12.06.16

Blue Steel (USA 1990) - Der Psychothrill der Frauen

Unter dem Motto „Starke Bilder, Starke Frauen“ luden die Kollegen vom hörenswerten Blog Schöner Denken zu der Aktion „Ein Film, viele Blogger“ ein. In der dritten und letzten Runde geht es dabei um den extrem passenden Film BLUE STEEL. Keine Frage, dass wir da mitmachen.

BLUE STEEL ist ein heute etwas untergegangener Kultfilm von 1990 – dessen Kultphase allerdings auch überschaubar blieb. Dennoch erweist er sich bei Erscheinen als überaus populär und heißer Geheimtipp im noch jungen Heimvideo-Zeitalter. Einer jener Filme, die bei jeder Ausstrahlung am Freitagabend noch zum „Tipp des Tages“ der Fernsehzeitschrift auserkoren werden.
Kein Wunder, immerhin ist er seinerzeit einer der härtesten und tatsächlich tiefgründigsten Filme eines extrem populären Genres: dem psychologischen Thriller. Und es ist ein klassischer Männerfilm, aus weiblicher Sicht, inszeniert von einer Frau, die er ebenso zum Star macht, wie seine Hauptdarstellerin. Grund genug also, sich zu fragen: Wieso ist das eigentlich so was Besonderes?
Quelle: Blu Ray „Blue Steel“ © Concorde Video

Marcos Blick:
Jetzt auf Blu Ray und DVD
Als der legendäre Roger Ebert 1990 seine Kritik zu BLUE STEEL verfasst, stellt er eine erstaunliche Verbindung her: „Wenn man die Augen ein wenig zusammenkneift, um die Struktur zu erkennen, die hinter den Details lauert“, schreibt er, „dann wird BLUE STEEL zu einer raffinierten Neuauflage von HALLOWEEN, dem Film, der Jamie Lee Curtis zum Star machte.“ Und tatsächlich legt er sofort die vergleichbare Struktur offen: „Sie spielt eine starke, kompetente Frau, die sich am Ende selbst schützen muss, weil es niemand sonst tun kann. Ihr Leben wird von einem Mann bedroht, der unaufhaltsam scheint, unzerstörbar: Ganz egal, was ihm zustößt, er steht wieder auf, putzt sich den Schmutz ab, und setzt seine unerbittliche Jagd fort.“

Wir lassen es Ebert durchgehen, dass er den zweiten Film außer Acht lässt, der diesem Muster hervorragend folgt: THE TERMINATOR. Vermutlich, weil Sarah Connor nicht von Jamie Lee Curtis verkörpert wird. (Die aber ebenfalls sehr gut in die Rolle gepasst hätte!)
Doch egal wie, Eberts Einschätzung ist absolut zutreffend: BLUE STEEL folgt, in vielerlei Hinsicht, dem klassischen Modell eines Horrorthrillers – erweitert dieses jedoch um eine Komponente, die 1990 hochaktuell ist: Die Psychologie des Bösen.


Die Macht und der Tod


Heute hat es der Film tatsächlich ein wenig schwer – er wirkt fahrig inszeniert und extrem konstruiert, weist große Lücken und Sprünge auf, und wird durchgehend von einer Aura der Unglaubhaftigkeit durchweht. 1990 jedoch ist die Story von BLUE STEEL frisch, unverbraucht und extrem überraschend. BLUE STEEL erzählt von der jungen Polizistin Megan Turner, deren erster Arbeitstag in einer Katastrophe endet: Ohne ihren Partner versucht sie, einen Supermarktüberfall zu verhindern. Als der Gangster (Neunziger-Ikone Tom Sizemore in einer seiner ersten Rollen!) sie bedroht, erschießt sie ihn. In dem folgenden Chaos verschwindet jedoch die Waffe des Gangsters, und Megan gerät in Verdacht, einen schwerwiegenden Fehler begangen zu haben.
Quelle: Blu Ray „Blue Steel“ © Concorde Video
Die Waffe jedoch ruht fest in der Hand von Eugene Hunt, einem Aktienhändler, der den Überfall verstört am Boden liegend miterlebt und die Waffe an sich genommen hat. Der Zwischenfall hat etwas in Eugene zum Umkippen gebracht. Der sonst unbescholtene Erfolgsmensch ist plötzlich besessen vom Tod. Die Waffe verleiht ihm das Gefühl von Macht, die er gnadenlos auslebt – er beginnt, wahllos Menschen auf offener Straße zu erschießen.
Doch er ist auch besessen von der Polizistin, die vor seinen Augen den Tod gebracht hat. Schon bald schleicht er sich in ihr Leben, beginnt eine Affäre mit der Frau, die verzweifelt versucht, den unsichtbaren Serienmörder an ihrer Seite zu fangen. Dabei weist alles darauf hin, dass Eugene nur einen Wunsch hat: Mit Megan an seiner Seite weiter zu töten, oder selbst von ihr getötet zu werden.
Ein bitteres Psychoduell beginnt, bei dem die beiden Gegner sich immer enger umkreisen, und das nur in einem letzten Gewaltakt enden kann.


Die Stars


Schon das Intro zu BLUE STEEL ist ungewöhnlich – nie zuvor hat die Kamera derart zärtlich eine Waffe inszeniert – sieht man einmal vom Intro der Satire-Sitcom SLEDGE HAMMER ab. Wie das Mordinstrument, das hier in den Fokus gerät, in kühlem blauen Licht und glasklaren Bildern liebkost wird, nimmt viel von dem vorweg, was der Film bietet. Eugene beginnt beinahe eine Beziehung zu der Waffe aufzubauen, die beinahe romantisch ist. Auch der Film selbst inszeniert die kalte Macht der Waffe immer wieder deutlich und beinahe liebevoll. Hier wird der Tod zelebriert, von Seiten des Täters, aber auch vom Film, der den Zuschauer beinahe zum Komplizen macht. Jedem Tod gehen immer längere Sequenzen voraus, lange Einstellungen von Waffe, Täter und Opfer, und notfalls wird zur Zeitlupe gegriffen, um den Augenblick noch ein wenig länger festzuhalten.

Regisseurin Kathrin Bigelow, zu der Bianca weiter unten noch etwas erzählen wird, empfiehlt sich mit BLUE STEEL endgültig als Regisseurin harter, klassisch männlicher Stoffe. In ihren Geschichten geht es immer wieder um Macht und Gewalt – Figuren, die sich gezielt, oft aus einem Fetisch oder dem Gefühl von Unzerstörbarkeit heraus, in Gefahr begeben. Es ist eines der konstantesten Themen in ihrem Werk, und auch wenn sie die Psychologie dieser Haltung in späteren Filmen noch deutlich besser inszenieren wird (am herausragendsten sicherlich in THE HURT LOCKER), bleibt BLUE STEEL ihr erster Film, in dem sie diesen Fetisch derartig klar in den Mittelpunkt rückt.

Für Jamie Lee Curtis gerät der Film zu einem Wendepunkt in ihrer Karriere: Nachdem sie zu Beginn nur mit Mühe aus ihrer Schublade als Screm-Queen in Horrorstreifen herauskriechen konnte, versackt sie in den Achtzigern in drittklassigen Dramen und Romanzen (oder der seltenen Komödie), die nicht selten auch auf ihre körperliche Schönheit konzentriert sind, wie etwa PERFECT, der sie als Aerobic-Lehrerin immer wieder in den wildesten Verrenkungen und knappen Outfits ablichtet.

1987 erhält sie in EIN FISCH NAMENS WANDA ihre erste anspruchsvolle Rolle überhaupt – direkt vor BLUE STEEL, dem vermutlich ersten Film, der ihr ernsthaftes schauspielerisches Können abfordert. Und sie begeistert sämtliche Kritiker und Zuschauer. In Folge darf die mittlerweile über dreißigjährige Curtis in den Neunzigern einige der seriöseren Rollen ihrer Karriere spielen, bevor auch sie im 40er-Loch versinkt. Schließlich kehrt sie zu den Anfängen ihrer Karriere zurück, spielt wieder vermehrt in Horrorfilmen mit, darunter auch in zwei Aufgüssen von HALLOWEEN, und zuletzt in einer Serie mit dem passenden Titel SCREAM QUEENS. Bedauerlich, dass ihr keine echte Chance mehr gegeben wird.
Quelle: Blu Ray „Blue Steel“ © Concorde Video
Auch für Ron Silver wird BLUE STEEL zu einem Schicksalsfilm. Der charismatische, aber nicht sonderlich überbegabte Schauspieler, der etwa in SILKWOOD noch einen Guten spielen durfte, erlebt mit seiner eindringlichen Darstellung in BLUE STEEL beinahe so etwas wie seinen Durchbruch. In den Neunzigern wird er zu einem der gefragtesten und populärsten Schurkendarsteller überhaupt, dessen süffisant schnodderiges Grinsen und Vollbart zu einem echten Qualitätsmerkmal der Neunziger werden. Und nicht wenige Filme profitieren enorm von seiner hervorragenden diabolischen Ader. So etwa TIMECOP, das Jean-Claude-van-Damme-Vehikel, oder der besonders perfide Bombenthriller HYDROTOXIN, sowie der Neunziger-Geheimtipp THE ARRIVAL mit Charlie Sheen.
Damit endet auch Silvers erfolgreiche Phase. Seit zwanzig Jahren ist er vor allem in Fernsehfilmen und kleineren Rollen zu sehen, bleibt einem Filmfan der Neunziger aber immer als herrlich fieser Antagonist in Erinnerung und ein immer gern gesehener Gaststar.

Heute fristet der psychologische Thriller ein cineastisches Randdasein. Hervorragende, beinahe sentimental-klassische Vertreter wie Joel Edgertons THE GIFT laufen hierzulande gerade mal als DVD Premiere auf, hätten 1993 aber noch als Kinoblockbuster die Massen vor die Leinwand gelockt.
Von 1986 bis 1995 ist das Genre derartig populär, bringt so viele Vertreter und Subgenres hervor, und beherrscht das Blockbusterkino, wie heutzutage nur Superheldenfilme. Und besonders der Aufschwung auf den Zenit des Genres ab 1990 ist durchaus auch BLUE STEEL zuzurechnen.


Der Psychologische Thriller


Thriller gibt es, seit es das Kino gibt, und bis heute tut sich die Geisteswissenschaft schwer damit, eine allgemeingültige Definition des Wortes auszustellen. Gemein ist allen Thrillern, dass es einen „Helden“ gibt, sowie jemanden – oder etwas –, das als „Schurke“ fungiert. (Wobei letzteres auch etwas ganz Unpersonales sein kann, wie die Natur oder eine Krankheit.)
Dieser Formel folgen sämtliche Thriller, und doch ist es den Großteil der frühen Kinogeschichte üblich, sich vornehmlich mit dem Innenleben des Helden zu beschäftigen. Der Schurke, soweit er denn eine Person ist, dient allein als Bedrohungsfläche. Im frühen Kino ist der Schurke böse, weil er schlicht böse zu sein hat, damit der Held umso heller strahlen kann. (Niemand käme je auf die Idee, die Motivation eines NOSFERATU zu ergründen.)

Erst später beginnen die Autoren, auch den Schurken so etwas wie Motivation oder Hintergründe mitzugeben, doch bleiben diese oft simpel. Zwar haben sie jetzt einen Grund, „böse“ zu sein, doch beschränkt sich dieser Grund in den meisten Fällen auf eine moralische oder emotionale Grundlage. Sie sind gierig. Neidisch. Eifersüchtig. Manchmal traumatisiert, oder von Egomanie und Größenwahn getrieben. In vielen Fällen ist es Rache, die sie antreibt.
Beinahe zum Klischee gerät etwa die Femme Fatale, die dem Film Noir einige herausragende Schurken gibt – deren Motivation in den meisten Fällen aber darauf beschränkt bleibt, dass sie nun einmal mysteriöse Frauen sind, die Männer zu manipulieren wissen.
Quelle: Blu Ray „Blue Steel“ © Concorde Video
Nur in seltenen Fällen nutzen die Autoren die Chance, ihre Bösewichter böse werden zu lassen, aufgrund von psychischen Fehlleistungen oder Veränderungen.
Einer der frühen Freunde dieser Motivation ist, wie sollte es anders sein, Hitchcock, der Zeit seines Lebens von der Psychologie des Verbrechens besessen ist. Und so ist es kein Wunder, dass er als einer der ersten Filmemacher beginnt, seine „Schurken“ nicht emotional oder moralisch verwerflich darzustellen, sondern als psychisch beschädigt. Und auch wenn das Motiv des „verrückten“, psychisch in seiner eigenen Welt lebenden Schurken eines von Hitchcocks deutlichsten Themen bleibt, gelingt ihm das wohl in keinem anderen Film so ausdrucksstark wie in PSYCHO – der Film, dessen Titel schließlich zum Synonym für psychologisch beschädigte Schurken werden soll.

Daneben etabliert sich vor allem Roman Polanski mit Filmen wie EKEL oder DER MIETER als früher Meister der psychologisch angeknacksten Figuren. In ROSEMARY'S BABY schließlich treibt er sein Spiel erstmals so weit, dass er die Grenzen zwischen psychischem Wahn und echter übernatürlicher Gefahr komplett durchlässig gestaltet – ein Geniestreich seiner Zeit.

Mit PSYCHO rückt Hitchcock etwas nach vorne, dass sich bald als eigenes Genre etablieren soll: Den Psychologischen Thriller, oder Psycho-Thriller. Thriller also, in denen die Helden sich einem Schurken gegenübersehen, der weder moralisch noch emotional angetrieben wird, sondern schlicht und ergreifend durch eine psychologische Störung.


Aufstieg der Psycho-Duelle


Neben Hitchcock, Polanski und ein paar Einzeltätern lassen sich andere Filmemacher nur selten Zeit, die Psychologie des Bösen wirklich in ihre Filme zu lassen. Oder überhaupt Psychologie. Dennoch findet diese Disziplin spätestens in den Siebzigern immer stärkeren Einzug, nicht zuletzt im Drama-Genre, wo sie uns mit EINER FLOG ÜBER DAS KUCKUCKSNEST einen unsterblichen Klassiker beschert.
Und doch bleibt es, wie Roger Ebert so schön erkennt, HALLOWEEN, der uns die Urformel des modernen Psycho-Thrillers schenkt: Der psychisch beschädigte Bösewicht, der seine Beschädigung in die Alltagswelt eines unbescholtenen Mitbürgers trägt, und diesen mit dem Tode bedroht. Am Ende geraten die Filme zu einem Kräftemessen zwischen diesen beiden Figuren, dem Helden, der sich dem psychotischen Schurken nicht entziehen kann, und dem Bösewicht, der dank seiner Psychose nicht von seinem Opfer ablassen kann.
In einem modernen Meisterwerk hetzt Christopher Nolan in THE DARK KNIGHT nach diesem Muster Batman und den Joker aufeinander, um dabei den gesamten Kernkonflikt eines Genres in einem berühmten Satz zusammenfasst: „This it what happens, when an unstoppable Force hits an inmovable object.“
Quelle: Blu Ray „Blue Steel“ © Concorde Video
Dass HALLOWEEN uns heute kaum noch als Psycho-Thriller auffällt, liegt zum einen daran, dass er seinerzeit noch als Horrorfilm gewertet wird, und sich der Psychothriller mittlerweile weiter von dieser Machart entfernt hat, zum anderen aber auch, weil die Fortsetzungen der Reihe den Aspekt der Beliebigkeit ausgetrieben haben, mit der Michael Myers in das Leben der jungen Lorie einfällt, indem sie sie zu Michaels Schwester stilisiert haben. Damit verliert Myers Psychose im Sinne eines psychologischen Thrillers an Schubkraft.
Doch wie man es auch betrachtet, HALLOWEEN tritt einen Trend los (der im Grunde bereits, jedoch weniger ausgefeilt, von THE TEXAS CHAIN SAW MASSACRE ins Rollen gebracht worden war), und die Achtziger werden das Jahrzehnt der Psycho-Schlitzer.
Der Unterschied liegt darin, dass sich diese Sparte, von Freddy Krueger zu Jason Voorhees, immer mit einem übernatürlichen Element rumschlägt. Dieser fehlt dem ersten HALLOWEEN noch größtenteils (wie auf den ersten Teilen von FREITAG DER 13.), und wird ebenfalls erst in den Fortsetzungen etabliert.

Denn, und jetzt wird es wichtig: Da, wo man dem Psycho-Schlitzer-Film seine Übernatürlichkeit entzieht, dort beginnt der Psycho-Thriller.


Vom Straßenrand ins Privatleben


Der Film, der diese Trennung perfekt vollzieht, ist der 1986 erscheinende HITCHER – DER HIGHWAYKILLER. Es ist der erste Film, der die bis heute erfolgreiche Formel aufstellt, nach der die nächsten zehn Jahre unzählige überaus populäre Psycho-Thriller funktionieren: Ein übermächtig und unbesiegbar erscheinender Irrer, der völlig willkürlich, völlig unerwartet, und gnadenlos abrupt in das Leben eines unbescholtenen Menschen einbricht, und ein Duell bis aufs Blut forciert. Der Held bemüht sich den Großteil des Films, dem Konflikt zu entgehen – ein Zeichen seiner psychischen Zurechnungsfähigkeit. Doch wohin er sich auch wendet, er findet keinen Weg, keine Möglichkeit, sich seinem Stalker zu entziehen. Jede „geistig gesunde“ Lösung bringt keinen Erfolg, der Wahnsinn des Schurken lässt sich nicht mit Vernunft bekämpfen. Erst wenn der „Held“ am Ende selbst den Verstand zu verlieren scheint, gibt er seine fruchtlosen Versuche auf. Mittlerweile beinahe selbst psychotisch, kann er sich auf das Duell mit dem Feind einlassen, und siegreich daraus hervorgehen.
Quelle: Blu Ray „Blue Steel“ © Concorde Video
Den Großteil des Films über scheint der „Hitcher“ ebenso zu funktionieren wie seine Brüder Michael Myers, Freddy Krueger und Co.: Omnipotent, allwissend, unausweichlich. Erst am Ende des Films, als es ihm gelingt, den von ihm getriezten „Nobody“ über dessen Grenzen zu treiben, wird klar, dass er nichts Übersinnliches an sich hat, sondern bloß Wahnsinn. Und dass ein wirklich Wahnsinniger einem in den Wahnsinn getriebenen Helden gegenüber keine Chance hat.

Mit dieser Formel tritt HITCHER – DER HIGHWAYKILLER eine ganze Latte von ähnlichen Filmen los: EINE VERHÄNGNISVOLLE AFFÄRE etwa, SPURLOS VERSCHWUNDEN, SEA OF LOVE oder natürlich TODESSTILLE. Und natürlich BLUE STEEL.


Die anderen Macken


Allerdings ist der HITCHER mit seiner rohen Psychose nicht der einzige Impulsgeber für das Genre. Denn ebenfalls 1986 betritt noch ein Star des Psychothrillers die Bühne, der deutlich raffinierter vorgeht: BLUTMOND heißt die im Original MANHUNTER betitelte Verfilmung von Thomas Harris' Erfolgsroman „Roter Drache“. Und es ist kein Zufall, dass Hannibal Lecter, der hier noch einen kurzen Nebenauftritt hat, und von Brian Cox gespielt wird, wenige Jahre später zu einer der größten Ikonen der Kinogeschichte aufsteigen wird.
Auch BLUTMOND verfolgt noch die Formel, dass der „Held“ sich dem Wahnsinn des „Schurken“ annähern muss, um ihn zu besiegen, allerdings geht Michael Manns Psycho-Duell deutlich filigraner und intelligenter vor als HITCHER.
Und so entwickelt sich aus beiden Filmen, so man sie denn als Initialzündung sehen will, ein Genre, das immer ausgefeiltere Wege gehen muss, um den Zuschauer zu überraschen.


Kalt, blau, weiblich sucht ...


Denn für das zeitgenössische Publikum ist BLUE STEEL wirklich ein intelligenter und überraschender Thriller. Es ist nicht der erste seiner Art, und dennoch ein besonders cleverer Vertreter. Seine Andersartigkeit verdankt er einer Handvoll ungewöhnlicher Entscheidungen.

Zum einen wäre da die deutlich vernehmbare feministische Komponente.
Kathrin Bigelow zieht dem berechenbar werdenden Genre den Boden unter den Füßen weg, indem sie die Vorzeichen umkehrt: Sind es für gewöhnlich männliche Polizisten oder Alltagshelden, die sich dem Wahnsinn entgegenstellen müssen, platziert Bigelow eine weibliche Heldin in der Mitte ihrer Geschichte – noch dazu die einzige Frau im ganzen Film. Und der Film spart nicht damit, diesen Umstand – und die ihn umgebende Misogynie – wiederholt anzusprechen. Noch dazu erweist sie sich auf Seiten der Helden als einzige kompetente Figur.

Ebenfalls ungewöhnlich ist, dass die Heldin hier keine erfahrene, vielleicht sogar amtsmüde Polizistin ist, eine mit allen Wassern gewaschene Expertin, die sich am Karriereabend noch einmal mit einem durchgeknallten Stalker auseinandersetzen muss, sondern um eine gerade erst in den Polizeidienst erhobene Anfängerin. Das allein hat es nie zuvor gegeben.

Und Bigelow leistet sich noch einen Kunstgriff: Denn üblicherweise spielen derartige Psychothriller mit der Frage, wer denn wohl der Täter sei. BLUE STEEL aber lässt den Zuschauer von Anfang an Zeuge der Entwicklung werden, wie aus dem vermeintlich unbescholtenen Aktienhändler ein Serienmörder und Lebensmüder Stalker wird. Auch das ist neu, denn üblicherweise werden die Zuschauer Zeuge des Ergebnisses eines psychischen Zusammenbruchs, hier aber erleben sie den Vorgang selbst mit.
Quelle: Blu Ray „Blue Steel“ © Concorde Video
Alles das macht aus BLUE STEEL einen der mutigsten und ungewöhnlichsten Vertreter seiner Zeit, dessen Kombination bis heute, wenn überhaupt, nur noch sehr selten zu finden ist. Vielleicht aus gutem Grund, denn am Ende ist BLUE STEEL eben auch nicht der beste Vertreter seiner Zunft. Auch wenn er zu Recht als Klassiker gilt, kann er mit vielen Klassikern des Genres nicht mithalten.

Dabei muss aber bedacht werden, dass nahezu sämtliche Klassiker des Genres erst nach BLUE STEEL erscheinen – die Psychothriller der zweiten Achtziger-Hälfte sind Eingeweihten vermutlich bekannt, haben aber kaum das Zeug zum Klassiker.
Und: So gut wie alle großen Klassiker übernehmen einzelne Elemente aus BLUE STEEL:
DAS SCHWEIGEN DER LÄMMER, der 1991 in die Kinos kommt, weist ebenfalls den Clou auf, dem Bösewicht eine Perspektive zu schenken, so dass der Zuschauer Jäger und Gejagtem gleichermaßen zuschauen darf. (Was am Ende des Films zu einer der spannendsten und cleversten Montagesequenzen der Kinogeschichte führt.)

WEIBLICH, LEDIG, JUNG SUCHT ... von 1992 gilt ebenfalls als Klassiker und nicht selten als einer der besten Psychothriller der Neunziger. Er erweitert die weibliche Perspektive von BLUE STEEL insoweit, als dass er beide Figuren, Protagonist und Antagonist, als weibliche Figur besetzt. Bis heute eine absolute Rarität. Noch dazu übernimmt der Film die in BLUE STEEL erstmals angewandte Technik, dass der „Schurke“ sich heimlich immer weiter im Privatleben des „Helden“ einnistet – und macht das am Ende sogar zum Kernkonflikt des Films.

Ebenfalls 1992 erscheint mit DIE HAND AN DER WIEGE ein Psychothriller, der die Konstellation aus BLUE STEEL ironischerweise verkehrt: Die wahnsinnige Frau nistet sich im Privatleben eines Mannes ein, den sie für ihr Unglück verantwortlich macht.
In vielerlei Hinsicht wirkt DIE HAND AN DER WIEGE beinahe wie eine geistige Fortsetzung von BLUE STEEL: Auch hier ist der „Schurke“ von einem selbst-destruktiven Ziel geleitet. Er will den Konflikt nicht überleben, will aber, dass sein anvisierter Feind Teil dieses Untergangs ist. Auch das Doppelleben des Schurken, der sich nach außen als friedvoller Zeitgenosse verkauft, im Inneren allerdings kocht, wirkt wie eine Kopie aus BLUE STEEL.

Und noch einmal 1992 gebärt das Kino die Königin eines Subgenres: BASIC INSTINCT.
Schon in den Achtzigern ist die Kombination aus Psycho-Thriller und kühl inszenierter Erotik ein Erfolgsgarant. Ellen Barkin verleiht mit ihrer schwülstigen Erotik 1986 in THE BIG EASY und 1987 in SEA OF LOVE ersten Anschub. Zum „Meister“ des Genres erhebt sich Adrian Lyne, der 1986 mit 9½ WOCHEN und 1987 mit EINE VERHÄNGNSVOLLE AFFÄRE zwei Erotik-Thriller auf den Markt bringt, die Geschichte schreiben. Gerade EINE VERHÄNGNISVOLLE AFFÄRE gerät zu einem der furchteinflößendsten Filme seiner Zeit – zumindest für Männer.
BASIC INSTINCT greift die Kombination aus Psycho-Thrill und Erotik aber wohl besser – und kompromissloser auf als irgendein anderer Film. Und trotz seines Alters von mittlerweile 25 Jahren erschien trotz vieler Versuche bisher kein Film, der diese Kombination besser inszeniert hätte.

1995 schließlich setzt das Genre der Psycho-Thriller mit SIEBEN seinen vorläufigen Schluss- und Höhepunkt. Das Genre hat sich inzwischen weiterentwickelt. Nachdem die Jahre zuvor vor allem das Privatleben des Helden zum Ziel des Schurken wurde, wandelt sich das Bild langsam wieder zurück, und die Jagd nach dem Bösewicht wird wieder zur beruflichen Polizeisache.
Quelle: Blu Ray „Blue Steel“ © Concorde Video

SIEBEN stellt einen großartigen Hybriden dar, da sich der anfängliche Ermittlungsfall mehr und mehr in das Privatleben eines der beiden Polizisten einnistet. Hervorragend ist hier auch der Clou, einen jungen, frischen, Polizisten mit einem jobmüden alten Hasen zu konterkarieren. Die Kombi ist zwar nicht neu, in einem Psycho-Thriller jedoch immer noch äußerst selten.

Spätestens SIEBEN setzt dann auch die neuen Impulse, die das Genre fortan bestimmen, so wie neun Jahre zuvor noch HITCHER und BLUTMOND. Das Jahrzehnt der Psychothriller endet, aber nur, um ein neues zu starten.

Biancas Blick:

“Wenn es ein bestimmtes Hindernis dafür gibt, dass Frauen Filme machen, dann habe ich einfach beschlossen, es zu ignorieren. Und das aus zwei Gründen: Ich kann mein Geschlecht nicht ändern, und ich weigere mich, mit dem Filmemachen aufzuhören. Es ist irrelevant, wer oder was Regie bei einem Film geführt hat, das Wichtige ist, dass der Film einen anspricht oder eben nicht. Es sollten mehr Frauen Regie führen; ich glaube, es fehlt einfach an dem Bewusstsein dafür, dass das möglich ist. Aber das ist es.“


Die Frau, die Oscargeschichte schreibt


Kathryn Bigelow gilt als eine der ungewöhnlichsten Frauen Hollywoods: Statt wie andere weibliche Regisseurinnen Liebesfilme und Rom-Coms zu inszenieren, oder dann und wann mal ein Drama oder eine Literaturverfilmung, dreht sie – Actionfilme. Und Actiondramen. Thriller und Science-Fiction-Filme. Klassische Männerthemen also.
Quelle: Blu Ray „Blue Steel“ © Concorde Video
Noch dazu wird sie als Weggefährtin und Ehefrau von James Cameron bekannt, als dem Paten des Sci-Fi-Actionfilms der 80er und 90er. Und sie wird die erste und bisher einzige Frau, die in den bald 90 Jahren Oscargeschichte jemals den Preis für die beste Regie erhält. Kein Wunder, dass man ihr nicht einmal diesen Triumph ohne Relativierung gönnt.

Ihr filmischer Werdegang verläuft zunächst ziemlich unspektakulär: 1970 beginnt sie am San Francisco Art Institute Malerei und Kunst zu studieren, bevor sie 1972, mit gerade mal zwanzig Jahren, ein Stipendium am Whitney Museums of American Art erhält. Sie hängt noch das Studienfach Film an der Columbia University dran und dreht 1978 mit THE SET UP ihren 20-minütigen Abschlussfilm.
Mangelnde filmische oder gar künstlerische Bildung kann man Kathryn Bigelow also nicht vorwerfen.

1983 dreht sie mit THE LOVELESS ihren ersten Langfilm. Willem Dafoe spielt darin die Hauptrolle.
Bigelow selbst tritt immer mal wieder als Schauspielerin in diversen Produktionen auf, so z.B. ebenfalls 1983 in BORN IN FLAMES oder 1987 im Musikvideo für Bill Paxtons Band Martini Ranch und den Song „Reach“. Regie führt ihr späterer Ehemann James Cameron, und wer sich das Video anschaut, erkennt augenblicklich die Ähnlichkeit in Optik und Paxtons Spiel zu Bigelows Vampir-Klassiker NEAR DARK.

Mit diesem düsteren Vampirdrama erregt Bigelow 1987 auch erste Aufmerksamkeit als Regisseurin. Bill Paxton, Jenny Wright, Adrian Pasdar und Lance Henrikson spielen die Hauptrollen.
Actionreich und dennoch ruhig und nihilistisch kommt das Drama daher und definiert das Vampirgenre vollkommen neu.
Zwar ist der Film heute deutlich als Kind seiner Zeit erkennbar, sein Einfluss auf das Genre aber ist nicht hoch genug zu loben.

Zwei Jahre später dreht Bigelow mit BLUE STEEL einen Thriller, der es in sich hat.
Die Themen körperliche wie auch seelische Abhängigkeit, die in NEAR DARK ihr Fundament gefunden haben, führt Bigelow hier konsequent weiter.
Jamie Lee Curtis nutzt den Film als Chance, sich als dramatische Darstellerin zu etablieren. Dass der Film eindeutig feministisch geprägt ist, verdeutlicht er in beinahe jeder Szene. Die machohaften Sprüche und Rollenklischees werden dabei wunderbar ad absurdum geführt.

1991 revolutioniert Bigelow mit dem Thriller GEFÄHRLICHE BRANDUNG das Surferfilmgenre neu und verbindet Action mit wohldosiertem Thrill.
Die Surferaufnahmen sind bahnbrechend, vor allem, da sie quasi ohne Special Effects auskommen. Der Film verhilft Patrick Swayze zu einem fulminanten Comeback und ebnet Keanu Reeves den Weg zum Action-Topstar der 90er!
Physische und psychische Abhängigkeit, Bewunderung und Verfall spielen auch in diesem Film wieder eine maßgebliche Rolle, werden aber verfeinert und dienen dem Spannungsaufbau.
Bigelow nähert sich dem Zenit ihrer Karriere.

Mit STRANGE DAYS sorgt sie aufgrund der propagierten Gewaltverherrlichung (die als Mittel zur Anklage selbiger dient!) ebenso wie NATURAL BORN KILLERS von Oliver Stone für Aufsehen.

Mit K-19 legt sie erstmals in ihrer Karriere einen weniger erfolgreichen und kaum beachteten Film hin.
Der U-Boot-Thriller thematisiert den Kalten Krieg und die Gefahr der nuklearen Kraft, doch da dieser seit 17 Jahren als beendet gilt, zeigen sich Presse und Publikum wenig interessiert.
Quelle: Blu Ray „Blue Steel“ © Concorde Video
Bigelow legt eine 7-jährige Pause ein, bevor sie mit THE HURT LOCKER, einem düsteren Kriegsdrama, das in den Ereignissen des Irakkrieges 2004 fußt, auf die Kinoleinwand zurückkehrt. Und wie!
Als gerade mal vierte Frau überhaupt erhält sie eine Oscarnominierung und darf die Statuette als erste Frau für die Beste Regie 2010 entgegennehmen, schreibt somit Oscargeschichte.
In die Kritik gerät der Film durch die Parteilosigkeit, die er einnimmt. Weder politisiert er, noch schildert er eine konkrete Handlung, sondern funktioniert eher als Collage über die Sucht nach der Gefahr.
Die Regisseurin überlässt es einzig dem Zuschauer, die Geschehnisse auf der Leinwand moralisch und ethisch einzuordnen.

THE HURT LOCKER ist auch deshalb so grandios, weil er das Gefühl der Gefahr und Anspannung beinahe durchgängig beibehält, besser als in allen Bigelow-Filmen zuvor.
Böse Zungen behaupten jedoch bis heute, dass der Oscar eigentlich ihrem Ex-Mann, James Cameron, gebüre (der interessanterweise im selben Jahr für AVATAR als Bester Regisseur und für den Besten Film nominiert wird), da er große Teile der Actionszenen inszeniert haben soll.

Wie dem auch sei, Kathryn Bigelow zeigt mit ihrer Vita, dass sie ihr Handwerk versteht und durchaus selbst in der Lage ist, Filme mit solch physischer Intensität zu inszenieren.

Das beweist sie drei Jahre später: ZERO DARK THIRTY thematisiert die Jagd einer CIA-Agentin nach Osama bin Laden. Folter und Gewalt ebnen den Weg zur erfolgreichen Jagd, hinterlassen beim Zuschauer aber (einen beabsichtigten) bitteren Beigeschmack.
Erneut erhält die Regisseurin, wie auch der Film (und die Hauptdarstellerin) eine Oscarnominierung.

Seither ist es um Kathryn Bigelow leider sehr ruhig geworden.
Für 2017 ist ein noch unbetiteltes Projekt angekündigt.


Sag mir, wo die Frauen sind ...


Es ist bedauerlich, dass Kathryn Bigelow so heraussticht. Dass es noch immer so schwer für Frauen ist, „Männerfilme“ zu inszenieren. Oder überhaupt Filme. Gerade Bigelows Ausnahmestellung zeigt die massiven Defizite in diesem Bereich auf. Erst jüngst gab die britische Regie-Gewerkschaft eine Statistik heraus, derzufolge zwar 51% der Regiestudenten an den Filmschulen Frauen seien, jedoch nur 3,3% der Big-Budget-Filme von Frauen inszeniert würden.

2014 haben nur drei große Studios Prestige-Projekte an weibliche Regisseurinnen vergeben. Und bis heute gibt es immer wieder Untersuchungen, die belegen, dass Hollywood niemals freiwillig eine Frau einen großen Tentpole-Film inszenieren lassen würde.
Ein dramatischer Fall von Sexismus – der feste Glauben, dass ein Männerfilm von Frauen automatisch weniger erfolgreich werden könnte. Und doch ist, das zeigen die Reaktionen auf den aktuellen GHOSTBUSTERS-Trailer, auch eine unleugbare Tatsache, dass eine große Menge der Film“fans“ tatsächlich Probleme mit einer weiblichen Regisseurin hätten.
Quelle: Blu Ray „Blue Steel“ © Concorde Video
Dennoch beweist Kathryn Bigelows Werk, ihr Erfolg, und ihr Oscar, dass auch Frauen derartige Filme machen können – wenn man sie lässt. Wenn man der Welt die Chance gibt, sich daran zu „gewöhnen.“
Dass eine Regisseurin des Formates von Kathryn Bigelow bis heute annähernd joblos bleibt, ist dramatisch und bedenkenswert!

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