28.01.16

Kinokritik: Brooklyn (GB/CA/IE 2015)

“Du musst wie eine Amerikanerin denken”, erklärt die selbstbewusste Frau dem jungen, verängstigten Mädchen neben ihr an der Reling. „Du wirst so krank fpr Heimweh sein, dass du sterben möchtest, und es gibt nichts, das du dagegen tun kannst, außer es durchzustehen. Und das wirstdu, und es wird dich nicht umbringen. Und eines Tages wird die Sonne aufgehen, so fein, dass du es nicht einmal sofort bemerken wirst. Dann wirst du dich dabei erwischen, wie an etwas oder an jemanden denkst, der keinerlei Verbindung zu deiner Vergangenheit hat. Jemanden, der nur dir gehört. Und du wirst erkennen, dass das jetzt dein Leben ist.” 
© 2015 Twentieth Century Fox

Biancas Blick:

Im Anschluss wird die Frau dem jungen Mädchen noch den Rat geben, während der Überfahrt nichts zu essen. Und sie wird wissen, wovon sie spricht.
Denn die junge Frau ist Eilis, und sie hat all das, was sie dem Mädchen gerade erklärt, bereits hinter sich.
BROOKLYN ist ein Film, der davon handelt, seine Heimat zu verlassen und woanders eine neue zu finden. Von den Emotionen der Fremde, des Heimwehs, des langsamen Einfühlens in eine neue, fremde Welt, die allmählich die eigene wird.

Fremde neue Welt


In BROOKLYN verfilmt John Crowley den gleichnaimgen Bestseller von Colm Tóibín mit hochkarätiger Besetzung und heimst dafür gleich drei Oscarnominierungen in den wichtigsten Kategorien ein. (Bester Film, Beste Hauptdarstellerin und Bestes adaptiertes Drehbuch für Nick Hornby. Näheres zu Nick Hornby könnt ihr in unserer Besprechung zum Film WILD lesen, für dessen Drehbuch Hornby ebenfalls verantwortlich war.)

Die junge Irin Eilis (sprich: Elisch) Lacey verlässt 1952 ihr irisches Heimatdorf, in dem sie keine Zukunft sieht, um in Amerika ein besserers Leben zu finden und lässt ihre Mutter und ältere Schwester zurück.
Ein in Brooklyn ansässiger irischer Pfarrer vermittelt ihr einen Job als Verkäuferin in einem Kaufhaus und eine Unterkunft in einem Boardinghouse, wo sie mit einer Handvoll anderer Mädchen lebt.
© 2015 Twentieth Century Fox
Nach anfänglich schwerem Heimweh gelingt es Eilis, sich allmählich zu emanzipieren und ihr neues Leben zu akzeptieren. Sie beginnt, wie ihre Schwester Buchhaltung zu studieren, um sich beruflich weiterzuentwickeln und verliebt sich in Tony, einem italienischen Klempner, den sie heimlich heiratet.

Nach einem schweren Schicksalsschlag ist Eilis gezwungen, in ihre irische Heimat zurückzukehren und sich ihrem alten Leben zu stellen. Als sich hier jedoch verlockende Zukunftsaussichten ergeben, findet Eilis sich in einer schwierigen Situation wieder: Akzeptiert sie ihr Glück in der alten oder in der neuen Heimat?

Was ist neu – was ist anders?


Die Geschichte an sich scheint dem seit vielen Jahren populären Thema von Auswandererfilmen nichts Neues hinzufügen zu können, und doch gibt es einen entscheidenden Unterschied zu vorangegangenen Dramen: Es ist nicht nur die Geschichte der Immigration, des Hineinfindens in eine neue Welt, ein neues Leben – BROOKLYN ist viel mehr eine der feinsten und am sensibelsten erzählten Emanzipationsgeschichten des jüngsten Kinos.
© 2015 Twentieth Century Fox
Eilis muss sich nicht nur mit einer fremden Kultur, sondern vor allem mit sich, ihrem Leben, ihrer Rolle und Stellung innerhalb der Gesellschaft auseinandersetzen.
Während ihr Leben in Irland bereits vorherbestimmt ist, entdeckt sie in Amerika ungeahnte Möglichkeiten – sowohl emotional, als auch in ihrer beruflichen Entfaltung und dem damit einhergeheneden gesellschaftlichen Ansehen.
Doch wäre das allein zu einfach. Deshalb wird Elis neugewonnene persönliche Freiheit mit ihrer tief verwurzelten Verantwortung ihrer Familie gegenüber in Kontrast gestellt, was ihre Entscheidung, das Land zu verlassen, auf eine harte Probe stellt.
Das ist sensibel. Das ist in dieser Form neu.

Das Drama ist still inszeniert, durchwoben von feinen, humorvollen Augenblicken und sympathischen Figuren. Es konzentriert sich voll und ganz auf das reduzierte und berührende Spiel von Saoirse Ronan (Auch hier wieder eine ungewöhnliche irische Aussprache, die am ehesten mit „Sier-sha“ umschrieben werden kann.) Ronan untermauert hier wieder einmal ihre Stellung als eine der besten Schauspielerinnen ihrer Generation.
Die Partner, die ihr an die Seite gestellt werden, agieren unterstützend, zurückhaltend und sind dennoch wunderbar skizziert: Emory Cohen als italienischer Klempner Tony Fiorello und Domhnall (Und noch ein Aussprachewunder: „Dohnal“) Gleeson  als irischer Glücksfang Jim Farrell.
Ronans Chemie zu ihren Partnern stimmt bis in die Haarspitzen, was die emotionalen Konflikte absolut nachvollziehbar macht.
Der Film macht es sich in keiner Szene einfach und das macht das Hin- und Hergerissensein von Eilis glaubwürdig und zieht den Zuschauer in seinen Bann.

Brooklyn – Stadt der irischen Hoffnung


Brooklyn, 1634 von den Niederländern als Breuckelen gegründet, ist bis 1898 eine eigenständige Stadt, bevor sie New York als Stadtteil zugeordnet wird. Durch seine Lage am East River und am Atlantik ist Brooklyn schon immer erster Anlaufpunkt der großen Immigrationswellen, die über New York hinwegspülen. Bis heute ist Brooklyn der bevölkerungreichste Stadtteil New Yorks.
Die Bevölkerung Brooklyns spiegelt eben auch die Immigrationswellen wider: Italiener, Iren, Polen und Deutsche sind die stärksten Bevölkerungsgruppen.

Die erste große Immigrationswelle aus Irland erfolgt 1845–1852. Ursache dafür ist die berüchtigte „Great Potato Famine“, die große Kartoffelfäule, die eine landesweite Hungersnot hervorruft und wenigstens eine Million Menschenleben fordert. Die auf Kartoffeln spezialisierten Krankheitserreger durchsetzen den Boden und machen jegliche Ernte unbrauchbar. Zwei Millionen Iren emigrieren nach New York.
Bis 1911 gelangen insgesamt etwa 4,5 Millionen Iren nach Amerika, sie alle müssen durch das Nadelöhr Ellis Island, eine kleine Insel vor New York, die mit der Freiheitsstatue, unter deren wachsamem Blick Einwanderer geprüft und registriert werden.
Ein Großteil der Iren findet übrigens eine Beschäftigung in den Bautrupps der Stadt, weshalb die oft zitierte Weisheit, „New York wurde von Iren erbaut“ nur halb so ironisch ist, wie sie manchmal genutzt wird.
© 2015 Twentieth Century Fox
In den 1950er Jahren kommt es zur nächsten großen Auswanderungswelle der Iren. Grund diesmal: Die Wirtschaftslage. Irland war nicht am Zweiten Weltkrieg beteiligt, bekommt aber dessen wirtschaftlichen Folgen spüren. Das Land wird vom Marshall-Plan  ausgeschlossen. Das Ergebnis ist eine am Boden liegende Staatswirtschaft. Jobs sind rar gesät, ein riesiger Teil der Iren ist verarmt, und besonders für Frauen bieten sich kaum noch Perspektiven. Hunderttausende Iren verlassen das Land, knapp ein Drittel davon reist über den Atlantik in die USA. Viele davon bleiben unter „Ihresgleichen“ – in Brooklyn.

Wie im Film (und Roman) dargestellt, ist es oft die katholische Kirche, die den Neuankömmlingen unter die Arme greift. Sie ist nicht nur die einzig kompetente Organisation, die das kann, sondern den Iren auch ein vertrauter Ansprechpartner. Sie vermittelt den jungen Frauen wichtige Kontakte, Arbeit und Unterkunft. Und sie veranstaltet Tanzabende, um die Immigranten schnellstmöglich zu verheiraten und so ein dauerhaftes Leben in Amerika zu sichern.

Ebenfalls der Realität entspricht die im Film gezeigte Durchmischung von Iren und Italienern. Wer im New York der 1950er Jahre von „Mischehen“ spricht, meint damit keine Ehe zwischen Schwarzen und Weißen, sondern von Iren und Italienern. Diese „Mischehen“ sind seinerzeit äußerst populär und ein Quell ewiger Skandale.

Wo der Film fiktiv wird, ist Eilis‘ Rückreise nach Irland. Die echten Auswanderinnen haben nur selten ein Interesse daran, in die Heimat zurückzukehren und wieder dort zu leben. Ihr Heimweh nimmt schnell ab; zu ungewöhnlich, zu anders ist das Leben in Amerika, zu offen und zu selbstbestimmt. Die meisten von ihnen schicken ihren Familien lediglich Geld, um sie finanziell zu unterstützen.
Eilis‘ Fahrt zurück nach Irland und ihr Schwanken, dort zu bleiben, ist also der fiktivste (und dramatischste!) Aspekt von Film und Roman.

Drei junge Wilde


BROOKLYN punktet zudem mit seinen drei Hauptprotagonisten: Eilis, Tony und Jim, sowie deren Darstellern.
Handlung und Inszenierung von BROOKLYN sind unauffällig bis bieder. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass BROOKLYN zwei Jahrzehnte zu spät kommt, denn die Zeit der großen Liebesdramen ist lange vorbei, und im Kern ist BROOKLYN eine (hervorragende!) Schmonzette. Im besten Sinne.
Was den Film auch für Nicht-Liebhaber seichter Irland-Romantik interessant macht, ist neben der ungewöhnlich feministischen Erzählweise vor allem das Spiel dieser drei Hauptdarsteller.

Saoirse Ronan (wir erinnern uns: Sier-sha!) ist irische Schauspielerin und macht mit einem Donnerschlag auf sich aufmerksam: 12-jährig spielt sie Briony in dem Kriegsdrama ABBITTE, wofür sie, nahezu aus dem Stand, Oscar- und Golden Globe-Nominierung einheimst.
Es gelingt ihr sogar stellenweise, ihre starken Kollegen James McAvoy und Keira Knightley an die Wand zu spielen.
Zum Film kommt sie durch ihren Vater, Paul Ronan, ebenfalls Schauspieler (VERTRAUTER FEIND), der seine Tochter bereits früh mit an die Filmsets nimmt.
Seit dem Durchbruch 2007 dreht sie wenig, hat aber immer prägnante Auftritte: IN MEINEM HIMMEL, WER IST HANNAH?, SEELEN, GRAND BUDAPEST HOTEL oder zuletzt in LOST RIVER, dem umstrittenen Regiedebüt von Ryan Gosling.
Die Rolle der Eilis schnappt sie übrigens Rooney Mara weg, die zunächst für die Hauptrolle im Gespräch war. Obwohl Saoirse gebürtige Irin ist, ist BROOKLYN der erste Film, in dem die für ihre vielen Akzente berühmte Schauspielerin erstmals ihren eigenen, irischen Akzent verwenden darf.

Domhnall Gleeson (und jetzt alle: Dohnal) ist der Sohn von Brendan Gleeson, einem der bekanntesten irischen Schauspieler überhaupt.
Er studiert Drehbuchschreiben und Regie am Dublin Institute of Technology und arbeitet zunächst an verschiedenen Theatern als Regisseur und Schauspieler, wo er hervorragende Kritiken erntet.
2009 beginnt er, in Filmen aufzutreten. Zu seinen bekanntesten gehören ALLES WAS WIR GEBEN MUSSTEN, HARRY POTTER UND DIE HEILIGTÜMER DES TODES 1 und 2, TRUE GRIT und  ANNA KARENINA.
© 2015 Twentieth Century Fox
2014/15 startet er endgültig durch: AM SONNTAG BIST DU TOT, UNBROKEN, EX_MACHINA, THE REVENANT, FRANK, STAR WARS – DAS ERWACHEN DER MACHT und BROOKLYN.
Noch spielt er zumeist Neben- oder zweite Hauptrollen, diese aber differenziert und feinfühlig. Zudem erweist er sich trotz seines recht markanten Äußeren als äußerst wandelbar.
„Das Schlimmste, was einem als Schauspieler passieren kann ist, dass man keine Möglichkeiten bekommt, zu zeigen, was man kann. Das Beste hingegen ist, wenn man einen Stoff findet, der dich etwas wirklich ausdrücken lässt, und in dem man versinken kann“, sagt er einmal.
Diese Spielfreude merkt man dem Schauspieler an und wir sind sicher, dass wir noch viel von Domhnall Gleeson hören und sehen werden.

Emory Cohen ist mit Sicherheit das noch unbeschriebenste Blatt der drei Schauspieler.
Laut Regisseur John Crowley hat die Besetzung von Tony am längsten gedauert. Es war ein Hin und Her, was die Prominenz dieses Casts betraf. Die Produzenten wollten einen bekannteren Namen, doch Crowley war von Cohens Charme und Intelligenz beeindruckt. Nachdem er ihn in A PLACE BEYOND THE PINES gesehen hatte, war für ihn klar, dass er den Part spielen musste und er konnte sich gegenüber den Produzenten durchsetzen.
Es lohnt sich, die bisherige Karriere des Emory Cohen genauer zu betrachten, denn einige heißerwartete Filme hat Cohen 2016 und 2017 am Start.
Nach seinem Abschluss an einer Schauspielschule in Philadelphia beginnt er 2008 mit gerade mal 17 Jahren, in Filmen aufzutreten: NEW YORK, I LOVE YOU, THE PLACE BEYOND THE PINES, THE GAMBLER und jetzt BROOKLYN. Ihm gelingt es tatsächlich, die sympathischen Seiten von Eilis‘ großer Liebe so rüberzubringen, dass man sich seinem Tony ebenfalls verbunden fühlt – schlussendlich trägt er damit wohl die schwerste Last aller männlichen Figuren in BROOKLYN, und er trägt sie hervorragend.
© 2015 Twentieth Century Fox
Sieben Produktionen hat er seit BROOKLYN beendet, unter anderem WAR MACHINE mit Brad Pitt und Will Poulter, DETOUR, STEALING CARS mit William H. Macy und John Leguziamo, HOT SUMMER NIGHTS mit Maika Monroe und Thomas Jane sowie VINCENT-N-ROXXY mit Emile Hirsch und Zöe Kravitz.

Auch hier können wir also davon ausgehen, dass wir noch viel von Emery Cohen sehen werden, und wir freuen uns drauf.


Fazit – Ein Frauenfilm, auch für Männer


Am Ende ist es nicht ganz einfach, BROOKLYN einzuordnen. Er wirkt ein wenig angestaubt und brav in seiner ganzen Inszenierung, ist aber nie langweilig. Er ist kritisch, seriös, witzig, und dank der meisten Dasteller nimmt er einen auch gefangen.

Vor allem aber ist BROOKLYN ein Frauenfilm – und das meinen wir als Kompliment.
Es ist einer jener Stoffe, die so selten wirken, weil sie eine starke, eine sinnvolle Frauenfigur besitzen. Eilis ist ihr eigener Herr. Keine Ehefrau, keine Untergebene, und wir schauen einem starken, weiblichen Charakter bei ihrer Suche nach Glück und einem neuen Leben zu. Hinzu kommt, wie andere Kritiken bereits hervorgehoben haben, dass BROOKLYN einen interessanten und realistischen Blick in die Frauenwelt von 1952 wirft. Heiraten ist oft noch eine Notwendigkeit, doch die Frauen unter sich haben viel Spaß, und dabei geht es in BROOKLYN nicht so zynisch zu wie in vergleichbaren Werken wie etwa SEX AND THE CITY. (Das allerdings auch 50 Jahre und eine Brooklyn Bridge entfernt stattfindet!)

BROOKLYN ist ein hervorragender Film über Frauen, der hier und da am Kitsch entlangschrammt, den vollen Absturz aber stets vermeiden kann und einfach einen packenden Einblick in eine interessante Seele und eine spannende Ära New Yorks bietet.
Die Darsteller, allen voran Saoirse Ronan, heben die etwas unspektakuläre Handlung dabei übers Mittelmaß und liefern die wahren Schauwerte ab.
Ein Film, dessen Publikum größtenteils weiblich sein wird, und dieses auch großartig bedienen wird, das man aber auch Männern wärmstens ans Herz legen kann. Sie könnten positiv überrascht sein.

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