15.07.15

Porträt: Donald Sutherland - Der treue Idealist

Du hast den Zuschauern gegenüber die Verpflichtung, eine Art Wahrheit zu liefern. Es ist ein leidenschaftliches Unternehmen. Voller Wunder, Glücksgefühle, aber auch sehr viel Angst davor, zu scheitern oder zu enttäuschen. Davor, dass du deinen eigenen Ansprüchen nicht gerecht wirst, dass du die Wahrheit nicht findest, oder dass sie die Menschen nicht erreichen wird. Dann wärst du ein Versager.

Quelle: DVD "Eine ganz normale Familie" © Paramount Pictures Home Entertainment
Biancas Blick:

Donald Sutherland ist einer dieser Stars, die einer Institution gleichen. Als wäre er immer schon dagewesen. Drei Generationen von Kinogängern kennen sein Gesicht mittlerweile. Nach 53 Jahren als Schauspieler hat er mehr als 180 Auftritte in Filmen und Serien aufzuweisen, hinzu kommen etliche Theaterauftritte und sein nicht enden wollender Einsatz für die Menschheit.
Dennoch war er nie ein "Superstar". Donald Sutherland war kein Posterboy, sammelte keine Groupies, machte nur selten - und in jungen Jahren - mit Skandalen auf sich aufmerksam.
Aber es gelingt ihm in jedem Film aufs Neue, seine Zuschauer zu fesseln und zu faszinieren - und vor allem, sie zu berühren. Immer wieder gelingt es seinen Filmen, seinen Figuren, die Zuschauer mit einem Gefühl der Beklemmung zu entlassen, mit einer nachdenklichen Aura. Sutherlands Filme bewegen etwas im Publikum. Das gelingt ihm nicht nur durch sein riesiges Talent, sondern vor allem durch seine ganz und gar persönliche Rollenauswahl.

Dabei wurde der idealistische Künstler zumindest von der Academy bislang sträflich geschnitten. Trotz sieben Golden Globe Nominierungen in den letzten 40 Jahren (zweimal erhielt er den Preis), und trotz immer wieder herausragender Leistungen in Klassikern und Meisterwerken wie M*A*S*H, KLUTE, WENN DIE GONDELN TRAUER TRAGEN, DER TAG DER HEUSCHRECKE oder DIE KÖRPERFRESSER KOMMEN erhält das Urgestein des New Hollywood bis heute keine einzige Oscar-Nominierung.
Quelle: Blu Ray "Stoßtrupp Gold" © Warner Home Video
Und vermutlich braucht er nicht mal eine - denn auch ohne Statuette wird er von Publikum und Kritikern gleichermaßen verehrt.


Der Anfänger


Donald McNichol Sutherland wird am 17. Juli 1935 als Sohn schottischer Eltern in Kanada geboren.
Das kränkliche Kind tritt schon zu Schulzeiten einer Theatergruppe bei und arbeitet beim Radio. Hier erlangt seine heute so markante Stimme erstmals Bekanntheit, als er den Scrooge in einer Radioadaption von Dickens "Weihnachtsgeschichte" spricht.
Bald steht er auch als Comedian auf der Bühne, uns sammelt, mit gutem Erfolg, erste Bühnenerfahrung.

In Toronto studiert er Theaterwissenschaften und Ingenieurswesen, tritt einer Theatergruppe bei und wird im Shakespeare-Stück "Der Sturm" vom Theaterkritiker Herbert Whitaker entdeckt, der ihn ermuntert, der Schauspielerei zu folgen.

Sutherland folgt dem Rat und geht 1957, nach seinem Studium, an die Londoner Royal Academy of Dramatic Art. In seinem Debüt steht er an der Seite von Rex Harrison, einem der bekanntesten englischen (Bühnen-) Schauspieler seiner Zeit.
Bei einer Theatertournee durch England wird er wiederum von Produzent Paul Malansky entdeckt, der ihn in dem Independent-Horrorfilm DAS SCHLOSS besetzt.

Um sich für größere Rollen bekannter zu machen, nimmt Sutherland in jener Zeit viele kleinere Rollen an, so etwa in einigen Horrorfilmen der Hammer Studios, und bestreitet Fernsehauftritte in Serien wie SIMON TEMPLAR oder MIT SCHIRM, CHARME UND MELONE. Sie bilden den Grundstock für seine Karriere, denn 1967 ergattert er eine kleine Rolle in Robert Aldrichs DAS DRECKIGE DUTZEND. Drei Jahre später gelingt ihm der endgültige Durchbruch: Als zynischer Alkoholiker und Feldarzt in M*A*S*H wird er auf Anhieb zum Weltstar.
Quelle: DVD "Das dreckige Dutzend" © Warner Home Video

Der Frauenunterstützer


Sutherland ist nicht der Star, der sein Privatleben öffentlich macht, oder seine Ansichten offen zur Schau stellt. Wer den Mensch Sutherland verstehen will, muss sich die Rollen anschauen, die er spielt - aber auch die Art, wie er seinem Beruf nachgeht.

So beklagt Donald Sutherland stets die Tatsache, dass es in amerikanischen Filmen (bis heute) so wenig gute Frauenrollen gibt. Überhaupt scheint ihm die Rolle der Frau im Film schon immer wichtig gewesen zu sein.
So erklärt er etwa, dass er oft darum bemüht sei, dass sein Name erst an zweiter Stelle im Vorspann und auf Plakaten erscheine, wenn er der Ansicht ist, dass der Film eine starke und bewundernswerte Frauenrolle mit sich bringt, so zum Beispiel bei KLUTE (in dem er immerhin den Titelhelden spielt) und WENN DIE GONDELN TRAUER TRAGEN.
Darüber hinaus gibt er an, durchaus schon Filmrollen abgelehnt zu haben, wenn ihm die Frauenfiguren darin zu flach erschienen. Das sei eine Moralvorstellung, die er nicht vertrete, womit auch der Film uninteressant für ihn sei.
Quelle: DVD "Klute" © Warner Home Video
Dabei gilt Sutherland, zumindest für eine Weile, durchaus als Sexsymbol. Mitverantwortlich dafür ist vermutlich die legendäre Sexszene zwischen Sutherland und Julie Christie im Psycho-Drama WENN DIE GONDELN TRAUER TRAGEN. Seit damals halten sich die Gerüchte hartnäckig, die beiden Schauspieler hätten echten Sex vor der Kamera gehabt.
Dabei sieht Sutherland selbst die Stelle gar nicht als "Sexszene", denn der "Sex" dauere gerade einmal 20 Sekunden. Vielmehr sei es eine Szene innigster Vertrautheit zwischen zwei Menschen, die gerade ihr Kind verloren haben.
Bei den Dreharbeiten sind nur er selbst, Christie, Regisseur Roeg und Kameramann Richmond anwesend. Die beiden Schauspieler kennen sich gerade einmal zwei Tage, und nichts an dem Augenblick ist besonders romantisch. Roeg ruft dauernd Sätze wie "Okay, Julie, heb dein Kinn", oder "Donald, küss' bitte Julies Brust" oder "Okay, Julie, komm jetzt bitte."
Die ungeheure Wirkung der Szene schiebt Sutherland dem Regisseur in die Schuhe, der die Szene in einer Art inszeniert und montiert habe, dass sie bis heute so "real" wirke.

Auf der anderen Seite, wundert er sich, habe bei der Sexszene in KLUTE kaum jemand das Gefühl gehabt, dass der Sex echt sei - und dabei lief zwischen Sutherland und seiner Partnerin Jane Fonda (die für den Film den Oscar erhält) wirklich etwas.

Es bleibt vermutlich Sutherlands größter privater Skandal. Für Fonda verlässt er seine zweite Frau Shirley Douglas und seinen damals vierjährigen Sohn Kiefer, sowie dessen Zwillingsschwester Rachel.

Der pure Idealist


Dabei ist die Beziehung zu Fonda, die knappe zwei Jahre hält, eine prägende Zeit für Sutherland, der sich unsterblich in die junge, wilde Aktivistin verliebt.


Sutherland selbst ist ebenfalls bereits seit Mitte der Sechziger flammender Aktivist. Er bezieht immer wieder klar Stellung gegen den Vietnamkrieg und ist in der Bürgerrechtsbewegung für die Schwarzen aktiv. Schnell bringt er auch seine Frau Shirley Douglas mit ins Boot, die hilft, eine Fundraising-Gruppe für die Black Panther zu gründen. Beim Versuch, Handgranaten für die militante Bürgerrechtsgruppe zu kaufen, wird sie allerdings verhaftet - so heißt es zumindest. Sie selbst behauptet, das Ganze wäre ein Trick des FBIs gewesen, was durchaus deren damaligen Methoden entsprechen würde.
Später, nach der Trennung von Sutherland, und aufgrund der Verhaftung, entzieht man Douglas die Aufenthaltsgenehmigung, und sie zieht mit den Kindern nach Toronto.
Quelle: Blu Ray "Wenn die Gondeln Trauer tragen" © STUDIOCANAL
Sutherland und Fonda bleiben in den USA, und gemeinsam starten die beiden eine Bühnenshow, mit der sie durch das Land tingeln, und was sie auf Film festhalten. Die Show heisst FTA, was offiziell zwar für "Free the Army" stehen soll, insgeheim aber "Fuck the Army" meint. Die Agitations-Revue wird von 60.000 GIs gesehen und gefeiert. Sie ist sarkastisch, komisch, ironisch und unterhaltsam - noch heute ist Sutherland von seiner damaligen Aktion überzeugt.

"Es war eine kulturelle Attacke gegen diese Invasion in Vietnam. Jane und ich waren leidenschaftlich überzeugt, dass man etwas gegen diesen Krieg unternehmen müsse. Jane Fonda war und ist eine wunderbare, mutige Frau, die nichts mit dem Bild der verhärteten Dogmatikerin zu tun hat, das die amerikanische Rechte bis heute von ihr zu zeichnen versucht", erklärt er.
Zumindest Jane Fonda, womöglich auch Sutherland selbst, steht zu diesem Zeitpunkt unter Beobachtung. 22.000 Seiten sammelt das FBI in ihrer Akte - sie öffnen Fondas Post, zapfen ihr Telefon an, verbreiten die Nachricht, sie plane ein Attentat auf Präsident Nixon.
Fonda selbst treibt ihren Kampf immer härter, hofft bei öffentlichen Auftritten auf einen Sieg des Vietcong, oder versammelt Protestler, die sie wie tote Vietcong kleidet, im Vorgarten von Komiker Bob Hope, der immer wieder die Truppen in Übersee besucht.

Kurz darauf trennt sie sich von Sutherland, mit dem Argument, sie trete in eine Phase ihres Lebens ein, die sie nicht nur mit einem Mann teilen könne. Bald machen Gerüchte die Runde, dass sie sich äußerst aktiv mit diversen Aktivisten treffen würde.


Der Rollenauswähler


Wer jedoch Sutherlands eigenen Idealismus erst einmal verstanden hat, versteht auch seine Art, Filme zu drehen - und besonders seine Rollenauswahl!
Ausnahmslos übernimmt Sutherland immer wieder die Rollen extrem überzeugter Idealisten, vornehmlich in Filmen, deren Aussagen seinen eigenen entsprechen. Reine Unterhaltung ist nur selten sein Ding, er begeistert sich für Filme, deren Message er unterstützt - oder deren Frauenbild er verbreiten will. Dabei ist es unabhängig, ob er einen Helden spielt, wie in DIE KÖRPERFRESSER KOMMEN, DIE JURY, oder BUFFY - DIE VAMPIRJÄGERIN, oder einen Schurken wie in BACKDRAFT oder OUTBREAK. Sutherlands Figuren sind ausnahmslos zutiefst überzeugte Menschen, die Filme prangern immer wieder das System an.

In den 70er Jahren sind Sutherlands Rollen zu einem großen Teil politisch motiviert. M*A*S*H* und KLUTE etwa sind offene Angriffe auf das herrschende System, und DIE KÖRPERFRESSER KOMMEN ist eine nur wenig verschleierte Parabel auf die Furcht der Amerikaner vor der Unterwanderung durch die Kommunisten - während der Film überhaupt eine große Horrorgeschichte über Unterwanderung ist.
Quelle: DVD "Die Körperfresser kommen" © Twentieth Century Fox
Sutherlands kurze Rolle in Oliver Stones JFK trieft geradezu vor dem Wunsch, der eigenen Regierung das Handwerk zu legen, und in DIE JURY spielt er einen Anwalt, der bedingungslos für die Gleichstellung der Schwarzen und den Kampf um Gerechtigkeit und eine bessere Welt eintritt.

Für Sutherlands Karriere bedeutet das zum einen, dass viele seiner Filme und Rollen ein unangenehmes Gefühl beim Zuschauer hinterlassen. Das Gefühl, dass mit dem aktuellen Zustand etwas nicht stimmt. Wer so konsequent auf Missstände hinzuweisen versucht, für den ist diese Wirkung natürlich wünschenswert.
Es ist diese Konzentration, diese Art, in der Sutherland immer wieder Rollen ausgewählt hat, die ihm selbst entsprechen, und seinem Wunsch, die Welt zu einem besseren Ort zu machen, die ihn bei jedem Auftritt wieder leuchten lässt.


Der Regie-Liebhaber


Sutherland selbst würde vermutlich auch seinen Regisseuren einen guten Teil des Verdienstes abgeben.
Denn spricht man ihn auf seine schauspielerischen Leistungen an, verweist Sutherland immer wieder auf seine Regisseure, die die Arbeit gemacht hätten. Er sei ein Regisseur-Schauspieler, der ihnen ganz und gar vertraue und sich füge.

Wie sehr Sutherland seine Regisseure verehrt, sieht man daran, dass er vier seiner Kinder nach Regisseuren benennt.
Seinen ersten Sohn Kiefer beispielsweise benennt er nach Warren Kiefer, einem der ersten Regisseure in seiner Laufbahn, mit dem er einige Horrostreifen gedreht hat. Sein Sohn Rossif wurde nach Frèdèric Rossif benannt (mit dem Sutherland nie gearbeitet hat), Roeg Sutherland wurde nach Nicolas Roeg getauft, der Sutherland in WENN DIE GONDELN TRAUER TRAGEN inszeniert, und Angus Redford Sutherland trägt den Namen von Robert Redford, mit dem Sutherland EINE GANZ NORMALE FAMILIE dreht.
"Ich bin seit 41 Jahren mit meiner Frau zusammen", erklärt Sutherland, "Und ich finde es sehr großzügig von ihr, dass sie es seit 41 Jahren mit mir aushält. Aber ja, meine Regisseure habe ich immer geliebt, auf andere Weise. Am meisten vielleicht Frederico Fellini." Mit ihm dreht Sutherland FELLINIS CASANOVA.
Quelle: DVD "Fellinis Casanova" © STUDIOCANAL
Noch heute beschwört er die all wunderbaren Szenen herauf, die er mit seinen Regisseuren kreieren durfte.
Sei es das gelungene Porträt einer Familie, die nach dem tragischen Tod eines Kindes in den Abgrund zu stürzen scheint (EINE GANZ NORMALE FAMILIE), das Porträt zweier verlorener Seelen in den Fängen des Staatsapparates (KLUTE von Alan J. Pakula), die Infiltration unfassbarer Gefahren, irrational und vereinnahmend (DIE KÖRPERFRESSER KOMMEN von Philip Kaufman) oder der Wahnsinn des Krieges (DAS DRECKIGE DUTZEND von Robert Aldrich und M*A*S*H* von Robert Altman). 
In seinen Interviews spürt man seine Liebe für seine Regisseure bis heute und auch die Dankbarkeit, an ihren Visionen und Wahrheiten teilgehabt zu haben.


Wie intensiv Sutherland sich auch auf die kleinste Rolle vorbereitet, beweist er in seiner namenlosen Rolle in JFK, eine seiner besonders idealistischen Figuren. Sein Auftritt währt kaum 15 Minuten in einem 3 Stunden Film, und beinhaltet einen Spaziergang im Park an der Seite von Jim Garrison, dargestellt von Kevin Costner.
Sutherlands Figur ist fest davon überzeugt, dass JFK aus dem Inneren der amerikanischen Politik heraus ermordet wurde, aus rein finanziellen Motiven. Dass diese einzelne Szene den Zuschauern des Films dennoch so gut im Gedächtnis bleibt, mag an seiner halbjährigen Arbeit daran liegen.
"Zur Vorbereitung gingen meine Frau und ich drei Monate lang durch den Bois de Boulogne in Paris, wo wir eine Wohnung haben. Der Text muss ein Teil des Körpers, des eigenen Wesens werden. Diese Figur ist sehr rational und zugleich vom Schmerz zerrissen. Der Mann kann Kennedys Tod nicht verwinden. Das geht mir ähnlich."
Quelle: Blu Ray "JFK - Tatort Dallas" © Twentieth Century Fox

Der Independent-Vater


Auch an seine Kinder gibt Sutherland sein Film-Gen weiter. Zwar ist Kiefer, der ohne seinen Vater aufwächst, heute der berühmteste Sprößling (zweimal sind die zwei im selben Film zu sehen, 1983 in MAX DUGANS MONETEN und 1996 in DIE JURY - im bald startenden Western FORSAKEN spielen die beiden erneut gemeinsam, und diesmal sogar Vater und Sohn), allerdings auch der umstrittendste.

Sohn Roeg produziert lieber, und zwar - ziemlich erfolgreich - Independentfilme.
In Filmen wie DIE GRÄFIN, RABBIT HOLE, ZERO DARK THIRTY, DALLAS BUYERS CLUB, BIRDMAN oder KIND 44 hat er seine unterstützenden Hände im Spiel und ihm wird namentlich in jedem dieser Filme für die Realisierung gedankt.
Ein Idealist wie sein Vater!
„Klar, können Independentfilme und Blockbuster weiterhin nebeneinander koexistieren, wenngleich es immer schwieriger wird“, lautet der Kommentar von Vater Donald Sutherland. „Momentan gibt es aber schon einen Umbruch, weil kaum noch Filme in der Mitte finanziert werden - nur noch entweder Mega-Etat oder verschwindendes Budget. Das macht es schwierig.“

Der Präsident der Jugend


Nach etlichen kleineren Rollen taucht Donald Sutherland 2012 als Präsident Snow wieder ganz vorne auf, in der überaus erfolgreichen DIE TRIBUTE VON PANEM Reihe. Was auf den ersten Blick wie eine etwas ungewöhnliche Rollenwahl wirkt - immerhin spielt er den despotischen Herrscher einer menschenverachtenden Dystopie - erweist sich auf den zweiten Blick als perfektes Beispiel seiner Rollenwahl und seines Wesens.
Quelle: Blu Ray "Die Jury" © Warner Home Video
Zum einen verfügt die Reihe (zumindest im ersten Teil) mit Katniss Aberdeen über eine in jeder Hinsicht moderne und vorbildliche Frauenfigur, ein Anliegen also, das Sutherland seit jeher wichtig ist. Zum anderen sieht Sutherland selbst seine Arbeit an dem Film als nahtlose Fortführung seiner aktivitischen Arbeit der 60er und 70er Jahre.
In DIE TRIBUTE VON PANEM geht es darum, sich gegen ein ungerechtes Regime aufzulehnen.

Donald Sutherland will seine moralischen Werte nicht nur in seinen Filmen widergespiegelt sehen, sondern er hofft auch, heute wie damals, mit seinen Filmen die Jugend zu verändern, sie zum Denken anzuregen, das System in Frage zu stellen.
In DIE TRIBUTE VON PANEM sieht er einen Stoff, der die Jugend von heute in die politische Aktivität zwingen sollte.
„Ich sah eine politische Qualität in dem Stoff, mit der man junge Menschen mitreißen, vielleicht sogar politisieren kann“, sagt er selbst. „Panem soll ja ganz klar die Vereinigten Staaten symbolisieren, und im Film ist der Staat Panem seit dreißig Jahren in einer Art Ruhezustand, bis Jennifer Lawrences Figur ihn aufweckt.“ Diese Hoffnung, vielleicht die heutige Jugend für politische Aktivitäten begeistern zu können, macht einen Film für ihn interessant, selbst wenn seiner Rolle nur wenige Dialogzeilen bleiben.

Schon 1992 bemüht er sich, die Jugend zu erreichen - in BUFFY - DIE VAMPIRKILLERIN (wie er eigentlich heißen müsste) spielt er Buffys Wächter Merrick. Man muss nicht lange überlegen, um zu erkennen, dass die Frauenfigur Sutherland für den Film begeistert hat. 
Zwar ist dem Film kein Erfolg beschieden, doch als Joss Whedon seinen Stoff einige Jahre später als Fernsehserie erneut auf den Markt bringt, zündet er. Buffy Summers gilt bis heute als Musterbeispiel einer vorbildhaften Frauenfigur - man darf vermuten, dass Sutherland dieser späte Erfolg der Figur nur recht gewesen sein kann.
Quelle: DVD "Buffy - Der Vampirkiller" © Twentieth Century Fox
Und tatsächlich erreicht er mit DIE TRIBUTE VON PANEM - HUNGER GAMES und den Fortsetzungen CATCHING FIRE und MOCKINGJAY Teil 1 und Teil 2 sein Zielpublikum. Erstmals in seiner Karriere erhält er für eine Rolle, und dann auch noch die des Bösewichts Präsident Snow, einige Nominierungen für Preise von Kindern und Jugendlichen, darunter den Kid's Choice Award, den MTV Movie Award und den Teen Choice Award, den er sogar gewinnt - und das mit beinahe Achtzig! Auf seine alten Tage wird er doch noch zum Posterboy.

Der unsichtbare Idealist


So entblättert sich der Mensch Donald Sutherland vor allem in seinen Filmen und seinen, immer wieder faszinierend smarten Interviews.

Er ist ein politischer Aktivist, ein Idealist, ein Träumer, Frauen- und Menschenrechtler, Weltverbesserer und ein ewig Suchender nach Gerechtigkeit – nicht nur in seinen Filmen, auch im wahren Leben. Und er hat einen Weg gefunden hat, sein Weltbild künstlerisch zu verpacken. Doch anders als viele seiner Kollegen, die diesen Weg erst gehen konnten, als sie auch hinter der Kamera aktiv wurden, blieb Donald Sutherland stets davor. Er führte nie Regie, produzierte nur wenig, und arbeitete nur einmal an einem Drehbuch mit. All seine Macht, die Welt zu Formen, legt er stets in die Figuren, deren er so mitreißendes Leben einhaucht. Und vor allem: Er blieb sich selbst immer treu, was sich in einer riesigen Zahl von Filmen zeigt, die nahezu ausnahmslos politisch und idealistisch sind.

Donald Sutherlands großes Talent und sein Geschenk liegt darin, dass er nicht nur ein entscheidender Teil dieser bis heute andauernden politischen und sozialkritischen Arbeit ist, sondern dass er seine Werte dabei stets so spielerisch und unterhaltsam offenbart.
Er ist einer jener Stars, die jeden Film adeln, wie kurz sein Auftritt auch sei. Wir sind ihm für seine unermüdliche Arbeit dankbar und hoffen, dass er sie noch möglichst lange fortsetzen wird.
Quelle: Blu Ray "Die Tribute von Panem - Mockingjay Teil 1" © STUDIOCANAL

Kommentare:

  1. Sutherland ist ein toller Schauspieler, keine Frage. Aber er gehört zu jenen, die oft nicht allzu wählerisch bei der Rollenwahl waren. Eine IMDb-Filmografie mit satten 176 Rollen spricht Bände. Da sind auch Rohrkrepierer dabei - und sicher auch viele Rollen, die er ausschließlich wegen der Gage angenommen hat.

    Aber natürlich hat er auch in einigen ganz großen Filmen mitgespielt. Meine Favoriten sind DIE KÖRPERFRESSER KOMMEN und dieser hier: https://dienachtderlebendentexte.wordpress.com/2015/02/08/wenn-die-gondeln-trauer-tragen/

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  2. Ein guter Einwand, dem wir nicht widersprechen können. Aber vielleicht erweitern oder in Frage stellen?
    Dass bei derart vielen Auftritten nicht jeder Schuss sitzt, versteht sich von selbst, und wir haben auch nicht jeden einzelnen Auftritt gesehen, gerade in den letzten zwanzig Jahren ist es, wie gesagt, etwas ruhiger geworden, und Sutherland hat viel Fernsehen gemacht.
    Allerdings fragen wir uns, ob nicht sogar seine Gurken einem Muster folgen? Selbst weniger gelungene Filme wie LOCK UP oder VIRUS, die beide in sich nicht allzu sehr meisterwerkig waren, haben durch Sutherlands Spiel enorm gewonnen - er macht den Eindruck, sich immer optimal einzubringen, egal in welchem Film er spielt.
    Ab und an finden sich zwar wirklich reine Unterhaltungsstreifen in seiner Vita, wie DÄMON oder ANIMAL HOUSE, aber kann man nicht die Theorie aufstellen, dass er etwa mit LOCK UP das Gefängnissystem kritisieren wollte, und mit VIRUS, erneut, eine starke Frauenfigur unterstützen?
    Wissen tun wir es nicht, vielleicht hat er viele Rollen wirklich nur des Geldes wegen angenommen, allerdings sind wir der Überzeugung, dass sich durch den Großteil seines Werks ein Muster, ein roter Faden zieht, und das halten wir für durchaus bemerkenswert.

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    1. LOCK UP ist zwar ein Actionfilm und Stallone-Vehikel, den würde ich aber durchaus nicht zu Sutherlands Gurken zählen. Aber ich will nicht leugnen, dass der Gute mit seinem Spiel auch Gurken adelt, obgleich er natürlich nicht jeden Schrott retten konnte.

      Was das Muster angeht, bin ich nicht so sicher. Ich entsinne mich einiger Filme (an einen ganz besonders, leider komme ich auch nach Sichtung seiner Filmografie nicht drauf), die einfach den Eindruck gemacht haben, dass er die Anfrage bekommen und die Rolle angenommen hat, ohne sich groß Gedanken zu machen. Vielleicht hatte er gerade Zeit.

      Zum Glück ist es ihm gelungen, dennoch immer wieder tolle Rollenangebote zu erhalten. Manche Schauspieler kommen nach einigen Missgriffen aus der Schublade der billigen Machwerke ja gar nicht mehr raus. So oder so: Donald Sutherland ist ein Großer, und Ihr habt ihn hier angemessen gewürdigt.

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  3. Wow, war mir gar nicht bewusst, dass Donald Sutherland bislang ohne Oscar-Nominierung geblieben ist! Sehe ihn unglaublich gerne, insbesondere die Auftritte in JFK und Stoßtrupp Gold gehören zu meinen Favoriten.

    Bei 176 FIlmen sind natürlich ein paar Füller dabei. Ich kann mich an einen Film mit ihm erinnern, in dem es um einen/mehrere Mord(e) im Sekten-Milieu geht. Der war ziemlich krude. Ich weiß leider nicht mehr, wie der Streifen heißt. "Der Mörder mit dem Rosenkranz" dürfte es nicht sein...

    Insgesamt eine tolle Werksschau!

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  4. Hallo Patrick,
    vielen Dank für das Lob, das freut uns. :) Ja, es wird wirklich Zeit, dass er endlich einmal ein wenig Anerkennung der Academy erhält. Aber er ist ja da in illustrer Runde, unter anderem mit Alfred Hitchcock, Charlie Chaplin, Richard Burton oder Peter O'Toole, die blieben ja auch alle oscarlos (waren aber wenigstens nominiert), wenn man von einem gelegentlich nachgeschobenen Ehrenoscar mal absieht...
    Wir hoffen aber, für Sutherland tut sich da nochmal was.
    Was den gesuchten Film betrifft: Das könnte sich um DIE NACHT DER DÄMONEN handeln. :)
    Tatsächlich einer seiner Füller, obwohl er durchaus als religionskritisch betrachtet werden kann - aber vielleicht gehen wir da auch zu weit. :D

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