29.09.14

Who Am I (D 2014): Einer der besten der Welt

Filme wie INSIDE WIKILEAKS zeigen, wie schwer es ist, das Virtuelle eines Hackerfilms, die Datenübertragungen, Datenwechsel und vor allem die Datensprache nachvollziehbar und publikumswirksam darzustellen. Zu schnell verfällt der Protagonist in abgehobene Fachbegriffe, die das breite Publikum nicht mehr nachvollziehen kann. Schafft einen Abstand zwischen der Geschichte und dem Zuschauer.
Da kommt mit WHO AM I ein deutscher Genrefilm um die Ecke, der den großen internationalen Produktionen zeigt, wie es geht! Mit diesem Film sollte die Diskussion, ob Deutschland Genrefilme produzieren kann, lautstark verstummen. Mit OH BOY (2013, Slacker-Komödie) und STEREO (2014, Thriller) sind grade erst zwei gelungene Genrefilme vorangegangen.
Kann Deutschland Hackerfilme? O ja! Und besser als die meisten!
© 2014 Sony Pictures Releasing GmbH
Biancas Blick:

Benjamin, der Mittelpunkt von WHO AM I, ist ein Niemand. Er ist unsichtbar, wird von seiner Umwelt nicht wahrgenommen.
Er kümmert sich um seine demente Großmutter und zieht sich mehr und mehr in die virtuelle Welt des Internets zurück. Oder dem, was man heutzutage gerne das „Darknet“ nennt: die im Hintergrund liegenden, nicht nur über simple Links erreichbaren Ecken des Netzes.
Er wird in dem was er tut endlich erfolgreich. Er wird ein Hacker.

Als er wegen eines Vergehens Sozialstunden ableisten muss, lernt er den charismatischen Max kennen. Max träumt von großen Hackertaten und schafft es, Benjamin in seine Gruppe zu ziehen, die aus zwei weiteren „Freaks“ besteht: Paul und Stephan. Sie nennen sich CLAY (Clowns Laughing @ You) und organisieren gemeinsam immer größere Aktionen, die das Netz beeindrucken.
Doch in „ihrer“ Welt, im „Darknet“, gelten sie weiterhin als harmlose Scriptkiddies. Vor allem Max will nur eines: die Anerkennung des Superhackers MRX. Um ernstgenommen zu werden, gehen die vier Spaßhacker immer größere Risiken ein. Und plötzlich sind ihnen nicht nur die Polizei, sondern auch Interpol und die russische Cybermafia auf den Fersen.
© 2014 Sony Pictures Releasing GmbH

Die Kunst der Massentauglichkeit


Die Schwierigkeit von Hackerfilmen liegt darin, das komplexe Thema mit all seinen Verzweigungen und Auswirkungen einem breiten Publikum nahezubringen. Und zwar, indem man der Materie treu bleibt und sie doch so umsetzt, dass ein Nicht-Computerfreak den Handlungssträngen folgen kann.
Das schafft der Film scheinbar mühelos, vor allem, weil er komplexen Begriffen leichte Erklärungen und nachvollziehbare Beispiele folgen lässt. So kommen in dem Film Social Engineering, früher hieß das noch Trickbetrügerei, mit dem Ziel, an Daten und Vorteile zu gelangen, hier ebenso zum Einsatz wie Phishing, Trojaner und IP-Transmitter. Der Plot bleibt dabei stets nachvollziehbar, selbst ohne tiefe Computer-Kenntnisse, und ist so spannend inszeniert, dass man atemlos im Kinosessel sitzt und dem Geschehen auf der Kinoleinwand nägelkauend folgt.

Wie jeder gute Hackerfilm geht es auch in WHO AM I um Datenklau und –übertragungen. Als Zuschauer fragt man sich immer wieder, ob auch die vermeintlich sichersten Datenbanken wirklich so leicht zu hacken sind. Sicherlich ist das eine oder andere aus dramaturgischen Gründen überzogen oder stark vereinfacht, aber was zurückbleibt ist die Wahrheit, dass am Ende kein System sicher ist!

Geschickte Schachzüge


Was den Film greifbar macht, ist, dass er sich nicht um große Firmen oder Sicherheitsdienste kümmert oder sich mit globalen Auswirkungen von Datenklau und –handel überhebt. Stattdessen bleibt er stets bei seinen vier Hauptfiguren und ihren Belangen (mit Hannah Herzsprung sind es eigentlich fünf Figuren, allerdings bleibt ihre Figur zu blass und dient Benjamin nur als Motivation). WHO AM I charakterisiert die Figuren bis zum Schluss und das macht der Film konsequent, wenngleich manch ernsthafte Konsequenz dabei flöten geht oder weniger Beachtung findet.
Regisseur und Co-Autor Baran bo Odar mit Tom Schilling am Set von WHO AM I.
© 2014 Sony Pictures Releasing GmbH
Regisseur Baran bo Odar setzt für die Verständlichkeit einen klugen Kniff ein: Er inszeniert das „Darknet“ als einen U-Bahnzug, in dem sich maskierte (anonyme) User treffen und mit verzerrten (anonymen) Stimmen in Kontakt treten. Das ist genial, weil gerade dieser Kniff den Informationsaustausch im Netz greifbar und nachvollziehbar macht, ohne unrealistisch zu sein.
Maskierte kommen und gehen, nehmen sich wahr, oder eben nicht. In grauen, düsteren Bildern wird der Datenhandel vermenschlicht und konkretisiert. So bleiben auch diese Handlungsstränge für den Zuschauer spannend und er wird nicht mit inhaltsschweren Infos zugeballert und schaltet ab, weil all das zu abstrakt erscheint.

Die Filmkombo


Baran bo Odar legt mit diesem Film gerade mal seinen zweiten vor und hat mit Jantje Friese auch das Drehbuch geschrieben. Internetkriminalität wird zum publikumstauglichen Cyber-Krimi.
Bereits mit seinem Erstling DAS LETZTE SCHWEIGEN kreiert Odar einen düsteren Thriller, der sich mit Verdrängung und dem Milieu, in dem sich ein grausames Verbrechen abspielt, auseinandersetzt. Die Hauptrolle spielt damals Wotan Wilke Möhring, der in WHO AM I als Stephan eine herausragende Performance liefert.

Möhring zeigt erneut, wie genial seine Schauspielkunst ist und dass er einfach alles zu spielen in der Lage ist. In WHO AM I ist das der durchgeknallte Adrenalinjunkie, der eher einfach gestrickt ist, aber an dem Großen teilhaben möchte. Er ist der Superprogrammierer, was vor allem erwähnt und nur blitzlichtartig gezeigt wird. Odar gibt ihm genau so viel Raum, dass Möhring diesen füllen und seiner Figur die notwendigen Konturen verleihen kann.

Den schüchternen Benjamin spielt Tom Schilling, der nach OH BOY und UNSERE MÜTTER, UNSERE VÄTER nicht nur national endlich in der ersten Liga angekommen ist. Schilling, der in seiner ersten großen Kinorolle in CRAZY noch den „Bösen“ spielen durfte, und damals schon sein enormes Talent bewies, schafft es wie kein Zweiter, den Verlierer zu geben.
Auch in WHO AM I kann er aber wieder zeigen, wie wandlungsfähig er ist, und welche Stärken auch Loser haben können.
© 2014 Sony Pictures Releasing GmbH
Antoine Monot, Jr. spielt Paul, den Hardware-Freak, den Bastler. Monot Jr. ist den meisten Zuschauern wohl als Walter in ABSOLUTE GIGANTEN bekannt. Er bleibt, wie auch Hannah Herzsprung, leider etwas konturlos in seiner Rolle. Seinen Fähigkeiten wird zu wenig Raum gegeben, seine Charakterzeichnung bleibt rudimentär. Er ist der Paranoiker in der Gruppe, das soziale Gewissen, das zunächst alles in Frage stellt und Respekt vor möglichen Konsequenzen hat.

Trine Dyrholm spielt Hanne Lindberg, Kommissarin und Leiterin der Einheit zur Beseitigung der Cyberspace-Kriminalität. Sie ist besonders in ihrer Heimat Dänemark ein Star. Für uns bekannte Werke sind DIE KÖNIGIN UND IHR LEIBARZT, IN EINER BESSEREN WELT und Fatih Akins aktueller Film THE CUT. Sie schafft es, ihrer Figur mit wenigen Strichen und sparsamster Mimik Tiefe und Konturen zu verleihen. Ihre Handlungsmotivation ist glaubwürdig und nachvollziehbar.

Und dann wäre da noch Elyas M’Barek, der aktuell wohl den größten Lauf aller Darsteller hat. Nachdem er 2013 im erfolgreichsten Film des Jahres, FACK JU GÖTHE, die Hauptrolle spielen durfte, ist der 32jährige Münchner der mit MÄDCHEN MÄDCHEN! (Schon damals an der Seite von Caroline Herfurth) sein Debüt ablieferte und mit TÜRKISCH FÜR ANFÄNGER seinen Druchbruch feierte, aktuell auf dem Höhepunkt seines Erfolgs. Zuletzt durfte er mit CHRONIKEN DER UNTERWELT und DER MEDICUS sogar international die Teenies begeistern.
Seine Figur des Max ist mit Sicherheit die auffälligste des Films. Der extrovertierte, charismatische Experte für „Social Engineering“ darf laut und schrill, mit vielen Gesten und großem Ego spielen.
M’Bareks eigene Ausstrahlung ist dabei wohl der Hauptgrund dafür, dass man die Figur trotz allen Overactings und ihrer Over-the-top Attitüde irgendwie sympathisch findet.
© 2014 Sony Pictures Releasing GmbH
WHO AM I ist möglicherweise einer der besten deutschen Genrefilme überhaupt, der der internationalen Konkurrenz nicht nur auf Augenhöhe begegnet, sondern sie oft noch übertrumpft.
Nicht zuletzt deshalb sollte jeder den Film im Kino sehen – den Produzenten und Geldgebern ein Zeichen setzen, dass gutes deutsches Genrekino ein Publikum findet, dass es sich auch finanziell lohnt, und dass Deutschland es kann!


Marcos Blick:

Schatz, wir müssen reden ...


Filme und Computer haben eine derart komplexe Beziehung, dass sie es in wenigstens 30 Jahren nicht geschafft haben, auch nur einen einzigen friedlichen Abend gemeinsam auf dem Sofa zu verbringen. Ihre Vorstellungen eines spaßigen Zeitvertreibs sind einfach zu unterschiedlich!
Während Filme es laut, bunt und optisch anregend lieben, mögen Computer weiße Zeichenzeilen auf schwarzem Grund, eine 0 hier, eine 1 dort, und dazwischen ein bisschen Rechenzeit, in der mal gar nichts auf dem Monitor passiert.

Schon in der Frühzeit der digitalen Technik beweist TRON, dass man das Grundthema Computer zwar unterhaltsam in einen Fantasyfilm übertragen kann, dass dann aber eben nichts besonders realistisches von dem Grundthema übrigbleibt.
Im Grunde ist das nichts anderes als die Beziehung des Weltraums zum Film: Es gibt bis heute, hundert Jahre nach George Mélliès' DIE REISE ZUM MOND keinen einzigen, nicht mal einen einzigen, Film, der den Weltraum und das Reisen im Weltraum auch nur annähernd realistisch oder umsetzbar beschreibt.
Nun ist die Fortbewegung im Weltall allerdings etwas, das die meisten Menschen, die nicht nebenher als Raketenwissenschaftler arbeiten, ohnehin nur aus Filmen kennen.
Computer allerdings haben sich seit TRON zum Alltagsgegenstand entwickelt. So gut wie jeder Mensch, der in einer Industrienation sein Leben fristet, hat mehr oder weniger täglich mit Computern zu tun. Missverhältnisse zwischen der real erfahrenen Technik und der fantastischen Nutzung im Film fallen somit deutlich schneller und stärker ins Gewicht als etwa bei Weltraumreisen.

Und am achten Tag schuf Hollywood den Cyberspace


Wie aber verlief die „Evolution der Computerfilme“?

Wie bereits angesprochen beginnt alles mit TRON, in dem die Welt der Computer zur Fantasywelt religiöser Programme wird, die zwischen Bits und Bytes, auf Chips und Datenleitungen leben. Also in etwa so realistisch wie Star Wars. Nur weniger glaubwürdig.
Obwohl „Hacking“ bereits in den Achtzigern entsteht, wird es filmisch noch größtenteils ausgeklammert. Allein WAR GAMES nimmt sich des Themas an und wird sofort zum Klassiker. Die Hacking- und Computerszene ist zwar klein, aber stolz, und genießt ihr filmisches Denkmal ebenso, wie die sizilianische Unterwelt einst DER PATE genoss: mit erhobenem Kinn und als klares Vorbild.
Auch wenn WAR GAMES sich deutlich bemüht, realistischer zu sein als TRON, leidet es unter dem Grundproblem der Beziehung Computer-Film: Die Nutzung von Computern ist visuell extrem unspannend. In den Achtzigern, als DOS das vorherrschende Betriebssystem ist und jeder Verzeichniswechsel noch per Hand eingegeben werden muss, um so mehr.
Die „Visualisierung des Unvisuellen“ bildet bis heute das Kernproblem der Computerfilme und WAR GAMES ist da keine Ausnahme.

Schleichender Rasen


1992 ist in zweierlei Hinsicht ein erlösendes Jahr, um dieses Problem anzugehen!
Zum einen erscheint mit SNEAKERS ein Film, der den Umstand ausnutzt, dass zum „Hacken“ eben noch mehr gehört als stumpf vor einem Bildschirm herumzusitzen. Auch Hacker müssen den Computerraum dann und wann verlassen und in der „realen“ Welt außerhalb des „Cyberspaces“ ihren Verpflichtungen und Problemen nachgehen. Hinter den virtuellen Knotenpunkten der Telefonleitungen stehen auf beiden Seiten halt immer noch reale Menschen.
SNEAKERS bastelt aus der Hacker-Thematik einen spannenden Thriller, dessen Wurzeln und Methoden er aus dem bewährten Spionagethriller nimmt. Damit zeigt der Film Sachverstand – denn das reale, das echte „Hacking“ ist eben eine subversive Mischung aus Technikliebe, Anarchospaß und Spionagepotential.
© 2014 Sony Pictures Releasing GmbH
Einen gänzlich anderen Weg hingegen geht im gleichen Jahr DER RASENMÄHERMANN. Der nur augenscheinlich auf einer Geschichte von Stephen King basierende Film (King selbst setzt per Gericht durch, dass sein Name vom Kinoplakat gestrichen wird) frönt einer Entwicklung, von der Hollywood sich die Lösung ihrer Visualisierungsprobleme erhofft: Virtual Reality!
Endlich scheint William Gibsons Cyberspace in erreichbare Nähe zu rücken. Wenn das Computernetz („Internet“ war damals noch kein großflächig brauchbarer Begriff) bald nur noch durch Virtual-Reality-Brillen und Steuerhandschuhe genutzt werden wird, könne man es endlich visualisieren, so der Traum Hollywoods.

Doch die Geschichtsbücher wissen, dass es einen anderen Weg geben wird. Auch wenn aktuell mit Occulus Rift und anderen Projekten der Virtual Reality wieder viel Geld und Aufmerksamkeit gewidmet wird, bleibt es eine Randerscheinung und die Computernutzung filmisch spannend unvisualisierbar.

Selbst als Windows sich Anfang der Neunziger durchzusetzen beginnt, kommt der Film ins Schwimmen. Zwar kann er endlich das, was auf den Monitoren sichtbar ist, wenigstens halbwegs realistisch darstellen (Es bleibt zu vermuten, dass Microsoft sich für Windows ohnehin an den frühen Computerfilmen orientierte, die eine optische Verzeichnisdarstellung erfinden mussten), aber die Nutzung einer Maus ist, filmisch gesehen, eher unsexy.
Also hacken Filmfiguren bis heute auf ihre Tastatur ein, um Fenster zu öffnen, zu schließen oder Ausschnitte zu vergrößern.

There is no right and wrong. There is only fun and boring!


Unfähig, das Problem in den Griff zu bekommen, experimentiert Hollywood fleißig weiter, wie es die neue, spannende Entwicklung des Informationszeitalters möglichst sinnvoll und unterhaltsam inszenieren kann.
Mit DAS NETZ wendet man sich 1995 dem frühen Internet zu und der Tatsache, dass Informationen plötzlich nicht mehr hinter der „Sicherheit“ einer Telefonnummer, sondern (vermeintlich) offen zugänglich auf der digitalen Straße zu liegen scheinen.
Das Ganze wird am Ende so unglaubwürdig und sinnlos paranoisch, dass der Film schnell in Vergessenheit gerät. (Noch heute finden sich Spuren davon im Fernsehen: Wann immer ein fauler Autor seine Figuren mit einer kurzen Google- oder Bing-Suche (Je nach Sponsor) auch die intimsten Details einer anderen Figur finden lässt, bewegt er sich im Schatten von DAS NETZ, wo man aus dem einfachen Internet heraus ganze Personen aus dem System löschen konnte!)

Mit HACKERS widmet man sich im selben Jahr eher dem Lebensgefühl der neuen Generation von Digital Natives: Was den Rockabillys der Sechziger ihre Autorennen, sind den Netzjunkies der Neunziger ihre Hacks. Untermalt mit topmoderner Technomusik trifft HACKERS tatsächlich den Nerv, sprich: das Lebensgefühl und das Selbstbild der Hacker, bleibt aber in der Visualisierung weiter schwachbrüstig.
© 2014 Sony Pictures Releasing GmbH

Die Leiden des jungen Koch


Ausgerechnet aus Deutschland kommt 1998 ein ganz anderer Ansatz: mit 23 – NICHTS IST WIE ES SCHEINT bedient sich Hans Christian Schmid der realen Geschichte des deutschen Hackers Karl Koch, um aus der Hacker-Thematik ein intensives Psychogramm und ein zutiefst individuelles Drama zu entwickeln. Ähnlich wie SNEAKERS konzentriert er sich hier auf das reale, das äußerliche Leben eines Hackers. Das bringt den Vorteil mit sich, das Hacken nicht visualisieren zu müssen, sorgt bei einigen Fans aber auch für Ernüchterung. Obwohl 23 – NICHTS IST WIE ES SCHEINT einer der substantiell dichtesten Hackerfilme überhaupt ist, klammert er das Hacking selbst dermaßen aus, dass er kaum als Hackerfilm wahrgenommen wird oder in Erinnerung bleibt.

Das virtuelle Ende


Das immer wieder mal aufgenommene Thema der Virtual Reality findet 1999 sein Ende – schlicht dadurch, dass es filmisch zum unübertreffbaren Höhepunkt getrieben wird. Während David Cronenberg das Thema mit ExISTENZ noch eher metaphorisch angeht, entwickelt THE MATRIX eine kühl berechnete virtuelle Welt, und kreiert aus Neo den ultimativen Hacker: Er wird zum Gott, oder wenigstens zum Superhelden seiner virtuellen Welt.
Weiter und besser als mit THE MATRIX kann man filmisch in der Virtual Reality keine Hackergeschichten mehr erzählen, also kommt kaum noch was nach. Der Psychoschocker THE CELL gewinnt dem ganzen 2000 noch eine letzte kurze Facette ab, dann versinkt das Genre, mehr oder weniger, in der Versenkung.

Alltag mit frischem Wind


In den 2000ern schließlich findet die Experimentierfreude ein Ende. Die tatsächliche technische Entwicklung mit ihren visuellen Betriebssystemen hat der Filmwelt genügend an die Hand gegeben, die Monitore halbwegs glaubhaft zu füllen, das Publikum hat sich an die Tastatursteuerung mausgestützter Prozesse im Film gewöhnt, und die Herangehensweise des Klassikers SNEAKERS hat sich als die sinnvollste erwiesen: Hackerfilme werden zum Subgenre des Spionagefilms, die Hacks selbst möglichst minimal und dann mit den real vorhandenen Mitteln visualisiert, und fertig ist die Bude: Hacker werden fortan stark augenberingte Energydrinkjunkies, die vor russischen oder anderen Gangstern davonlaufen und irgendwo auf dem Weg vom technisch unbeleckten Standardhelden gerettet werden, wenn sie ihre Fähigkeiten nicht dazu nutzen, die technisch unbeleckten Russengangster selbst mit kreativen Tricks auszuschalten.
Das Ganze wird seit einigen Jahren, so auch im bald erscheinenden Thriller BLACKHAT, angereichert durch möglichst globale Ängste vor der Zerbrechlichkeit der Wirtschaft. (Hier sieht man deutlich, dass die Wirtschaftskrise vermutlich das größte amerikanische Trauma seit dem Vietnamkrieg ist – keinem anderen Thema wurde seither soviel Aufmerksamkeit und Bösewichtigkeit geschenkt!)

Und nun kommt, ausgerechnet aus Deutschland, ein Film, der nach über dreißig Jahren tatsächlich nochmal frischen Wind in die Sache bringt!
WHO AM I ist ein erfrischend smarter Hackerfilm, dem eine gesunde Melange der Genre-Highlights gelingt: Er inszeniert den „realen“ Aspekt des Hackens wenigstens so gut wie SNEAKERS: dass man auch als Hacker an Zettel, Server und andere Informationen außerhalb des Netzes kommen muss. Er zeigt die potentiell gefährlichen Informationszugänge im Netz realistischer als DAS NETZ. Er fängt das Lebensgefühl und die Wettkampfmentalität der Hacker glaubwürdiger ein als HACKERS. (Der Film zitiert tatsächlich immer wieder voller Liebe und Verbeugungen - etwa wenn neben Benjamins Bett ein Teil der berühmten "ILLUMINATUS!" Trilogie liegt, womit der Film sich tief vor 23 - NICHTS IST SO WIE ES SCHEINT verneigt!)

Aber vor allem: WHO AM I ist vermutlich der erste Film überhaupt, dem eine wenigstens sinnvolle(!) Visualisierung des Internets gelingt. Und das durch einen simplen Kniff, der, wie alle guten Tricks, erst dann simpel wirkt, wenn er überhaupt mal jemandem einfällt!
© 2014 Sony Pictures Releasing GmbH
Während alle anderen Hackerfilme stets darum bemüht sind, streng innerhalb ihrer erzählten, fiktiven Welt zu bleiben, wagt es WHO AM I genau im richtigen Maße, die vierte Wand zu durchbrechen. Anders als alle anderen Hackerfilme visualisiert WHO AM I das immer wieder gern zitierte „Darknet“ nicht für die Hacker und Figuren des Films, sondern rein für die Zuschauer!

WHO AM I macht gar kein Geheimnis daraus, dass der reine Vorgang des Hackens visuell unspannend und viel zu dröge für einen Film ist. Er nutzt diese vermeintliche Schwäche als seine größte Stärke. Während die Figuren, sinnvoll und glaubwürdig, vor diversen Programmfenstern mit Objectcodes und Informationszeilen sitzen, kreiert der Film für die Zuschauer den düsteren, etwas schummerigen U-Bahnzug, in dem sich maskierte, anonyme User unterhalten. Unterstrichen wird das durch die Einblendung diverser Chatzeilen.
Das Ganze funktioniert so gut, und scheint so auf der Hand zu liegen, dass man sich ernsthaft fragt, weshalb noch niemand vorher auf die Idee gekommen ist.

Dass ausgerechnet das ach so spröde Deutschland, das mit Genrefilmen seit jeher Schwierigkeiten hat, einen Film abliefert, der in den meisten Belangen der Hollywoodkonkurrenz ebenbürtig und ihr in einigen Punkten sogar überlegen ist, zeigt wieder nur, dass man sich nicht auf vermeintlich feststehenden Regeln ausruhen sollte.

WHO AM I ist nicht der perfekte Film. Weiterhin bleibt das Grundproblem, Computer und Hacking wirklich realistisch im Film abzubilden. Auch WHO AM I nutzt hier und da eine Abkürzung und Vereinfachung. Aber: Wer die Realität will, soll den Abend vor seinem MS-DOS Eingabefenster verbringen und nicht im Kino!
WHO AM I kann sich auf die Fahne schreiben, ein nahezu perfekter Hackerfilm zu sein. Auf jeden Fall ist er einer der besten der Welt. Und ist das nicht das Ziel der echten Hacker?


Mess with the best, die like the rest!
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