15.05.15

Kinokritik: The Babadook (AUS 2014) - Wenn der Horror in uns liegt

Psycho, Alien, Diabolique, and now THE BABADOOK… I’ve never seen a more terrifying film than THE BABADOOK. It will scare the hell out of you as it did me.
- William Friedkin


Auch wenn Friedkins Begeisterung eine Spur übers Ziel hinausschießt - THE BABADOOK ist ein kleines Meisterwerk des psychologischen Thrillers.
Nach der amerikanischen Premiere auf dem Sundance Filmfestival 2014 landet der Film schnell auf den Listen der „Must Sees“ großer amerikanischer Entertainment-Zeitungen wie Entertainment Weekly. 
© Capelight Pictures
Biancas Blick:
Doch was genau macht den Film so anders? Was genau ist es, das die Kritiker jubeln lässt?
Mit THE BABADOOK gelingt der australischen Regisseurin Jennifer Kent etwas Seltenes: Sie fügt dem altgedienten und fast hundertjährigen Horror-Genre neue Facetten hinzu und schafft eine Filmperle, die seit nunmehr einem Jahr weltweit gefeiert wird und jetzt auch endlich das deutsche Kino erobert. 
Bei 51 Nominierungen hat der Film bisher 37 Preise gewonnen, hauptsächlich im Independentfilmbereich.

THE BABADOOK basiert auf Kents 2005 entstandenem Kurzfilm THE MONSTER und ist ihr Spielfilmdebüt.

Alles neu, alles anders?


Die zugrunde liegende Story ist auf den ersten Blick nichts Neues:
Eine Witwe muss sich um ihren sechsjährigen Sohn kümmern und ihn und sich mit ihrem Job als Krankenpflegerin über Wasser halten. Es naht der Geburtstag ihres Jungen, und damit auch der Todestag ihres Mannes - ein Verlust, mit dem sie sich nicht auseinandersetzt, und auch ihr Sohn hat diese Tragödie noch nicht verarbeitet.
Eines Abends findet sie im Schrank ihres Sohnes ein Pop-up Bilderbuch mit dem Titel „The Babadook“, aus dem sie ihm vorliest. Schnell wird klar, dass das kein Kinderbuch ist und sie etwas Bedrohliches in ihrer beider Leben gelassen hat, das sie nun nicht mehr los wird. Die Gefahr kommt zusehends näher und niemand will der Frau, die ihren Verstand zu verlieren scheint, glauben. Ein Kampf um Leben und Tod beginnt ...
© Capelight Pictures
Genau mit diesem Kampf aber setzt THE BABADOOK neue Impulse im altgedienten Horrorgenre.
Denn hier geht es nur scheinbar um ein im Außen existierendes Monster mit Hut und Krallenhand, das ins Leben der Kleinfamilie einbricht.
Das wahre Grauen liegt viel tiefer, in einer Seele gefangen, die nicht weiß, wohin mit ihrer Trauer und Hoffnungslosigkeit, und die von dem "Monster" mehr und mehr vereinnahmt wird. Es geht um Horror, aber um den Horror, den eine Krankheit, eine Tragödie mit sich bringt, der die Betroffenen oftmals ebenso hilflos ausgeliefert sind.

Frauen an die Macht – oder doch nicht?


Es ist ein langer und beschwerlicher Weg, den Regisseurin Jennifer Kent hinter sich hat. Die Australierin studiert zunächst Schauspiel (in einer Klasse mit Cate Blanchett), bevor sie ins Regiefach wechselt.

HALLOWEEN, ROSEMARYS BABY, DER UNTERGANG DES HAUSES USHER, VAMPYR  oder DAS DING AUS EINER ANDEREN WELT sind Werke, die Kent früh prägen und beeinflussen. Besonders die Stummfilme und expressionistischen Frühwerke und ihre oft traumartige Atmosphäre üben einen besonderen Reiz auf die junge Regisseurin aus.

Bereits vor knapp zehn Jahren liefert sie mit MONSTER ein geachtetes und vielfach prämiertes Werk ab. In MONSTER nimmt sie deutliche Anleihen zum Horrorfilm der frühen 20er Jahre, sowohl was das Make Up, als auch die Ausstattung betrifft und verneigt sich damit vor den frühen Meisterwerken. Inhaltlich nimmt sie die Grundgeschichte, wenn auch stark vereinfacht, ihres neun Jahre später folgenden Spielfilms THE BABADOOK vorweg.


Kent plant schon früh, aus MONSTER einen abendfüllenden Horrorfilm zu inszenieren, doch „als Frau im Horror-Genre hat man es nicht leicht“, betont sie in Interviews oft. „Wenn ich Leuten erzählte, dass ich als Frau einen Horrorfilm drehen möchte, war es genauso schlimm, als wenn ich sagte, ich drehe Pornos oder Snuff-Filme.“
Dass Frauen auf den Regiestühlen dieses Genres so rar gesät sind liege auch nicht daran, dass das weibliche Publikum weniger Horrorfilme anschaue als das männliche. Aktuelle Studien haben mehrfach nachgewiesen, dass die Zuschaueraufteilung bei 50:50 liegt.
„Das ganze Problem ist viel größer“, fügt Kent hinzu, und bezieht sich damit auf die generellen Schwierigkeiten von Frauen als Regisseur, insbesondere in Genrefilmen.



Blättert man die Listen der „Besten Horrorfilme aller Zeiten“ durch, findet sich dort tatsächlich keine einzige Frau. Namen wie Wes Craven, William Friedkin, John Carpenter, Eli Roth, Alexandre Aja, Rob Zombie, Danny Boyle, James Wong, James Wan und Sam Raimi finden sich öfter, doch weit und breit keine Frau.


Mit Jennifer Kent rangiert nun endlich eine Regisseurin ganz weit oben, deren Spielfilmdebüt als einer der besten Horrorfilme der letzten Jahre bezeichnet wird.

Kent selbst glaubt nicht daran, dass reine Gewalt und Qual einen guten Horrorfilm ausmachen und bedauert es eher, dass viele Filmemacher des Genres das gleichsetzen.
„Ich würde THE BABADOOK nie als 'Horrorfilm' bezeichnen", sagt sie. "Eher als psychologischen Thriller".
© Capelight Pictures
Und dennoch kann man dem Film nicht absprechen, eben auch als Horrorfilm zu wirken, denn Kent inszeniert ihr düsteres Drama nahezu durchgehend mit stilististischen Horrorelementen: Dunkelheit, mysteriöse Geräusche, Scare Jumps, anschwellende Musik, angsterfüllte Gesichter, visuelle Verzerrungen, erahnbares Grauen und das unsichtbare Monster im Schrank.

Kents Horrorfilm ist psychologisch motiviert, was ihn zu einem beinahe eigenen Genre macht: Psychologischer Horror. Das, ihre enge Bindung zu ihren beiden Hauptfiguren, und dass sie eine weibliche Regisseurin in einem stark von Männern dominierten Genre ist, mache den Film zu etwas Besonderem, fügt sie hinzu.

Genau diese Diskrepanz bereitet dem Film allerdings auch Schwierigkeiten. Das Marketing verkauft THE BABADOOK als Horrorfilm, was viele Erwartungen weckt, die er schlussendlich enttäuschen muss. Dass sich hinter der ganzen Horrorstilistik am Ende "nur" ein psychologisch aufwühlendes Bewältigungsdrama verbirgt, ist für viele desillusionierte, um nicht zu sagen "enttäuschte" Horrorfans schwer zu verkraften. So ist das Publikum am Ende schwer gespalten, vor allem zwischen jenen, die einen enttäuschenden "Horrorfilm" gesehen haben, und jenen, die eine kraftvolle, neue und frische Herangehensweise an ein Psychodrama in dem Film sehen.


Vertrauen ist alles


Dabei ist ja gerade diese Facette, diese zugrunde liegende Neuartigkeit, die Kent sehr geschickt erst nach und nach entblättert, der Kniff und Geniestreich des Films. Der psychologische Aspekt ist weder fantastisch noch unglaubwürdig und dank der hervorragenden Leistungen von Essie Davis und Noah Wiseman als Mutter und Sohn jederzeit nachvollziehbar.
© Capelight Pictures
Essie Davis hat bereits in etlichen Filmen gespielt, unter anderem in den MATRIX-Teilen, AUSTRALIA, SWEENEY TODD und DAS MÄDCHEN MIT DEM PERLENOHRRING und fügt ihrer Vita mit der Darstellung einer innerlich gequälten und zerrissenen Mutter ein besonderes Glanzlicht hinzu.

Kent und Davis kennen sich seit der Schauspielschule und schätzen sich und ihre Arbeit. Da Davis alles mitbrachte, was Kent von der Rolle erwartete, besonders eine enorme emotionale Bandbreite, bekam sie die Rolle.
Davis berichtet, sie habe das Skript in Windeseile gelesen, denn jede Seite sei beängstigend und spannend zugleich gewesen. Da sie selbst Mutter sei, habe sie die Angst der Mutter im Film nachvollziehen können, diese Angst, etwas Schrecklichem ins Gesicht zu schauen, sich ihm zu stellen, den Kampf ums eigene Überleben und das des Kindes konnte sie gut nachvollziehen, sagt sie im Interview auf dem Sundance Filmfestival. Es sei ihr härtester Dreh gewesen, "da Jen alles aus mir herausholte und mehr und mehr forderte. Ich sagte ihr einfach 'Hier bin ich, mach was du willst mit mir!'"
Sie kenne Kent außerdem als sehr talentierte Schauspielerin, von der sie wisse, dass sie jeden Part der Rolle im Vorfeld selbst genau durchgespielt habe. Das habe ihr Vertrauen nur untermauert.


Der Horror im Kind


Noah Wisemans Figur ist der heimliche Star des Films und der ganz irdische Horror! Zu Beginn des Films trampelt der Junge ordentlich auf den Nerven der Zuschauer herum - zu hysterisch, zu schrill, zu sehr von allem, quält er die Zuschauer bis zu dem Punkt, dass man dem Begriff "Horrorfilm" hier ganz neue Aspekte abgewinnen kann, und sich still und heimlich wünscht, der Babadook möchte das Gör endlich aus dem Film schleudern.
© Capelight Pictures
Doch im Laufe der Handlung mausert auch er sich zu einem bedauernswerten, gequälten Jungen, der versucht, sich und seine Mutter zu retten. Der junge Wiseman selbst ist kein Schauspieler und wird durch das landesweite Casting entdeckt. Er weiß zu dem Zeitpunkt noch nicht mal, was genau ein "Kinofilm" ist. Seine Mutter, eine Psychologin, ist jedoch offen für den Dreh und unterstützt den Film und ihren Sohn großzügig, was dem Jungen zu einer der nachhaltigsten Kinderdarstellungen der letzten Jahre verhilft.

Klopf, klopf, klopf!


Trotz aller Psychologie bleibt THE BABADOOK am Ende aber fantastisch. In jeglicher Hinsicht!

Frischer Wind im langlebigen und hochfrequentierten Horror- und Spannungsfilm ist derart selten, dass die entsprechenden Filme immer viel Aufsehen in der Fangemeinde erregen. So erhält auch THE BABADOOK im 2014 durchlaufenden Marathon der weltweiten Fantasy-Filmfestivals schnell eine große Fangemeinde und einen hohen Status. Obwohl er sich in vielerlei Hinsicht dem auf anderen Ebenen ebenso hervorragenden, allerdings etwas zugänglicheren HOUSEBOUND geschlagen geben muss, entwickelt sich THE BABADOOK schnell zum Liebling sämtlicher Kritiker und einer großen Gemeinde von Horrorfans.

Nicht nur beweist der BABADOOK, dass weibliche Regisseure dem Horrorgenre unglaublich viel zu geben haben, und dass ihr Stand in jedem Fall gefestigt werden sollte. Es gelingt ihm auch, einerseits großes Zitatekino zu werden der Film spielt elegant mit dem Kino und Fernsehen der Frühzeit und münzt dieses in eine moderne Filmsprache um , sich andererseits aber auch zu emanzipieren und völliges Neuland zu betreten.
© Capelight Pictures
THE BABADOOK ist Horror, der fordert Nerven, Geduld und Offenheit. Wer sich darauf einlässt, wer bereit ist, einen Horrorfilm zu sehen, der mehr sein will als das, wird hier reich belohnt und entdeckt an jeder Ecke eine kreative Idee, von den Bildern, der Handlung, oder der Art, wie der Zuschauer von Anfang an in die psychologische Struktur der Mutter hineingetrieben wird.

Mit Jennifer Kent hat eine überaus talentierte Regisseurin die Bühne des Horrorgenres betreten, von der wir nur hoffen können, dass wir sie ebenso schwer wieder loswerden, wie den Babadook!

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