18.08.14

Roman Polanskis Filme: Feiner Humor zwischen Einsamkeit und Irrsinn

Als Roman Polanski 1962 die Regie für seinen ersten Kinofilm übernimmt, ist er gerade einmal 28 Jahre alt und hat eine Handvoll Kurzfilme gedreht. In den nächsten bisher 52 Jahren wird er 20 Filme in die Kinos bringen und eine beinahe einzigartige Karriere hinlegen. So gut wie jedes seiner Werke wird zu einem Klassiker, einige davon zählen bis heute zu den besten Filmen aller Zeiten. Dabei gelingt Polanski das Kunststück, sich immer wieder neu zu erfinden und sich gleichzeitig bis heute treu zu bleiben.
Quelle: Blu Ray "Venus im Pelz" © EuroVideo


Genie im Exil



Roman Polanski ist nicht nur einer der größten Regisseure aller Zeiten, ausgezeichnet mit mehr internationalen Preise als die meisten seiner Kollegen. Und er ist nicht nur der vermutlich einzige wirklich internationale Regisseur der Welt. Sondern sein Werk ist eines der faszinierendsten, die es in der Filmwelt gibt.
Und: Neben seinen immer wieder fesselnden Filmstoffen bietet Polanskis von Tragödien und Skandalen überschattetes Leben bereits selbst genügend Material für einen Film.

Am 18. August 1933 als Sohn polnischer Eltern in Paris geboren, zieht er 1937 nach Krakau zurück. Als die Deutschen in Polen einmarschieren, ist er gerade erst sechs Jahre alt und seine Familie, obwohl nicht jüdisch, wird bald mit den Juden ins Krakauer Ghetto gesperrt. Seine Mutter stirbt kurz darauf in Auschwitz, sein Vater wird später fortgebracht und vermutlich ebenfalls ermordet. 1943 entkommt er dem Ghetto, wird versteckt, wechselt seinen Namen und tarnt sich als Katholik vor den Verfolgungen, wodurch er den Weltkrieg überlebt.

1967 lernt er beim Dreh zu TANZ DER VAMPIRE seine zweite Frau Sharon Tate kennen. Diese ist hochschwanger, als sie im August 1969 - Polanski dreht in Europa - von den weiblichen Mitgliedern der kultischen Gruppe um Charles Manson brutal ermordet wird. Neben dem Verlust seiner Frau und seines ungeborenen Kindes muss Polanski sich vor allem mit der sensationshungrigen Presse rumärgern, die jedes Detail der Tat und seines Familienlebens öffentlich ausschlachtet.
Regisseur und Hauptdarsteller Roman Polanski und seine spätere Ehefrau Sharon Tate in TANZ DER VAMPIRE.

Quelle: DVD "Tanz der Vampire" © Warner Home Video. All Rights reserved.
Erneut mit der Presse gerät er aneinander, als er im März 1977 die erst 13-jährige Samantha Geimer verführt. Der Prozess, der von Vergewaltigung zur Verführung Minderjähriger herabgesetzt wird, erregt eine Menge öffentliches Aufsehen. Möglicherweise deshalb beginnt der zuständige Richter, seine Meinung zu ändern. Obwohl er Polanski versprach, ihn nach einer kurzen psychiatrischen Behandlung freizulassen, stehen nun doch wieder Gefängnis und möglicherweise Sicherheitsverwahrung im Raum.
Polanski flieht Stunden vor der Verhandlung nach Europa. Seit 36 Jahren ist er nicht mehr in die USA gereist, arbeitet in London, Frankreich, Polen, Deutschland. Samantha Geimer erklärt später, der Richter und die Presse hätten ihr mehr geschadet, als Polanski es je gekonnt hätte.

Vielleicht muss man Polanskis bewegtes Leben kennen, um sein Werk zu verstehen.
Sein Œuvre umfasst nahezu sämtliche Genres: Krimi, Thriller, Drama, Horror, Film Noir, Abenteuer, historisches Epos, Kinderfilme und Komödien.
Mit jedem Film wandelt sich Polanski, stellt er sich einer neuen Herausforderung.
Und doch bleibt er in fast jedem Film seinen Themen und seinem Muster treu.
Polanskis Filme handeln von Einsamkeit und Außenseitern. Es geht um unsichtbare Bedrohungen, eine schemenhafte Gefahr, die sich näher und näher schiebt. Immer liegt der Feind in einem Selbst oder im nächsten Umfeld.
Polanskis Filme behandeln die Themen, die sein Leben bestimmt haben. Gefahren, die von außen ins eigene Heim eindringen, irrationale Verfolgungen durch Autoritäten, Macht und Ohnmacht. Immer hinterlassen seine Filme einen gewissen kafkaesken Beigeschmack. Ein Gefühl des Unwohlseins, der Hilflosigkeit und Verzweiflung. Und doch sind sie immer wieder - wie feine Goldfäden in finsterer Nacht - von feinem Humor oder absurden Szenen durchzogen. Polanskis Filme beklemmen und erheitern. Betreten immer wieder Neuland, inspirieren große Meister wie David Fincher, die Coen Brüder, Darren Aronofsky, Wes Anderson, Park Chan-Wook oder Abel Ferrara.

Ganze zehn Drehbücher entwickelt Polanski mit einem alten Freund zusammen: Gérard Brach, mit dem er sich bereits als junger Filmemacher die Liebe zu absurdem Film und leisem Humor teilt. Ihre Kollaboration bestimmt Polanskis Werk maßgeblich mit.


Polanskis Formel ist meist gleich: Es geht um ein einzelnes, meist biederes und in seinem Alltag sitzendes Individuum. Eine Identifikationsfigur für den Zuschauer.
Diese wird im Laufe des Films tiefer und tiefer in Geschehnisse hineingezogen, die sich seiner Kontrolle entziehen. Diese Geschehnisse sind, im weitesten Sinne, absurd. Im engeren Sinne sind sie surreal, irrsinnig. Dabei ist irrsinnig im ursprünglichen Wortsinne zu verstehen: Der Held kann sich seiner Sinne nicht mehr sicher sein, er kann ihnen nicht mehr trauen.
Der Zuschauer begleitet den Protagonisten auf seinem Weg tiefer und tiefer in die irrsinnigen Geschehnisse hinab, bis zu einer Auflösung, die, oft genug, den Protagonisten in eine neue Welt, eine neue Wirklichkeit entlässt.
Dieser Abstieg wird oft von einer wachsenden Isolation der Figur begleitet. Nicht nur einer wachsenden Isolation, sondern auch einer wachsenden Bedrohung durch eine äußere Gruppe.
Genau aus dieser Kombination der stärker werdenden Isolation, Bedrohung und der sich immer irrsinniger entwickelnden Elemente heraus entspinnen sich Polanskis Filme, die ihre Zuschauer stets mit einem Gefühl der Beklemmung zurücklassen.
Typisch für Polanskis Helden: Isoliert und in einer fremdartigen, bedrohlichen Gruppe gefangen, suchen sie nach dem Sinn und der Auflösung irrationaler Ereignisse.

Quelle: Blu Ray "Der Ghostwriter" © STUDIOCANAL
Wie genau er diese Elemente in seinen Filmen unterbringt, und sich über die Zeit von 50 Jahren weiterentwickelt, wollen wir in einer kleinen Retrospektive darlegen.
Aufgrund ihrer thematischen Ähnlichkeit lassen sich Polanskis Filme ideal in kleinere Grüppchen teilen, was wir der Übersicht halber getan haben.

Die Thriller


Das Messer im Wasser (PL 1962)


DAS MESSER IM WASSER ist Polanskis erster abendfüllender Spielfilm, mit dessen Konzeption er noch während seines Filmstudiums beginnt.
Es ist eine Dreiecksgeschichte, in der die Bedrohung durch einen jungen Mann ausgelöst wird, der sich einem Ehepaar auf einem Boot anschließt. Der Film fällt locker in das Thriller-Genre, orientiert sich an Orson Welles' DIE LADY VON SHANGHAI, eine zu dieser Zeit im Kino populäre Dreiecksgeschichte.
Was den Film durchzieht, sind Themen, die Polanski immer wieder aufnehmen wird: Angst, Misstrauen, Obsession, Liebe.
In Polen fällt der Film bei den Kritikern durch. Er sei für Polen „nicht typisch oder relevant“.
Der Rest der Filmwelt sieht das anders! So bekommt er eine Oscarnominierung als bester ausländischer Film (verliert aber gegen Fellinis 8 ½), wird für den BAFTA nominiert und erhält den FIPRESCI-Preis in Venedig.
Die Basis für eine Weltkarriere ist gelegt!

Chinatown (GB 1974)


CHINATOWN, der in Polanskis Geburtstsjahr 1937 spielt, ist eine der gelungensten Hommagen an den Film Noir und gestaltet das Genre entscheidend mit.
Das Drehbuch von Robert Towne gilt als eines der besten aller Zeiten und wird immer wieder in Drehbuchseminaren und -ratgebern als Musterbeispiel herangezogen. Deshalb wird das am Ende auch der einzige Oscar, den der Film aus seinen elf Nominierungen erhält.

Die Finesse des Films an dieser Stelle zu erörtern würde zu weit gehen. Doch obwohl er diesmal nicht am Drehbuch beteiligt ist, sondern eine reine Auftragsarbeit abliefert, folgt der Film eng Polanskis Themen.
Der Protagonist des Films, Jake Gittes, folgt seinem Alltag, als er einen untreuen Ehemann beschattet. Auch er ist, in seinem ganz eigenen Sinne, ein typischer naiver, biederer Polanski-Held.
Im Zuge seiner Ermittlungen taumelt er tiefer und tiefer in eine irrsinnige, korrupte und unmoralische Welt des Fressens und Gefressenwerdens.
Das folgt der typischen Thematik von Polanskis Filmen, zeigt aber noch etwas anderes auf: Polanskis Themenwahl ist wie geschaffen für den Film Noir!
Quelle: Blu Ray "Chinatown" © Paramount Pictures
Es ist beinahe bedauerlich, dass Polanski nur einen Film Noir gedreht hat (eineinhalb, falls man FRANTIC mitzählt), wenn man bedenkt, wie perfekt die Regeln des Genres zu Polanskis Themen passen.

Und der Stil CHINATOWNs wird bis heute oft kopiert. Der Film legt den Maßstab dafür, wie das L.A. der Dreißiger und Vierziger auszusehen hat und begründet den "Neo-Noir": L.A.CONFIDENTIAL, DIE SCHWARZE DAHLIE oder DER FREMDE SOHN stehen allesamt in der Tradition von CHINATOWN.
Die Fortsetzung DIE SPUR FÜHRT ZURÜCK wird 1990 unter der Regie von Jack Nicholson gedreht, wieder mit ihm als Jake Gittes.
Bei der Darstellung von Faye Dunaway soll Polanski auf Erinnerungen an seine Mutter zurückgegriffen haben.

Frantic (USA 1988)


Hier vermischen sich Thrillerelemente mit Elementen des Scheins und Seins. Wie in Polanskis mystischen Filmen weiß der Zuschauer lange nicht, woran er ist. Was ist wahr? Was unwahr? Was ist eingebildet? Gab es die Ehefrau wirklich?
Auch FRANTIC folgt Polanskis Formel bis ins Kleinste. Der biedere Ehemann, der von einer Sekunde zur anderen aus seinem Alltag gerissen wird und sich in einer bedrohlichen Welt wiederfindet, die sich gegen ihn verschworen hat. Polanski, mittlerweile im französischen Exil, nutzt auch das als befremdliches Element: Der Amerikaner ist verloren in der französischen Metropole, deren Sprache er nicht kennt, und ist abhängig von einer jungen, undurchsichtigen Französin.
Diese wird gespielt von Emmanuelle Seigner, 22 Jahre alt, und schon bald die neue Frau von Roman Polanski - der 55 ist.
Am Ende ist FRANTIC einer von Polanskis unelegantesten Thrillern, schlicht deshalb, weil er Polanskis Themen wenig verschleiert behandelt.
Spätestens hier wird aber auch Polanskis Talent als Schauspielerregisseur deutlich. Polanski arbeitet eng mit seinen Schauspielern zusammen, gibt ihnen klare Vorgaben für Szenen, und gestaltet das Bild anschließend um deren Spiel herum. Das kommt dem Star des Films, dem eher durchschnittlich begabten Harrison Ford, sehr entgegen. Er liefert in FRANTIC eine der besten darstellerischen Leistungen seiner Karriere ab.


Der Ghostwriter (FR/D/GB 2010)


Polanskis bisher letzter Thriller nutzt viele Elemente aus DIE NEUN PFORTEN: Etwa den Protagonisten aus der Buchwelt, der einer tief in die Vergangenheit reichenden Verschwörung auf die Spur kommt.
Erneut findet sich ein idealistischer, etwas naiver Held allein und auf sich gestellt in eine feindliche Gruppe geworfen, deren Gefährlichkeit sich erst allmählich entblättert. Auch das Rätsel darum, wer gut, wer böse, wer vertrauenswürdig ist, wird ausgereizt.
Polanski bleibt auch seiner mittlerweile festen Vorliebe für begrenzte Settings treu: Neben einer Fähre spielt der Film vor allem auf einer Insel.
Quelle: Blu Ray "Der Ghostwriter" © STUDIOCANAL
Ungewöhnlich ist für Polanski wiederum das Sujet, da diese Art von Thrillern bei ihm meist einen okkulten und übersinnlichen Hintergrund hatten. Diesmal wählt er einen politischen Boden, etwas, das er sonst eher für Dramen wie DER PIANIST oder DER TOD UND DAS MÄDCHEN nutzt.

Der Film wird zu einem von Polanskis preisträchtigsten Filmen: Ganze sieben Europäische Filmpreise, darunter Bester Film, Beste Regie und Bestes Drehbuch, heimst er ein. Dazu vier Césars (Regie und Drehbuch), ein Silberner Bär und unzählige kleinere Preise.

Die Mieter-Trilogie


Polanski inszeniert in seiner Karriere drei Filme, die unter Filmfans als lockere Trilogie bezeichnet werden, da sie Themen wie Entfremdung, Einsamkeit, Schein, Sein, und den Horror im Alltag aufbauen und konsequent zu Ende führen.

Ekel (GB 1965)


Drei Jahre nach DAS MESSER IM WASSER folgt Polanskis zweiter Kinofilm und bildet den ersten Teil der sogenannten „Mieter-Trilogie“ - im Englischen: "Apartment-Trilogy" -, zu der auch ROSEMARY'S BABY und DER MIETER gehören.
Im Fokus steht Carole Ledoux, eine schöne, introvertierte Belgierin, die mit ihrer Schwester in London wohnt. Mit den sexuellen Anzüglichkeiten diverser Verehrer kann sie nur schwer umgehen, empfindet Hass, sogar Ekel. Als ihre Schwester zwei Wochen verreist, verfällt Carole zunehmend dem Wahnsinn, igelt sich ein, verbarrikadiert sich in der Wohnung, geht nicht mehr arbeiten und beginnt zu halluzinieren. Sie sieht Hände, die nach ihr greifen, Männer, die sie verfolgen, Risse im Mauerwerk (all das findet sich vierzehn Jahre später in DER MIETER wieder!).
Der reale Vergewaltigungsversuch eines Verehrers endet schließlich tödlich. Carole taucht in katatonische Zustände ab.

Bereits in diesem Werk ist Polanskis charakteristische Handschrift zu lesen: eine dichte Milieuzeichnung, düster, beengt und eine vereinsamte, halluzinatorische Hauptfigur.
Wie Harrison Ford dreiundzwanzig Jahre später in FRANTIC, verhilft er auch hier Catherine Deneuve zu einer ihrer besten Leistungen und kitzelt ein unfassbares Niveau aus ihr heraus.
Die Kritiker sind begeistert, sehen das neuartige Thillerpotenzial, das dennoch den Schwerpunkt auf feine Charakterzeichnungen legt.
Polanski holt den Horror in den Alltag.
Wieder gewinnt er in Venedig und holt sich darüber hinaus den Silbernen Bären der Berlinale.

Rosemary's Baby (USA 1968)


ROSEMARY'S BABY nimmt viele Themen von EKEL auf und spinnt sie in eine neue Richtung weiter.
Wieder steht eine junge Frau im Fokus, deren Leben sich zuzuziehen scheint, die von einer außen stehenen Gruppe mehr und mehr bedrängt wird, forciert durch einen ungeheuerlichen Verdacht. Doch leidet diese Frau nicht an Wahnsinn, wie Carole in EKEL, sondern sieht sich einer realen Gefahr ausgesetzt, aus der es kein Entrinnen gibt - obwohl der Film lange mit der Frage spielt, ob sie wahnsinnig sei.
Polanski mischt erstmalig psychedelische Elemente in einen  Film, um die Verzerrung im Inneren der Protagonistin ins Außen zu tragen. Der Zuschauer schwebt, taumelt durch Musik und Farben, Bilder und Bildkompositionen und versucht sich wie Rosemary an irgendetwas festzuhalten, was nur ungenügend gelingt.
In ROSEMARY'S BABY bringt Polanski erstmals okkulte Elemente in die Geschichte ein: Teufelsanbetung, Riten und Rituale, Verkauf der eigenen Seele an ein höheres, allmächtiges Wesen. Opfergaben, Verrat und Gewalt. Das greift er später in DIE NEUN PFORTEN und VENUS IM PELZ wieder auf.

Dramatisch ist, dass der Film vieles von der mörderischen Tragödie vorwegnimmt, die Polanski ein Jahr später widerfährt. Auch der Mord an Sharon Tate hatte rituelle Züge. Schlimmer noch: Lange halten sich Gerüchte, der Gründer der Satanskirche, Anton LaVey habe als Berater an ROSEMARY'S BABY mitgearbeitet (was nicht erwiesen ist), während Susan Atkins, die Mörderin von Sharon Tate, als Anhängerin LaVeys galt.
Ein grausiger Film, der im Kontrast zur realen Tragödie noch grausiger wirkt.

Der Mieter (F/GB 1976)


Im dritten Teil der Trilogie orientiert sich Polanski wieder verstärkt an den Symbolen und Themen von EKEL, spielt aber insofern mit dem Zuschauer, dass dieser, wie auch in ROSEMARY'S BABY, nicht genau weiß woran die Figur Trelkovsky ist.
Der Mieter, der schüchtern und zurückgezogen lebt und in eine kleine Wohnung in Paris zieht, wird dort von seinen Nachbarn bedroht und in die Enge getrieben.
Wahnsinn mischt sich mit klaren Momenten, Freude mit Verzweiflung, Skurrilität mit Humor.
Wie in ROSEMARY'S BABY bleibt das Ende konsequent und verstörend.
Der Horror in der Vereinsamung, Ausgrenzung, Entfremdung - von sich selbst und anderen - sind mit Sicherheit Themen, die Polanski auch privat bewegt haben.

Schaut man sich diese drei Filme hintereinander an, erkennt man das zwingende Element, das der dritte Teil zum Abschluss bringt: den Tod.
In EKEL ist es der Tod der Bedrohung um das Selbst zu schützen. In ROSEMARY'S BABY ist es die Vereinnahmung des Kindes durch den Hexenzirkel, also der Tod eines Teils von einem Selbst. Zudem kann Rosemary sich nur schützen, indem sie ein Opfer bringt und sich selbst in den Dienst der Bedrohung stellt, sich selbst quasi psychisch tötet, wenn schon nicht körperlich.
In DER MIETER nun kehrt die Gefahr in den engsten Lebensraum zurück und kein Schutz scheint mehr zu existieren vor der Vereinnahmung, Entfremdung und Bedrohung der Nachbarn. Der Wahnsinn bietet kurzfristige Rückzugsmöglichkeiten, am Ende aber kann der Held nur noch den Tod als Erlösung wählen.

Hinzu kommt ein Film, der inhaltlich so nahe an der von Wahnsinn und Okkultismus beherrschten Mieter-Trilogie liegt, dass wir ihn ebenfalls noch mit in die Gruppe zählen.

Die neun Pforten (F/GB 1999)


In DIE NEUN PFORTEN nimmt Polanski viel von dem wieder auf, was seine Mieter-Trilogie ausgezeichnet hat. Erneut folgt er einer eher biederen, "langweiligen" Figur, die vom Wesen her äußerst passiv ist, auf ihrem Weg in die Hölle.
Die Suche des Buchjägers führt ihn mit jedem Schritt tiefer in eine Welt des Satanismus' und der seit Jahrhunderten geplanten Auferstehung Satans.
Der Film enthält wie ein Destillat die schon in ROSEMARY'S BABY stark konzentrierte Form des langsam in den Alltag einbrechenden Irrsinns und der Bedrohung.
Die ahnungslose, naive Figur durch deren Augen wir die sich langsam entspinnenden Geschehnisse erleben, bildet dabei sowohl Spiegel als auch Kontrast für den Zuschauer. Weder die Figur noch die Zuschauer können sicher sein, was real und was eingebildet ist. Auch das wieder ein typisches Markenzeichen Polanskis.
Quelle: Blu Ray "Die neun Pforten" © STUDIOCANAL
Insgesamt bilden DIE NEUN PFORTEN und ROSEMARY'S BABY im Verbund die Filme aus Polanskis Werk, die seine Themen am konzentriertesten präsentieren. Das heißt aber nicht, dass nicht Platz für Variationen wäre, die Polanski großartig auszunutzen weiß.
Entkommt der Mieter Trelkovsky noch durch den selbstgewählten Tod der Bedrohung, wählt der Held in DIE NEUN PFORTEN die Hingabe an Satan, um Satan selbst zu werden.

Noch konsequenter und eindringlicher als in diesen vier Werken kann man das mögliche Entkommen aus den inneren Qualen des Wahnsinns nicht inszenieren.

Polanskis komische Welt


Jeder von Polanskis Filmen ist zutiefst humorvoll. Trotz aller Dramatik hat Polanski ein gutes Gespür dafür, kleine Scherze, humorvolle Dialoge oder absurd witzige Szenen einzuflechten, die das Beklemmungsgefühl seiner Werke nicht nur nicht stören, sondern oft noch unterstreichen, da sie die Geschehnisse realer wirken lassen.
In zwei Filmen allerdings hat Polanski den Humor gänzlich in den Vordergrund gerückt.



Tanz der Vampire (GB 1967)


Kaum hat Polanski mit EKEL das Genre des psychologischen Thrillers erfunden, treibt es ihn schon wieder in eine ganz andere Richtung. Und erneut schreibt er Filmgeschichte! Denn anstatt den Alltag in Horror zu kleiden, nimmt er eines der, bereits seit NOSFERATU - EINE SYMPHONIE DES GRAUENS, populärsten Horrorgenres - und strickt eine groteske Komödie daraus! 
Mit TANZ DER VAMPIRE gelingt ihm eine Horror-Persiflage, die es so konsequent und tabubrechend bisher auf der Leinwand nicht gegeben hat! Zwar orientiert sie sich locker am Vampirmythos wie man ihn kennt (Reißzähne, Knoblauch und Kreuze als Gegenmittel, ein allwissender Professor, schöne, üppige, weibliche Opfer), doch fügt er den Protagonisten unübliche Eigenschaften wie Schusseligkeit, Trotteligkeit und Homosexualität hinzu, was die neuartige Würze ins Genre bringt.

Doch ist TANZ DER VAMPIRE weder seichte Komödie, noch folgt sie der Tradition von Vampirfilmen, ein Happy End zu haben.
Auch mit dem konsequenten Ende betritt Polanski in diesem Genre Neuland. Er versucht, seine teilweise nahezu alberne Komödie mit Krawumm enden zu lassen.
Zudem ist es einer der wenigen Filme, in denen Polanski nicht nur Regie führt, sondern auch als Hauptdarsteller auftritt (wie auch zwölf Jahre später in DER MIETER).
Quelle: DVD "Tanz der Vampire" © Warner Home Video. All rights reserved.
Inzwischen ist TANZ DER VAMPIRE zu einem der bekanntesten Genre-Klassiker der Filmgeschichte geworden und selbst als Musical erfolgreich! Das damalige Publikum kann mit dem Genre der "Horrorkomödie" noch wenig anfangen und so fällt der Film bei Kritikern und Zuschauern durch.

Außerdem ist es Polanskis erster historischer Film, der aber bereits durchblicken lässt, mit welcher Pracht er seine Historien austattet! Sämtliche historischen Filme, egal ob TANZ DER VAMPIRE, TESS, PIRATEN, OLIVER TWIST oder DER PIANIST, sind von prachtvollen Kostümen und Setdesigns erfüllt, die jedes Mal preisgekrönt werden, und, mit Ausnahme von DER PIANIST, immer äußerst schwelgerisch daherkommen.


Piraten (FR/TUN 1986) 


PIRATEN ist einer von Polanskis ungewöhnlichsten Filmen, nicht nur weil es sein größter finanzieller Flop ist. (Der Film kostete geschätzte 40 Millionen, wobei 8 Millionen bereits für den seetüchtigen Nachbau einer Piratenfregatte verwendet werden, und spielt in den USA knapp 1,6 Millionen Dollar ein! Das meiste davon am Startwochenende.) Vor allem fehlt dem Film fast alles, was seine anderen Filme auszeichnet. Zunächst einmal ist es ein Ensemble-Film. Zwar gibt es einen Hauptdarsteller und mit Frosch (Die Figur schreibt Polanski zunächst für sich selbst) auch die eher ahnungslose Figur, die die Welt um sich herum erkundet. Doch dem Film fehlt jeglicher Abstieg in Einsamkeit, Irrsinn, oder eine langsam heraufschwellende Bedrohung. Es ist, im besten Sinne, Polanskis einziger Ausflug ins Abenteuergenre. Erst zwanzig Jahre später dreht er wieder einen "leichten" Unterhaltungsfilm: OLIVER TWIST.

Natürlich bleibt Polanski sich treu, was die Schauspielerarbeit betrifft. Walter Matthau liefert eine zwar typisch grumpelig-witzige Leistung ab, schafft es aber, zwischen bedrohlich und liebenswürdig zu changieren.
Dennoch ist Polanski, der Regisseur mit Talent für ruhige Bilder und stilvolle Figuren, für ein säbelschwingendes Abenteuer völlig ungeeignet. Dazu überlädt er den Film, wie alle seine historischen Epen, mit Ausstattung und Kostümen. Auch sein schräger Humor findet ausreichend Platz - der Film eine gut funktionierende Komödie. Die Geschichte ist allerdigs trocken und wird von dem überbordenden Setdesign erdrückt. Anders als in TANZ DER VAMPIRE kann Polanski seine ernsthaften Töne nicht stilvoll integrieren.

Am Ende ist es vermutlich einfach nicht die Zeit für Piraten. Insgesamt sechs Piratenfilme gehen in den Achtzigern bis Mitte der Neunziger an der Kinokasse unter. Erst mit FLUCH DER KARIBIK bekommt das Genre neues Leben eingehaucht.

Polanskis Geschichtsstunden


Rechnet man TANZ DER VAMPIRE und PIRATEN heraus, bleiben zwei historische Werke Polanskis erhalten, die beide dramatische Bücher aus der Geschichte auf die Leinwand bringen.


Tess (FR/GB 1979) 


Kurz vor ihrem Tod schenkt Sharon Tate ihrem Mann den Roman "Tess" von Thomas Hardy, mit dem Hinweis, dass er einen großartigen Film abgeben würde.
Zehn Jahre nach ihrem Tod wird der Film uraufgeführt.

Es geht um Tess, die zu reichen Verwandten geschickt wird, weil sich ihr antriebsloser Vater Vorteile davon erhofft. Auf dem Gut wird sie von ihrem Cousin Alec vergewaltigt. Sie kehrt nach Hause zurück und bringt einen Sohn zur Welt, der jedoch kurz nach der Geburt stirbt. Sie muss wegen der Schande der Geburt eines unehelichen Kindes die Familie erneut verlassen und findet eine Anstellung als Magd. Der Dorfpfarrer Angel verliebt sich in sie. Als sie ihm ihr Schicksal offenbart, erntet sie kein Verständnis. Enttäuscht verlässt sie auch dieses Dorf und trifft erneut auf ihren Cousin Alec, der ihr ein besseres Leben verspricht.
Jahre später findet Angel sie und möchte ihr mitteilen, dass er sie liebt und für sie sorgen möchte.
Doch zu diesem Zeitpunkt lebt Tess bereits seit Jahren mit Alec zusammen.

Die im viktorianischen Zeitalter spielende Liebestragödie ist eine der stärksten Individualgeschichten in Polanskis künstlerischem Schaffen.
Die Themen sind, wie auch dreiundzwanzig Jahre später in DER PIANIST, Einsamkeit, Entwurzelung, Isolation, die Suche nach Familie, der Kampf ums nackte Überleben in einer aus historischen Gegebenheiten heraus kalten und grausamen Welt.
Quelle: Blu Ray "Tess" © TMG. All rights reserved.
Sieht man den persönlichen Hintergrund, der Polanski zu diesem Film getrieben hat, ist er wohl neben DER PIANIST Polanskis persönlichstes Werk.
Auch hier schafft Polanski es, aus seiner jungen Hauptdarstellerin Nastassja Kinski die Topleistung ihrer Karriere hervorzuzaubern. Sie spielt die Tess mit ergreifender Intensität.

Der Film erhält drei Oscars. Nastassja Kinski und der Film werden darüberhinaus Golden Globe prämiert. Drei Césars trägt der Film zusätzlich davon, darunter für die beste Regie und den besten Film.

Der Pianist (FR/D/POL/GB 2002)


Es lässt sich mit Sicherheit sagen, dass Roman Polanski der bestmögliche Regisseur für Wladyslaw Szpilmans bewegende Autobiographie ist. Die Geschichte beherbergt nicht nur all die Themen, die Polanski so virtuos inszeniert, sondern gibt dem zu jenem Zeitpunkt 69-jährigen Regisseur auch die Chance, sich filmisch mit seiner Kindheit im besetzten Polen auseinanderzusetzen.

Wer könnte besser als Polanski die schleichende Bedrohung darstellen, den die deutschen Besatzer im Alltag der Polen darstellen? Das langsame Zuziehen der Schlinge, die Zusammenrottung im Ghetto, den Terror, den die Menschen erleben müssen?
Und wer sonst könnte die Einsamkeit Szpilmans deutlicher und spürbarer machen als Polanski? Jeder seiner Filme wirkt wie eine Fingerübung zu DER PIANIST, um die psychische Isolation, den Horror der Bedrohung und die letztendliche Erlösung möglichst intensiv darzustellen.
Natürlich ist die Handlung an sich bereits äußerst dramatisch. Und doch entfaltet sie in Polanskis fähigen und erfahrenen Händen eine Intensität, die sie nirgendwo sonst gefunden hätte. Hinzu kommt, dass der Horror hier, anders als in ROSEMARY'S BABY oder DIE NEUN PFORTEN oder DER MIETER, völlig real und noch dazu historisch erwiesen ist!

Auch konnte Polanski bereits in DER TOD UND DAS MÄDCHEN üben, welche psychologischen Tiefen sich in der Konfrontation von Täter und Opfer ausloten lassen - die Begegnung Szpilmans mit dem helfenden Wehrmachtsoffizier ist also ebenfalls bereits in einem früheren Film einstudiert worden.
Es ist daher kein Wunder, dass Polanski hier nicht nur seine erste Oscarnominierung seit dreiundzwanzig Jahren erhält, sondern den Preis auch erstmalig einheimst. Und bisher auch zum einzigen Mal.
Auch Adrien Brody wird mit der Statue geehrt. Er reiht sich ein in die lange Geschichte der Schauspieler, die unter Polanski die Topleistung ihrer Karriere hinlegen. Der, sicherlich talentierte, aber nach seinem schnellen Ruhm in DER PIANIST dennoch häufig überbewertete Brody schafft es anschließend nicht mehr, ähnlich intensiv und berührend zu spielen.

Polanskis Bühnenstücke


Der Tod und das Mädchen (USA/GB/FR 1994)


mit der Verfilmung des Theaterstücks DER TOD UND DAS MÄDCHEN wagt sich Polanski 1994 auf neues Terrain, das ihm jedoch ideal liegt. Er dampft die Essenz seiner vorherigen Filme radikal ein, streicht alle großen Settings, Handlungsstränge und was sonst noch ablenken könnte, und inszeniert ein Kammerspiel zwischen zwei Menschen, die gemeinsam den Einbruch der Bedrohung in ihre Welt und den gemeinsamen Taumel in den Irrsinn erleben.
Vom Wesen her unterscheidet sich der Film nicht von Klassikern wie DER MIETER, CHINATOWN, ROSEMARY'S BABY oder FRANTIC.

Die wohlsituierte Paulina Escobar erlebt, wie ihr Mann während eines Sturms und nach einer Autopanne von dem freundlichen Dr. Miranda nach Hause gefahren wird. Ihr Mann freut sich über die Hilfe - doch als Paulina Dr. Mirandas Stimme hört, reagiert sie anders als erwartet: Sie nimmt den Arzt gefangen und beginnt ein bedrohliches Psychospiel.

Erst langsam entblättert sich, dass Paulina und ihr Mann, ein Anwalt für Menschenrecht, in einem Land leben, das erst fünf Jahre zuvor von einer Militärdiktatur befreit wurde. Paulina Escobar glaubt nun, in Dr. Mirandas Stimme den Mann erkannt zu haben, der sie viele Jahre zuvor im Namen dieser Diktatur wochenlang mit einer Augenbinde in einem Keller festgehalten, sie gefoltert und vergewaltigt hat. Kaum wähnt sie ihren Peiniger in ihrer Macht, sieht sie die Zeit für ihre Rache gekommen. Doch der Arzt beteuert immer wieder seine Unschuld. Am Ende weiß auch Paulinas zwischen den beiden Aussagen gefangener Mann nicht mehr, wem er glauben soll.

Ungewöhnlich für Polanski ist allenfalls die Perspektive des Films. Im Kern ist Paulinas Mann der typische "Polanski-Held", vor dessen ahnungslosen, naiven Augen sich der Irrsinn entfaltet - der spielt aber nur eine Nebenrolle.
So zwingt Polanski die Zuschauer erstamalig dazu, nur mithilfe einer knappen Exposition zu bestimmen, wer hier eigentlich der Protagonist, und wer der Bösewicht ist.
Als Zuschauer steht man also vor demselben Dilemma wir Paulinas Mann - man glaubt beiden Figuren. Man glaubt Paulina, ihren Peiniger gefunden zu haben. Man glaubt dem gefesselten Arzt, Opfer einer tragischen Verwechslung zu sein. Diese paradoxe Situation ist vor allem dem Spiel der beiden Hauptdarsteller zu verdanken. Erneut schafft Polanski es, zwei Top-Stars zu Höchstleistungen anzuregen! Sigourney Weaver spielt die eiskalte Quälerin ebenso intensiv wie Ben Kingsley den undurchsichtigen Arzt. Beide liefern eine der besten Leistungen ihrer Karriere ab.

Losgelöst von allen überflüssigen Zwängen wie Szenenwechseln oder Entwicklungen, kann Polanski sich völlig darauf konzentrieren, seine durch die düstere Geschichte eines Landes zusammengeketteten Figuren gemeinsam in die Tiefe stürzen zu lassen. Keine der Figuren kann sich der Situation entziehen, so wenig wie DER MIETER oder Rosemary sich dem Horror entziehen konnten.

Macbeth (USA/GB 1971)


Seine erste Theaterverfilmung liefert Polanski bereits 1971 ab. Und schon hier wählt er aus allen von Shakespeares Werken das aus, das seinen Themen am nächsten kommt.
Wäre es ihm nur darum gegangen, Wahnsinn oder das Abgleiten in den Wahnsinn zu schildern, wäre Hamlet womöglich die bessere Wahl gewesen. Doch Macbeth zeigt, dass das "simple" Abgleiten in den Wahnsinn eben nicht Polanskis Thema ist.
Polanski liebt das Spiel mit der Wahrnehmung. Mit der Frage danach, was real und was Illusion ist. Das hat er in seinem letzten Film vor MACBETH, ROSEMARY'S BABY, überzeugend bewiesen.
Quelle: DVD "Macbeth" © 1971, Renewed 1999 Columbia Pictures Industries, Inc. And
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Macbeth hingegen erzählt bereits im 16. Jahrhundert eine typische Polanski Geschichte. Der Emporkömmling, der auf der Suche nach Macht düstere Kräfte umarmt. Der daraufhin mehr und mehr in den Irrsinn gleitet, der sich isoliert und die Mächte, die sein Leben beeinflussen, immer weniger versteht. Es ist dieselbe Wandlung, dasselbe Erleben, das etwa der Buchjäger in DIE NEUN PFORTEN vor sich hat, oder DER MIETER.
Insgesamt bleibt der Film, trotz eines BAFTA Awards, eher unauffällig und ohne großen Einfluss auf Polanskis Werk, gilt aber mit Orson Welles' Version von 1948 als beste Verfilmung des Stoffes.


Der Gott des Gemetzels (F/D/PL 2011) 


Das gleichnamige Stück von Yasmina Reza bietet ein perfektes Sujet für Polanskis Suche nach den Abgründen hinter der Fassade, nach der Entblätterung und dem Finden von Wahrheiten hinter den Wahrheiten.
Polanski ist in seiner Schaffensphase an einem Punkt angekommen, in dem er mit Reduktion im Außen die Konzentration im Inneren sucht.
Ausstattungspomp gibt es nicht, alles ist reduziert, aufs Wesentliche beschränkt: Nur ein Drehort, keine Ablenkungen durch Kostüme - ja, nichtmal zeitliche Schnitte.
Alles spielt sich in Echtzeit ab und zieht den Zuschauer so in einen Sog aus Lachen, Weinen, Schreien und Verwunderung.
Zwei Elternpaare treffen sich, um einen Streit ihrer Kinder zu besprechen. Eigentlich geht es um die Sanktionen, die eingeläutet werden sollten (oder nicht), doch in den folgenden achtzig Minuten entspinnen sich vor dem Auge des Zuschauers wahre Dramen menschlicher Abgründe, Bedürfnisse, Ängste, Hass und Ohnmacht.
Die Fronten wechseln stetig, mal halten die Ehemänner zusammen, mal die Ehefrauen, mal über Kreuz.
Polanski vermag es, in diesem kleinen Werk den Humor so wohldosiert und dennoch zentral einzustreuen, dass man DER GOTT DES GEMETZELS wohl neben TANZ DER VAMPIRE und PIRATEN auch als dritte Komödie in Polanskis Werk zählen könnte.
Dennoch bleibt Polanski sich und seinen Themen treu, auch wenn er diese in abgemildeter Form in eine neue, leichtere Richtung lenkt.

Wieder werden die Schauspieler herausgehoben. So ernten Jodie Foster und Kate Winslet je eine Golden Globe Nominierung, Polanski und Reza erhalten gemeinsam einen César für das beste Drehbuch, und das Ensemble wird mehrfach preisgekrönt.

Venus im Pelz (F/PL 2013)


Polanskis bisher aktuellstes Werk schließt sich, wie man nun gut erkennen kann, vielen der thematischen Fäden aus Polanskis Werk an. Zunächst einmal an DER GOTT DES GEMETZELS. Denn wieder filmt er ein reduziertes Theaterstück ab.
Jetzt allerdings geht Polanski wieder einen Schritt tiefer in seine Figuren. Er zapft ein wenig Obsession und Unterwerfung aus BITTER MOON ab, eine Prise Okkultismus aus DIE NEUN PFORTEN, einige eingesprenkelte Wechsel zwischen Opfer und Täter aus DER TOD UND DAS MÄDCHEN, und rührt alles mit der Frage nach Sein und Schein durch, wie in DER MIETER und FRANTIC.
Quelle: Blu Ray "Venus im Pelz" © EuroVideo
VENUS IM PELZ ist die Spielfilmadaption des gleichnamigen Bühnenstückes von David Ives, das wiederum auf der Novelle "Venus im Pelz" von Leopold von Sacher-Masoch basiert. (Seinerzeit ein Skandalroman, der den Begriff des Masochismus' prägt!)
Eine Frau namens Wanda gibt sich als Schauspielerin aus, die für die Rolle der Wanda vorspricht. Nur der Autor des Stücks ist noch anwesend. Obwohl sie ungebildet und vulgär wirkt, in der Metro das Stück nur kurz überflogen haben will, spielt sie die Rolle vor den Augen des Regisseurs mit einer Verführungskraft, die der Autor sich nicht hätte vorstellen können. Wanda ermuntert ihn, die Rolle des männlichen Parts zu übernehmen. Im Laufe des Films verschwimmen die Grenzen zwischen Rollen und Figuren. Es entbrennen Begierde, Unterwerfung, Führung, sexuelle Obsession. Wanda erscheint mehr und mehr als Muse und Strafe, als Erlösung und Fesselung. Was ist noch Wahrheit?

Hier lässt Polanski seine Zuschauer allein beim Abstieg in den Irrsinn. Zunächst meint man, mit dem Autor gemeinsam zu leiden und zu rätseln. Doch je weiter der Film fortschreitet, desto mehr wird der Autor Teil des Vexierspiels. Bald kann man nicht mehr sagen, ob die Filmfiguren in ihren Theaterrollen hängen, noch sie selbst sind, oder jemand gänzlich anderes.
Der Film hinterlässt den Zuschauer ein Mal mehr fasziniert und fragend.

VENUS IM PELZ wird für nicht weniger als sieben Césars nominiert und gewinnt für die beste Regie.

Erotik und Kinder


Bitter Moon (FR/GB/USA 1992)


Auch BITTER MOON wirkt auf den ersten Blick etwas untypisch für einen Polanski Film, erweist sich beim genaueren Hinsehen aber als beinahe so prototypisch und biographisch für den Regisseur wie DER PIANIST.

Zum einen wäre dort etwa die Thematik der jungen Frau und ihres alten Mannes.
Polanski inszeniert hier zum zweiten Mal seine Frau Emanuelle Seigner, die er beim Dreh von FRANTIC getroffen hat. Seigner ist zu dieser Zeit 26 Jahre alt, Polanski bereits 59! Peter Coyote, der den Mann seiner Frau spielt, ist "nur" acht Jahre jünger. Der Regisseur, der nachweislich immer wieder Affären mit deutlich jüngeren Frauen angefangen hat, stellenweise sogar mit Minderjährigen, was ihn seit nunmehr vierzehn Jahren im Exil hält, dreht einen Film über die junge, lebenslustige Mimi, die mit ihrem alten, an den Rollstuhl gefesselten Mann Oscar lebt.
Es wäre verwunderlich, wenn Polanski bei dieser Konstellation nicht wenigstens einen Teil seiner eigenen Gefühlswelt in den Film mit eingebracht hätte.
Quelle: DVD "Bitter Moon" © STUDIOCANAL
Auch sonst folgt der Film bis ins letzte Detail der typischen und erfolgreichen Polanski-Formel: Polanski verengt das Setting auf ein Schiff (Noch ist er nicht soweit, sich wie in DER TOD UND DAS MÄDCHEN auf ein Zimmer zu beschränken). Er gibt dem Publikum einen naiven Helden an die Hand. Diesmal sogar ein Pärchen, von denen aber der Mann als Perspektivträger gilt.
Und er nutzt dessen Perspektive, den langsamen Abstieg in eine bedrohliche, irrsinnige Welt zu beschreiben. Mit zwei entscheidenden Änderungen: Statt einer mystischen, übernatürlichen oder politischen Macht, die sich in den Alltag des Protagonisten schleicht, ist es diesmal die Welt der Sexualität, die wuchtig und unbequem in dessen Alltag drängt.

Und er flechtet zwei Erzählebenen ineinander. Der Abstieg in die Tiefen der Sexualität wird nicht vom Zuschauer erlebt, er wird vom querschnittsgelähmten Oscar erzählt. Während dieser in einzelnen Episoden die leidenschaftliche Begegnung mit seiner jungen Frau erzählt und den allmählichen Abstieg in ihre immer stärker von Zwängen und Sadismus geprägte Sexualität, davon, wie ihre Beziehung immer mehr von Kontrolle und Gegenkontrolle, bis zur gegenseitigen Gefangennahme, tiefer in den Irrsinn gleitet, geschieht etwas ähnliches mit der Beziehung des Helden und seiner Frau.
Diese Doppelung der Geschichte ermöglicht am Ende die tiefgehendste Auflösung in Polanskis gesamtem Werk, das in seinen Doppelungen ein wahres Kunstwerk darstellt. Während der Held sich der Verlockung des sexuellen Abstiegs widersetzen kann, verfällt seine Frau der Versuchung. Und während die Beziehung von Mimi und Oscar dramatisch enden muss, ermöglicht deren Ende dem noch unschuldigen Heldenpärchen, diesen Weg und das unvermeidliche Drama zu vermeiden. (Anders als Polanskis sonstige Filme hat der Film beinahe sowas wie eine Moral!)

Der Film ist einer von Polanskis wenigen Flops, und spielt nur wenig mehr ein als PIRATEN. (Bei allerdings deutlich niedrigeren Kosten!) Dabei ist es nicht nur der deutlich bessere Film, sondern tatsächlich einer der größten Geheimtipps in Polanskis Werk.
Der Film ist unbequem. Das ist er vor allem deshalb, weil der irrsinnige Abstieg in eine kranke, schädigende Sexualität eben nicht nach dem Abspann als fiktive Unterhaltung abgetan werden kann, wie es nach ROSEMARY'S BABY oder DER MIETER noch möglich war. Sondern er berührt den Zuschauer gerade dadurch, dass es ein so alltäglicher, so möglicher Abstieg in die Tiefe ist.

Vielleicht ist das, die Zurschaustellung einer pervertierten Liebe und Sexualität, das, was den Film so unerträglich und damit so unzugänglich macht. Künstlerisch ist der Film hingegen über jeden Zweifel erhaben.

Erst mit VENUS IM PELZ wird Polanski sich wieder an ein ähnliches Sujet begeben, und die Grenzen des Abstiegs in sadomasochistische Gefilde behandeln.

Oliver Twist (GB/CZ/FR/IT 2005)


Gemeinsam mit PIRATEN ist OLIVER TWIST vermutlich Polanskis ungewöhnlichster Film. Es ist der zweite, der in die Richtung eines Abenteuerfilms geht, und sich den sonst üblichen Themen und Strukturen Polanskis entzieht.
Polanski selbst erklärt, er hätte nach DER PIANIST einen Film machen wollen, der seinen Kindern Freude bereitet und hätte es bedauert, dass seit 40 Jahren niemand mehr eine Verfilmung von Dickens' berühmtem Roman gewagt hätte.


Der Film fällt in Polanskis Œuvre wenig auf, verfügt aber über die für Polanski mittlerweile schon standardhafte makellose Schauspielleistung und Fotografie. Und die für Polanskis Historienfilme übliche prachtvolle Ausstattung.


Polanski


Polanski ist einer der meistprämierten und besten Regisseure aller Zeiten! Seit mittlerweile beinahe vierzig Jahren dreht er, wenn auch notgedrungen, in Europa und zeigt, welches Niveau europäische Filme erreichen können. Dass sie sich, in richtiger Hand, keinen Deut hinter Hollywood verstecken müssen.

Eines seiner bekanntesten Zitate lautet:
"Wer eine Schlacht gewinnen will, muss denken, dass er der Sieger ist. Man kann eine Schlacht auch verlieren, wenn man denkt, dass man der Sieger ist. Aber man kann nie und nimmer gewinnen, wenn man glaubt, man sei der Verlierer."

Nach diesem Gedanken scheint Polanski sein persönliches wie auch künstlerisches Leben gestaltet zu haben.
Quelle: Blu Ray "Venus im Pelz" © EuroVideo
Er hat privat viel verloren, viel geben müssen und ist dennoch weiter gegangen, hat sich selbst gefunden und scheint "angekommen" zu sein.
Künstlerisch, besonders als Regisseur, hat er immer wieder Neuland betreten, hat sich - obwohl er seine wiederkehrenden Themen bearbeitet hat - nie auf ein Genre festlegen lassen. Er hat sich diese vielmehr zu eigen gemacht, sie benutzt, um seine Wahrheit zu finden.
Er ist Risiken eingegangen, hat Klassiker für die Ewigkeit geschaffen, von denen Künstler noch heute zehren und profitieren.
In seiner bisherigen Karriere wurde er als Regisseur und Autor insgesamt 130 Mal für Filmpreise nominiert und dabei 80 Mal ausgezeichnet. Seine Filme insgesamt weisen eine noch bessere Quote auf. Eine in der Filmwelt einzigartige Bilanz!

Schauspieler stehen Schlange, um mit ihm zu arbeiten, in dem Wissen, dass er es wie kaum ein anderer versteht, ihr Wesen und ihr Sein für die Rolle herauszukitzeln. Das Beste aus ihnen heraus zu holen, sie auf ein neues Niveau zu heben.

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