11.03.14

Prisoners (USA 2013)

„He's not a person anymore. No, he stopped being a person when he took our daughters.“
Quelle: DVD & Blu-ray „Prisoners” (Universal Pictures)
- Spoilerwarnung –
Dieser Beitrag enthält Details zur Handlung und zur Auflösung des Films!

Als die beiden kleinen Töchter der Familien Birch und Dover entführt werden, geraten die geordneten Familienstrukturen aus den Fugen. In Alex Jones, einem geistig zurückgebliebenen jungen Mann, findet die Polizei einen Verdächtigen, doch aus Mangel an Beweisen wird er wieder frei gelassen. Jetzt handelt Keller Dover nach seinen eigenen Regeln. Er hält Alex für den Entführer der Kinder und setzt ihn mit seinen eigenen Mitteln unter Druck. Doch je extremer diese Mittel werden, desto mehr verwischen die Grenzen zwischen Opfer und Täter, zwischen Entführer und Entführten.

Biancas Blick:

Seit 13. Februar auf DVD / Blu Ray
Der Film erzählt nicht primär von der Entführung zweier Kinder, sondern von einem Mann, der durch die Entführung seiner Tochter seine Menschlichkeit und alle menschlichen und christlichen Werte zu verlieren droht. Der zu DEM Tier wird, das er in dem vermeintlichen Entführer sieht.
Es ist das seelische Kammerspiel eines Verfalls.
Die Moralität wird zu einem Spielball des Gewissens.
Nicht nur Kelly Dovers Gewissen, sondern auch unser eigenes.

Selten hat mich ein Film so gefesselt und beeindruckt wie PRISONERS.
Die Kernfrage des Films: „Wie weit würdest du gehen?“ ist allgegenwärtig und drängt sich immer wieder auf.
Die Moral ist liquide, biegsam, passt sich den dargestellten Situationen stetig an, ist kein festes Material. Gerade deshalb ist man als Zuschauer immer wieder gefordert, sich selbst abzuklopfen, sich zu überprüfen – in Frage zu stellen.
Man bleibt nicht distanziert im Dunkeln des Kinosaals, sondern wird aufgesogen und erschreckt manches Mal über die Selbsteinschätzung der eigenen Moralvorstellungen.

Die Gewalt nimmt diametral zur Verzweiflung zu, wird eigenständig und bedrohlich im Zusammenspiel zwischen Dover und Alex Jones, je weiter die Zeit verrinnt.
Nur in wenigen Szenen wird sie physisch gezeigt, oft bleibt sie in Schreien und Ankündigungen und Geräuschen nur angedeutet, die Bilder spielen sich im Kopf des Zuschauers ab und das macht es so unfassbar.

Gefangene auf allen Ebenen

Auch der Titel PRISONERS ist auf allen Ebenen spürbar, denn jeder der Protagonisten ist gefangen, entweder physisch oder psychisch oder auch beides.

Da wäre Keller Dover, brillant von Hugh Jackman verkörpert, der einst in seiner Alkohol– und Kontrollsucht gefangen war und sich nun im Wahn verfängt, den Entführer seiner Tochter zu finden. Er wird zu einem Gefangenen seiner rachsüchtigen, gewalttätigen Mission, die schon längst verloren zu sein scheint.

Quelle: DVD & Blu-ray „Prisoners” (Universal Pictures)
Seine Frau verliert sich in Lethargie und Depression, gefangen in ihren Ängsten vor dem Unausweichlichen, der Einsamkeit und der wachsenden Gewaltbereitschaft ihres Mannes. Sie ist unfähig, ihren Mann zu unterstützen oder ihm Halt und Kraft zu geben.

Alex Jones, der junge Mann, wird zu einem Gefangenen Keller Dovers und seiner Unfähigkeit, die Situation zu erfassen.

Detective Loki, faszinierend gespielt von Jake Gyllenhaal, wird zu einem Gefangenen im Kampf, die beiden Kinder zu retten. Auch er droht, sich in einem Wahn zu verirren, auch wenn er stets ruhig und überlegt bleibt.

Franklin Birch, der Vater des anderen vermissten Mädchens und Freund von Keller Dover, wird zu einem Gefangenen seines Mitwissertums. Er weiß um die Taten seines Freundes und beginnt, dessen Methoden zu missbilligen. Trotzdem kann er ihn nicht verraten, zu sehr erhofft er sich durch Dovers Methoden die Rettung der Mädchen.

Die beiden Mädchen wiederum sind physische Gefangene.

Der Zuschauer wiederum wird zu einem Gefangenen des Geschehens. Er wird so hineingesogen, dass er sich dem Gezeigten kaum entziehen kann und seiner eigenen Moral ebenso wenig.

Die Atmosphäre des Films ist sehr düster und unterstreicht den menschlichen Abstieg Dovers durch Dunkelheit und Dauerregen, kein Licht, keine Sonne, alles ist Grau in Grau, durchsetzt mit Schneematsch.
Kaum Musik.

Gewalt als Mittel zum Zweck

Die Gewaltszenen zwischen Keller Dover und Alex Jones wurden nur in einigen Szenen genau im Drehbuch festgehalten.
Denis Villeneuve (Regisseur, es ist sein erster englischsprachiger Film) und Hugh Jackman besprachen diese Szenen im Vorfeld genau und waren sich darüber einig, dass die Gewalt aus der Situation entstehen müsse, nur so könne der Zuschauer erahnen, was Gewalt im Affekt (und später in wachsender Verzweiflung) bedeutet. So ist der Hammerschlag Dovers gegen die Wand ungeplant entstanden und im Film verarbeitet worden.
Villeneuve wollte bewusst nur wenige Folterszenen, doch sollten diese so roh, kalt und grausam wie möglich erscheinen. „Man kann 1000 Faustschläge im Kino sehen und nichts fühlen, bei PRISONERS soll es anders sein.“

Hugh Jackman hat sich im Vorfeld Videobänder betroffener Eltern in Verhören angeschaut, die nicht wussten, dass sie gefilmt wurden.
Die Möglichkeit mit ihnen direkt zu sprechen nahm er nicht an Zu „gering“ und „trivial“ kam ihm sein Anliegen im Angesicht der Trauer und Angst real Betroffener vor. Schließlich ging es nur um die Fertigstellung eines Films.

Da Dover im Film als sehr religiös dargestellt wird, stellt sich die Frage, inwieweit Religiosität mit Gewalt zusammenpasst und ob PRISONERS Religiösität ad absurdum führt?
Im Film wird die Religion, Dovers Glaube, als Rechtfertigung für die Folter, für sein Tun benutzt. Denis Villeneuve wollte mit diesem Hintergrund nicht die Religion an sich in Frage stellen, sondern den Fanatismus, der solchen Aktionen oft zugrunde liegt.

Quelle: DVD & Blu-ray „Prisoners” (Universal Pictures)
Als Hugh Jackman sich den Film das erste Mal mit seiner Frau im Kino ansah, hielt diese 90 Minuten lang seine Hand. Doch als die Folterszenen begannen, zog sie instinktiv ihre Hand weg. Jackman betrachtet das heute eher als Kompliment. Darüberhinaus hält er genau solche Rollen für etwas Besonderes, denn nur in solchen Parts könne er Grenzen austesten, die er im wahren Leben nie erleben wird.
Auf die Frage, ob er selbst in solche Situation geraten würde, antwortet er, dass er die Verzweiflung nachvollziehen kann (er ist selbst mehrfacher Familienvater). Zu der ausgeübten Gewalt seiner Figur aber nimmt er bewusst Abstand.

Im Gespräch für die Rollen des Dover und Loki waren unter anderem Mark Wahlberg und Christian Bale (die aber aufgrund des THE FIGHTER-Drehs absagen mussten) und Leonardo DiCaprio. Schließlich bekommt Jake Gyllenhaal die Rolle, nachdem er kurz zuvor mit dem Regisseur bereits an ENEMY gearbeitet hat.

Der doch sehr ruhige und stille Film hat einige Thrilleraspekte neu definiert.
Langsame, sich stetig neu entwickelnde Gewalt, innerlich wie äußerlich, treibt die eigentliche Handlung voran.
Der Sympathieträger, der langsam zum Monster wird.
Der vermeintliche Täter, der sich aufgrund seiner wachsenden Hilflosigkeit und Verletzlichkeit in unser Herz spielt und die Rolle der ursprünglichen Opfer, der beiden Mädchen, einnimmt. Ein dramaturgisch gelungener Kunstgriff.
Die Involvierung des Zuschauers, der sich stets neu hinterfragen muss.

PRISONERS war am Startwochenende ein enormer Erfolg in den USA,  womit niemand gerechnet hatte. Schnell wurde er als heißer Oscarkandidat gehandelt.
Am Ende jedoch wurde er weder bei den Golden Globes noch bei der Oscarverleihung berücksichtigt. Woran das gelegen hat, ist mir schleierhaft. Zu früher Start? Zu wenig Publicity?

Für mich einer der besten Filme der letzten Jahre.

Marcos Blick:

Filme über verschwundene Kinder, rachsüchtige Väter und Selbstjustiz gibt es viele. Und viele davon konzentrieren sich auf die psychologische Tragweite der Situation. DAS SCHWEIGEN DER LÄMMER mag eines der bekanntesten Beispiele sein.
Trotzdem gelingt es PRISONERS mit einigen geschickten Kniffen, aus der Masse hervorzustechen und dem Genre neue Impulse zu geben.

Zunächst einmal erspart er sich und uns, mit den Opfern mitzuleiden. Viele andere Drehbücher hätten vermutlich der Versuchung nachgegeben, immer wieder zu den entführten Kindern zu schalten. Dem Zuschauer Informationen zu vermitteln. Aus dem Leid der Opfer Spannung und Notwendigkeit zu erschaffen, mit dem Vater mitzufühlen.
PRISONERS nutzt die entführten Kinder lediglich als Aufhänger. Bis zum Schluss tappt der Zuschauer komplett im Dunkel, was das Schicksal der Mädchen betrifft. Genau dadurch zwingt der Film den Zuschauer aber, seine Stellung zu Dovers Methoden aus sich selbst zu erschaffen. Wüsste man, was den Mädchen geschieht, hätte der Film eine Lesart vorgeschrieben.


Quelle: DVD & Blu-ray „Prisoners” (Universal Pictures)
Viele Filme hätten außerdem eine „Verbrüderung“ zwischen Vater und  Polizist inszeniert, oder zwischen den beiden Vätern. Auch hier widersteht der Film der Versuchung. Stattdessen erhält der Vater von allen Seiten Gegenwind. Der Polizist, eigentlich sein Verbündeter, beginnt gegen den Vater zu ermitteln. Auch sein Freund zieht sich schließlich zurück. Als Dover völlig allein steht, als er selbst an seinen Taten zu zweifeln beginnt, unwissend, ob er richtig handelt, und gerecht, oder ob er sich selbst zum Monster macht, spätestens hier hätten viele Filme den Zuschauer „erlöst“, hätten ihm erklärt, was richtig und falsch ist. Und wieder – schweigt der Film. Bis zum Schluss lässt er die Zuschauer im Dunkel. Weiß man nur, was der Vater weiß – und das ist nichts.
Zugegebenermaßen mogelt der Film hier ein wenig, denn der niedrige IQ allein ist keine Erklärung dafür, dass Alex Thomas nichts erklärt. Dennoch – Paul Danos Spiel bleibt undurchsichtig, zweideutig. Ist er Täter oder Opfer?
Der Film lässt den Zuschauer allein mit seiner Meinung, bietet weder Hinweis und Rechtfertigung. Genau das macht ihn so unbequem. Anstatt zum passiven Zuschauer macht es ihn zum aktiven Mitwisser, der allein auf seinen eigenen Moralkodex zurückgreifen kann.

Und genau hierin unterscheidet er sich vom Großteil seiner Genrekollegen. Natürlich ist er spannend. Natürlich geht es um zwei entführte Kinder und einen Vater, der alles Erdenkliche tut, nur um etwas zu tun! Aber es geht ihm nicht allein um Spannung, es geht ihm nicht darum, die Geschichte eines Vaters zu erzählen.

Er will den Zuschauer in eine Situation zwängen, der er sich nicht entziehen kann. Er will ihm einen Spiegel vorhalten. Und das gelingt ihm durch mutige Reduktion, durch den Entzug von Information, durch einige erzählerische Kniffe und nicht zuletzt durch das hervorragende Spiel der beteiligten Hauptfiguren.

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