15.03.14

Der blaue Engel (D 1929)

Professor Rath schaut Lola Lola an. In seinem Gesicht zeichnet sich Verzweiflung ab. Lola Lola hingegen steht ihm gegenüber mit einem frechen Grinsen, abwertend, distanziert. Sie liebt ihn nicht mehr, sie wird ihn verlassen, das weiß er jetzt. Alles hat er ihr geopfert, alles! Seinen Ruf, seine Anstellung, seine Bleibe. Geblieben ist ihm nichts. Die Wut steigt in ihm auf. Unaufhaltsam. Seine Hände ballen sich zu Fäusten, er greift nach Lola Lola, schüttelt sie und würgt... würgt... würgt...
- Spoilerwarnung -
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Biancas Blick:

Marlene Dietrich greift Emil Jannings Arme, windet sich, ringt nach Luft, hat Todesangst!
Josef von Sternberg muss die Szene abbrechen, es besteht Lebensgefahr für seine Hauptdarstellerin. Marlene Dietrich will den Dreh zunächst abbrechen, weigert sich, noch ein Mal mit Jannings vor die Kamera zu treten. Sternberg kann sie zurückholen. Der Dreh wird dann ohne weitere Vorkommnisse zu Ende gebracht.

Zwei ähnlich verlaufende Handlungsstränge


Auf der einen Seite ist da der fiktive Professor Rath, angesehen, konservativ, streng, ordentlich, alleinstehend und rechtschaffen. Lehrer an einem Männergymnasium zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Er gerät zufällig in die Spelunke, in der die Sängerin Lola Lola auftritt, eigentlich um seine sich heimlich dort aufhaltenden Schüler zur Rede zu stellen. Aber es kommt alles anders: er erblickt Lola Lola, die Animierdame, die Sängerin, eine Frau ohne gesellschaftliches Ansehen. Sie weckt in ihm Gefühle der Lust, sexuellen Anziehungskraft, Begierde. Er beginnt, täglich in die Bar zu gehen und mit Lola Lola anzubändeln. Sie geht auf seine Annäherungsversuche ein, die Gründe scheinen rein finanzieller Natur zu sein. Sie heiraten, er verliert daraufhin sein Ansehen, seine Anstellung und wird als verachtungswürdige Person von seinem vorigen Wirkungskreis abgelehnt. Er wird buchstäblich zum Clown seiner Liebe, tritt als selbiger im Varietè seiner Frau auf. Als sie droht, ihn zu verlassen, verliert er den Verstand, bringt seine Frau fast zu Tode, und endet in seinem ehemaligen Klassenzimmer, bricht tot am Pult zusammen.

Auf der anderen Seite ist da der egozentrische Weltstar, Emil Jannings, der als erster Darsteller der Oscargeschichte einen Oscar gewonnen hat (1927: THE WAY OF ALL FLESH; 1928: THE LAST COMMAND). Er hat Allüren: Er weiß, er ist einer der geachtetsten und bestbezahlten seiner Zunft. Und er verspricht sich viel von der Rolle. Natürlich! Die Rolle des Professor Rath! Heinrich Mann hat ihn erschaffen, Josef von Sternberg, ein aufgehender Stern am Regiehimmel, wird ihn inszenieren! „Professor Unrat“! Die Titelfigur! Die zentrale Romanfigur! DER ERSTE DEUTSCHE TONFILM! Nelly Mann soll die Lola Lola spielen! Die Ehefrau des Schriftstellers ist nicht annähernd so talentiert wie Jannings, hat die Rolle nur bekommen, weil ihr Ehemann den Roman fabriziert hat. Die wird er schön an die Wand spielen! So ähnlich formuliert er es im Kreise seiner Freunde und Familie.

Aber es kommt alles anders. Eine relativ unbekannte Schauspielerin des Berliner Varietétheaters bekommt die begehrteste Rolle des Jahres. Mit ihrer uninteressierten, hingeschmissenen Darstellung bei den Probeaufnahmen stiehlt sie Sternbergs Überzeugung (und auch sein Herz) und bekommt die Rolle der Lola Lola gegen viele Widerstände. Und sie spielte wunderbar unaufgeregt, lasziv, hingebungsvoll. Bereits nach wenigen Drehtagen ist klar: Sie und niemand sonst ist der Star des Films. Das bemerkt auch Emil Jannings. Er wird wütend, sehr wütend! Die Zuneigung zwischen Regisseur und Hauptdarstellerin ist nicht zu übersehen. Von Sternberg stiehlt ihm die großen Momente, um sie dieser kleinen nichtssagenden Schauspielerin zu geben. Um sie besser in Szene zu setzen, auf seine Kosten! Und dann wird auch noch der Titel des Films geändert! Aus „Professor Unrat“ wird „Der blaue Engel“. Emil Jannings verkommt in seiner Rolle zum Supporter einer grandios aufspielenden Marlene Dietrich. Er tobt! Geht! Kommt zurück und macht sich selbst vor der gesamten Crew lächerlich. Diese Frustration und Wut kulminiert in einer Würgeszene, die außer Kontrolle gerät und Marlene Dietrich fast das Leben kostet.

Wie ging es weiter?


Marlene Dietrich wird mit diesem Film zum Star, folgt bereits für den nächsten Film Sternberg nach Amerika und beginnt dort eine Weltkarriere. „Der blaue Engel“ wurde parallel auch auf Englisch gedreht und sorgt in Amerika für Furore!
Für den zweiten Film unter Sternbergs Regie (1931: MAROCCO) bekommt sie ihre erste und einzige Oscarnominierung als beste Hauptdarstellerin.
Inwieweit die Beziehung zwischen Josef von Sternberg und Marlene Dietrich ebenfalls Parallen zum Roman „Professor Unrat“ aufweist, ist oft diskutiert worden.

Emil Jannings dreht noch bis 1945 in Deutschland Filme. Den Ruhm, den er in den Zwanziger Jahren innehatte, erreicht er aber nicht mehr.

Trotz des inhaltlich interessanten Themas bleibt der Film hauptsächlich wegen drei Punkten in Erinnerung: Dietrichs frivole Darstellung, als erster deutscher Tonfilm und Emil Jannings Gebaren am Set.

Die Kritik ist begeistert, insbesondere von Marlene Dietrich. Sie wirft dem Film jedoch zu recht vor, aus dem gesellschaftskritischen Roman Heinrich Manns ein Einzelschicksal gemacht zu haben, in dem der Tod des Professors am Ende steht. Und somit ein systemstabilisierender und kein anarchistischer Film zu sein.

Bei der Premiere des Films gibt es weit mehr als 60 Vorhänge!

Der Film ist ein Kind seiner Zeit, mit einer Gesellschaftsstruktur, die wir heute nur noch in Ansätzen kennen. Er wirkt dadurch manches Mal unfreiwillig komisch.
Die Darstellung erinnert noch sehr ans Theater: stark geschminkte Gesichter, große Gesten – überzeichnet und kaum subtil.
Marlene Dietrich, für heutige Verhältnisse wenig attraktiv in Szene gesetzt, spielt überzeugend und eindringlich.
Sie schafft einen neuen Frauentyp: die androgyne, frivol-attraktive, selbstbeherrschte Frau, die sie von nun an in fast jedem Film spielt und der dem Publikum in wenigen Jahren über sein wird. Damit gerät sie zum „Kassengift“. Ihr überagierende Spiel wirkt alsbald nicht mehr zeitgemäß und unfreiwillig komisch.
Die Lieder aus DER BLAUE ENGEL werden zu Gassenhauern, noch heute gern gesummt und gesungen, bekannt und geliebt: "Nimm dich in Acht vor blonden Frau'n", "Ich bin die fesche Lola" und "Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt."

DER BLAUE ENGEL ist filmhistorisch bedeutend und bis heute nur unzureichend kopiert oder theatralisch inszeniert worden, etwa als Neuverfilmung 1959 von Edward Dmytryk oder 2011 von der Komödie am Kurfürstendamm.

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