11.04.20

American History X (USA 1998) – Ein Lehrstück von erschreckender Aktualität

An dieser Stelle muss ich wohl schreiben, was ich gelernt habe – meine Schlussfolgerung, nicht wahr? Nun, meine Schlussfolgerung lautet: Hass ist Ballast. Das Leben ist zu kurz dafür, dass man immer wütend ist. Das ist es einfach nicht wert. Derek sagt, es ist immer gut, mit einem Zitat abzuschließen. Wenn ein anderer es schon am besten formuliert hat und man selber es nicht besser kann, stiehlt man eben von ihm und verschafft sich einen starken Abgang. Ich habe eins gefunden, das Ihnen sicher gefällt: „Wir sind keine Feinde, sondern Freunde. Wir dürfen keine Feinde sein. Leidenschaft mag die Bande unserer Zuneigung anspannen, aber zerreissen darf sie sie nicht. Die mystischen Klänge der Erinnerung werden ertönen wenn, und das ist sicher, die besseren Engel unserer Natur sie wieder berühren.
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Biancas Blick:

Um zu dieser Erkenntnis zu gelangen, braucht es für Danny Vinyard eine schwere der Aufarbeitung und Rückschau, die erst beginnt, als sein geläuterter Bruder Derek aus dem Gefängnis zurückkehrt. Bis dahin aber regieren Gewalt und Rechtsradikalität das Leben der Familie Vinyard.

AMERICAN HISTORY X ist einer der Filme, die sich bereits nach einmaligem Schauen tief ins Gedächtnis bohren und dort verankert bleiben. Er ist ein Moralstück über Läuterung und Absolution, über die Liebe und den Hass der Menschen zueinander. Über die Suche nach Halt und Identität, über Prägung und Überwindung selbiger. 
Und er ist einer der wichtigsten Filme zum Thema Rechtsradikalität (in den USA) und gilt bis heute als einer der besten.

Worum geht's?


Der Neonazi Derek Vinyard kehrt nach dreijähriger Haft zurück zu seiner Familie – er hat einen Schwarzen, der sein Auto stehlen wollte, durch „Kantsteinbeißen“ ermordet. In Rückblenden erfahren wir den Grund für seine Abkehr vom Rechtsradikalismus. Radikalisiert hat ihn sein Vater, der Schwarze hasst, und die Saat des Hasses über Jahre hinweg in Dereks Kopf pflanzt. Doch im Gefängnis wird Derek geläutert und wendet sich vom rechtsradikalen Gedankengut ab.
Sein jüngerer Bruder Danny hingegen ist in Abwesenheit seines Bruders in dessen Fußstapfen getreten und mittlerweile fest in der rechtsradikalen Szene verankert. Er verehrt Cameron Alexander, den Anführer der Szene. 

Nach seiner Freilassung hat Derek zwei schwere Aufgaben zu meistern: Zum einen muss er seinen Ausstieg aus der Szene öffentlich machen und zum anderen seinen Bruder vom Einfluss der Neonazis befreien.
Der Kampf für seine eigene und die Freiheit seines Bruders droht, in einer Katastrophe zu enden ...

Am Anfang war Frank Meeink


Die Figur des Derek Vinyard basiert auf dem Leben des amerikanischen Neonazis und Mitglied der „White Supremacy“-Bewegung Frank Meeink, der 1975 geboren wird. 
Bereits mit 13 Jahren hegt er innigen Kontakt zur rechten Szene und avanciert in den kommenden fünf Jahren zu einem ihrer einflussreichsten Vertreter. Er moderiert eine eigene Talkshow und rekrutiert auf diesem Wege neue Mitglieder für seine Truppe. 
Mit 18 Jahren wird Meeink zu einer dreijährigen Haftstrafe verurteilt, da er Schwarze entführt und bis zur Besinnungslosigkeit verprügelt. 
Der Aufenthalt im Gefängnis verändert ihn. Er setzt sich zwangsweise mit verschiedenen Ethnien auseinander und hält sich von den Nazis im Gefängnis fern. Er überdenkt seine Prinzipien genau und beginnt diese kritisch zu hinterfragen und sich von der rechten Szene abzuwenden.
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Nach seiner Haftentlassung engagiert er sich für eine Organisation, die Kindern ein Leben ohne Gewalt zu vermitteln versucht und schreibt ein Buch über sein Leben und die Wandlung seiner Werte: „Autobiography of a Recovering Skinhead“. (Bisher nichts ins Deutsche übersetzt.) Er hält Vorträge und besucht Schulen, an denen Gewalt vorherrschend ist. 
2010 tritt er in einer kleinen Nebenrolle in dem amerikanischen Film DAS EXPERIMENT auf, in dem die Rollenstrukturen zwischen Häftlingen und Wärtern in einem Experiment untersucht werden.

Parallelen zum Film


Auch im Film geht es um einen im Zentrum stehenden Jugendlichen, der durch die Werte seines Vaters früh rechtsradikal vergiftet wird. Die Mutter, die die Ideale ihres Mannes nicht teilt, steht dem hilflos gegenüber. Als Dereks Vater nach einem Brandeinsatz von einem Schwarzen erschossen wird, entlädt sich der ganze aufgestaute Hass in Derek. Der Verlust des Vaters und der damit verbundene Schmerz kulminieren in einem Zweifachmord an zwei schwarzen jungen Männern, die zufällig Dereks Weg kreuzen. Besonders der zweite Mord geht als „Kantsteinbeißer-Mord“ in die Filmgeschichte ein.
Wie auch Meeink wird Derek im Gefängnis geläutert und kehrt als liberaler und humanistischer Mensch aus dem Gefängnis zurück in sein Leben. Mit Schrecken stellt er fest, dass nun sein jüngerer Bruder Danny seinem Weg gefolgt ist und sich in der rechten Szene engagiert. Mit allen Mitteln versucht er, Danny aus dem Milieu zu ziehen. Als Danny in der Schule einen Strafaufsatz schreiben muss, beschreibt er das Leben seines Bruders Derek und gelangt zu dessen Erkenntnis, dass Gewalt nur Gewalt sät und ins Nichts führt.
Am Tag der Abgabe der Hausarbeit kommt es auf der Schultoilette zu einem Zwischenfall, der all die von Derek neu entdeckten Werte in Frage stellt.

Cast und Crew


Tony Kaye erhält den Zuschlag den Film zu inszenieren. Es ist sein erster langer Spielfilm.
Joaquin Phoenix soll die Rolle des Derek Vinyard spielen. Doch Edward Norton, der eine Rolle in Spielbergs DER SOLDAT JAMES RYAN für diesen Film ablehnt, erhält den Part, nachdem Phoenix kein Interesse zeigt. 
Zunächst soll Marlon Brando die Figur des Neonazi-Gurus Cameron Alexander spielen, wird aber durch Stacy Keach ersetzt. 
Edward Furlong, der durch seine Rolle als John Connor in TERMINATOR 2 berühmt wird, spielt Danny Vinyard, Dereks jüngeren Bruder. Ihm obliegt die Aufgabe, Dereks Wandlung im Jetzt transparent zu machen. Kehrt Derek geläutert aus dem Gefängnis zurück, hat Danny diese Wandlung noch vor sich.
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Beverly D’Angelo, dem Kinopublikum eher als Komödiantin bekannt, agiert hier als Mutter einer durch ihre radikalen Ideale zerstörten Familie. D’Angelos Figur versucht, die Familie zusammenzuhalten und versteht nicht, in welche Abwärtsspirale das Geschehen die Beteiligten reißt. Sie ist das „Gute“, das „Hoffnungsvolle“ in der Familie, die das heranbrausende Unglück jedoch nicht mehr aufhalten kann. 

Die Besetzung ist beeindruckend, vor allem Edward Norton transformiert mit seiner Rolle. Er trainiert sich 15 Kilo Muskelmasse an und so wird aus dem eher schmächtigen Schauspieler eine Figur, die durch ihre reine Präsenz einschüchtert. Zu Recht erhält Norton 1999 eine Oscarnominierung als Bester Hauptdarsteller. Manchen gilt seine Charakterzeichnung bis heute als eine seiner besten Leistungen überhaupt.
„Um mich auf die Rolle vorzubereiten, habe ich zum Beispiel 'Die Abrechnung - Ein Neonazi steigt aus' des Ostdeutschen Ingo Hasselbach gelesen“, so Norton über seine mentale Vorbereitung. Angst, dass seiner Figur besonders die Rechten zujubeln hat er nicht, denn schließlich sagt „Derek sich ja im Gefängnis vom Rassismus los. Er sieht, dass sein Hass alles noch schlimmer macht.“ Auch den Vorwurf von Kritikern, der Film stilisiere rassistische Gewalt und stelle Dereks Entwicklung zum Rassisten viel überzeugender dar als seine Abkehr vom Rassismus, lässt Norton nicht stehen: „'American History X' wirkt eher emotional als intellektuell, aber gerade das ist seine Stärke: Es ist eine klassische Tragödie.“
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Der deutsche Verleih ist sich unsicher, ob er das auf dem Originalplakat gut sichtbare Hakenkreuz, das Derek auf der Brust tätowiert hat und in einer Geste des Treueschwurs berührt, abbilden darf, da hierzulande regeln gelten, wann und in welchem Kontext das Symbol gezeigt werden darf. Am Ende entschließt er sich dagegen, verschiebt den Filmtitel in die Plakatmitte und tauscht das Hakenkreuz gegen das X im Titel aus.

Beinahe sinkt das Schiff


Norton und auch Furlong machen noch während des Drehs keinen Hehl daraus, dass sie Kayes dramaturgische Führung nicht teilen und agieren mit eigenen Vorschlägen und Charakterführung. Bereits zu diesem Zeitpunkt gibt es Querelen.
Das Projekt droht zu scheitern.

Kaye ist verärgert, denn nach und nach gleitet ihm sein eigener Film aus der Hand. Zudem ist er mit Nortons Leistung unzufrieden und weigert sich schlussendlich, den Film im Schnitt zu beenden. Norton übernimmt den Schnitt, woraufhin Kaye ihm vorwirft, die Szenen mit sich selbst extra zu erweitern.
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Das Ganze endet in einer fürchterlichen (und unterhaltsamen) Schlammschlacht zwischen Kaye, Norton und dem Studio New Line Cinema. Als die Director's Guild Kaye verbietet, seinen Namen aus dem Projekt zu ziehen, versucht er, das Studio zu zwingen, ihn unter dem Pseudonym „Humpty Dumpty“ zu nennen (statt „a Tony Kaye Movie sollte es auf den Plakaten und im Vorspann heißen: „a Humpty Dumpty Movie“), doch das Studio lehnt ab. Kaye verklagt die DGA und New Line Cinema auf 200 Millionen Dollar und erklärt, dass die DGA seine Änderungsrechte verletzt habe. "Die Filmindustrie hat den Plot hier völlig verloren", sagt Kaye. "Der Kontakt zur Realität ist verloren gegangen. Und genau das manifestiert sich in all dem Mist, den der Film nun erzeugt. Und ich bin davon überzeugt, dass, wenn man die Beherrschung verliert, schreien muss. Ich glaube nicht unbedingt, dass man irgendjemanden schlagen muss, aber wenn man sich wirklich aufregt, muss man laut schreien. Und wenn man dies öffentlich tun kann, sollte man es auch tun ... "

Auf den Disput angesprochen, erklärt Norton nur: „Kaye sagt auch, er sei der größte Regisseur seit Stanley Kubrick. Man muß nicht alles glauben, was er erzählt.“ 
Es versteht sich wohl von selbst, dass es zu keiner weiteren Zusammenarbeit der beiden gekommen ist.

Nach seiner Premiere erweist sich AMERICAN HISTORY X schnell als internationaler, sensationeller finanzieller und Kritiker-Erfolg, trifft er doch gerade in Amerika den Nerv der Zeit.
Damals vermutet wohl niemand, dass die Thematik auch in Deutschland 20 Jahre später nochmal so aktuell werden wird.


Die große Karriere bleibt Kaye nach seinen desaströsen Eskapaden um den FIlm verwehrt. Finanziell und beruflich ist er ruiniert. Er widmet sich anschließend hauptsächlich der Inszenierung von Musikvideos, Kurzfilmen und Dokumentationen, die aber nie wieder ein derart begeistertes Medienecho  erzeugen wie AMERICAN HISTORY X.
Auch das Highschooldrama DETACHEMENT von 2011, in dem vor allem Adrien Brody brilliert, bleibt unglücklich. Bryan Cranston, der ebenfalls einen Lehrer spielt sagt in einer Pressekonferenz 2012: "Tony Kaye ist sehr komplizierter... aber irgendwie interessanter Wegbegleiter. Aber ich glaube, dass ich wohl nicht noch einmal mit ihm arbeiten werde ...“

Um 2017 beendet Kaye eine Dokumentation namens HUMPTY DUMPTY, in der er die Hintergründe des Films nochmals aufrollt, erste Vorführungen im kleinen Kreis gab es bereits 2007, doch dauerte die Endfassung weitere zehn Jahre an.
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Es ist über 20 Jahre her, dass Kaye, ein erfolgreicher Video- und Werberegisseur, seine Karriere als Filmemacher bei AMERICAN HISTORY X begann. Heute sagt er, er habe seine Dämonen besiegt – oder sie zumindest "unter Kontrolle gebracht". Am wichtigsten für ihn sei es, endlich die schöpferische Freiheit gefunden zu haben, die ihm bei seinem ersten Auftritt verlorengegangen war.

Was bleibt?


Als AMERICAN HISTORY X 1998 anläuft, porträtiert er eine politische Gruppe, die fast überall in der westlichen Welt, in Amerika, Deutschland und der ganzen Welt, am sozialen Rand existiert. Das hat sich in den Jahren seither deutlich geändert. Heute ist der Hass, vor dem der Film sein Publikum warnen wollte, Teil der politischen Bühne in den USA, und zwar höher als man es sich damals hätte vorstellen können. Auch in anderen westlichen Ländern haben sich die Strukturen und Vorstellungen der „White Supremacists“ und Ihresgleichen bis tief in die Mitte der Gesellschaft und die politischen Spitze etlicher Länder vorbewegt. Damals stammten derart rechte und rassistische Ansichten aus sozialen Gruppen weit abseits des Mainstreams. Heute werden sie wie selbstverständlich In Parlamenten und auf Pressekonferenzen und Auftritten demokratischer Regierungsvertreter in aller Welt geäußert. 

Mehr als zwanzig Jahre nach der Kinopremiere von AMERICAN HISTORY X können Menschen in den USA und anderswo immer noch davon profitieren, sich den Film anzuschauen. Die Geschichte der beiden Brüder zeigt, dass wir als Gesellschaft weiße Rassisten für ihr Verhalten zur Verantwortung ziehen sollten, wie Sweeney (der schwarze Schuldirektor) es mit Derek tut. Dass wir diese Menschen davon überzeugen können, ihren Hass auf das „Andersartige“ in Menschen abzulegen und stattdessen die „Gemeinsamkeiten“ zu lieben, wie Derek es bei Danny macht. Nicht zuletzt führt AMERICAN HISTORY X uns vor Augen, dass wir nicht untätig bleiben sollten, denn Gewalt ist ein Unkraut, das von allein nicht vergeht, und auf allen Seiten nur Opfer hervorbringt, niemals Sieger.
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