04.12.14

The Drop (USA 2014) - Eine Bar und die Geschichte des Verbrechens

Bob hat Feierabend. Er säubert die Bar, schließt ab, und spaziert in einer kalten Winternacht durchs schwach erleuchtete Brooklyn. Ein Abend wie jeder andere für den Barkeeper.
Da hört er aus der Mülltonne, an der er vorbeikommt, ein Geräusch. Winselt dort etwas? Zögerlich hebt er den Deckel - und findet einen Hundewelpen, der neugierig zu ihm aufschaut.
Als er das Tier aufnimmt, beginnt die Reise in die wundersam brutale Welt von Cousin Marv's Drop Bar!
© 2014 Twentieth Century Fox
Biancas Blick:

Roman, Kurzgeschichte oder doch ein Drehbuch?


Der amerikanische Schriftsteller Dennis Lehane, Filmfreunden bekannt für seine Romanvorlagen zu SHUTTER ISLAND, MYSTIC RIVER und GONE BABY GONE, plant zunächst, einen Roman zu schreiben, der „Animal Rescue“ heißen soll. Während seiner Konzeption merkt er aber, dass der Stoff sich als Kurzgeschichte besser eignet, denn er kommt nie über das erste Kapitel hinaus.

Die Produktionsfirma Chernin Entertainment (PLANET DER AFFEN: PREVOLUTION) wird auf die Kurzgeschichte aufmerksam und erahnt einen passenden Stoff für einen atmosphärischen Milieu-Thriller. Sie fragt direkt bei Lehane an, ob er sich eine Drehbuchfassung von Bobs Geschichte um einen kleinen Hund und das große Geld vorstellen könne. Lehane ist zunächst überrascht, jedoch schnell überzeugt und beginnt, aus der Story sein erstes Drehbuch zu spinnen.
Er selbst sagt dazu, dass es der einzige Stoff war, der ihm nie wirklich aus dem Kopf ging. Er sei von Anfang an von der Idee der Einsamkeit fasziniert gewesen, die der Geschichte innewohnt. „Wir sprechen kaum davon, wie verheerend Einsamkeit sein kann. Ich glaube, dass die Einsamkeit mehr Menschen tötet als Krebs. Also fing ich mit einer Idee an – mit Bob, einem Kerl, der ganz besonders einsam ist.“
In der Kurzgeschichte („Animal Rescue“ ist hier in Gänze zu lesen) kommt Marv, James Gandolfinis Figur, nur am Rande vor. Erst in der Drehbuchentwicklung und der Ausarbeitung  der Grundidee, verletzte Menschen zu zeigen, „die versuchen, ihr Leben wieder auf die Reihe zu bekommen“, wächst die Rolle von Marv zu einem entscheidenden Handlungsträger.
Als Lehane dann erfährt, dass James Gandolfini die Rolle übernimmt, schreibt er ihm zusätzliche Dialoge ins Drehbuch. Lehane verehrt Gandolfini und dessen Figur weitere Konturen zu verleihen ist ihm „eine echte Freude“.

2010 arbeitet Lehane noch allein an der ersten Drehbuchfassung, im Feinschliff stößt Produzent Mike Larocca hinzu, der einige Storyelemente hinzufügt, um der Geschichte mehr Tiefgang zu verleihen.
Obwohl THE DROP ein waschechter Gangsterfilm ist, handelt er weniger von Verbrechen und Mord, sondern von Menschen, die auf der Jagd nach etwas sind, „das schon im Rückspiegel verschwindet. Die alles versuchen, wieder das zu werden, was sie längst nicht mehr sind.“
Lehane gelingt mit seinem Drehbuch eine gelungene Mischung aus Thriller und Milieustudie.
Regisseur Roskam mit James Gandolfini. Der liefert in seinem letzten Film noch einmal eine großartige, anrührende Leistung.
 © 2014 Twentieth Century Fox

Dreh eines Regiedebütanten


Dem Belgier Michaël R. Roskam öffnen sich mit der Oscarnominierung als Bester Ausländischer Film für seinen Erstling RUNDSKOP direkt die Türen nach Hollywood.
Produzent Larocca ist begeistert von Roskams Erstling und sofort überzeugt, dass der Belgier als Regisseur perfekt zu THE DROP passt. In RUNDSKOP sieht er ein unglaublich starkes Regiedebüt, „die Art wie er sein Ensemble geführt hat, zeigte gleich, wie gut er mit Schauspielern umzugehen versteht.“ Da das Drehbuch zu THE DROP komplexe Figuren zeichnet, brauchte der Film einen Regisseur, „der das Beste aus Schauspielern herausholen kann.“
Roskam, der sehr gründlich überlegt, welches Skript er für seinen Hollywood-Einstand umsetzen will, ist sofort Feuer und Flamme, als THE DROP auf seinem Schreibtisch landet. Wie Larocca richtig erkannt hat, faszinieren Roskam ausgefeilte Figuren, die sich deutlich entwickeln, und davon bietet THE DROP mehr als genug.
Roskam trifft sich für Gespräche über die Handlung mit Autor Lehane. Während sie über den Katholizismus und den religiösen Aspekt des Films sinnieren, kommen sie überein, dass THE DROP ein urbanes Märchen werden soll, „düster und mit viel Subtext“.
Lehane lässt zwischen den Zeilen viel Freiraum, um dem Regisseur Raum zum Atmen zu geben, anstatt ihn in ein zu enges Korsett zu schnüren.

Obwohl die Story in Brooklyn spielt und den ursprünglichen, noch nicht von der Gentrifizierung erfassten Teil des Viertels ideal widerspiegelt, ist die Besetzung eine fast rein europäische: Tom Hardy (zuletzt mit NO TURNING BACK im Kino, für den wir ein kurzes Porträt des Shootingstars erstellt haben) ist Engländer, Noomi Rapace ist Schwedin mit spanischen Wurzeln, Matthias Schoenaerts ist wie auch der Regisseur Roskam Belgier. Nur James Gandolfini ist Amerikaner, allerdings mit italienischen Wurzeln.

The Drop Bar


Die Idee, eine Bar zum Schlüsselort des Geschehens zu machen, kommt Lehane, als er sich eingehend mit dem organisierten Verbrechen auseinandersetzt. Ob seine Recherchen der Realität tatsächlich entsprechen, kann (oder mag) Lehane allerdings nicht mit Sicherheit sagen.
Er entdeckt schließlich irgendwann, dass die Mafia einst beschlossen hatte, ihr Geld aus Wettgeschäften aus Sicherheitsgründen an einem Ort zu bündeln. Sie hofften, das Geld so besser unter Kontrolle zu haben und für den Fall eines Überfalls den Dieb schneller ausfindig zu machen.
Sofort kreiert Lehane die „Drop Bar“, das Zentrum seiner Geschichte. Die illegalen Wettgelder werden dort unter der Ladentheke abgegeben, um es vor dem Zugriff staatlicher Stellen zu schützen.
Aus dieser heraus entwickelt Lehane schließlich seine düstere Geschichte über Einsamkeit und die Unfähigkeit, loszulassen!

Auf den Hund gekommen


Doch neben der Dropbar gibt es noch einen zweiten zentralen Punkt der Geschichte. Ohne den Hund Rocco, den Bob in einer Mülltonne findet, wären weder der Film, noch die Kurzgeschichte je entstanden.
Hündchen Rocco dient als Katalysator der Handlung, indem er Bob anstachelt, seiner Einsamkeit zu entkommen und wieder mehr ins Leben zu treten.
© 2014 Twentieth Century Fox
Auf der Suche nach einem geeigneten Hundetyp fällt die Wahl auf ein Pitbull-Welpen. Kein Collie, kein Golden Retriever, kein Spitz, nein, ein Kampfhund!
Das sei zwingend gewesen, sagt Produzent Jenno Topping. „Die Rasse des Pitbull wird häufig falsch eingeschätzt wird“, und genau davon erzählt THE DROP – von Figuren, die immer wieder von ihrer Umgebung (aber auch von den Zuschauern) falsch eingeschätzt werden.
Die Schwierigkeit besteht darin, nicht nur einen kleinen Pitbull zu finden, der kameratauglich ist, sondern drei, da die Hunde für den Dreh zu schnell wachsen. Einen elfwöchigen Hund zu trainieren, gezielte Dinge vor der Kamera zu tun, sei außerdem sehr schwierig, sagt Hundetrainerin Kim Krafsky. Zwar muss der Filmhund Rocco nicht viel können, außer ein kleiner Hund zu sein, aber zumindest ein Treppenabsieg steht im Drehbuch.
Dass sich besonders Tom Hardy in seinen kaltschnäuzigen Partner verguckte, zeigen kleine „Behind the Scenes“-Aufnahmen.

Am Ende gelingt Lehane und Roskam tatsächlich eine fast märchenhafte Erkundung einer Handvoll einsamer Menschen, die sich im Wirkungskreis der Drop Bar finden.


Marcos Blick:

Mit THE DROP erscheint ein Film, der sich rühmen kann, das letzte Werk des populären Schauspielers James Gandolfini zu sein. Auch wenn die Wahrscheinlichkeit hoch ist, dass THE DROP vor allem dafür Erwähnung findet, ist er darüber hinaus allerdings auch eine ungewöhnlich gute Gangsterballade!
© 2014 Twentieth Century Fox
Vor allem ist THE DROP eine überragend moderne Gangsterballade. Denn mittlerweile ist der Gangsterfilm weit gekommen. War er in den Anfängen noch politischer Kommentar, und nach seinem Wiederaufleben in den Siebzigern eher aristokratisches Märchen, haben sich mittlerweile die psychologischen Aspekte des Gangsterlebens als erzählenswert erwiesen. Und wenige Filme widmen sich dem Innenleben ihrer (nach außen vollkommen coolen) Gangstertypen geschickter und unterhaltsamer als THE DROP.

A History of Violence


Gangster sind Teil des Kinos seit die Bilder ihre ersten, holperigen Schritte tun.
Einer der ersten bedeutenden Gangsterfilme (nicht aber der erste) ist D.W. Griffiths THE MUSKETEERS OF PIG ALLEY von 1912. Deutschland erforscht  1922 mit Fritz Langs DR. MABUSE das Genre. Und ebenfalls unter deutscher Beteiligung erscheint 1927 Josef von Sternbergs UNTERWELT, der heute als erster moderner Gangsterfilm gilt – und als erster die Perspektive der Gangster einnimmt.
Mit dem Aufkommen des Tonfilms gerät der Gangsterfilm zum populärsten Kinogenre neben dem Western. Und wie der Western ist der Gangsterfilm stark ritualisiert und formalisiert. Häufig orientieren sie sich an Detektivgeschichten von Dashiell Hammet, dessen Klassiker DER GLÄSERNE SCHLÜSSEL und DER MALTESER FALKE immer wieder verfilmt werden. („Der gläserne Schlüssel“ liefert die Vorlage für wenigstens sechs Filme, Radioshows und Fernsehfilme, darunter Klassiker wie YOJIMBO oder die Gangsterballade MILLER’S CROSSING der Coen Brüder.)
Andere wichtige Autoren der sogenannten „Hard Boiled“-Schule sind Carroll John Daly, Raymond Chandler oder Mickey Spillane.
Damals allerdings sind die Gangster in der Regel noch platte Charaktere, die nur eine Aufgabe haben: Das Gesetz brechen. Einfach, weil Gangster das tun. Die Konflikte entspannen sich aus diesem Gesetzesbruch. Im Zentrum der Handlung stehen für gewöhnlich Privatdetektive oder harte Cops, die selbst immer wieder die Grenze zur Illegalität überschreiten.
© 2014 Twentieth Century Fox
Häufig werden zeitgenössische politische Entwicklungen, vor allem die im Amerika der 1930er um sich greifende Korruption hoher Beamter und Politiker, in die Geschichte eingewoben, oder reale, spektakuläre Kriminalfälle und echte Größen der Unterwelt wie etwa John Dillinger oder Al Capone.

Im Laufe der Zeit werden die offenen Anklagen versteckter. Die Kritik wird in Metaphern und Bildern verschlüsselt, und der Gangsterfilm zum politischen Instrument Hollywoods.
Bedeutend ist, dass in den Frühwerken des Gangsterepos stets das Miteinander zwischen Kriminellen und Polizei im Vordergrund steht. Man trifft sich auf Augenhöhe, meist auf der falschen Seite des Gesetzes.

Ein Angebot geht um die Welt


Bald verkommen Gangsterfilme zur klischeebeladenen Zelebrierung von Gewalt und Outlaw-Dasein. Brutale Filme wie BONNIE UND CLYDE werden tatsächlich zum Höhepunkt des Genres.
Das ändert sich schlagartig, als das Gangsterepos in den frühen Siebzigern wieder erfolgreich – und völlig neu erfunden wird. DER PATE ist da!
Die Verfilmung von Mario Puzos Bestseller legt völlig neue Regeln für das Gangsterepos fest. Die erste davon lautet: Es geht allein um das Leben innerhalb der Verbrecherkreise. Der Zweikampf mit Polizisten oder Detektiven spielt keinerlei Rolle mehr, denn nun geht es um die großen Fische am oberen Ende der Hierarchie.
Ebensowenig geht es in den Filmen darum, ob ein Gangster für ein Verbrechen geschnappt wird. Es geht um die internen Vorgänge des organisierten Verbrechens, besonders der Mafia oder Cosa Nostra.
Dazu gehört auch, dieses Leben als ehrenvoll und erstrebenswert darzustellen. Mafiagangster sind edel und reich, bewohnen Villen, spielen Golf oder lungern auf ihren Jachten herum. Sie haben endlos viele Frauen, die sie teuer einkleiden und feiern ausschweifende Partys. Die Familie steht über allem, und wenn jemand ermordet wird, dann nur aus absoluter Notwendigkeit oder verletztem Stolz. Die harte Arbeit machen die kleinen Lichter, das Fußvolk auf der Straße, doch von diesem erzählen die Filme nicht.
© 2014 Twentieth Century Fox
Die Ironie dieses schillernd dargestellten Lebenswandels ist, dass die echte Mafia sich die Filme zum Vorbild nimmt. Mit einem Mal wollen all die Räuber und Erpresser, Mörder und Diebe, die in Italien und Sizilien ihr Unwesen treiben, so sein wie die Hollywoodgangster in ihren Designeranzügen.

Amerikas Faszination für diese Form des Gangsterfilms ist verständlich – auf gewisse Art symbolisiert es eine uramerikanische Form der Aristokratie. Amerika, das sich stets etwas minderwertig fühlt, weil es keine Könige und Prinzessinen in seiner Geschichte hat, aber gleichzeitig Selfmademänner und Skrupellosigkeit verehrt, sieht in seinen (Film-)Gangstern so etwas wie seinen ganz eigenen Adelsstand – reich, kultiviert, vornehm – und die Bediensteten machen die Arbeit. Dementsprechend feiern sie diese Filme.


Die größten Dons


Einige Jahre floriert das Genre und gebärt echte Klassiker. Etwa DER PATE II, der dazu noch zwei der größten Ikonen des modernen Gangsterfilms in einem Streifen vereint: Al Pacino und Robert DeNiro. Pacino ist mit DER PATE zum Star des Gangsterfilms geworden, und verkörpert das Genre wie kaum ein anderer: SCARFACE, CARLITO’S WAY, DONNIE BRASCO und DER PATE III sind nur einige Beispiele.
Während Pacino dabei stets den etwas dreckigen Gangster gibt, spielt DeNiro den edlen, stets gut gekleideten Mafiagangster. Gemeinsam mit Martin Scorsese erschafft er mit GOODFELLAS und CASINO zwei der hochklassigsten Gangsterfilme der frühen Neunziger, die gleichzeitig den Zenit des Mafiaepos‘ markieren. In eigener Regie schiebt DeNiro sogar noch IN DEN STRAßEN DER BRONX nach. Aber auch andere Filme wie KING OF NEW YORK, DIE VALACHI PAPIERE und natürlich Sergio Leones ES WAR EINMAL IN AMERIKA (erneut mit DeNiro!) prägen das Image und den Erfolg der Gangsterstreifen.

Neben der Hochzeit des Genres bringen die Neunziger auch eine kleineVveränderung: Mit Filmen wie NEW JACK CITY oder BOYZ ‘N THE HOOD entwickelt das schwarze Hollywoodkino seine ganz eigenen Interpretationen des Gangsterfilms, bleibt der generellen Aussage aber treu: Gangster sind reich und cool und stürzen am Ende nur über ihre Unersättlichkeit, niemals aber über ihre Unmenschlichkeit!

Den krönenden Abschluss dieser goldenen Zeit des Gangsterfilms liefert dann noch ein besonders Gipfeltreffen: in HEAT treten Pacino und DeNiro erstmalig gemeinsam in einer Szene auf (In DER PATE II waren ihre Rollen noch durch einige Jahrzehnte getrennt, da DeNiro Pacinos jungen Vater spielt). Die legendäre Diner-Szene, in der die Widersacher Pacino und DeNiro sich gegenübersitzen wird zum langersehnten Aufeinandertreffen von Millionen Kinofans in aller Welt!

Noch einmal mit Lehane


Mit HEAT kommt dann auch das Ende des monumentalen Gangsterepos‘. Die Autoren wenden sich den alten Zeiten zu. Plötzlich wird es wieder interessanter, statt der wohlhabenden, reichen Bosse die kleineren Fische am unteren Ende der Nahrungskette zu zeigen. ROAD TO PERDITION, PUBLIC ENEMIES, AMERICAN GANGSTER oder aktuell GANGSTER SQUAD zollen der Prohibitionszeit und dem klassischen Gangsterfilm wieder Tribut. (Im Gegensatz dazu verfrachtete Brian de Palmas DIE UNBESTECHLICHEN im Jahr 1987 den klassischen Gangsterfilm visuell in die Achtziger und damit die Neuzeit, ebenso wie die kunterbunte Comicverfilmung DICK TRACY (wieder einmal mit Al Pacino) 1990, während Scorseses GANGS OF NEW YORK das Genre eher um hundert Jahre in die Vergangenheit zu schieben versucht.)

Gemeinsam ist all diesen Filmen, dass sie vor allem eine Erinnerung und eine Hommage sind, an den alten, schmuddeligen Gangsterfilm, den politisch kodierten Kommentar. Aber sie sind kein eigenständiger Kommentar, da sie nicht mehr in unsere Zeit passen.

Und so entsteht schließlich eine neue Form von Gangsterfilm. Eine Art „New Crime Wave“. Vorreiter dafür sind die Verfilmungen von Elmore Leonard und James Ellroy. Als bereits Quentin Tarantinos Smashhit PULP FICTION 1994 vormacht, wie cool und lässig selbst die kleinsten Gangsterfische sein können, inspiriert er damit ein neues Genre, das sich schließlich in den Leonard und Ellroy Verfilmungen austobt: OUT OF SIGHT, JACKIE BROWN, L.A. CONFIDENTIAL, SCHNAPPT SHORTY und DIE SCHWARZE DAHLIE. Coole, unterkühlte Gangsterfilme werden wieder angesagt, und fordern den Schauspielern einiges ab: Die Figuren werden tiefer, gewinnen mehr Facetten als je zuvor. Statt platter Charaktere sind Gangster nun plötzlich psychologisch tief. Ihre Verbrechen haben nun plötzlich eine Motivation, die über Bösartigkeit oder Gier hinausgeht.
© 2014 Twentieth Century Fox
Und eben diese Tiefe ist es, die heutzutage den Gangsterfilm auszeichnet. Es geht um die Figuren, um das psychologische Empfinden und die unsichtbaren Facetten hinter den Masken, um die sich die Filme drehen. Nach dem politischen Aufrüttler und dem edlen Adeligen sind Gangster nun psychologische Rätsel geworden.
Dass Martin Scorsese sich weiterhin gekonnt in diesem Genre ausleben kann, beweist er mit THE DEPARTED, der nahezu perfekt klassische und topaktuelle Bedürfnisse des Gangsterfilms vereint. Und selbst THE WOLF OF WALL STREET versucht, die edlen Gangsterfiguren aus CASINO oder GOODFELLAS in die moderne Hochfinanz zu übertragen.

Doch Gangsterfilme sind inzwischen auch psychologische Dramen. Vermutlich dienen deshalb so gerne die Romane von Dennis Lehane als Vorlage, da Lehane es wie kaum ein anderer versteht, seine Kleingangster (die in der Regel stets am äußersten Rand einer viel größeren Organisation stehen) psychologisch vielschichtig und interessant zu zeichnen. Egal ob in GONE BABY GONE, MYSTIC RIVER oder, wenn auch nicht direkt Gangsterfilm, SHUTTER ISLAND – Lehanes Krimis sind packende Psychogramme vom Rande des organisierten Verbrechens.
Auch andere Werke wie THE TOWN, AUGE UM AUGE, vor allem aber aktuelle Fernsehserien wie BREAKING BAD, SONS OF ANARCHY oder THE SOPRANOS (als Hommage an den klassischen Gangsterstreifen) zelebrieren die Randfiguren des organisierten Verbrechens als psychologische Splitterfiguren.

Und eben das macht THE DROP zu einem der faszinierenderen Gangsterfilme der letzten Jahre, weil er die Mischung aus packendem Psychogramm und organisierter Kriminalität perfekt und extrem stimmungsvoll inszeniert.
Im Handlungsmittelpunkt steht hier kein Verbrechen, sondern die Figur des Bob Saginowski, nahezu perfekt gespielt von Tom Hardy. Das Verbrechen dient lediglich als Anstoß für die Entfaltung und Entpuppung von Bobs Charakter, die zwar den Film über kryptisch bleibt, jedoch immer wieder kleine Hinweise auf sein Wesen liefert. Der Film erzählt diese Entwicklung der zunächst unergründlichen Figur in all ihren Facetten so ruhig und gleichzeitig so spannend, dass man den Blick kaum lösen mag.
© 2014 Twentieth Century Fox
Und selbst als Bob am Ende offen vor einem liegt, bleibt er, obwohl man vollkommen befriedigt ist, weiterhin rätselhaft und mysteriös.
Auch James Gandolfini, der hier ein letztes Mal eine subtile Meisterleistung abliefert, glänzt mit seiner Figur, die wie ein Best of der Gangstergeschichte wirkt. Als Mischung aus Pacino, de Niro und Joe Pesci spielt er den gescheiterten Gangster, der sich mit seinem Schicksal nicht abfinden kann oder will.
Auch das ist ein Novum, denn für gewöhnlich erzählen Gangsterfilme vom Aufstieg oder Höhepunkt eines Gangsters, der  meist ein blutiges Ende findet. Ehemalige, an den Rand gedrängte Gangster sind so rar, dass alleine das Gandolfinis letzte Rolle weit aus dem Genremittelmaß heraushebt!

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