16.05.16

Silkwood (USA 1983) - Das Drama einer verstrahlten Epoche

Erneut nehmen wir mit großer Freude an der Aktion „Ein Film, viele Blogger“ teil, die unsere sehr geschätzten Kollegen vom Blog Schöner Denken ins Leben gerufen haben. Das Thema diesmal lautet „Starke Frauen“, und mit dem zweiten Beitrag, SILKWOOD, haben die Jungs sich einen echten Klassiker ausgesucht.

Wer seine Kindheit, wie wir, im Deutschland der Achtziger verbracht hat, für den waren Begriffe wie „Atomarer Krieg“, „Fallout“ oder „Verstrahlung“ ein alles durchdringender Alltagshorror, der jede heute aktuelle islamistische Terrorgefahr weit in den Schatten stellt.
Grund dafür waren Film wie SILKWOOD, den wir in der zweiten Hälfte des Jahrzehnts, kurz nach Tschernobyl, erstmals im Fernsehen gesehen haben – und der uns eine Heidenangst gemacht hat.
Erst heute wird uns klar, dass sich hinter dem recht gemütlichen Tempo und den harschen Bildern von Stahlbürsten und wunder Haut ein grandioses Melodram über eine zerrissene Frau und ein Amerika verbirgt, das gerade seine Unschuld verliert.
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Marcos Blick:
SILKWOOD ist ein Melodram, das jede Menge Zeitgeist atmet – gleichermaßen den seines Produktionsjahrs 1983, als auch den des Jahres 1974, in dem der Film spielt.
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In seinen schwächsten Momenten macht SILKWOOD es dem modernen Zuschauer schwer, klar zu erkennen, was er eigentlich sein will – eine Biografie? Ein Klassenporträt? Ein Thriller?

In seinen stärksten hingegen ist SILKWOOD ein Musterbeispiel für einen Film, der das Leben unter dem alltäglichen, alles zermürbenden Druck unsichtbarer Bedrohungen schildert, denn das ist das alles durchziehende Thema in SILKWOOD: Wie lebt es sich, wenn man sich selbst jeden Tag vor einer unsichtbaren, allerdings übermächtigen Bedrohung zu schützen versucht? In SILKWOOD sind derlei Bedrohungsfaktoren zahlreich gesät: Arbeitslosigkeit, Armut, Einsamkeit, Gewerkschaften, Verschwörungen – und nicht zuletzt die Radioaktivität, die diese Melange von „Arbeiterklasse-Melancholie“ zu jeder Sekunde durchzieht.

Eine Frau bricht aus


SILKWOOD erzählt die auf wahren Begebenheiten basierende Geschichte von Karen Silkwood. Diese lebt mit ihrem Freund Drew und ihrer besten Freundin Dolly als WG in einem abgelegenen, heruntergekommenen Farmhaus in Oklahoma. Alle drei arbeiten für den größten Arbeitgeber der Gegend, der von Kerr-McGee (einer von Amerikas führenden Energiekonzernen jener Zeit) geführten Produktionsstätte für Kernbrennstäbe.
Für den heutigen Zuschauer mag sich der Film ein wenig unrund anfühlen, womöglich langsam. Denn aus heutiger Sicht bietet er eine Menge Stoff für einen packenden „Enthüllungs-Thriller“, doch das greift zu kurz. SILKWOOD ist ein Porträt, eine Biografie, die melodramatische Erzählung einer Frau, die ausbricht aus den Anforderungen und Beschränkungen ihrer Gesellschaft, die anfängt, die „Obrigkeit“ (in Form der Werksleitung) zu hinterfragen und offen anzugreifen, womit sie zum Sinnbild Amerikas nach Vietnam und Watergate wird. Der zum „Thriller“ geeignete Teil nimmt in diesem Aufbau nur einen geringen und sehr späten Part ein, ist jedoch nicht der Kern des Films sondern, ganz im Gegenteil, dessen Conclusio.
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In SILKWOOD geht es um eine Frau, deren Leben sich abrupt ändert, als sie Zeugin wird, wie unbarmherzig ihr Arbeitgeber mit einer unschuldig kontaminierten Frau umspringt. Dieses Ereignis rüttelt sie auf, sie schert aus der Herde aus, tritt in die Gewerkschaft ein und beginnt, sich ihrem Arbeitgeber entgegenzustellen. Sehr zum Verdruss ihres gesamten Umfeldes.
Erst im zweiten Plot-Point beginnt sie, sich zu überheben: Als sie Hinweise dafür entdeckt, dass das Werk Mängel an den Brennstäben vertuscht, und damit das Leben von Millionen Menschen riskiert, treibt das ihr neuerwachtes Gewissen und ihr geschwollenes Kämpferherz auf die Spitze. Karen Silkwood ist fest entschlossen, die Vorgänge in ihrem Werk öffentlich zu machen, unterschätzt jedoch ihren Gegner.
Damit ist SILKWOOD ein Melodram über eine innerlich zerrissene Frau, deren Alltag aus den Fugen gerät, die durchgehend an ihrem Vertrauen nach oben, aber auch an sich und ihrem Tun zweifelt und es immer wieder sich selbst und ihrem engsten Umfeld gegenüber rechtfertigen muss. Die schon damals oft geäußerte Kritik, der Film räume Silkwoods Privatleben zu viel Raum ein und handele die Thrillerkomponente zu schnell ab, greift damit ein wenig zu kurz und verkennt den eigentlichen Konflikt des Films: Nicht die Enthüllung und nicht der Thriller stehen im Mittelpunkt der Geschichte, sondern die innere Zerrissenheit und Entwicklung der Karen Silkwood. Alles andere spielt diesem Aspekt lediglich zu.

Dennoch gelingt es dem Film tatsächlich nicht, diese Story immer stringent zu erzählen. So wirkt er oft ein wenig holperig konzipiert. Die erste Hälfte des Films funktioniert deutlich sichtbar als Porträt von Karen Silkwood und als Milieustudie ihres gesellschaftlichen Umfelds, wozu eben auch die Abhängigkeit der gesamten Region rings um die Stadt Cimarron von dem Plutoniumwerk gehört. (1983 sind solche schlicht-realistischen Porträts aus dem Arbeitermilieu noch immer eine Seltenheit. Dieselbe Prämisse sollte wenige Jahre später die Sitcom ROSEANNE zu einer der erfolgreichsten der Welt machen.)
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Erst in der zweiten Hälfte baut der Film voll auf die politische Sprengkraft seiner Geschichte: Karen Silkwood wandelt sich von der abhängigen, passiven Arbeiterin zu einer politisch aktiven Kämpferin, die ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen versucht. Sie tritt der Gewerkschaft bei, worauf sie vom Fließband in die Metallurgie strafversetzt wird, wo sie sich künftig auch noch der Übergriffe eines sexistischen Kollegen erwehren muss. Dort aber entdeckt sie Hinweise darauf, dass das Werk Mängel an den Brennstäben vertuscht. Eine Gefahr, vor der sie nicht die Augen verschließen kann.

Die Frauen hinter SILKWOOD


„Starke Frauen“ lautet das Motto der aktuellen Runde von „Ein Film, viele Blogger“, und dazu finden sich rund um SILKWOOD jede Menge spannender Kandidatinnen.

Schon hinter den Kulissen entdeckt man den Namen einer der bewundernswertesten Frauen Hollywoods: Nora Ephron verfasst, gemeinsam mit Alice Arlen, das Drehbuch.
Ephron, die an dieser Stelle deutlich interessanter ist, legt damit ihr Debüt als Drehbuchautorin vor, beginnt aber gerade erst ihre Karriere.
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Bereits in den Siebzigern ist Ephron fleißige Autorin und Journalistin, die vor allem dafür bekannt wird, dass sie den Journalisten Carl Bernstein heiratet, einen der beiden Journalisten also, die den Watergate-Skandal aufdecken. (Randnotiz für Filmfans: Bernstein ist derjenige, der in DIE UNBESTECHLICHEN von Dustin Hoffmann dargestellt wird.)
Doch schon bald kann sie ihren Ruhm auf eigene Füße stellen, anstatt nur „die Frau von diesem bekannten Mann“ zu sein. Für das Drehbuch von SILKWOOD sackt sie prompt ihre erste Oscarnominerung ein.
Noch im selben Jahr veröffentlicht sie ihren Roman „Sodbrennen“, in dem sie ihre persönlichen Ehe- und Scheidungserfahrungen mit Carl Bernstein verarbeitet. 1986 verfasst sie dazu ihr eigenes Drehbuch, das – erneut – mit Meryl Streep, sowie Jack Nicholson als SODBRENNEN grandios verfilmt wird.

Ihr Meisterwerk jedoch legt Ephron 1989 vor – mit HARRY UND SALLY schreibt sie wohl eine der besten und cleversten Rom-Coms aller Zeiten, die zu Recht zum Kultfilm avanciert und ihr ihre zweite Oscarnominierung einbringt.
Kurz darauf wechselt sie neben dem Schreiben auch auf den Regiestuhl und liefert 1993 mit SCHLAFLOS IN SEATTLE einen weiteren Klassiker ab, diesmal nach eigenem Script (Nominierung Nummer drei) und Regie.
Obwohl sie auch später noch ein halbes Dutzend passabler Filme vorlegt, markiert dieser Klassiker Ephrons Zenit, woran auch der Versuch, das Traumpaar Meg Ryan und Tom Hanks mit E-M@IL FÜR DICH erneut zusammenzubringen nichts ändern kann.
Mit JULIE & JULIA legt Ephron 2009 ihren letzten Film vor, ein drittes Mal mit Meryl Streep in der Hauptrolle.
Ephron, die sich zeitlebens für feministische Belange einsetzt und ihre scharfe Zunge immer wieder auch dazu nutzt, die Macht der Frauen in Hollywood zu stärken, veröffentlicht immer wieder auch sehr lesenswerte Romane und Sachbücher – in einem davon deutet sie bereits 2006 an, dass sie körperlich nicht gesund sei. Im Juni 2012 stirbt Nora Ephron an den Folgen ihrer Leukämieerkrankung.
Sie war nicht nur eine der stärksten weiblichen Stimmen, die jemals in Hollywood erklangen, sondern bis heute auch eine der erfolgreichsten Regisseurinnen.

Ebenfalls bewundernswert ist der Auftritt von Cher in SILKWOOD.
Denn Cher hat 1983 bereits eine beeindruckende Karriere mit einigen Comebacks hinter sich: Schon in den Sechzigern etabliert sie sich als weltweit erfolgreiche Musikerin, zusammen mit ihrem Ehemann Sonny Bono nimmt sie etwa den Hit „I Got You, Babe“ auf. In den Siebzigern werden die beiden zu erfolgreichen Fernsehstars mit einer eigenen Comedy-Sendung, für die sie einen Golden Globe und etliche Emmy-Nominierungen erhält.
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Kurz darauf jedoch füllt das Paar statt der Bildschirme lieber die Gazetten – mit einer der schmutzigsten Scheidungsschlachten ihrer Zeit, in der vor allem Sonny Bono sich wenig Freunde macht. Immer wieder verklagt er Cher und ihren neuen Freund auf Millionenbeträge, obwohl er so gut wie sämtliche Rechte an Chers Firmen hält.
Nach der Scheidung tourt Cher durch Vegas, bekommt erneut eine eigene Fernsehsendung und wird zu einer der erfolgreichsten Unterhaltungsikonen der Siebziger (man stelle sich eine Mischung aus Anke Engelke und Stefan Raab vor), einer der absoluten Topstars ihrer Zeit.
SILKWOOD markiert den ersten dramatischen Auftritt der sonst vor allem als Komikerin bekannten Fernsehpersönlichkeit, und wenngleich Chers Screentime in dem Film überschaubar bleibt, bietet sie mit der toughen, lesbischen Freundin Dolly einen kongenialen Gegenpart zu Meryl Streeps regelfreudiger und gerechtigkeitsbesessenen Karen.

Auch Cher erhält eine Oscarnominierung und startet mit dem Film eine recht kurze, aber überaus imposante Filmkarriere: DIE MASKE, DIE HEXEN VON EASTWICK, SUSPECT – UNTER VERDACHT, MONDSÜCHTIG (für den sie den Oscar erhält!) und MEERJUNGFRAUEN KÜSSEN BESSER sind allesamt hervorragende, auch heute noch äußerst sehenswerte Filme, in denen Cher immer wieder eine großartige Leistung hinlegt. Dann jedoch kann selbst Cher mit 46 Jahren nur noch schwer auf den Besetzungslisten landen. Ihre Rollen werden schlechter und immer seltener. Zuletzt tritt sie 2010 in BURLESQUE als alternde Musikerin noch einmal auf.

Bis heute allerdings ist Cher eine der erfolgreichsten Frauen in der Unterhaltungsbranche überhaupt: Ein Oscar bei zwei Nominierungen, dazu sechs Golden Globe Nominierungen (mit drei Auszeichnungen), zusätzlich sechs Emmy-Nominierungen (mit einer Auszeichnung), sowie acht Grammy-Nominierungen (den sie einmal gewinnt). Cher ist der einzige Musiker überhaupt, dem es von den Sechzigern bis in die 2010er gelingt, jedes Jahrzehnt einen Song auf Platz 1 der U.S. Billboard-Charts zu hieven. Sie verkauft mehr als 200 Millionen Platten, füllt Stadien und gilt als einer der erfolgreichsten Tour-Acts der Neunziger. Als ihr Hit „Believe“ im März 1998 auf Platz 1 der US-Charts steigt, ist sie die älteste Sängerin, der dieses Kunststück jemals gelingt – mit 52 Jahren.
Es gibt nur wenige Künstlerinnen, die derart im Erfolg baden wie Cher, und sich dennoch – auch das wird in SILKWOOD deutlich – immer wieder für die Belange der kleinen Frau einsetzen. Cher tritt ihre ganze Karriere hindurch immer wieder als überzeugte Kämpferin für die Rechte der Frauen, der LGBTQ-Bewegung, der Aidshilfe und weiterer humanistischer Projekte auf.

Und dann natürlich Meryl Streep – im Grunde reicht der Platz hier nicht aus, Streeps schauspielerisches Schaffen zu würdigen, weshalb wir uns auf die kurze Zeit bis SILKWOOD beschränken.

Streep, immer schon sehr introvertiert und darauf bedacht, ihr Privatleben nicht preiszugeben, nimmt als Teenagerin vier Jahre Opernunterricht bei Estelle Liebing, gibt das aber schließlich auf. An der Schule spielt sie in einigen Stücken mit, ohne jedoch unbedingt Schauspielerin werden zu wollen. Erst als sie am College die Rolle der "Miss Julie" spielt, spürt sie eine gewisse Leidenschaft aufkommen. Sie schreibt sich an der Drama School von Yale ein und beweist schon früh ein Talent dafür, sich schnell Texte merken zu können und Akzente zu imitieren. Einer ihrer Lehrer gibt allerdings zu: „Ich glaube nicht, das ihr jemals jemand das Schauspielern beigebracht hat. Das hat sie sich alles selbst beigebracht.“ Tatsächlich kann Streep mit der Ausbildung wenig anfangen, besonders dann nicht, wenn die Lehrer ihnen Techniken abverlangen, die in ihr Privatleben vordringen.
Sie spielt in über einem Dutzend Stücke pro Jahr mit, bis sie Magengeschwüre bekommt und ernsthaft erwägt, die Schauspielerei gegen ein Jurastudium einzutauschen. Doch sie bleibt und macht 1975 ihren Abschluss – da ist sie gerade 26 Jahre alt.
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Streep zieht sofort nach New York und ergattert bereits im ersten Jahr fünf große Rollen auf diversen Bühnen. Eine Filmkarriere kommt für sie eigentlich nicht in Frage – bis sie TAXI DRIVER im Kino sieht. Der Film und vor allem Robert DeNiros Darstellung verzaubern sie. „Das ist die Art von Schauspieler, die ich einmal werden möchte, wenn ich groß bin“, schwärmt sie.
Sie beginnt, auch für Filmrollen vorzusprechen – und erlebt augenblicklich, wie die Branche tickt. Eine der ersten Rollen, für die sie sich vorstellt, ist die der Weißen Frau in Dino De Laurentiis' KING KONG. De Laurentiis beschwert sich während des Vorsprechens auf Italienisch bei seinem Sohn: „Das ist so hässlich. Warum bringst du mir das da?“
Was De Laurentiis nicht weiß: Streep versteht jedes Wort und entschuldigt sich höflich: „Es tut mir leid, dass ich nicht so hübsch bin, wie sie es erwartet haben. Aber das ist alles was ich mitbringe.“ Die Rolle geht später übrigens an Jessica Lange.

Es ist ausgerechnet De Niro, der Meryl Streep schließlich entdeckt. Nachdem er sie in einem Stück gesehen hat, schlägt er sie Michael Cimino 1978 für eine kleine Rolle in DIE DURCH DIE HÖLLE GEHEN vor. Streep sagt zu, als sie das Angebot erhält, wenn auch vor allem, um noch mehr Zeit mit ihrem Lebensgefährten John Cazale zu verbringen. Der ist ebenfalls gecastet worden, leidet jedoch bereits an Lungenkrebs und hat nur noch wenig Zeit.
Streep, ebenfalls überzeugte Feministin, gelingt es, der kleinen Rolle, die eben davon lebt, ganz hinter ihrem Mann zurückzutreten, eine Menge „Empowerment“ einzuimpfen, wodurch schon ihr kleiner Auftritt im Gedächtnis haften bleibt. Sie erhält ihre jeweils erste Oscar- und Golden-Globe-Nominierung.

Sie dreht noch die Mini-Serie HOLOCAUST (für die sie ihren ersten Emmy erhält), will aber immer noch keine Filme drehen, sondern auf der Bühne bleiben.
Kurz darauf stirbt Cazele, den sie bis zu seinem Tode pflegt. Um sich abzulenken, nimmt Streep weitere Angebote an, und landet mit KRAMER GEGEN KRAMER ihre erste große Rolle und auf Anhieb einen Volltreffer. Es ist 1979, das vierte Jahr in ihrer Karriere, das zweite beim Film, und schon steht Meryl Streep ganz oben an der Spitze. Nach DIE GELIEBTE DES FRANZÖSISCHEN LEUTNANTS, IN DER STILLE DER NACHT und SOPHIES ENTSCHEIDUNG – allesamt weitere Klassiker – kommt auch schon SILKWOOD. Noch immer eine ihrer ersten Kinorollen.

Und doch zeigt sie bereits hier ihre bis heute gültige Brillanz – die Eleganz, mit der sie die hart arbeitende Frau aus der unteren Schicht spielt, die Überzeugungen, die Gefühle von Furcht und Stolz, die sie zerreißen. Sie haucht der Figur mit der ihr eigenen Art – winzigen Manierismen und Eigenheiten, lebhaften Blicken und neckischer Spielfreude – all das Leben, all die Stärke ein, die das Zuschauen so packend machen.
Wenig verwunderlich erhält Streep ebenfalls eine Oscarnominierung – allerdings bereits ihre fünfte. Und obwohl sie zuvor dreimal – nahezu in Folge - den Golden Globe gewinnen konnte, geht sie dieses Mal, ebenfalls bei ihrer fünften Nominierung, leer aus.
Doch es ist, wie gesagt, erst der Anfang einer Karriere. Der Rest ist eine Geschichte für ein anderes Mal.
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In jedem Fall finden sich mit Nora Ephron, Cher und Meryl Streep drei überaus erfolgreiche, feministische Frauen hinter SILKWOOD - noch dazu drei Frauen, deren Erfolg häufig daran gekoppelt ist, dass sie sich aus dem Schatten eines Mannes lösen, und auf eigene Füße stellen konnten.

Silkwood gegen Kerr-McGee


An dieser Stelle eine kleine Spoiler-Warnung: Wer SILKWOOD noch nicht kennt, und sich ein wenig überraschen lassen will, darf gerne zum nächsten Punkt springen, und noch einmal herkommen, wenn er den Streifen endlich gesehen hat!

Denn auch die echte Karen Silkwood erweist sich als starke Persönlichkeit. Der Film schildert ihr Leben äußerst detailliert und originalgetreu, so dass es wenig zu korrigieren gibt. Einzelne Szenen sollen, so Zeitgenossen, exakt so dargestellt worden sein, wie sie sich zugetragen haben.

Dennoch bemängeln Kritiker des Films bereits 1983, dass er sich zu wenig traue. Dass er sich immer ein Schlupfloch offen halte, die Vorwürfe zwar konkret genug andeute, aber eben nie konkret genug, um wirklich ein Vorwurf zu sein.
Tatsächlich ist das einer der größten Probleme, die man Regisseur Mike Nichols nachweisen kann: Immer wieder scheut er davor zurück, sich auf einen Vorwurf festzulegen, oder sich im Falle einer ambivalenten Situation zu entscheiden. Dadurch gerät vor allem das Ende des Films sehr abrupt und ein wenig unbefriedigend, was insbesondere vor dem Hintergrund der eleganten Erzählung während des Films ein wenig enttäuscht. Ein zeitgenössischer Kritiker drückt es in etwa so aus: „Es ist, als sähe man einem begnadeten Fallschirmspringer zu, der die tollsten Kunststücke in der Luft vollführt, sich voll Eleganz und Grazie dreht und tanzt, nur um dann Zeuge zu werden, wie er zu Boden kracht, weil sich sein Schirm nicht öffnet.“

Viele der Umstände, die Karen Silkwoods letzte Monate umgeben, sind unklar und mysteriös – dennoch ist es fragwürdig, ob der Film es deshalb zwangsläufig ebenfalls sein musste.

Die spannendsten Entwicklungen tun sich allerdings tatsächlich erst lange nach Karen Silkwoods Tod auf und konnten vom Film deshalb gar nicht erfasst werden.
Die genauen Umstände, die zu Silkwoods tödlichem Autounfall führen, werden niemals vollständig geklärt – oder auch nur ansatzweise.
Unbestritten ist jedoch, dass Silkwood zum Zeitpunkt ihres Todes hochgradig verstrahlt ist, was die Basis für einen Gerichtsprozess und jede Menge Theorien wird.
Im Jahr 2000 etwa erscheint ein Buch, das die recht aufwendige Verschwörungstheorie aufstellt, in Karen Silkwoods Verstrahlung und Tod sei ein Plutonium-Schmugglerring involviert, der aus CIA, MI5, dem Mossad und einigen Iranern bestehe. Ermittler, die Silkwoods Tod untersuchen sollten, seien verschwunden, Zeugen hätten „Selbstmord“ begangen, und die US-Regierung habe jede Menge Fakten vertuscht, dass sie selbst Silkwoods Ermordung angeordnet hätte.
Man sieht, welche Möglichkeiten sich einem hier auftun.
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Deutlich erwiesener als diese Theorie ist, dass es 1979 zu einem langwierigen Prozess kommt, in welchem Silkwoods Vater und Kinder den Konzern Kerr-McGee verklagen, da Silkwood in ihrem Werk aufgrund mangelnder Sicherheit – oder sogar vorsätzlich – verstrahlt worden sei. Die Verteidigung von Kerr-McGee scheut sich dabei nicht, als Argument anzuführen, dass Karen Silkwood als Unruhestifterin gegolten habe, was ihrer Meinung nach die glaubhafte Alternative in den Raum stelle, dass sie sich selbst verstrahlt habe, um ihrem Arbeitgeber zu schaden.
Die Jury spricht Kerr-McGee schließlich der Mitverantwortung für schuldig und verurteilt sie zu einer Strafe von insgesamt 10,5 Millionen Dollar Schadenersatz an die Silkwood-Erben.
In der Berufung verringern die Richter des Bundesgerichts diese Summe allerdings – auf 5.000 Dollar!

Erst 1984, also nach Erscheinen des Films, landet der Fall vor dem Obersten Gerichtshof, dessen Richter das ursprüngliche Urteil wieder in Kraft setzen. Doch auch damit ist das letzte Wort noch nicht gesprochen: Es soll zu einer Neuaufnahme des Prozesses kommen, als Kerr-McGee und die Familie von Karen Silkwood sich schließlich außergerichtlich einigen. Die Familie erhält 1,38 Millionen Dollar. Im Gegenzug wird Kerr-McGee von jeder Mitverantwortung an Karen Silkwoods Verstrahlung freigesprochen.

Direkt nach Silkwoods Tod jedoch kommt es in dem Werk in Cimarron zu einer Untersuchung, bei der festgestellt wird, dass gut 30 Kilo Plutonium nicht mehr auffindbar sind. (Jene 30 Kilo, die angeblich vom Schmugglerring entwendet worden sein sollen, dem Silkwood auf die Schliche zu kommen drohte!) Die Atomenergie-Kommission veranlasst außerdem eine Autopsie von Karen Silkwood, die feststellt, dass sie das Plutonium eingeatmet und in den Verdauungstrakt aufgenommen haben muss. Strittig ist der Grad ihrer Verstrahlung – einzelne Quellen sprechen von der 40-fachen Dosis dessen, was seinerzeit gesetzlich zulässig gewesen wäre.
1975 wird das Werk geschlossen, 1994 schließlich erklärt man die Anlage für verseucht und reißt sie ab.

Ob und inwieweit Kerr-McGee in den Tod Silkwoods involviert war, kann nie geklärt werden, doch noch vor dem Film SILKWOOD inspirieren die mysteriösen Umstände des Falls die Fantasie der Autoren. In DAS CHINA SYNDROM, einem ganz ähnlich gelagerten Film von 1979, wird eine Szene gedreht, die sich ganz offensichtlich auf den Tod Silkwoods bezieht. Hier wird angedeutet, die Firma habe sie umbringen lassen, um an die belastenden Dokumente zu kommen, die allen Aussagen zufolge auf ihrem Beifahrersitz gelegen haben sollen, aber nie gefunden wurden.
Brisant daran ist: DAS CHINA SYNDROM startet mitten im laufenden Prozess Silkwood gegen Kerr-McGee in den amerikanischen Kinos. Der Jury wird daraufhin richterlich verboten, sich den Film anzuschauen.

Die strahlende Leinwand – früher harmlos


SILKWOOD ist ein exzellentes Beispiel für die Art, wie der Umgang des US-Kinos mit Radioaktivität sich in den Achtzigern gewandelt hat.

Während Japan bereits 1945 all die Schrecken der atomaren Kraft am eigenen Leib erfahren musste, und sich dieses Trauma 1954 mit GODZILLA von der Seele schrie, war der Umgang im amerikanischen Kino deutlich – einfacher.
Vor allem die Fünfziger waren das Umfeld, in welchem Hollywood sich mit einer mittlerweile berühmten Ambivalenz dem Thema Atomkraft näherte.
Ein wegweisendes (und für Filmfreunde extrem lesenswertes!) Essay von Susan Sontag, „The Imagination of Desaster“, in welchem sie bereits 1965 die Science-Fiction-Filmregeln derartig perfekt analysiert, dass es noch auf die heute aktuellen Filme zutrifft, bringt es gut auf den Punkt.
Paraphrasiert sagt Sontag: „Der Science-Fiction Film erinnert uns daran, wovor wir Angst haben sollten, doch er macht daraus auch immer etwas, das man bekämpfen kann, damit man ruhiger schlafen kann.“
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Nach diesem Muster verfahren dann auch all die unzähligen Atomic-B-Movies der Fünfziger. Da eine unsichtbare Strahlung niemandem Angst machen kann, ist sie stets nur das Plot Device – sie kreiert furchtbare Monster – Riesenameisen, Mutanten, bösartige Aliens mit Strahlenbomben. Doch immer findet sich ein Weg, mit der die Helden – meist Mitglieder der Obrigkeit, also Polizei und Militärs – diese „Atomare Bedrohung“ gemeinsam ausschalten können. Die Bevölkerung kann also gut schlafen, denn die Regierung hat alles im Griff!

Ganz anders also als in GODZILLA, wo die Strahlung zwar ebenfalls verkörperlicht wird, aber als unaufhaltsame Naturgewalt, gegen die jede Regierung machtlos ist. 
Noch dazu wirkt Godzilla deutlich bösartiger. In den Atomaren Creature-Features Hollywoods werden die Monster immer absurder und „niedlicher“ (was die GODZILLA-Reihe erst ab den späten Sechzigern wird). So nimmt man dem Publikum die Angst. Außerdem erweisen sich vor allem Kinder und Teenager als primäres Publikum dieser Art von Filmen.
Nur äußerst selten nimmt sich Hollywood des Themas seriös und beeindruckend an, so etwa in DAS LETZTE UFER mit Gregory Peck, der den atomaren Weltuntergang weit weniger fröhlich und simpel schildert.

Das erste Mal, dass das Atom einem Teil der USA wirklich Todesangst machen kann, ist schließlich im Oktober 1962 – als die Welt während der Kuba-Krise eine Woche lang nur einen halben Schritt vom atomaren Krieg entfernt ins Wanken gerät. Bis dahin aber sind atomare Monster witzig, unterhaltsam und vor allem einträglich. Ein paar wenige Vertreter, etwa FORMICULA oder TARANTULA, gelten heute als Klassiker, obwohl beide die atomare Gefahr sträflich verharmlosen und zum Nachmittags-Kinderstreifen runterbrechen.

Diesem Konflikt, dieser Ambivalenz zwischen knuffigem Atomic-Creature-Feature und ganz realer atomarer Gefahr, die bis Anfang der Sechziger im amerikanischen Kino herrscht, setzt Joe Dante übrigens in seinem stark unterschätzten Film MATINEÉ von 1993 ein Denkmal. Darin erzählt er, wie John Goodman als findiger Filmproduzent einen eben solchen Atomic-B-Movie als Kindermatineé aufzieht – in Südflorida, am Wochenende der Kuba-Krise! Damit wird der Film auch ein Stück Meta-Kino zur Geschichte von Hollywoods Umgang mit dem Atom.

Die strahlende Leinwand – heute tödlich


Die Schrecken des Vietnamkriegs, die Desillusionierung durch die Watergate-Affäre und nicht zuletzt das Reaktorunglück von Harrisburg jedoch ändern diesen Umgang radikal. Ende der Siebziger kann man die Gefahr durch das Atom nicht mehr mit Rieseninsekten verniedlichen.

Ein ausschlaggebendes Ereignis findet am 22. März 1975 statt – wenige Monate nach Karen Silkwoods Tod kommt es im Kernkraftwerk Browns Ferry in Alabama zu einem Feuer, das beinahe eine Kernschmelze auslöst. Dieser Zwischenfall erschüttert die USA bis ins Mark. Immerhin war das Kraftwerk erst im August zuvor in Betrieb genommen worden und galt als topmodern und sicher. Der Brand löst heftige Sicherheitsdebatten aus und dient als Vorlage für den Film DAS CHINA SYNDROM.
Dieser startet im März 1979 – nur zwölf Tage später kommt es im „Three Mile Island“-Kraftwerk, ganz in der Nähe von Harrisburg, Philadelphia und Washington, D.C., zur Katastrophe: Die Kühlung versagt, und in Reaktor Nummer 2 kommt es zu einer teilweisen Kernschmelze.
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Der GAU kann seinerzeit verhindert werden, indem radioaktiver Dampf abgelassen wird, doch die USA werden erneut traumatisiert. Nicht zuletzt aufgrund dieser zeitlichen Nähe wird DAS CHINA SYNDROM bis heute mit dem Störfall in Harrisburg verknüpft, obwohl die Beinahe-Katastrophe vier Jahre zuvor deutlich gefährlicher war.

Doch die Zeit der knuffigen Riesenmonster und tapferen Army-Helden ist endgültig vorbei. Die Menschen erkennen, welche ganz realen Gefahren von Radioaktivität und Kernkraft ausgehen, und diese Furcht zeigt sich – sehr prophetisch – auch im Kino. Man weiß nun, dass die Gefahr unsichtbar und tödlich ist und zollt dieser Gefahr entsprechend Respekt. DAS CHINA SYNDROM ist der erste große Film über das Thema, doch das Kino der Achtziger findet sich vor Furcht zitternd am Boden – dreißig Jahre nach GODZILLA läuft die große Atompanik auch über die Leinwände und Bildschirme der westlichen Welt.
SILKWOOD etwa verlegt das Problem von der rein auf Konzerne konzentrierten Sicht, wie noch in DAS CHINA SYNDROM, auf die ganz persönliche Ebene.

Bereits im gleichen Jahr erscheint außerdem mit dem Fernsehfilm DER TAG DANACH einer der vermutlich verstörendsten Filme seiner Zeit.
Nie zuvor wurden die Auswirkungen einer atomaren Bombe derartig intensiv, realistisch und lebensecht dargestellt. Der Film löst beinahe eine Massenhysterie aus und erweist sich als äußerst eindrucksvoll für die Weltpolitik: Ronald Reagan erklärt zu dem Film, er sei „sehr effektiv“ und habe ihn „sehr deprimiert zurückgelassen“. (Wie übrigens jeden anderen Zuschauer auch, Mr. Reagan!) Auch der US-Generalstab guckt den Film gemeinsam und erbleicht - ein Augenzeuge berichtet, die Generäle hätten totenblass und stumm zugeschaut.
Heute gilt der Film als ausschlaggebendes Element für die amerikanischen Abrüstungsbemühungen jener Zeit. 1987 wird er unter Gorbatschows' Glasnost-Bewegung auch mit ähnlich schockierten Reaktionen in der Sowjetunion gezeigt.
(Ich selbst sah den Film als Kind, Mitte der Achtziger, im Fernsehen und erinnere mich nicht, jemals mehr Furcht und Verzweiflung verspürt zu haben. Wo war die BPjS damals, hm?)
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THE ATOMIC CAFE hingegen geht das Thema schon 1982 als Dokumentarfilm deutlich anders an, indem man sich darüber lustig macht, wie die US-Regierung bis in die Sechziger hinein die Bevölkerung über die wahren Gefahren der Atomkraft täuschte und mit lächerlichen Filmen wie „Duck and Cover“ zu beruhigen versuchte.
WAR GAMES, ebenfalls von 1983, spekuliert darüber, wie leicht es sein könnte, einen atomaren Weltkrieg auszulösen, und wie groß die Gefahr sei, das alles als Spiel misszuverstehen.
1984 erscheint bei der BBC mit THREADS ein Film, der sich thematisch eng an DER TAG DANACH anlehnt, und das Überleben im nuklearen Winter nach einem Atomangriff zeigt.
1986 schließlich erscheint, ebenfalls in England, mit WENN DER WIND WEHT ein weiterer äußerst eindringlicher Film, in welchem sich ein altes Pärchen in Nordengland (zeichentrickanimiert) exakt an die (reale!) staatliche Broschüre für die Bevölkerung zum Strahlenschutz im Falle eines Atomangriffs hält und jämmerlich dahinsiecht.

Irgendwo im Spannungsfeld der frühen Atomic-Creature-Features und des neuen, realistischen und aufklärerischen Atomhorrors positionierten sich darüber hinaus auch die eher fantastischen Endzeitfilme wie etwa MAD MAX II – DER VOLLSTRECKER, CYBORG oder DIE JUGGER.

Es war jedoch die um 1980 aufkommende, vollkommen eskapismusbefreite Sicht auf die atomare Gefahr – trist, verzweifelt, ein Bild voller Leid, Schrecken und sozialen Zusammenbruchs – die so anders war als alles zuvor. Vierzig Jahre Kalter Krieg, vierzig Jahre, in denen die westliche Welt sich jeden Tag mit der Frage auseinandersetzen musste: „Was geschieht, wenn die Bomben wirklich fallen?“, hatten es so weit kommen lassen, und SILKWOOD half, diesen Topos zu etablieren.
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Auch in Deutschland, seinerzeit der Hauptprellbock zwischen den beiden Weltmächten, konnte man sich dieser Frage übrigens nicht entziehen. Wenn schon nicht im Kino, so gelang es der Autorin Gudrun Pausewang dennoch quasi im Alleingang, mit ihren Büchern die deutsche Jugend zutiefst gegen die atomare Gefahr aufzustacheln: Ihr 1983 erschienenes Werk „Die letzten Kinder von Schewenborn“ und ihr 1987 veröffentlichtes „Die Wolke“ ließen eine ganze Generation deutscher Jugendlicher vor Verzweiflung über die Gefahr eines Atomkrieges die Hände über dem Kopf zusammenschlagen und ganze Schulklassen tränenüberströmt für Abrüstung und Frieden demonstrieren.

Am furchteinflößendsten ist dabei die Prophetenhaftigkeit all dieser Werke. Denn, und hier kommen wir zurück auf Susan Sontags exzellentes Essay: Natürlich hat Film die Aufgabe, uns an die Schrecken zu erinnern, derer wir uns fürchten sollten. Und doch hat Film eben immer auch den tröstlichen Luxus, dass wir uns mit einem „es ist doch nur ein Film“ zurücklehnen können.
All das wird jedoch am 26. April 1986 Makulatur – also mitten auf dem Höhepunkt der cineastischen Nukleardepression –, als der Reaktorblock 4 im Kernkraftwerk Tschernobyl explodiert. Was bisher nur eine Horrorvision im Film war, ist mit einem Mal bittere Realität.

Wohl auch aufgrund dieser Katastrophe – und aufgrund des Zusammenbruchs des Ostblocks, der 1991 das Ende des Kalten Krieges bringt – endet die dystopische Sicht des Kinos auf die Atomkraft beinahe so schnell, wie sie zehn Jahre zuvor begonnen hat. Man mag aber auch argumentieren, dass all diese Filme, darunter auch SILKWOOD, ihren nicht unerheblichen Teil zum Ende des Kalten Krieges beigetragen haben und sich damit selbst obsolet gemacht haben.

Fortan jedenfalls findet sich das Thema „Radioaktivität“ vornehmlich im Subgenre des Terror-Thrillers wieder. Nun ist es häufig die „schmutzige“ Bombe, die uns Zuschauern Angst machen soll, uns an die Kräfte und Gefahren der atomaren Bestie erinnern soll.
Und doch – nicht zuletzt Fukushima erinnert uns im März 2011 daran, dass wir uns vielleicht noch immer zu sicher fühlen. Das Kino mag uns nicht mehr daran erinnern, welche Gefahren in der alltäglichen Atomkraft stecken – das heißt jedoch nicht, dass sie nicht existieren.

Petzen gehen immer


Es ist aber auch deutlich sichtbar, dass in SILKWOOD die bis heute gültige cineastische Lust an der Enthüllung mitspielt, die sich seinerzeit entfacht. Filme über das, was man heute so gerne „Whistleblower“ nennt, sind 1983 ein aufkommendes Trendthema. Zwar gibt es mit DIE FAUST IM NACKEN von 1954 oder SCHMUTZIGER LORBEER von 1956 bereits zwei frühe Vertreter dieser Spielart, doch sind es die Siebziger, in denen die Amerikaner ihr Vertrauen in die Obrigkeiten verlieren und beginnen, diejenigen als Helden zu betrachten, die Missstände aufdecken.
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SERPICO etwa bringt 1973 die weitverbreitete Korruption in der New Yorker Polizei hervorragend ans Licht.
Doch die Sternstunde des Enthüllungsthrillers und bis heute eine der Speerspitzen des Genres erscheint 1976 mit DIE UNBESTECHLICHEN, in dem die Watergate-Affäre geschildert wird – ein Ereignis, das Amerika ebenfalls massiv traumatisiert und den Umgang der Bevölkerung mit der Staatsführung bis heute nachhaltig prägt. (Ehrlich, vorher gab es so etwas wie antiamerikanische Verschwörungstheorien gar nicht!) Spätestens jetzt nimmt das Genre Fahrt auf – dunkle Geheimnisse und mutige Menschen, die sie ans Licht zerren, sind bis heute ein überaus beliebter Stoff bei Publikum und Produzenten gleichermaßen. DAS CHINA SYNDROM, DIE HERREN DER STADT und SILKWOOD erscheinen um 1980 herum in kurzer Folge und sind allesamt äußerst sehenswerte Whistleblower-Beiträge.

Bis heute hält sich das Genre erfolgreich auf der Leinwand und produziert etliche Klassiker: DIE FIRMA etwa, THE INSIDER, ERIN BROKOVICH, THE BIG SHORT oder MICHAEL CLAYTON. Selbst EINE FRAGE DER EHRE mag man in diese Reihe zählen.
Auch der erst kürzlich gelaufene SPOTLIGHT sowie FAIR GAME, WHISTLEBLOWER – IN GEFÄHRLICHER MISSION oder NORTH COUNTRY sind äußerst sehenswerte Filme, wenn auch weniger bekannt. Letzterer ist auch deshalb interessant, weil er als einer der wenigen solcher Filme Sexismus thematisiert. Was bedauerlich ist.
Umso erfreulicher hingegen ist, dass Whistleblower-Filme selbst eines der wenigen Hollywood-Genres ist, die erstaunlich gleichberechtigt daherkommen! Nicht ganz, aber annähernd die Hälfte der filmischen Whistleblower sind Frauen – zumindest wenn es ums Petzen geht, scheint Hollywood den Frauen also mindestens ebenso viel zuzutrauen wie den Männern.
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Mit MONEY MONSTER, SNOWDEN und DER MOMENT DER WAHRHEIT stehen allein im Frühjahr und Sommer 2016 zudem noch drei vielversprechende Genrebeiträge auf der Startliste. Kurz: Das Petzen-Kino boomt heute ebenso wie vor vierzig Jahren.

Heldinnen und feige Männer


An dieser Stelle hätte es sich angeboten, darüber zu sinnieren, wie populär 1983 außerdem Filme über Gewerkschaften sind – schon 1981 hievt der dem Kommunismus freundlich gesinnte Warren Beatty mit REDS den Kampf um Gerechtigkeit in epischer Breite ins Kino, während die großen Studios mit Filmen wie BLUE COLLAR, NORMA RAE oder selbst GUNG HO erst langsam beginnen, sich immerhin voller Leidenschaft in die Gedankenwelt der Fabrikarbeiter einzuarbeiten. Oder es wenigstens zu versuchen.
Auch hier stellt SILKWOOD einen erstaunlich guten Beitrag dar, der seiner Zeit weit voraus ist.

Doch stattdessen wollen wir zum Abschluss noch darauf hinweisen, dass SILKWOOD eben – im positivsten Sinne – ein sehr weiblicher Film ist. Sowohl Nora Ephron als auch Cher und Meryl Streep konnten ihre persönlichen Überzeugungen tief einbringen und wurden über die Dreharbeiten zu guten Freundinnen.
Dem Film gelingt es, die Frauen als Heldinnen dastehen zu lassen, als Macherinnen. Dem Klischee entgegen sind es hier die Männer, die Reißaus nehmen, die Veränderung und den Kampf fürchten.
Sehenswert ist in dieser Hinsicht auch Kurt Russell, der sich als ehemaliger Kinderstar dank FLUCHT AUS NEW YORK und DAS DING AUS EINER ANDEREN WELT gerade erst als Actionstar etabliert hat, und hier nun elegant ins dramatische Fach wechselt.
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Er bietet den äußeren Gegenpart zu Silkwoods innerem Konflikt, denn am Ende stellen sich Karen Silkwood drei Alternativen: Im Werk bleiben und die Augen verschließen, weggehen oder kämpfen. Alle drei Varianten werden in Silkwoods kleiner WG durchgespielt, und während Dolly im Werk bleibt und die Augen verschließt, ist es ausgerechnet Actionstar Kurt Russell, der seine Sachen packt und abhaut. So bleibt Karen Silkwood als einzige zurück, um den Kampf aufzunehmen.
Alle drei Hauptdarsteller versinken dabei glaubwürdig in der Rolle des kleinen Mannes, was auch für den enormen Erfolg des Films mitverantwortlich sein mag. 
Craig T. Nelson übrigens wurde hier einmal gegen sein Image als starker Held besetzt - war er gerade noch der alles riskierende Familienvater in POLTERGEIST, spielt er in SILKWOOD mit einem Mal den schmierigen Grabscher und Klüngler, und beweist damit doch wieder, weshalb er in seiner Zeit ein so populärer Schauspieler war.

Übrigens: Wer aufpasst, entdeckt in dem Film einen ganzen Haufen späterer Stars und Sternchen. Von David Strathairn, bis zu Will Patton in einer seiner ersten Winzrollen, erweist sich SILKWOOD für etliche Macher und Beteiligte als Sprungbrett für eine mal länger, mal kürzer andauernde Karriere. Auch aus filmhistorischer Sicht ist SILKWOOD damit eine Sichtung wert.

Am Ende sind fünf Oscarnominierungen der Lohn – doch 1984 muss sich beinahe ganz Hollywood dem alles überragenden ZEIT DER ZÄRTLICHKEIT geschlagen geben. Aus heutiger Sicht erweist sich SILKWOOD als der interessantere Film – vielleicht weniger emotional, doch als unleugbares Stück Zeitgeschichte sehr viel wertvoller! Ein Stück Achtziger-Pflichtkino, in dem alles das, was kurz darauf Wirklichkeit werden sollte, noch eine Horrorvision war, die vielleicht das Leben einer Aktivistin gekostet hat. 

Übrigens: Falls euch unser Beitrag gefallen hat, nehmt euch bitte die Zeit und besucht die Seite der Initiatoren von „Ein Film, viele Blogger“, den Blog Schöner Denken, wo ihr auch die Beiträge der anderen teilnehmenden Blogs findet. Es sind viele spannende und erweiternde Ansichten und Informationen dabei! Hier findet ihr die Auflistung: http://schoener-denken.de/blog/silkwood-einfilmvieleblogger/
Sollte euch unser Beitrag nicht gefallen haben, dann schaut bitte erst recht, die Kollegen machen es garantiert besser!

Kommentare:

  1. Wieder ein superstarker Beitrag - wir sind stolz, dass Ihr dabei seid bei #EinFilmVieleBlogger!

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    1. Dankeschön! Wir freuen uns, wieder dabei sein zu dürfen. SILKWOOD war ein Selbstläufer, die Auswahl hat uns von Anfang an fasziniert. :)

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