09.11.15

Kinokritik: Spectre (GB 2015) - James Bonds Tradition als Enttäuschung oder Konzept?

 JAMES BOND: SPECTRE ist da, und scheint das Publikum ein wenig zu spalten. Begeisterung hier, Enttäuschung dort. Auch wir sind uns diesmal uneinig und fragen uns daher: Ist SPECTRE ein missglücktes Agenten-Psycho-Drama wie es das moderne Kino braucht oder ein gelungenes Stück Spaß-Kino voller Nostalgie? Außerdem warten wir mit einer gewagten Theorie auf!
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 - Spoilerwarnung -
Wir geben zwar keine gezielten Infos zur Handlung raus, aber die ein oder andere Erwähnung von Inhalten könnte von dem ein oder anderen als Spoiler  verstanden werden. Also: Obacht!

Marco:
Zuerst einmal: Yay! Wir haben eine Premiere. SPECTRE ist endlich ein Film, über den wir unterschiedlicher Meinung sind, und den wir hier gemeinsam besprechen können.
Wobei - das kann ich wohl vorwegnehmen: Ein völliger Reinfall war er für uns beide nicht, wir sind uns nur uneinig, in welchem Maße wir ihn gut finden, oder?

Bianca:
Kann man so sagen, ja.

Marco:
Aber das klären wir gleich auf. Zunächst: Wir haben eine spannende Beobachtung gemacht.

Bianca:
Ja. Es ist erstaunlich. Während der Film international, zumindest in England und den USA, von den Kritikern viel Lob erfahren hat, schlagen uns von deutschen Kritikern von Anfang an negative Töne entgegen.

Marco:
Stimmt. Der Hollywood Reporter schreibt sogar, dass SPECTRE „alles zelebriere, worum es bei James Bond gehe.“ Die deutsche Blogosphäre scheint das deutlich kritischer zu sehen. Die „wohlwollenderen“ Kritiken, die wir finden konnten, bescheinigen dem Film bestenfalls Mittelmaß. Was glaubst du, woher das kommt?

Bianca:
Ich glaube, so ich die Blogbeiträge und Kritiken richtig verstanden habe, dass etwas ganz anderes erwartet wurde. Eine konsequente Weiterführung von SKYFALL, der ja düstere und psychologische Töne anschlug. SPECTRE war da eindeutig flockiger.
Oder liegt es wirklich daran, dass die Figuren blasser als in SKYFALL bleiben?
Was meinst du denn?

Marco:
Ich habe mich durch etliche deutsche Kritiken gewühlt und nehme immer denselben Tenor wahr: Den Leuten scheint die Story zu simpel/zu konstruiert/zu bedeutungslos zu sein. Zumindest scheinen sich alle einig zu sein, dass das Drehbuch Mist sei.
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Bianca:
Toll war es ja auch nicht.

Marco:
Ein paar Rezensenten einigen sich darauf, dass SPECTRE gut anfangen würde und dann stark nachlasse, andere bescheinigen ihm, gute Action, aber eine durchgehend schlechte Handlung zu bieten, und der Rest sieht den Film als Totalreinfall auf allen Ebenen. Ob das nun ein generelles Gemäkel der deutschen "Dichter und Denker" ist, oder nur das Ergebnis einer überhöhten Erwartungshaltung nach SKYFALL, kann ich nicht sagen. Einige lobende US-Kritiker sehen in dem Film sogar eine Fortführung der psychologischen Grabungsarbeiten aus den bisherigen Craig-Bonds, allerdings nicht so konsequent wie in SKYFALL. Hierzulande scheint die psychologsiche Komponente des Films komplett unterzugehen. In England – und kein Engländer würde je einen Bond nicht mögen – hält man den Film für "Silly, but entertaining". In diesem Sinne: Was hat dir persönlich an SPECTRE am allerwenigsten gefallen? Welches ist seine allergrößte Schwäche?

Bianca:
Ich haue ja ungern in die gleiche Kerbe, aber mir waren die Figuren zu blass und die Handlungsmotivation zu farblos.
Aber ich bin ja auch riesiger SKYFALL-Fan.

Marco:
Den ich wiederum für überbewertet halte.
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Bianca:
Ich fand das Duell Silva vs. Bond in SKYFALL grandios. Blofeld vs. Bond ist mir viel zu mau und ich verstehe die Motivation der Figuren halt nicht bzw. finde sie nicht zwingend für das Duell. Zudem sind mir (und ich finde es schlimm das sagen zu müssen) die von Christoph Waltz zur Schau getragenen Landa-Anflüge langsam zu nervig. Da hätte ich mir einfach eine andere Darstellung eines Schurken gewünscht. Aber möglicherweise war bei der geringen Screentime auch nicht mehr drin. Bautista und Bellucci werden in SPECTRE leider verheizt ... Aber dich hat das gar nicht gestört, oder?

Marco:
Jein. Um Bellucci war es schade, aber warum sollte mich etwas stören, das nicht im Film war? Ich fand auch schade, dass Jeff Bridges und Marlon Brando nicht dabei waren, und effektiv hatten beide nur geringfügig weniger Screentime als Monica Bellucci.
Bei Bautista sehe ich das anders, ihn fand ich weder verheizt noch schlecht, sondern großartig. Aber dazu komme ich später noch.

Bianca:
Siehst du sonst noch Schwächen?

Marco:
Auch ich fand das Drehbuch etwas schwächelnd. SPECTRE zeigt, wie wichtig es ist, dem Zuschauer von Anfang an ein klares Ziel an die Hand zu geben. SKYFALL hat hier noch hervorragend getrickst, mit seiner Festplatte, die die Handlung angestoßen hat, und dann irgendwann einfach nicht mehr erwähnt wurde. Einer der berühmteren Fehler des Films. Da war man aber schon zu fasziniert von Silva um das zu bemerken.
SPECTRE bleibt hier leider von Anfang an und bis zum Ende komplett vage - man hat immer so eine grobe Idee, warum Bond jetzt hinfährt, wo er hinfährt, aber weil er selbst so ins Trübe hineinarbeitet, erschließt sich auch dem Zuschauer nicht, warum das alles stattfindet. Das halte ich für die größte Schwäche des Films, denn dadurch wirkt er am Ende beliebig, unkonkret und schwammig. Hinzu kommt, dass der Film keine wirkliche Gefahr bietet: kein Attentat, kein Angriff. Bond stolpert eher zufällig über Blofeld, und die größte "Gefahr" besteht in der Absetzung des 00-Programms. Da kommt nur schwer Spannung auf.

Die MISSION: IMPOSSIBLE Filme sind hier perfekte Gegenbeispiele, bei denen man am Anfang die drohende Gefahr erfährt und den Auftrag, diese zu stoppen, und sich dann zwei Stunden zurücklehnen kann, um zu genießen, wie er ausgeführt wird.
Also, jetzt mal grundsätzlich: Wie hat dir SPECTRE insgesamt gefallen?
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Bianca:
Insgesamt fand ich ihn eher gut. Also die Eingangssequenz in Mexico City finde ich grandios und die Überleitung in das Intro sensationell. (Aber: bäh, blöder Bond-Geheul-Sirenen-Song). Da war ich dann angefixt bis ... ja, bis eine Stunde vor Schluss. Von da an dachte ich nur noch: ja wo laufen sie denn (hin)? Mit der Action, die ja von einigen bemängelt wird, war ich weitestgehend zufrieden und auch das Haupt-Bondgirl war mal wieder etwas griffiger und nicht nur nutzlose Zierde.

Und trotz der mangelnden Handlung (zuletzt hat das Konzept mit ahnungslosen Hauptfiguren, die ins Leere laufen, und keinen Durchblick haben, in SICARIO überhaupt nicht für mich funktioniert), empfand ich den Humor als sehr erfrischend. Ich hab so oft wie selten in einem Bond gelacht und das ist wieder ein Pluspunkt des Films. Also Action: cool. (Wobei, ich muss wieder etwas mäkeln, dass der Suspension of Disbelief am Ende überreizt wurde, immerhin hat Bond nicht mal 'nen Kratzer abgekriegt) Sets: cool. Handlung: mau. Bösewicht: mau. Bondgirl: cool, und Humor: obercool.
Und du? Ich finde es ja spannend, dass du immer die „Hommage“ als großen Kniff des Films anführst. Wie meinst du das?

Marco:
Ah, die Hommage! Die ist super.
Bevor ich dazu komme, muss ich noch kurz erklären, dass ich ganz persönlich SPECTRE liebe! Und zwar ein bisschen auf die britische Art und Weise, nämlich bedingungslos.
Ich kann den meisten Kritiken problemlos zustimmen. Der Film hat deutliche Schwächen. Aber dann lehn ich mich zurück, und sag mir: Scheißegal, ich hab meinen Spaß! SPECTRE ist für mich der klassischste und lockerste Bond seit Roger Moores Ausstieg 1985. Eine dicke Portion Popcorn-Kino mit Augenzwinkern.

Um zu erklären, warum mich SPECTRE so begeistert, schwenke ich kurz nach ca. 1987/88: Da liefen die James Bond Filme gefühlt jeden Sonntagabend nach der Tagesschau in der ARD, und klein Marco, damals so rund zehn Jahre alt, saß eingemümmelt und mit einer bestellten Pizza auf dem Schoß (Pizza, die nach Hause kommt - damals der neueste heiße Shice aus den USA!) vor dem Fernseher und hat „Superheldenfilme“ geguckt.

Richtige Superheldenfilme gab's nämlich damals noch nicht, und ich war großer Superheldenfan. Und Bond war für mich immer dieser überlebensgroße Superheld. Die alten Filme mit Connery und Moore haben den Agenten ja nicht zimperlich angefasst, aber Bond hätte noch gefesselt in einem abstürzenden Flugzeug sitzen können, mit zehn Gegnern, die ein Maschinengewehr auf ihn richten und einem Laserstrahl, der ihn zu zerschneiden droht, und er wäre da irgendwie rausgekommen, ohne einen Kratzer, mit einem Grinsen und einem flotten Spruch auf den Lippen. Ich habe das geliebt. Für mich war Bond tatsächlich wie Superman: unverletzlich, unzerstörbar, und es gab keine Klemme, aus der er nicht elegant und überlegen ausbrechen konnte.
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Bianca:
Und das findest du in SPECTRE wieder?

Marco:
SPECTRE zelebriert für mich genau diesen Bond! Er befreit sich nonchalant aus jeder Klemme. Er zerreißt mit bloßen Händen Kabelbinder, überwältigt seine Gegner noch mit Sack über dem Kopf und ist einfach – Superman!

Bianca:
Da scheinst du recht alleine mit zu stehen. Diese Art von Bond scheinen heute nicht mehr viele Leute sehen zu wollen, wenn man die Kritik betrachtet.

Marco:
Mir ist bewusst, dass das heutzutage etwas überflüssig ist. Brosnan und vor allem Craig haben einen durchaus menschlichen Bond gezeichnet, der auch mal bluten darf und Hilfe braucht, und Superheldenfilme haben wir inzwischen En Masse, aber mir hat das in SPECTRE gefallen - ich saß im Kino und war wieder zehn Jahre alt, mit Pizza auf dem Schoß und mit glänzenden Augen darauf wartend, wie Bond jetzt wieder aus der Klemme kommt und den Bösen in den Arsch tritt. Wenn ich sowas habe, brauche ich kein psychologisches Drama über das berufliche Schicksal eines Geheimagenten mehr.

Ein bisschen irritiert mich das auch. Bei Ethan Hunt fragt keiner danach, wie der sich wohl jetzt fühlt. Dort sind die Bösen noch flacher und unterentwickelter als Blofeld es in SPECTRE je sein könnte. Trotzdem wird es dort eher akzeptiert. Und KINGSMAN wurde zuletzt dafür abgefeiert, dass er genau diese alten Tugenden der alten Bond Filme mit einem Augenzwinkern wieder hat aufleben lassen, und jetzt wirft man es dem Urheber des ganzen Genres plötzlich vor. Das kann ich nur bedingt nachvollziehen.
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Bianca:
Vielleicht ist Bond einfach zu altmodisch?

Marco:
Schon möglich.

Bianca:
Und deswegen meinst du also, dass SPECTRE eine Hommage sei?

Marco:
Das gibt die Grundstimmung der alten Bonds gut wieder, ja: Bond, der Superheld. Hinzu kommt Dave Bautista als "Henchman". Die gehörten früher zu jedem Bond-Film dazu wie Q und Miss Monepenny. Der wortkarge, eher stumpfsinnige Attentäter, die ausführende Hand des Superschurken, der und einzig dafür da war, von Bond nicht gleich mit einem Schlag ausgeknockt zu werden, sondern ihm Paroli zu bieten! Einige dieserHenchmen haben ja inzwischen Kultcharakter. Vor allem der „Beißer“, damals von Richard Kiel gespielt, der gleich zweimal auftreten durfte. Oder dieser etwas moppelige Japaner, "Mr. Oddjob" mit seiner Melone, die er wie einen Frisbee geworfen hat, um die Leute umzubringen. Es gab mal ein Computerspiel, „Sly Spy“, hieß das, in dem all diese witzigen, überdrehten Bond-Henchmen als Boss-Gegner aufgetreten sind. Der letzte auffällige Henchman war Götz Otto als "Mr. Stamper" in DER MORGEN STIRBT NIE. Dave Bautista füllt diese Rolle großartig, er orientiert sich wieder sehr an den alten Henchmen! Leider wurden seine Daumennägel etwas zu wenig in Szene gesetzt.

Dann gibt es diese hervorragende Verfolgungsjagd in den Bergen, die leider kaum Erwähnung findet. Toll gemacht, voll witziger Ideen, und eine erstklassige Anspielung auf die vielen schönen Ski-Verfolgungsjagden, die Willy Bogner früher für die Moore-Filme inszeniert hat.

Und dann natürlich Blofeld! Ich meine, wie cool ist das, dass ein Oberschurke Bond mal wieder mit dem Rolls Royce in seine Geheimbasis fahren lässt und zünftig foltert? Da lagen oft die besten Dialoge zwischen Bond und Schurke, ich erinnere nur an GOLDFINGER.

Blofeld kennt man ja sonst nur mit Narbe am Auge und weißem Perserkater auf dem Schoß. Der bleibt zwar blass, aber SPECTRE liefert ihm eine gute Originstory! Endlich weiß man, wo seine Narbe herkommt, und seine Perserkatze, die sind in den alten Filmen ja einfach nur da, um ihn gruseliger wirken zu lassen. Und natürlich erfährt man, woher sein Hass auf Bond kommt. Ich glaube, hier entsteht eine wunderbare Feindschaft.
Ich denke, SPECTRE will für Blofeld ein bisschen das sein, was CASINO ROYALE für Bond war: Eine Originstory, eine Verbindung zum alten Bond. In CASINO ROYALE hat man erfahren, woher Bond seine 00-Lizenz erhalten hat, und lernte den Agenten kennen, bevor er zum Superagenten wurde. Es würde mich daher sehr wundern, wenn Blofeld, egal von wem er gespielt wird, im fünften Craig-Bond nicht wieder auftaucht.

Was ist mit dir, fandest du den Film auch zu "locker"? Hättest du dir mehr psychologische Tiefe gewünscht?
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Bianca:
Ja, mir hat die Tiefe gefehlt. Oh, Mann, jetzt verbinde ich das Wort "Tiefe" schon mit einem Bond-Film. Kurios. Wenn das Richard Maibaum wüsste!
Aber das zeigt ja sehr schön die Schwierigkeiten der Craig-Reihe. Die Macher versuchen, Ecken, Kanten, ja Zerbrechlichkeit und Schmerz in Bond aufzubauen, und wie ich finde sehr gekonnt, nur um dann, im heiß erwarteten vierten Teil, alles nonchalant verschwinden zu lassen. Kein Schmerz, keine Angst, ja ein Superheld und, gähn ... das haben wir derzeit eh zur Genüge. Aber: Ich wünsche mir etwas, und damit würde der vierte Craig-Bond auch wieder Punkte gut machen. Ich wünsche mir einen fünften Teil, in dem es zum von mir heiß erwarteten Psychoduell zwischen Blofeld und Bond kommt. Meinetwegen durch Madeleines Tod angetrieben, dann ist Bond zumindest wieder persönlicher involviert und das Ganze bekommt etwas mehr Substanz.

Spannend finde ich aber auch die Kritik, die auf Bonds machohaften und sexistischen Auftritten rumhackt und die Frage stellt, ob das alles noch zeitgemäß ist. Ich sehe das inzwischen als Gimmick der Reihe und es lässt mich eher schmunzeln, wenn er Monica Bellucci innerhalb von fünf Sekunden verführt, und ich unterstelle den Machern jetzt einfach mal, dass sie das genauso sehen und diese Dinge augenzwinkernd und ironisch so extrem inszenieren. Deine Meinung als Mann dazu?

Marco:
Sehe ich auch so. Ich meine, abgesehen davon, dass die Bond-Filme mit Barbara Broccoli ja seit 1996 in den Händen einer Frau liegen (die zuvor schon einen weiblichen M in die Reihe gedrückt hatte!), kann ich mir nicht vorstellen, dass heutzutage eine große Produktion so etwas noch ohne ironischen Unterton inszenieren würde.
Witzigerweise habe ich kürzlich eine Sammlung von Meinungen gelesen, ob Bond noch in unsere Zeit passt. Kurz vorweg: Dort stand ein toller Satz, der das Problem von SPECTRE, glaube ich, gut umreißt: Nachdem die letzten drei Craig-Bonds die Struktur und die Klischees der alten Bond Filme immer wieder hervorragend dekonstruiert und an den Pranger gestellt haben, umarmt SPECTRE genau diese Dinge wieder. Möglicherweise ist dieser krasse Wechsel vielen Fans der Craig-Bonds zu extrem.

Ich habe es schon in unserem Rückblick auf JAMES BOND JAGT DR. NO angesprochen: Gewisse Dinge, die Bond auszeichnen, passen überhaupt nicht mehr in unsere Zeit. Das war oben auch gemeint, dass die drei bisherigen Craig-Bonds genau diese Dinge angeprangert und dekonstruiert haben: Bonds Machismo, seinen Sexismus, seine Superheldenhaftigkeit, seine dauernde Coolness und Kälte. Wir haben jetzt über drei Filme mitangesehen, wie Bond dieser Mensch geworden ist, und ich glaube, hier steckt eine Message in SPECTRE, die aktuell noch ein wenig untergeht: Mit jedem Film hat Bond etwas verloren, das ihm wichtig war. Und die Figur ist durch die Schmerzen kälter und zynischer und distanzierter geworden. Am Ende outet sich Blofeld als eben dieser "author of all your pain", also als der Mensch, der aus dem noch zögernden, „gefühlvollen“ Agenten in CASINO ROYALE eben den Ur-Bond geschaffen hat, der jetzt in SPECTRE so abgehoben und unnahbar wirkt.
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Durch die "Gnade", die Bond am Ende walten lässt, gewinnt die Figur einen Hauch von Menschlichkeit zurück.
Ich glaube, dass die fünf Craig-Bonds tatsächlich einen übergreifenden Handlungsbogen haben, der sich uns allen erst am Ende ganz erschließen wird: Man schaut zu, wie Bond um seine Menschlichkeit ringt. Blofeld hat ihn zu einer sexistischen, gefühllosen Kampfmaschine gemacht, und ich glaube, dass Bond im fünften Teil irgendwie damit wird umgehen müssen. Zumindest wäre das ein schöner Ansatz. Sollte es so kommen, kann ich seinen Sexismus und diese ganze aus den Sechzigern überholten Sachen akzeptieren, weil sie Teil eines breiteren, erzählerischen Konzeptes ist.

Was hältst du davon? Meinst du, Bond schlägt hier eine ähnliche Richtung ein wie neuerdings die Fernsehserien und konzipiert einen geschlossenen Handlungsbogen, die uns vom Fall und Auferstehung des Agenten James Bond erzählt? Ich finde die Theorie gar nicht so übel, und es würde vieles in SPECTRE erklären, das im Augenblick noch als Bruch oder irgendwie unaufgeräumt wirkt.

Bianca:
Aaaaaaaaaah, du bist ja mutig. Du gehst noch einen Schritt weiter und sagst, dass alle fünf Teile von Anbeginn so konzipiert sind, dass sie aufeinander aufbauen und einem Finale zusteuern, wie eine Serienstaffel. Kühne These, aber das kann natürlich sein. Jupp, dann könnte Bonds kühle Art in SPECTRE daraus resultieren, dass ihm in den vergangenen drei Teilen vieles genommen wurde, was er liebte, und das ihm Halt gegeben hat, zuletzt ja M. Das würde SPECTRE zwar erklären, ihn aber – wie ich finde – nicht besser machen. Dann wäre er ein etwas unausgegorenes Kettenglied auf dem Weg zum Abschluss. Wie gesagt, ich würde mich riesig über ein bombastisch actionreiches und psychologisch dichtes Finale freuen, in dem der Bösewicht (hoffentlich Blofeld) etwas mehr Substanz bekommt!

Also, alles in allem ist SPECTRE für mich ein gelungener Actionstreifen, der meine recht hohen Erwartungen leider nicht erfüllen konnte und objektiv betrachtet nur knapp über Mittelmaß liegt. MISSION: IMPOSSIBLE 5, MAD MAX - FURY ROAD und EVEREST haben mich in diesem Jahr deutlich positiver überrascht und überzeugt.
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Marco:
Ist das dein Schlussplädoyer? Gut, dann noch kurz mein Fazit: Ich halte SPECTRE für ein sehr gelungenes Stück Nostalgiekino, das den alten Bond in einer Art und Weise zelebriert, die mir viel Freude bereitet hat, wodurch ich über viele Schwächen im Drehbuch hinwegsehen konnte. Auf jeden Fall ein spannender Actionfilm, und Bond war immer schon das Agentenflaggschiff des Popcorn-Kinos, lange vor MISSION: IMPOSSIBLE oder vor KINGSMAN, und ich finde es schön, dass er ein wenig seiner Leichtigkeit zurückgewonnen hat. Plus, ich stelle die These auf, dass das alles Teil eines übergreifenden Konzepts ist, das sich noch auflösen wird.
2018 wissen wir mehr vermutlich, wenn Craigs letzter Bond in die Kinos kommt!

Bianca:
Auf den ich mich auch jetzt schon wieder voller Hibbeligkeit freue!

Kommentare:

  1. ein toller beitrag... viele tolle gedanken und überlegungen von euch beiden haben mich bestätigt oder lassen mich grad nochmal über den film und seine qualität sinnieren! vielen dank euch! es war (wie immer) eine große freude!
    habe übrigens den film letzten sonntag in saal 1 im zoopalst in berlin gesehn und er wurde mit einem coolen spektakel aus licht & sounds & musik erster güte eingeleitet! wie in den guten alten zeiten, als jeder kinobesuch ein erlebnis für mich war!

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    1. Dankeschön, freut uns, wenn es gefällt und zum Nachdenken anregt. :)
      Ja, diese Lasershows vor den Filmen kennen wir auch noch. Als das erste Cinemaxx in Hamburg aufgemacht hat vor 20 Jahren, gab es das auch noch, mittlerweile leider nicht mehr. Schön, dass es da in Berlin auch noch so tolle Nostalgie-Veranstaltungen gibt.

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  2. Ich war auch eher enttäuscht, ich teile deine Analyse!

    Und noch was, wir haben Dich für den Liebster Award nominiert. Alle Regeln und Fragen unter http://www.nischenkino.de/wir-sind-fuer-den-liebster-award-nominiert/

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  3. Mir ist aufgefallen, dass ihr gar nicht groß über die Bondgirls geredet habt. Ich fand beide nicht sonderlich überzeugend. Besonders Monica Bellucci hat mich enttäuscht. Das hat allerdings weniger damit zu tun, dass ihre Szenen lächerlich und eindimensional waren, sondern weil im Vorfeld immer "vom ältesten Bondgirl der Geschichte" die Rede war. Im Subtext schwang da immer mit: "Eigentlich ist sie zu alt für die Rolle, aber sie ist heiß, also geben wir ihr halt eine Mini-Rolle."

    Insgesamt macht die Reihe in Sachen Frauenrechte seit dem Tod von M (Judi Dench) wieder einen Schritt rückwärts. Mit M scheint die einzige Stimme, die Bonds ausschweifendes Liebesleben kritisch kommentiert und hinterfragt hat, verschwunden. Auch Moneypenny lässt sich zu viel von Bond auf der Nase herumtanzen. Wenn ein Mann viele Frauen/Affären hat, ist das kein Problem. Wenn eine Frau das macht, ist sie gleich eine Sch****e (solche Wörter nehme ich nicht in den Mund ;-) ). Ich wünsche mir daher mal eine richtige Femme Fatale als Bondgirl, eine, die Männer und Frauen gleichermaßen verführt um an ihr Ziel zu kommen und die dafür nicht blöd angeschaut wird.

    Hier noch meine Review zum Film: https://filmkompass.wordpress.com/2015/11/06/james-bond-spectre-2015/

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    1. James Bond ist und bleibt mysoginistisch. Das wird auch so bleiben. Anders als du es siehst, sind wir auch der Meinung, dass Judi Dench da nichts dran ändert. SKYFALL hat eines der schlechtesten Bond-Girls und damit verbunden eine der unpassendsten und albernsten "Verführungsszenen", die Bond je gezeigt hat!
      Wir sehen da gar keinen Schritt vorwärts, den man hätte zurückgehen können ... :/

      Grundsätzlich hast du aber recht. Nur wird das bei Bond wohl nie passieren. Wir haben aber noch Hoffnung für die MISSION: IMPOSSIBLE Reihe. :D

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  4. Sehr interessanter und guter Beitrag!

    Als ich nach wochenlanger Vorfreude endlich in Spectre saß, neben mir zwei Herren im Smoking, stellte ich mir nur die Frage ob ich recht habe mit meiner Vermutung. Die Gunbarrel-Sequenz ist wieder am Anfang. Der James Bond den wir aus der Connery-Ära kennen ist wieder da.

    Und genauso war es ja auch: Machohaft, sexistisch und auch kalt (wie bei Goldfinger: Das Mädchen ist mit Gold überzogen......ja mit Gold). Und ich sehe auch die Bösewicht - Bond Szene ähnlich wie ihr!
    Ich hab mir mehr erwartet von den anderen Darstellern, das Bondgirl fand ich blass, Blofeld hätte irgendwie auch gruseliger und aggressiver wirken können, allerdings finde ich das Walz auch nicht die körperliche Präsenz, wie die alten Bösewichte (Jürgens, Fröbe) hat.
    Lose Enden aus den anderen drei Filmen finden hier zusammen. Man erfährt warum Bond so ist, wie wir das hin von früher kennen. Und Mr. White hat den Beißer mit drei Bösewicht-Auftritten abgelöst.

    Alles in allem, ich fand ihn gut! Auch wenn ich mir was anders erwartet hatte. Und ich glaube, auch bei all der Diskussion, Craig macht noch mindestens einen Bond!

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    1. Vielen Dank für deine ausführliche Analyse.
      Wir hoffen auch auf einen weiteren Craig-Bond, einfach weil wir die These vertreten, dass mit Craig mindestens ein weiterer Bond geplant war. Nur so könnte dieser etwas mittlemäßige Teil Substanz, einen komplexen Aufbau erhalten.
      Nun, mit seiner aktuellen Gagenforderung von 150 Millionen Dollar für zwei weitere Teile hat Daniel Craig das Vorhaben aber in weite Ferne geschoben.
      Wir warten ab und werden bestimmt darüber berichten.

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