01.06.16

Kinokritik: Green Room (USA 2015) - Des Elends blutiges Kind

Mit BLUE RUIN liefert Jeremy Saulnier 2014 ein kleines, psychlogisches Meisterwerk ab, das für jede Menge Begeisterung sorgt. Auch uns haut Saulniers zweiter Film damals im besten Sinne aus den Socken.
Entsprechend hoch sind die Erwartungen an GREEN ROOM. Bedauerlicherweise gerät der Streifen zur Qual – nicht nur wegen der vielgepriesenen Brutalität, die irgendwann so stumpf wird, dass sie einen völlig kalt lässt. Nein, der Film selbst ist einfach derartig mies, dass wir nur mit Mühe bis zum Ende durchhalten konnten.
© 2016 Universum Film / 24 Bilder

Marcos Blick:

Es gibt Filme, auf die freut man sich im Vorfeld so sehr, dass es ihnen schwer fällt, diesen Erwartungen gerecht zu werden. Das gehört zum Hype und zur Vorfreude im Filmgeschäft dazu.
Dann jedoch gibt es noch die Filme, auf die freut man sich, und erlebt im Kino schließlich jenes unangenehme Gefühl, dass man sich während des Films immer stärker fragt: Was zur Hölle tu ich hier eigentlich, wenn ich draußen auf der Straße auch Kaugumi vom Gehweg kratzen könnte, und mehr Freude daran hätte? 

Fehler in der Matrix


Um fair zu bleiben: Jeremy Saulnier hat mit seinem zweiten Film BLUE RUIN einen kleinen Geniestreich in Sachen Figurenpsychologie und dramaturgischen Aufbau vorgelegt, der die Messlatte so hoch ansetzt, dass wir nicht wirklich damit gerechnet haben, dass sein Folgefilm GREEN ROOM auch nur annähernd daran heranreichen würde.
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Dennoch waren wir im Vorfelde optimistisch. Saulnier hatte bereits bewiesen, dass er spannende und clever erzählte psychologische Duelle inszenieren kann. Die Prämisse für GREEN ROOM klang entsprechend hoffnungsfroh: Eine kleine Punkband gerät in einem abgelegenen Club mit einer Bande gewaltbereiter Neo-Nazis aneinander. Noch dazu wurde von überall her die Sensation verkündet: Niemand Geringeres als der ehrenwerte Patrick Stewart soll den smarten Obernazi spielen.

Das Material war also da. Im Kino allerdings entblätterte sich eine Enttäuschung vor uns, die grauenerregend an jene Gefühlswelt erinnerte, die uns seinerzeit durch MATRIX: RELOADED begleitete, jenem Film, der bewies, wie tief das Kaninchenloch der Wachowskis wirklich reicht und die Frage aufwarf, wie diese Klitsche aus derselben Hand wie der brillante Vorgänger stammen konnte.

Mord im Blut


Wie war es möglich, dass Saulnier nach BLUE RUIN mit GREEN ROOM in Sachen Tiefgang eine derartige Totgeburt auf die Leinwand werfen konnte? Ein Erklärungsversuch.

BLUE RUIN kam seinerzeit quasi aus dem Nichts. Auch wir wussten kaum, was uns erwarten würde, und waren angenehm überrascht. Saulnier erzählt darin die Geschichte eines gebrochenen Mannes, eines Obdachlosen, entrückt von der Welt, der plötzlich und unerwartet die Chance erhält, sich an den Menschen zu rächen, die seine Welt zerstört haben. Ein einzelner, kurzer Gewaltakt sorgt hier für die packende Reise in die Psyche eines Mannes. 

Erst in der Nachschau zeigt sich, dass BLUE RUIN ein eher untypischer Film für Saulnier ist, denn sein eigentliches Regiedebüt, MURDER PARTY von 2007, zeigt viel deutlicher, wo das eigentliche Interesse des Auteurs liegt. Schon in MURDER PARTY erzählt Saulnier die Geschichte eines Ahnungslosen, der auf eine Halloween-Party kommt, auf der er von den anderen Gästen ermordet werden soll, um einem ominösen Kunst-Mäzen zu gefallen. Der Rest des Films endet in einem entsprechenden Blutrausch.
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Und in eben diese Schiene kehrt Saulnier auch mit GREEN ROOM zurück. Statt, wie in BLUE RUIN, clevere und psychologisch tiefgründige Figuren aufeinander zu hetzen, verkommen seine Punks und Skins zu ermüdend langweiligen Pappkameraden, ohne jede Motivation, ohne jede Ambition, ohne Charaktereigenschaften oder Brüche. Wer am Ende des Films mehr als zwei Namen im Kopf hat, oder mehr als ein Charakterisitikum der Figuren, ist zu beglückwünschen. 

Blutentleert


Eine Story fehlt in GREEN ROOM völlig, der Film ist gänzlich in lose verknüpfte Einzelmomente aufgeteilt, was einige Fans als Hinweis für eine tieferliegende künstlerische Ambition verstehen, was man aber ebenso gut als missglückte Erzählstruktur werten kann. Saulnier lässt sich eine Menge Zeit zum "Aufbau", bevor es zum Clash zwischen Punks und Nazis kommt, was bedauerlich ist, denn kein einziges Bild dieser Vorbereitungszeit besitzt irgendeinen Mehrwert, auch wenn der Film immer wieder so tut, als würde er interessante Figuren aufbauen.
Wer nicht irgendwann einmal selbst als mittelloser Punk durch die Welt getingelt ist, wird hier wenig Identifikationsfläche finden. Denn weder lernt man die Figuren wirklich kennen, noch hilft einem irgendeine frühe Charakterisierung im späteren Verlauf des Films weiter. Hätte der Film direkt mit dem ersten Blutstropfen begonnen, man hätte weder etwas verpasst, noch wäre der Film anders verlaufen. Die Figuren verkommen hier zur Staffage in einem Backwood-Slasher.

Hinzu kommt, dass die Charaktere sich bestenfalls unkonstant verhalten. In einer Szene noch trotzig heldenhaft, werden sie in der nächsten schon weinerlich ängstlich, dann wieder trotzig dämlich, ohne dass diese Wandlungen durch irgendetwas motiviert worden wären, außer, dass die entsprechende Szene sonst nicht funktioniert hätte. Zu keiner Zeit entwickelt sich irgendeine Szene oder Situation aus den Figuren heraus, immer wieder passen sich die Figuren stattdessen der Szene an, damit diese einen bestimmten Verlauf nimmt.

Überhaupt – die Motivation. Weder die Gründe für das Festhalten der Punks, noch für die ausufernde Gewalt werden wirklich ergründet, sondern mit platten, kaum haften bleibenden Pseudo-Erklärungen abgehandelt. Ernsthafte Sinnsuche würde vermutlich auch nur stören, immerhin ist auch sonst das gesamte Verhalten der Figuren weder logisch noch sinnvoll – es sei denn, es dient dazu, endlich vom Gespräch zum Gewaltaustausch zu wechseln.

Dafür ist das alles wenigstens unübersichtlich. Da bis auf dreieinhalb Figuren alle anderen komplett austauschbar und leblos bleiben, verliert man leicht die Übersicht. Wenn dann in den schnell geschnittenen Actionszenen irgendein Hals in Nahaufnahme zerfetzt wird, und anschließend der Rest des Körpers im Dunkeln und von hinten gezeigt zerfleischt wird, verpasst man schnell mal, wer da eigentlich gerade ins Gras beißt. Ganz zu schweigen davon, dass es einem egal ist, denn wie gesagt – wer auch nur die Namen der Figuren kennt, hat sie sich vermutlich irgendwann heimlich aufgeschrieben.
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Da also weder Handlung, noch Figuren und erst recht nicht die Logik in diesem Streifen irgendetwas taugen – was bleibt da noch?

Nun – der Film ist brutal. Hart, „gritty“ und blutig. Tiefe Machetenschnitte (nicht logisch, aber ekelig), dumpfe Schrotflinteneinschüsse, gierige Kampfhundkiefer – der Tod ist mannigfach in GREEN ROOM, und selten von der Art, die man sich für sich selber wünscht. Der Film bricht den Konflikt der Parteien aufs kleinste atomare Teil herunter: Da miteinander reden sinnlos ist, lasst uns uns gegenseitig in Streifen schneiden.

Das Schmierentheater


Das war es auch schon: brutalstmögliche Gewalt als einzig mögliches Konfliktwerkzeug zwischen Punks und Nazis mehr Aussage bietet der Film nicht, und mehr will er wohl auch nicht bieten. Wer auf Gewalt steht, und sich dafür keine trashigen Splatter-DVDs wie MURDER PARTY holen will, wird mit GREEN ROOM bestens bedient.

Wer jedoch meint, er würde hier ein cleveres, ausgewogenes und psychologisches Drama finden, der wird enttäuscht werden.
Das Problem dabei ist: War Saulniers MURDER PARTY wenigstens noch humorvoll aufgezogen, krankt GREEN ROOM enorm daran, dass der Film sich selbst und all die Gewalt ganz schrecklich ernst nimmt. Dem Film fehlt jedwede zweite Deutungsebene – all das Gemetzel der statischen Figuren wird weder gebrochen, noch ironisiert, stattdessen versucht der Film, uns das übertriebene Gemetzel als bierernst und dramatisch zu verkaufen, und noch dazu als psychologisch logische, einzig mögliche Folge der Situation. 

Das ist umso bedauerlicher, als der Film einen wirklich sehenswerten Cast aufweist, der ein cleveres Spiel mit der Situation und der Gewalt durchaus hätte wuppen können.

Wie erwähnt spielt Patrick Stewart mit, der immer wieder mal in herrlichen Schurkenrollen glänzt, legendär etwa in FLETCHERS VISIONEN oder als Captain Ahab – und diesmal seine wohl überflüssigste davon spielt. Leider wird er in GREEN ROOM völlig verheizt. Seine Figur des „Obernazis“ ist schrecklich langweilig, uninspiriert und ebenso unlogisch wie der Rest der Mischpoke. 
Art, Weise und Grund, weshalb er "Zeugen Zerhackstücken" als einzig mögliche Lösung im Konflikt-Repertoire hat, werden so plakativ billig präsentiert, dass es Zahnschmerzen bereitet. Immer wieder wird er als cleverer Strippenzieher inszeniert, der einen Mord zu vertuschen versucht, sich dabei aber zum einen phantasielos und unerfahren, und zum anderen so hirnverbrannt anstellt, als wäre er bei Monty Python in die Oberschurkenlehre gegangen.
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Anton Yelchin, der sicherlich nicht Gottes Geschenk an die Schauspielkunst, aber wenigstens charismatisch ist, verkommt hier zum Posterboy ohne Sinn und Verstand. Selbst aus den Gewaltszenen wird er größtenteils herausgehalten, wodurch seine Figur im Film gänzlich überflüssig wird – was umso dramatischer ist, wenn man bedenkt, dass er die Hauptrolle spielt.

Bei ihm wird am offensichtlichsten, dass man für keine einzige der Figuren mitfiebert, da sie einem allesamt schlichtweg egal sind, keine Persönlichkeit besitzen, weder clever noch sympathisch sind, und sie auch sonst nicht in Erinnerung bleiben. Es gibt nur selten eine „Hauptfigur“, über die man am Ende so wenig weiß wie über seine, und deren „Entwicklung“ man am Ende des Films nicht aufsagen könnte, weil solch Banalitäten wie Figurenentwicklung irgendwo in der zusammengeschusterten Story über "Gewalt ist halt doch eine Lösung" verschütt gegangen sind.
Immerhin einen kleinen Gag erlaubt Saulnier sich hier: Denn dass mit Anton Yelchins Figur ausgerechnet der Bassist der Gruppe zum "stillen Helden" gerät, darf man getrost als musikalischen Insider-Gag werten.


Ansonsten gilt vieles davon auch für Imogen Poots, die uns zwar generell immer wieder Freude macht, wenn sie irgendwo mitspielt, in diesem Film aber zur rehäugig in die Kamera glotzenden Ausstattung verkommt. Sie hat keinerlei Einfluss auf die Handlung, weniger Persönlichkeit verpasst bekommen als die mitspielenden Hunde, und dient lediglich zwei Mal, ganz am Anfang und fast am Ende, als kurzes Plot Device, das jedoch nicht zwingend erforderlich für die Handlung ist.
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Interessanterweise ist es Macon Blair, der schon in BLUE RUIN die Hauptrolle spielt, der auch in GREEN ROOM die „ausgefeiltste“ Figur spielen darf, und das erneut so hervorragend macht, dass man nicht ganz sicher ist, ob er seine Figur nicht am Ende tiefsinniger dastehen lässt als sie geschrieben wurde. Auf jeden Fall entwickelt er sich zum stillen Highlight des Films und dem einzig sehenswerten Aspekt des ganzen Elends für all jene, die nicht nur wegen der krassen Blut-Effekte zuschauen.

Fazit


Mittlerweile ist klar, dass Filme wie GREEN ROOM eher die Regel als die Ausnahme bei Jeremy Saulnier sind und wohl auch bleiben werden: Stumpfe, auf Gewalt getrimmte Splatterfilme, in denen sich vermeintliche Opfer schlachtplattenartig durch vermeintlich überlegene Angreifer metzeln.
Das ist schön und gut, und derlei Filme haben jede Existenzberechtigung.
Allerdings entpuppt sich BLUE RUIN eben als Ausnahme in Saulniers Oeuvre, die man auf keinen Fall als Messlatte für GREEN ROOM heranziehen sollte – als Gradmesser, wie viel Freude man mit GREEN ROOM hat, sollte man lieber noch einmal MURDER PARTY heranziehen. Und anschließend BLUE RUIN als Beweis, dass Saulnier auch wirklich gute Filme machen kann.
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Unser Rat und unser Wunsch an den Auteur ist daher klar: Die Gewalt lieber wieder als kurze Spitze und als Hintergrund für psychologische Konflikte verwenden. Das gefällt uns deutlich besser als eine platte, unlogische, mies gespielte und unelegante Splatter-Orgie mit Gewaltfokus wie GREEN ROOM. Und wenn schon Gewaltorgien wie hier, dann bitte mit cleveren Figuren und bitte nicht so bierernst präsentiert, dass man dauernd darüber kichern muss. 

Splatter-Fans und Gewalt-Gaffer, die daneben keine psychologische Logik oder Tiefe brauchen, sind in GREEN ROOM daher bestens aufgehoben; wer ein weiteres Drama wie BLUE RUIN erwartet, der muss sich aller Voraussicht nach noch eine Weile gedulden.

Kommentare:

  1. Bei diesem Film gehen die Meinungen aber auch ziemlich auseinander. Deine Kritik ist bis dato die negativste, die ich gelesen habe. Aber auch eine der ausführlichsten. Ich darf gestehen, das ich von Herrn Saulnier bisher nicht einen Film gesehen habe und anscheinend wird das auch so bleiben.

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    1. Wir müssen gestehen, dass "unsere" die bisher einzige negative Kritik ist, die wir gefunden haben. Da fragt man sich natürlich schon, wie es zu einer solchen Diskrepanz kommen kann, aber im Endeffekt können wir ja auch nur unsere Empfindung wiedergeben, und wir können das Lob, das wir so lesen, einfach nicht teilen, und auch all die Metaphern und Analogien nicht erkennen, die andere dem Film zuschreiben.
      Am Ende muss das ohnehin jeder selbst entscheiden.

      Ganz persönlich können wir von Saulnier allerdings BLUE RUIN jedem Freund cleverer Thriller wirklich ans Herz legen. Auch der spaltet ja enorm (vielleicht sogar mehr als GREEN ROOM), hat uns aber wirklich sehr zugesagt.

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