29.01.17

Porträt: M. Night Shyamalan – Der Meister der erfüllten Erwartungen

Ich verehre Hitchcock für seinen Stil, seine Kompositionen. Heute werden Filme anders entwickelt: Wir können mithilfe der Technologie alles Mögliche zusammentragen und uns später überlegen, wie wir daraus einen Film machen. Man kann im Nachhinein einfacher etwas ändern, wenn das Publikum in Testvorführungen beispielsweise mehr Action sehen möchte. So muss man nicht mehr alles im Voraus planen und Szene für Szene entwickeln. Aber genau darum geht es mir: einen Film in meinem Kopf entstehen zu lassen, bis ins kleinste Detail. Hitchcock ist dahingehend mein großes Vorbild.
Quelle: "Split" © Universal Pictures International Germany GmbH

Biancas Blick:

M. Night Shyamalan ist einer jener Künstler, die eine genauere Betrachtung schon längst verdient haben. Er ist ein Phänomen des Widerspruchs: Noch heute strömen Filmfans auf der ganzen Welt in seine  Filme; immer mit der sicheren Erwartung, dass es ihm ohnehin nicht gelingen wird, seinen meisterhaften Clou aus THE SIXTH SENSE zu wiederholen, und doch immer wieder mit ausreichend Hoffnung versehen, um enttäuscht aus dem Kino zu kommen, weil genau diese Erwartung eerfüllt wurde. Kein anderer Filmemacher weckt derartig übergreifend die widersprüchliche Erwartung, zu scheitern und gleichzeitig die Hoffnung, ein neues Meisterwerk zu präsentieren.
Dafür, dass er diesen unlösbaren Zwiespalt in den Kinogängern hervorruft, wird er immer wieder belächelt und ins künstlerische Abseits gestellt. Zu Unrecht, wie wir finden!

Üblicherweise bemängeln Shyamalans Kritiker, er sei dem "Twist" verhaftet, dass er auf der Stelle treten würde und es ihm nur darum ginge, immer wieder zu versuchen, das Publikum mit seinem charakteristischen "Shyamalan-Twist" zu begeistern.
Doch ist dem wirklich so? Oder hat Shyamalan sich längst weiterentwickelt? Geht es ihm in seinen Filmen überhaupt um den "Twist"? Oder ist es am Ende das Publikum, das seit zwanzig Jahren auf der Stelle tritt, das immer wieder die eine, die endgültige Überraschung erwartet, das enttäuscht ist, wenn diese aufbleibt oder unter ihren Erwartungen, und das Shyamalan vornehmlich nach seinem Endtwist beurteilt, und nicht wahrhaben will, dass Shyamalan seit zwanzig Jahren "sein eigenes Ding" macht, bei dem die Überraschung am Schluss zwar ein Aspekt, aber eben nicht der für ihn ausschlaggebende ist?

Weshalb Shyamalan einer der konsequentesten Regisseure unserer Zeit ist, mit der konstantesten Leistung, der all seine ihm wichtigen Themen in jedem Film immer wieder so mannigfaltig wie möglich einbringt, und inwiefern er sich selbst stets treu geblieben ist, beleuchten wir in unserem Porträt.
Und ja, wir sind zugegebenermaßen große Fans. Natürlich erkennen wir die unterschiedliche Qualität seiner Filme an, vertreten aber die Ansicht, dass Shyamalan immer wieder auch missverstanden wird. Also, was ist über M. Night Shyamalan zu sagen?

Er ist filmverliebt, begeisterungsfähig und ein Visionär des modernen Erzählkinos. Er legt mit THE SIXTH SENSE im Alter von 28 Jahren einen Überraschungserfolg hin, scheinbar aus dem Nichts, und definiert den Plot-Twist damit komplett neu. Ein überragender Erfolg, der ihn seit nunmehr gut zwanzig Jahren beinahe die Karriere kostet und ihm die Arbeit enorm erschwert. Denn seit 1999 giert das Publikum nach diesem Twist, misst jeden seiner Filme am gelungenen und misslungenen Plot-Twist, wobei Shyamalan in seiner filmischen Entwicklung längst darüber hinausgewachsen ist.
Quelle: Blu Ray "Unbreakable - Unzerbrechlich" © Touchstone
Nach missratenen Großprojekten bekommt er zehn Jahre nach seinem Megaerfolg kaum noch Regieangebote oder Gelder für seine eigenen Visionen. Nur mühsam klettert er zurück auf die Bildfläche und dreht mit THE VISIT und SPLIT nicht nur finanziell äußerst erfolgreiche Filme, sondern auch von der Kritik hochgelobte Thriller. Wir sagen: Eigentlich war Shyamalan nie weg, nur unterhalb des massentauglichen Radars. Umso mehr freuen wir uns, dass er auf die größere Filmbühne zurückkehrt und als das wahrgenommen wird, was er seit jeher ist: Ein begeisterungsfähiger und phantasievoller Filmvisionär!


Lieber Kunst als Medizin


Geboren wird Manjo Nelliyattu Shyamalan am 6. August 1970 in Mahé in Indien. Seine Eltern entstammen Großfamilien, in denen die Kinder einen medizinischen Beruf ergreifen, so auch seine Eltern: Seine Mutter ist Gynäkologin, sein Vater Kardiologe. Natürlich wünschen sich die Eltern nur eins: Dass Manjo ebenfalls diesen Beruf ergreift. Doch der Junge hat bereits früh andere Pläne.
Obwohl Familie Shyamalan bereits 1960 nach Philadelphia in die USA übersiedelt, kehrt Manjos Mutter 1970 nach Mahé zurück, um ihn dort zur Welt zu bringen. 1971 erst vereint man Manjo mit dem Rest der Familie in Philadelphia. Shyamalan besucht eine römisch-katholische Privatschule. Trotz des sehr strengen und rigiden Unterrichts fühlt er sich dort wohl, denn die Schuluniform und der Konformismus geben ihm das Gefühl, auch als Kind indischer Eltern gleichberechtigt zu sein. Nach dem Abschluss der Grundschule geht er nach Merion und besucht dort ebenfalls eine Privatschule. Trotz der strengen Schulerziehung genießt er während seiner Kindheit und Jugend im Elternhaus viele Freiheiten. Hinduistisch geprägte Lebenskultur zu Hause und strenger Katholizismus in der Schule – dieses „Wechselspiel“ zwischen den Religionen prägt Shyamalan tief: Vorherbestimmung, Selbstfindung und die Suche nach höherer Erkenntnis werden später wichtige Themen in seinen Filmen sein.

Sein Vater schenkt seinem jungen Sohn eine Super-8 Kamera, mit der Shyamalan schon bald Filme dreht und experimentiert. Zu seinen filmischen Vorbildern gehört Spike Lee, von dessen Erzählkunst Shyamalan zutiefst beeindruckt ist. Sein Vater stellt später schmunzelnd fest: „Manche Kinder sehen Ärzte im Fernsehen und mögen, was sie zu sehen bekommen. Manjo schaute auch, doch er mochte den Fernseher, nicht die Ärzte“.
Quelle: Blu Ray "Das Mädchen aus dem Wasser" © Warner Home Video
Bereits mit 16 oder 17 Jahren hat er 45(!) eigene Kurzfilme realisiert, wobei seine Vorbilder in jener Zeit Steven Spielberg und Alfred Hitchcock sind. Einige dieser Werke veröffentlicht er später auf den DVD-Auskopplungen seiner Hollywoodproduktionen in den „Extras“. Unsere Empfehlung an dieser Stelle: Unbedingt ansehen! Sie sind Zeugnisse der Begeisterungsfähigkeit eines Heranwachsenden, der seinen Wunsch rigoros weiter vorantreibt und zehn Jahre später wahr werden lässt!

Anstatt – wie sein Vater es wünscht – Medizin zu studieren, schreibt Shyamalan sich an der New Yorker Kunsthochschule ein und schließt sein Filmstudium 1992 mit dem Bachelor ab. Während des Studiums lernt er Bhavna Vashani kennen, die Psychologie studiert und die er 1993 heiratet. In dieser Zeit ändert er seinen Namen in M. Night Shyamalan.

Noch heute lebt Shyamalan mit seiner Frau und ihren drei Töchtern in Philadelphia, das er trotz vieler Angebote aus Hollywood als heimatliche Basis nie verlassen hat. „Ich wohne in Pennsylvania, in der Nähe von Philadelphia. Dort schreibe ich meine Drehbücher und leite die Nachproduktion meiner Filme. Es ist eine idyllische Gegend, beinahe übernatürlich. Man findet dort sehr schöne und alte Häuser. Ich habe die Angewohnheit, dort mit meinen Freunden spazieren zu gehen, und diese ruhigen, friedlichen Orte inspirieren mich zu Angst einflößenden Geschichten.“


Erste holprige Schritte


Shyamalans ersten Film, PRAYING WITH ANGER, der 1992 entsteht, finanziert er zum Teil durch Gelder der Filmhochschule, zum Teil durch Subventionen seiner Eltern. Shyamalan fungiert hier nicht nur als Autor, Regisseur und Produzent, sondern übernimmt auch die Hauptrolle. Es ist ein frühes, stark autobiographisches Werk, in dem er einen indischen Jungen spielt, der nach dem Abschluss seines Studiums seine indische Heimat erforscht. Shyamalan dreht einen Großteil des Films vor Ort in Indien. In Toronto, wo der Film 1992 seine Premiere feiert, wird er ein großer Festivalerfolg. Zwar spielt der Film nur 7000 Dollar ein, wird aber vom American Film Institute als Bester Debütfilm 1993 geehrt!

Seine nächste Arbeit ist ein Drehbuch, „Labor of Love“, das er für 250.000 Dollar an 20th Century Fox verkauft. Zuerst soll Shyamalan auch selbst Regie führen, doch kurzfristig kommt diese Zusammenarbeit nicht zustande. Das Drehbuch ist bis heute nicht verfilmt. (Gilt aber immer wieder, so auch aktuell, als sein nächstes Projekt.)
Quelle: "Wide Awake" © Universum Film GmbH
Auch mit Miramax schließt Shyamalan 1995 einen Deal ab: Er verfasst das Drehbuch zu WIDE AWAKE, erhält ein Budget von 6 Millionen Dollar und darf das Projekt selbst inszenieren. 1998 startet der fertige Film in Amerika, spielt aber nur 300.000 Dollar ein. Ein erster Flop. Und die erste künstlerische Konfrontation, denn Miramax-Chef Harvey Weinstein verlangt einen Neuschnitt, den Shyamalan ablehnt. Im Nachhinein sieht Shyamalan eben diesen Konflikt als wichtige Erfahrung für seinen späteren künstlerischen Werdegang.
1998 trägt ihm Columbia Pictures auf, das Drehbuch für STUART LITTLE zu verfassen, was Shyamalan in Zusammenarbeit mit Gregory G. Brooker erledigt – der Film wird 1999 ein sensationeller Erfolg!


Ich sehe tote Menschen!


Heute, nach fast zwanzig Jahren Kino, die der Film geprägt hat, kann man sich kaum noch vorstellen, welche Gefühle Shyamalans dritter Film, THE SIXTH SENSE, bei seinem Erscheinen auslöst.
Begeisterungsstürme unvorstellbaren Ausmaßes laufen um den Globus. Und dabei stehen die Zeichen des Films zu Beginn überhaupt nicht auf Erfolgskurs. Trotz des enormen Erfolgs von STUART LITTLE rennen Shyamalan die Produzenten nicht die Bude ein, und noch weniger lassen sie ihn ein komplett selbstständiges Projekt realisieren. Nur mühsam bringt Shyamalan das Drehbuch zu THE SIXTH SENSE zu Ende und beauftragt seinen Agenten, einen „Bieterwettbewerb“ zu initiieren, bei dem das Mindestgebot 1 Million Dollar sein soll.
Disney erwirbt die Rechte und übergibt Shyamalan sogar die komplette Kontrolle! Etwas in der Form selten Dagewesenes, hat Shyamalan als Universalverantwortlicher bisher doch erst einen Film fertiggestellt, der zwar gelobt wurde, aber wenig erfolgreich war. Als Disney jedoch erkennt, welch düsteres Sujet sich hinter dem Drehbuch verbirgt, verkaufen sie das Gesamtpaket flugs weiter an Spyglass Entertainment, nicht jedoch ohne sich vorher einen Passus zu sichern, der ihnen 12,5 % aller Einnahmen garantiert. (Was sich als hervorragender Deal herausstellen wird!)
Doch der Deal hat noch eine bedeutsame Folge: Da Bruce Willis Disney durch einen geplatzten Film etliche Millionen schuldete, stimmte er einem Vertrag zu, drei Filme für Disney zu produzieren. Da Disney für den den vermeintlichen Flop von THE SIXTH SENSE bereits über 2 Millionen Dollar bezahlt hatte (und den verantwortlichen Producer gefeuert), nötigten sie Willis die Hauptrolle in dem Projekt auf. (Sein zweiter Film aus dem Disney-Deal, nach ARMAGEDDON und vor THE KID.)

Die Geschichte um ein Kind, das tote Menschen sieht und sich in seiner Verzweiflung an einen schwer an sich zweifelnden Psychiater wendet, avanciert zu einem der erfolgreichsten Filme der 90er Jahre, etabliert den ehemaligen Komiker und jetzigen Actionhelden Bruce Willis als Charakterdarsteller und macht aus dem gerade mal 11-jährigen Haley Joel Osment einen Kinderstar, der sich vor Angeboten kaum noch retten kann.
Der Film wird für sechs Oscars nominiert und wartet mit einem Plot-Twist auf, für den seinerzeit sämtliche Superlative gerechtfertigt sind.
Quelle: Blu Ray "The Sixth Sense" © Constantin Film
Kein einziger der völlig unvorbereiteten Zuschauer kann sich der überraschenden Wendung am Ende des Films entziehen. Mit diesem Twist schreibt Shyamalan Kinogeschichte und setzt einen neuen Standard.

In den folgenden 20 Jahren wird in vielen, vielleicht sogar den meisten Thrillern etwas ähnliches versucht. Shyamalans THE SIXTH SENSE aber bleibt unerreicht. Nicht nur die Beteiligten sind überrascht von diesem Sensationserfolg – der Film spielt weltweit 620 Millionen Dollar ein –, sondern auch der Regisseur zeigt sich regelrecht überfahren: „Ich komme selbst nicht mehr aus dem Staunen heraus. Die ganze Idee des Lebens nach dem Tod muss die Leute faszinieren. Und dieses überraschende Ende, über das die Leute tagelang reden. Viele sind mehrmals in den Film gegangen, um die Geheimnisse zu entschlüsseln, die man erst beim zweiten Sehen begreift.“


Erfolg ist nicht unzerbrechlich


Bereits während der Dreharbeiten zu THE SIXTH SENSE arbeitet Shyamalan an einem weiteren Drehbuch und legt dieses Bruce Willis vor, der begeistert ist und die Rolle sofort annimmt. UNBREAKABLE – UNZERBRECHLICH wird ein Thriller über übernatürliche Kräfte und Helden wider Willen, erneut unter der Regie und Hauptverantwortung Shyamalans. Nach dem Erfolg von THE SIXTH SENSE stehen auch die Stars bei Shyamalan Schlange. So wartet sein erster „großer“ Film mit Namen wie Samuel L. Jackson, Robin Wright und eben erneut Bruce Willis auf. Das Drama, das sich erneut Shyamalans Hauptthemen Familienkrise, Identitätssuche, Vaterlosigkeit und Regression annimmt, erweist sich als deutlich sperriger als der zugängliche THE SIXTH SENSE, und heimst zwar lobende, aber keine überragenden Kritiken ein.
Quelle: Blu Ray "Unbreakable - Unzerbrechlich" © Touchstone
Der Plot-Twist, an dem Shyamalan von nun gemessen werden wird, erweist sich als deutlich weniger effektiv als in seinem großen Vorgänger (und wird, etwa in deutschen Filmkritiken, in Einzelfällen bereits vorweggenommen. „Spoileralarm“ gab es damals noch nicht). Der Film bleibt finanziell weit hinter THE SIXTH SENSE zurück, spielt weltweit „nur“ 230 Millionen Dollar ein und wird Shyamalans fünfterfolgreichster Film. Durch die ungewöhnliche Lichtgestaltung und Kameraführung ist der Film jedoch bis heute ein analysefreudiger Leckerbissen für Filmstudenten.

Die Regiearbeit zu PLANET DER AFFEN (die dann Tim Burton übernimmt, der sich damit heillos verhebt) lehnt Shyamalan ebenso ab wie die zu HARRY POTTER. Zum einen weigert er sich, Philadelphia zu verlassen und nach Hollywood zu ziehen, zum anderen fürchtet er, dass er nicht mehr die Generalverantwortung behalten könnte.

In dieser Zeit kommt es zum Zusammentreffen mit seinem Vorbild Steven Spielberg: Die beiden Regiegrößen treffen sich, um eine eventuelle Zusammenarbeit an der Fortsetzung zu INDIANA JONES zu besprechen. Doch anscheinend gehen die Meinungen weit auseinander. Ein weiteres Treffen zu diesem Projekt gibt es nicht.
(Selbst der größte Shyamalan-Kritiker wird zugeben müssen, dass er an INDIANA JONES UND DER KRISTALLSCHÄDEL nichts mehr hätte kaputtmachen können.)

M. Night Shyamalan ist in jenen Jahren ein selbstbestimmter, unabhängiger und überaus erfolgreicher Regisseur, der kompromisslos für sich und seine Filme einsteht und kämpft. Und vor allem: Das Publikum liebt ihn! Zugeständnisse macht er nicht. Angebote, bei denen er nicht alles selbst in der Hand haben kann, lehnt er ab.


Kornkreise und Dörfer


2002 erscheint mit SIGNS Shyamalans zweiterfolgreichster Film. Disney kauft das Drehbuch für fünf Millionen und bietet Shyamalan die Regie für weitere sieben Millionen an. Der Film erzählt von einer weltweiten Invasion feindlicher Aliens. Doch erzählt Shyamalan diese Invasion aus der Perspektive einer einzelnen Familie, die abgelegen auf einer Farm in Pennsylvania lebt. Doch erzählt der Film auch vom Verlust des Glaubens, von göttlichem Zweifel und Vorherbestimmung. Mel Gibson und Joaquin Phoenix spielen sensationell und kongenial und sind sicherlich ein wichtiger Bestandteil des Erfolgs des Films. Und auch die Kinder, Abigail Breslin und Rory Culkin, liefern hier herausragende Leistungen ab. Doch der Film hat es schwer bei den Fans. Spätestens wenn das zuvor meist unsichtbare Alien in voller Pracht zu sehen ist, wissen die Effekte nicht mehr zu überzeugen. Der Plot-Twist erweist sich zwar als überraschend, aber von geringer Wirkung für den Zuschauer. Hinzu kommt, dass er eine bis heute berühmte Logiklücke mit sich bringt, die die Zuschauer Shyamalan nicht verzeihen wollen.
Quelle: Blu Ray "Signs - Zeichen" © Touchstone
Shyamalan hat seinen Stil mittlerweile geradezu vollendet. Er arbeitet mit wenigen Schnitten, in SIGNS beispielsweise kommt es durchschnittlich alle elf Sekunden zu einem Schnitt, was vergleichsweise wenig ist. So ermöglicht er es sich, beim Protagonisten zu bleiben und ihm in seiner Handlung zu folgen, nicht der Handlung selbst. Das verleiht Shyamalans Filmen eine ungewohnte Ruhe, Stille und Intensität. Außerdem weichen das Sprechverhalten und die Reaktionsgeschwindigkeit der Figuren oft von dem ab, was der Zuschauer gewohnt ist, wodurch alles ein wenig verfremdet und verlangsamt wirkt.

Shyamalan selbst sagt über seine Herangehensweise: „Heute entstehen die meisten Filme durch aufwändige Montagen im Schneideraum, der eigentliche Dreh verkommt zur puren Materialbeschaffung. Ich wähle einen anderen Ansatz und versuche, die Magie des Augenblicks einzufangen. Wenn man während eines Gesprächs häufig schneidet, erzeugt man automatisch eine andere Realität als am Set. Oft kommt dann das böse Erwachen, weil man die Magie nicht mehr spüren kann. Deshalb wähle ich oft Theaterschauspieler und drehe so zusammenhängend wie möglich.“
Damit wird er sich bis ins Jahr 2017 treu bleiben, mal mehr, mal weniger effektiv.

Zwei Jahre später engagiert Shyamalan Jaoquin Phoenix erneut. In seinem Mystery-Thrilller THE VILLAGE soll er neben Sigourney Weaver, Adrien Brody und William Hurt spielen. Hier kommt es auch zur ersten Zusammenarbeit mit Bryce Dallas Howard, die Shyamalan einige Jahre später ebenfalls erneut engagieren wird.
Der Film, der im ländlichen Pennsylvania des 19. Jahrhunderts angesiedelt ist, erzählt von einem fragilen Burgfrieden zwischen einer autarken Dorfgemeinschaft und mysteriösen Monsterwesen im Wald.

Die stark auf Horror, Rituale und Heldentum ausgelegte Geschichte kann zwar einen sensationellen Kinostart verbuchen, sackt aber in der Folgewoche so stark ab, dass der Film als Misserfolg gilt. Die Kritiken sind noch gespaltener als bei SIGNS. Sie bemängeln den unglaubwürdigen Plot-Twist, bei dem Shyamalan zu Beginn des Films sogar schummeln muss, um ihn überhaupt möglich zu machen.
Die Zuschauer sind ob des Twists ein Mal mehr enttäuscht und wenden sich vermehrt von ihrem einstigen Twist-König und Master of Mystery ab. Die Vorschusslorbeeren, die Shyamalan seit THE SIXTH SENSE in jedes Projekt mitbrachte, vertrocknen mehr und mehr.
Quelle: DVD "The Village - Das Dorf" © Walt Disney
Sieht man sich THE VILLAGE genauer an, erkennt man, dass Shyamalan auch hier seinen Grundthemen der Identitätsfindung, des Vaterverlusts, der Regression und des Glaubensverlust treu bleibt und sie auf extrem kreative Art umsetzt. Nur der Plot-Twist, zu dessen Sklave er sich in den letzten fünf Jahren gemacht zu haben scheint, zerstört die an sich tragende Geschichte.
Vielleicht ist der Twist in THE VILLAGE auch deshalb so schwach, weil Shyamalan erstmals von seiner Formel abweicht: Alle seine Plot-Twists dienen letzendlich dazu, das Leben der Figuren auf den Kopf zu stellen. Es sind die Figuren, die durch den Plot-Twist die Welt auf einen Schlag mit anderen Augen sehen. Der Zuschauer folgt ihnen lediglich bei ihrer unerwarteten Erkenntnis.
In THE VILLAGE jedoch bleibt die Figur von dem Plot-Twist vollkommen unberührt. Hier dient er erstmals allein den Zuschauern, was den Twist, gerade in dieser Heftigkeit, schlicht unnötig macht.

THE VILLAGE markiert den Abstieg Shyamalans vom einst gefeierten Regiewunderkind zum zwar für THE SIXTH SENSE geliebten, sonst aber eher belächelten Eigenbrödler.
Von nun an wird jeder Film schwere Arbeit und muss als Beweis dienen, ob er das Regieführen und Geschichten erzählen noch publikumswirksam umsetzen kann.


Im Abseits


Man kann sich aussuchen, ob man Shyamalan bewundern oder verdammen will, dafür, wie er auf seinen sinkenden Stern reagiert.
Denn der Regisseur, der immer schon die Filme gemacht hat, die er machen wollte, verschließt sich weiterhin radikal dem Publikum, dem Mainstream und den an ihn gestellten Erwartungen. Auch wenn ihn das dem Publikum noch weiter entfremdet.

So realisiert er seinen nächsten Film, DAS MÄDCHEN AUS DEM WASSER, für seine Töchter. Die Geschichte basiert auf einer selbstverfassten Gute-Nacht-Geschichte, die er ihnen geschrieben hat. Bis heute ist der Film das Herzensprojekt Shyamalans. Doch das bringt auch Probleme. Obwohl die Produktionschefs der Disney-Studios das Script als „zu wirr“ ablehnen, bietet der Studioboss Shyamalan 60 Millionen Dollar, mit den Worten: „Wir geben dir 60 Millionen Dollar. Mach mit dem Geld, was du willst. Wir werden uns nicht einmischen. Wir sehen uns bei der Premiere“.
Quelle: Blu Ray "Das Mädchen aus dem Wasser" © Warner Home Video
Wem das seltsam erscheint, der sollte sich klar machen: Auch wenn Shyamalan immer Probleme mit dem Publikum hatte, war er immer der Liebling der Buchhaltungsabteilungen der Studios. Seine Filme sind immer wieder verhältnismäßig günstig, spielen jedoch auch und gerade deswegen das Vielfache ihrer Kosten wieder ein. Ein Studiochef, der Shyamalan Geld in die Hand drückt, mag die Kinozuschauer verärgern, sichert sich jedoch eine gesunde Rendite.

Auch Shyamalan weiß, dass das Interesse des Studios nicht seiner Kunst gilt, sondern dem Erfolg und dem darauffolgenden Geldfluss. Als er das großzügige Angebot erhält, gibt es für ihn daher nur eine Antwort: Er kündigt! Warner Bros. greift zu und finanziert das Projekt.

Wieder geht es um Selbstfindung, Vertrauen, Liebe, Glaube und Erkenntnis. Stärker noch als seine bisherigen Filme ist DAS MÄDCHEN AUS DEM WASSER als Märchen erkennbar. Im Mittelpunkt steht eine Nymphe, die ein Hauswart aus dem Pool seines zu betreuenden Wohnkomplexes rettet und vor grausamen Kreaturen beschützen muss. Um dies zu schaffen, braucht es einen Zusammenschluss aus mit bestimmten Gaben ausgestatteten Bewohnern des Häuserblocks, die in einer Sage vorherbestimmt werden. Doch wer aus der bunten Menschenschar verfügt über Kräfte, von denen er selbst nichts weiß?

Der Film kostet 70 Millionen Dollar und startet 2006 mit Bryce Dallas Howard und Paul Giamatti in den Hauptrollen. Die Kritiker zerfetzen das Märchen und auch das Publikum zeigt sich wenig inspiriert, so dass DAS MÄDCHEN AUS DEM WASSER, gemessen an den Erwartungen, die das Studio hat, ein fulminanter Flop wird.
Bis heute spaltet der Film. Nicht wenige sehen ihn als den endgültigen Wendepunkt, an dem Shyamalan den Kontakt zum Publikum verloren hat, oder halten ihn für sein schlechtestes Werk. Doch daneben hat sich der Film auch eine überraschend große Fangemeinde aufgebaut, die das mysteriöse und märchenhaft-Unschuldige an diesem für Shyamalan ungewöhnlich optimistischen Film schätzen.

Parallel zum Kinostart veröffentlicht Michael Bamberg die Shyamalan-Biografie „The Man Who Heard Voices: Or, How M. Night Shyamalan Risked His Career on a Fairy Tale“, in der Shyamalan sehr ausführlich auf den Streit mit den Disney-Studios eingeht.
Das, und der erste als solcher verzeichnete Flop von DAS MÄDCHEN AUS DEM WASSER führen letztendlich dazu, dass Shyamalan im Anschluss weder Regieaufträge erhält noch Gelder für seine Projekte. Er ist keine sichere „Geldbank“ mehr. (Wobei Flop hier relativ zu betrachten ist. Bei Kosten von insgesamt 70 Millionen Dollar spielt das Werl weltweit immerhin 72 Millionen Dollar ein, kann also seine Produktionskosten einspielen, wenn auch gerade so.)

Doch Shyamalan gibt nicht auf. Noch immer geht es ihm nicht um Erfolg, nicht um Geld oder Ruhm. Er will schlicht seine Geschichten erzählen und Filme machen.
Und noch immer gibt es Produzenten, die die seltsame, unerklärliche Liebe des Publikums für den Erfinder von THE SIXTH SENSE teilen. Und so findet Shyamalan auch Geldgeber für sein nächstes Werk.
Quelle: Blu Ray "The Happening" © Twentieth Century Fox
Twentieth Century Fox greift zu und kauft das Script zu THE GREEN EFFECT mit der Auflage, es dezent umzuändern und ein zweites Studio zu finden, dass sich an den Kosten beteiligt. Shyamalan kommt beidem nach und so wird THE HAPPENING, wie der Film am Ende genannt wird, realisiert.

Der gerade aufstrebende Mark Wahlberg und Zooey Deschanel spielen die Hauptrollen in einem Öko-Thriller, der seltsam erscheint (und ist), sich jedoch im Kern wenig von Frank Schätzings populärem „Der Schwarm“ unterscheidet. Kurz gesagt: Angepisst von den Umweltsünden der Menschen entwickeln die Pflanzen der Welt die Fähigkeit, Menschen in den Selbstmord zu treiben..
Leider ist der Film tatsächlich so krude wie er sich anhört. Und zum ersten Mal hat sich Shyamalan komplett verkalkuliert. Auch wenn er versucht, seinen Themen treu zu bleiben, und sich von seinem geradezu zwanghaften Twist-Ending verabschiedet, funktioniert die Geschichte des Films zu keiner Sekunde und ruft, zu Recht, Spot und Häme hervor. Nicht einmal Shyamalans treueste Fans kann er von dem Projekt überzeugen. THE HAPPENING floppt fulminant, wird zu seinem zweitschlechtesten „vollverantwortlichen“-Film. Und noch immer macht er Gewinn und spielt immerhin das Eineinhalbfache seiner Kosten wieder ein.

Und Shyamalan macht weiter.
Ein weiteres Herzensprojekt wird DIE LEGENDE VON AANG, nach einer Serie, die Shyamalan immer voller Freude mit seinen Kindern gesehen hat, und die er für seine Familie auf die Leinwand bringen will. Doch er vergreift sich beim Casting und bekommt den Stoff nicht in den Griff. Der Film gilt als einer der schlechtesten Filme aller Zeiten, und heimst 2011 fünf Goldene Himbeeren ein, darunter für das Schlechteste Drehbuch und die Schlechteste Regie. Auch die vom Studio erzwungene 3D-Konvertierung, gegen die Shyamalan sich vergeblich zu wehren versucht, gilt als einer der Gründe dafür, dass der Film von der Kritik niedergemacht wird.
Quelle: Blu Ray "Die Legende von Aang" © Paramount
Zwar spielt der Streifen, mit gut 120 Millionen Budget Shyamalans bisher teuerster Film, wohl auch aufgrund der vielen Fans der Anime-Serie, weit über 350 Millionen Dollar ein, und wird damit sein dritterfolgreichster Film, doch Kritiker und Zuschauer wenden sich naserümpfend von Shyamalans Film ab. Inwieweit ihm bereits die interne Kontrolle während des Drehs genommen wird, ist unklar.

2011 fungiert Shyamalan für eine geplante Horrortrilogie als Produzent und Ideengeber. Der erste Teil, DEVIL – FAHRSTUHL ZUR HÖLLE, wird sogar leidlich erfolgreich, auch wenn sich erste negative Konsequenzen zeigen, dass sein Name auf dem Filmplakat steht. Doch Shyamalan ist noch nicht ganz unten angelangt. Eine Stufe findet er noch.
Denn 2013 holt er zu seiner größten künstlerischen Katastrophe aus: AFTER EARTH! Der Film ist seine erste Auftragsarbeit als Regisseur (Geld für eigene Filme bekommt er zu jenem Zeitpunkt nicht mehr).
Die Idee entstammt Will Smith, der Shyamalan die Regie kurz nach dem Kinostart von DIE LEGENDE VON AANG anbietet, unter der Bedingung, dass sein Sohn Jaden Smith die Hauptrolle spielt.
Shyamalan ist von dem Script begeistert, und mottet sein nächstes Eigenprojekt (das mit Bruce Willis, Bradley Cooper und Gwyneth Paltrow realisiert werden sollte) ein.
Der Film, der als erster Teil einer Trilogie gedacht ist, sieht sich schnell dem Vorwurf ausgesetzt, wenig verhüllt die Leitsätze der Scientology-Lehren wiederzugeben. Will Smiths Fehlcasting, das schlechte Spiel von Jaden Smith, etliche Logiklücken und der kaum verhohlene Nepotismus des Werks brechen ihm das Genick. Der Streifen ist grauenhaft gespielt, noch grauenhafter und seelenloser inszeniert (Auch wenn Shyamalan ein außerordentlich gewitzter und visueller Regisseur ist, kann er dem High-Budget Streifen seinen Stempel einfach nicht aufdrücken), und schlicht ein Desaster! So schlimm, dass die Kollegen von den Screen Junkies in ihrem „Honest Trailer“ sogar während(!) ihres Wutanfalls aufstehen und die Lust daran verlieren, den Film noch weiter fertig zu machen. Einzigartig!
Quelle: Blu Ray "After Earth" © Sony Pictures Home Entertainment
Das war es. Obwohl sich Shyamalan länger gehalten hat als alle anderen Regisseure, die meist schon nach einem, oder spätestens zwei von der Kritik zerfetzten Filmen weg vom Fenster sind, hat er das Ende der Fahnenstange erreicht. Selbst die treuesten Fans von THE SIXTH SENSE erwarten keine Wunder mehr, und nach zwei gefloppten Big-Budget Filmen wagen es auch die Studios nicht mehr, Shyamalan noch ihr Geld in die Hand zu drücken. Es scheint, als würde das einstige Wunderkind nie wieder einen Film drehen.


Serienmonster und nackte Omas


Doch Shymalan bleibt anpassungsfähig. Und kreativ. Und ja, vielleicht hat er auch ein wenig erkannt, dass es nicht nur ausreicht, Filme für sich selbst zu machen, sondern auch wieder die Lust gefunden, dem Publikum etwas zu erzählen.
Zumindest findet er langsam zurück.

2015 übernimmt Shyamalan die Produktion der Fernsehserie WAYWARD PINES. Bei ihrer Premiere wird die Serie in 125(!) Länder verkauft, ein Rekord! Stars wie Matt Dillon, Melissa Leo und Juliette Lewis treten darin auf. Wieder sind die Themen Glauben, Entfremdung, Selbstfindung und Familie. Ein Geheimagent verschwindet unter mysteriösen Umständen und findet sich in der Kleinstadt WAYWARD PINES wieder. Doch ist diese real? Warum scheint jeder Bewohner mehr zu wissen als er vorgibt? Und was befindet sich hinter dem immensen Zaun, der die Stadt umgibt?
Die erste Staffel wird von den Zuschauern und der Kritik überwiegend positiv aufgenommen und spült Shyamalan wieder auf den künstlerischen Radar der Filmschaffenden.

Schon ein Jahr später wagt Shyamalan mit THE VISIT etwas Neues. Not macht bekanntlich erfinderisch. Da die Studios Shyamalan kein Geld mehr geben, produziert er sich selbst, auch wenn das bedeutet, dass er mit winzigem Budget arbeiten muss, und keine großen Namen mehr verpflichten kann.
Quelle: Blu Ray "The Visit" © Universal Pictures Germany GmbH
Und wie alle Filmemacher, die kein Geld und keine Stars haben, dreht Shyamalan einen Found-Footage Streifen. Nur dass diesmal echtes Talent hinter der Kamera steckt.
THE VISIT changiert geschickt zwischen Horror, Drama und Komödie, ohne sich festlegen zu wollen. Erstmals nach langer Zeit hat Shyamalan wieder die uneingeschränkte künstlerische Freiheit, was man dem Projekt positiv anmerkt. Und auch wenn der Shyamalan-Twist wieder da ist, hat er nicht mehr den Stellenwert wie in Shyamalans früheren Werken. Dennoch lässt Shyamalan die Zuschauer bis zum Schluss im Unklaren, was genau mit der Oma, die auch mal nackt durch das Haus läuft und ihren Enkel dadurch „blendet“, nicht stimmt und welches vermutlich dunkle Geheimnis hinter dem Urlaub bei den Großeltern steckt. Kritik und Publikum reagieren erstmals seit Langem wieder wohlwollend und Shyamalan heimst, neben der mittlerweile obligatorischen Kritik: „Nicht so gut wie THE SIXTH SENSE!“ auch jede Menge Lob ein. So spielt der Low-Budget-Streifen mehr als das 20-fache seiner Kosten ein!

Noch ist Shyamalan jedoch nicht völlig gut gelitten bei den Studios, und so finanziert er auch seinen nächsten Film aus eigener Tasche. Dafür kann er in SPLIT mit James McAvoy arbeiten, und inszeniert einen garstigen Psychothriller um einen Mann mit 23 Persönlichkeiten. Die Kritiker lieben den Film und geben ihm die besten Werte seit THE SIXTH SENSE (Tatsächlich ist SPLIT einer von Shyamalans besten Filmen bisher) und auch die Zuschauer zeigen sich angetan. Der Film hat vor seinem Europa-Start bereits das Fünffache seiner Kosten wieder eingespielt und dürfte ähnlich erfolgreich werden wie THE VISIT.


Ein Plädoyer für die Selbstverwirklichung


Man kann es nicht leugnen: Shyamalan ist ein Phänomen und nimmt eine Ausnahmestellung im amerikanischen Kino ein.
Obwohl das Publikum ihn für THE SIXTH SENSE liebt, hasst, belächelt oder verurteilt es ihn für nahezu alles, was er anschließend gemacht hat. Ein Satz wie „Oh, der Regisseur vom großartigen THE SIXTH SENSE hat einen neuen Film? Der muss Schrott sein“, so unlogisch er klingen mag, gibt beinahe die Standardmeinung vieler Kinofans wieder.

Dabei verkennt man, dass Shyamalan immer schon Filme gemacht hat, die ihm wichtig waren. Er hat nie auf das Publikum geschielt, sich nur selten nach dem Publikum gerichtet (und wenn, hat es seiner Qualität massiv geschadet). Er hatte einfach das Pech, mit einem kleinen Film um einen Jungen und einen Psychiater einen Nerv beim großen Massenpublikum zu treffen, und daraufhin – fälschlicherweise – als massentauglicher Regisseur missverstanden zu werden. Dabei waren Shyamalans Filme immer Nischenwerke (inklusive THE SIXTH SENSE), waren immer sich jedem Genre entziehende, sehr persönliche Geschichten aus dem, was wir heute „Arthouse-Ecke“ nennen. Und eben dieses Missverständnis, als Nischenregisseur, der sein eigenes Ding macht von einem Massenpublikum beurteilt zu werden, führt zu der seltsamen Hassliebe zwischen Shyamalan und dem Publikum. (Ein Schicksal, das Shyamalan sich übrigens mit den Wachowski-Schwestern teilt.)
Quelle: "Split" © Universal Pictures International Germany GmbH
Vor allem aber muss man bedenken, dass Shyamalans Filme, so sehr sie vom Publikum auch gechasst wurden, finanziell immer erfolgreich waren. Seit THE SIXTH SENSE hat jeder einzelne Shyamalan sein Budget eingespielt. Und die meisten haben einen ordentlichen Gewinn eingefahren. Selbst die populärsten Regisseure können nicht immer eine solche Erfolgssträhne nachweisen.
Sensationelle Flops, etwa mit einem 80 Millionen-Dollar-Film nur 20 Millionen einzuspielen, solche Misserfolge sind Shyamalan fremd.
Auch wenn er seit dem alles überragenden THE SIXTH SENSE weit hinter den Erwartungen der Geldgeber zurückbleibt, die sich immense Profite erwarten, zeigt er gerade, dass er auch mit günstigen Filmen wie THE VISIT und SPLIT ordentliche Profite einfahren kann. Und künstlerisch immer noch überzeugen.

Vor allem aber muss man bedenken, dass, auch wenn Shyamalan seine festen Themen hat, seine Merkmale und Kennzeichen, seine Markenzeichen und Regelhaftigkeiten, keiner seiner Filme wie der andere ist. Shyamalan bewegt sich immer wieder weiter. Er experimentiert. Er bleibt kreativ. Er entwickelt Stoffe, die kein anderer Filmemacher sich trauen würde, er kennt keine Genregrenzen oder Konventionen, er passt sich keinem Lehrschema an und keinen Sehgewohnheiten.
M. Night Shyamalan ist einer der ungewöhnlichsten, kreativsten und eigensinnigsten Filmemacher Amerikas, und einer der leidenschaftlichsten. Ein Regisseur, dem die künstlerische Vision mehr bedeutet als jeder Ruhm, jedes Superhelden-Franchise und jede erfüllte Erwartung.
Vielleicht im Gegenteil.
Vielleicht ist es gerade Shyamalans Anspruch, sein Publikum immer wieder herauszufordern, es aus dem Sessel zu reißen, es mit Geschichten zu konfrontieren, die es noch nicht kennt, es in einer Zeit, in der seelenlose Multimillarden-Dollar-Merchandising-Konzepte als große Kinokunst gefeiert werden, mit einem Hauch echter Liebe zum Kino und zum Filmemachen zu konfrontieren. Es nicht mit Spektakel zu unterhalten, sondern mit Ideen, mit Leidenschaft und unerschütterlicher Hartnäckigkeit.
Das würde M. Night Shyamalan zu einem der erfolgreichsten Filmemmacher unserer Zeit machen. Und zu einem, den man hasst, und gleichzeitig liebt.


„Ich mag düstere Geschichten. Ich mag komplizierte Situationen. Ich mag Entwicklungen in meinen Storys, die völlig entgegengesetzte Gefühle auslösen. Meine Filme sollen nachwirken. Der Horror in meinen Filmen ist nur eine Haube, die den Zuschauer gefangen nehmen soll, damit er genauer hinsieht und genauer hinhört.“
Quelle: Blu Ray "The Visit" © Universal Pictures Germany GmbH

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