sich schließlich so gut in die Rolle ein, dass er seine dänischen Wurzeln fast vergisst.
Doch auch körperlich lässt er sich ganz auf Tony Vallelonga ein und verlangt sich einiges ab:
Er muss 20 Kilo Gewicht zulegen! Das tut Mortensen vorzugsweise mit italienischem Essen – und der Hilfe von Familie Vallelonga.

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Um das Essen und die Essensszenen ranken sich laut Crew die lustigsten Geschichten.
So wird Mortensen vor den Dreharbeiten zu einem sechsstündigen Abendessen eingeladen, um die Familie von Nick Vallelonga zu treffen. "Es hat mich fast umgebracht, weil ich das Gewicht noch nicht zugenommen hatte – ich hatte meinen Bauch für solch opulentes Essen noch nicht ausreichend gedehnt … Ja, dieses Dinner hat mich fast  umgebracht …" Aus Angst, dass die Familie denken könne, er möge das Essen nicht, fühlte er sich gezwungen, seine Teller jedesmal komplett zu leeren. Doch immer, wenn er einen Teller fertig hatte, brachten sie einen weiteren gut gefüllt herbei. "Irgendwann habe ich mich dann verabschiedet. Wir haben zusammen noch ein Bild gemacht, dann humpelte ich zu meinem Mietwagen und erzählte ihnen, ich würde jetzt zurück nach Manhattan fahren. Doch in Wahrheit fuhr ich um die Ecke, stellte den Wagen ab, lehnte meinen Sitz zurück, löste meinen Gürtel und lag eine Stunde da und stöhnte nur. "

Unvergesslich bleibt sicherlich auch die Pizza-Szene, die man im Film nicht verpassen kann.
Die Idee dazu nimmt Mortensen aus dem echten Leben: Nick Vallelonga erzählt ihm, sein Vater habe stets eine ganze, nicht geschnittene Pizza bestellt, sie gefaltet und als eine Art Monster-Wrap verspeist. Als Viggo Mortensen die Anekdote hört, besteht er darauf, sie nachzustellen, und in den Film zu bringen. Peter Farrelly protestiert zunächst – er ist überzeugt, dass der Film bereits ausreichend witzige Essensszenen habe (was stimmt!), lässt sich aber breitschlagen, es zumindest auszutesten. Als die Crew hinter der Kamera beim Drehen der Szene ihr Gelächter nicht unterdrücken kann, gibt Farrelly klein bei und erfüllt Mortensens Wunsch: Der Pizzasnack kommt in den Film und bleibt unvergesslich!
Ebenfalls erwähnt sei die Eingangsszene, die jeden James-Dean-Fan aufmerken lässt. Tony geht morgens zum Kühlschrank, holt eine Flasche Milch heraus, kühlt sich mit ihr den Kopf und trinkt dann im Laufen zwei, drei kräftigen Schlucken. Dieser Moment ist eine klare Reminiszenz an Deans Szene in ... DENN SIE WISSEN NICHT WAS SIE TUN aus dem Jahre 1955.

Am Ende isst Mortensen auch vor der Kamera so viel, dass er eigenen Aussagen zufolge auf jegliches Catering verzichtet und die Mittagspause mit offenem Gürtel, liegend und stöhnend verbringt. „Ich hab keine Ahnung, was es als Catering gab“, sagt er. „Aber es soll toll gewesen sein.“

Doctor Don Shirley


Don Shirley wird 1927 als Donald Walbridge „Don“ Shirley in Florida geboren. Mit drei Jahren beginnt er Kirchenorgel zu spielen, mit zehn Jahren spielt er bereits Konzerte. Als er 18 Jahre alt ist, tritt er mit den Boston Pops auf und interpretiert Tschaikowskis 1. Klavierkonzert. Er studiert Musik an der Catholic University of America in Washington. Da ihm als Schwarzem eine Karriere als klassischer Konzertpianist verwehrt bleibt, konzipiert er Auftritte in Nachtclubs, zunächst im Duo mit einem Bassisten und schließlich als Trio mit Bass- und Cello-Besetzung. Je nach Quelle wird berichtet, dass Shirley darüber hinaus in liturgischer Kunst und Psychologie promoviert habe und in den frühen 50er Jahren eine Karriere als Psychologe anstrebte, sowie acht Sprachen fließend beherrschte und ein talentierter Maler war. Allerdings ist wenig über ihn bekannt, so dass die Angaben nur schwer zu kontrollieren sind.
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Musikalisch verbindet er amerikanische und europäische Musiktraditionen mit Formen der klassischen Konzertmusik. Seine Arrangements beinhalten Standards wie Irving Berlins “Blue Skies”, George Shearings “Lullaby of Birdland” oder Richard Rodgers’ “This Nearly Was Mine”.
1955 debütiert Shirley in der Carnegie Hall – ein musikalischer Ritterschlag.

In den frühen 1950er und 1960er Jahren macht er Aufnahmen für das Label Cadence Records: „Piano Perspectives“, „Don Shirley Plays Love Songs“, „Don Shirley Plays Gershwin“ und „Don Shirley Plays Shirley“. Später wechselt er zu Columbia Records. 
In den frühen 1970er Jahren erleidet Shirley eine Sehnenentzündung in der rechten Hand und er muss sein Pensum massiv einschränken. Er  verschwindet für fast ein Jahrzehnt aus der Öffentlichkeit. Er schreibt in dieser Zeit für andere Musiker, so zum Beispiel für Duke Ellington: das „Divertimento for Duke by Don“, ein sinfonisches Werk, das 1974 vom Hamilton Philharmonic Orchestra of Ontario uraufgeführt wird. Zu Shirleys  weiteren Kompositionen gehört eine Tondichtung zu „Finnegans Wake“ von James Joyce.
1982 berichtet die Times, dass der Musiker ein Comeback versuche und wieder regelmäßig mit seinen langjährigen Partnern in Manhattans Greenwich Village spiele. 
Anfang der 2000er Jahre beginnt Shirley wieder regelmäßig aufzutreten. Mit Hilfe eines engagierten Studenten stellt er 2001 sein neues Album "Home with Donald Shirley" auf seinem Label Walbridge Music zusammen.

Shirley ist übrigens nicht das einzige Mitglied seiner Familie, das beruflichen Erfolg erzielt. Seine Brüder Calvin und Edward sind Ärzte und pflegen eine enge Freundschaft zu Dr. Martin Luther King.
Shirley selbst ist eng mit Robert Kennedy befreundet. Als dessen Bruder John F. Kennedy 1963 ermordet wird, unterbricht Shirley seine Tour, um an der Beerdigung teilzunehmen.
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Shirleys Ehe bleibt kinderlos und wird geschieden. Die Freundschaft mit Justizsenator Kennedy wird in einer Filmszene angedeutet, die der Wahrheit entspricht: Tatsächlich hilft Robert Kennedy Tony und Shirley aus dem Gefängnis, als diese festgenommen werden.
In einer eher beiläufigen Szene des Films wird eine homosexuelle Neigung Shirleys angedeutet – Shirley hat diese zu Lebzeiten nie bestätigt – dass so wenig über ihn bekannt ist, liegt vor allem daran, dass er stets versuchte, sein Privatleben aus der Öffentlichkeit zu halten.  

Eine Freundschaft, die 50 Jahre währt


Die Freundschaft zwischen Don Shirley und Tony „Lip“ überdauert mehr als 50 Jahre. 
Nach der ersten zweimonatigen Reise ging das Duo erneut gemeinsam auf Tournee, diesmal etwa ein Jahr. Der Musiker bittet Tony, auch auf seiner Europatournee als Fahrer und Leibwächter zu dienen, doch Tony lehnt ab, weil er nicht so lange von seiner Familie getrennt sein will.
Beide Männer sterben 2013 im Abstand von drei Monaten. Für Nick Vallelonga, Tonys Sohn, war Don Shirley ein Freund der Familie.

In den Vallelonga-Familienszenen spielen übrigens neben Mortensen und Linda Cardellini vor allem die echten Familienmitglieder von Tony und Dolores mit.

Distanz auf der einen, Zufriedenheit auf der anderen Seite


GREEN BOOK wird schnell zum Publikums- und Kritikerhit – heutzutage nicht mehr selbstverständlich. Und doch dauert es nicht lange, bis kritische Stimmen laut werden. Kurz nach Veröffentlichung des Films distanziert sich Don Shirleys Familie lautstark von dem Werk und betitelt es als eine „Symphonie der Lügen“: Sie seien nicht konsultiert worden, wären in das Projekt nie involviert gewesen. Nick Vallelonga, der am Drehbuch mitgeschrieben hat, beteuert, nichts geschrieben zu haben, von dem er wusste, dass es Shirley nicht gewollt hätte.
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Peter Farrelly bedauert die Wendung: „Ich wünschte, die Familie wäre mit dem Ergebnis zufriedener. Es tut mir leid, dass es so verlaufen ist, aber die Wahrheit ist, dass wir uns an die Vorgaben gehalten haben, die uns von Shirleys Erben gegeben wurden. Und das sind leider nicht seine Familie – es sind seine Freunde, mit denen wir uns unterhalten, und von denen wir alle Rechte erhalten haben. Es fühlte sich ehrlich gesagt komisch an, so als würden wir Shirleys letzten Willen nicht respektieren und daher gingen wir zu Menschen, die es tun. Und das waren eben die Menschen, die ihm zum Zeitpunkt seines Todes am nächsten standen, und sie gaben uns alle Informationen, die wir brauchten. Ich wünschte, die Familie wäre zufriedener. Ich hasse so etwas. Wir haben versucht, sie für uns und unser Projekt zu gewinnen, aber wir haben es einfach nicht geschafft und das bedauere ich. "

Natürlich ist auch GREEN BOOK ein Unterhaltungswerk – auch wenn er auf realen Geschehnissen basiert. Daher ist es vielleicht von Interesse, welche Unterschiede zwischen Realität und Fiktion aufzuzeigen sind.


The Bashings are in …


Bei den Oscars 2019 geht GREEN BOOK als einer der großen Sieger vom Platz – und löst damit einen kleinen Skandal aus. Neben Mahershala Ali, der hier zum zweiten Mal in drei Jahren den Oscar als Bester Nebendarsteller abräumt, und dem Besten Drehbuch wird GREEN BOOK – durchaus etwas überraschend, als Bester Film ausgezeichnet. 
Wie mittlerweile üblich, löst das einen Aufschrei der Entrüstung aus – diesmal aber vermutlich in Rekordzeit. Vor allem die Schwarze Community der USA stört sich daran, dass im selben Jahr, in dem mit BLACK PANTHER und BLACKKKLANSMAN zwei weitere Filme nominiert waren, die deren Interessen und Ansichten weit deutlicher vertreten. Schon lange vorher muss sich GREEN BOOK den Vorwurf anhören, das Thema „Rassismus“ eher stiefmütterlich zu behandeln. Die Debatte hier zu kommentieren, würde den Rahmen sprengen, daher sei nur angemerkt:

Der Wahlprozess, der der Kategorie „Bester Film“ zugrunde liegt, ist so gestaltet, dass in der Regel der Film gewinnt, der den größten Konsens erzeugt – wo auch immer der in dem Jahr liegen mag.
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2014 lag der größte Konsens darin, mit 12 YEARS A SLAVE einen Film auszuzeichnen, der seinen Möglichkeiten nicht gerecht wird, um ein Zeichen dafür zu setzen, dass die mehrheitlich weiße Jury Amerikas Verantwortung im Leid und Elend der Sklaverei öffentlich anerkennt. Eine eher symbolische als künstlerische Geste.

2017 lag der Konsens darin, mit MOONLIGHT einen rein schwarzen Film um einen schwarzen Homosexuellen auszuzeichnen – nicht nur, weil er tatsächlich einer der besten Filme 2016 war, sondern auch, weil die mehrheitlich weiße Jury dem schwarzen Kino endlich eine Plattform bieten wollte – und damit von der eigenen Tradition abwich, Filme über darbende Künstler auszuzeichnen, wie sie in LA LA LAND zu finden waren.

2019 lag der Konsens darin, einen überaus sehenswerten Streifen über einen weißen Rassisten auszuzeichnen, um ein Zeichen zu setzen, dass man auch humorvoll, mit Herz und Charme eine Geschichte darüber erzählen kann, dass die Welt durch ein „Miteinander“ immer lebenswerter sein wird, als durch ein „Gegeneinander“.

In diesem Sinne: Wer GREEN BOOK noch nicht gesehen hat, sollte das schnellstens nachholen!
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