23.02.14

Marlene (D 1984)

Maximilian Schell glaubt, sich verhört zu haben. Wie bitte? Frau Dietrich lehnt die Aufnahmen und Dreharbeiten in ihrem Pariser Apartment ab? Aber wie soll das denn dann gehen? Sie hatte seiner Dokumentation doch bereits 1982 zugestimmt, auch wenn sie selbst nicht auftreten will. Und wo sollte das nun alles stattfinden? Die Dreharbeiten haben bereits begonnen. Das Projekt droht zu scheitern. Eine Lösung ist nicht in Sicht.
© KNM Home Entertainment GmbH



Biancas Blick:

Wie so oft im (künstlerischen) Leben, erwächst aus dieser ausweglosen Situation eine Idee, die es anderweitig nicht gegeben hätte.

Maximilian Schell beschließt weiter zu drehen. Im geplanten Set!  
Seine Assistenten stehen fragend vor ihm. Wie will er das denn machen?  
Gemeinsam durchforsten sie das bisher gedrehte Material. Sie dürfen es nicht verwenden, aber sie dürfen anhand des Materials das Apartment nachstellen. Und das tun sie. Akribisch genau entsteht auf dem kleinen Filmset das Zimmer, in dem die Dreharbeiten hätten stattfinden sollen. Langsame Schwenks und gezielte Großaufnahmen erlauben ihnen nun, den Menschen Marlene Dietrich so transparent abzubilden – ohne ihn direkt zu zeigen.  
Ein Geniestreich! 
Die Interviews finden weiterhin statt und werden in die Appartementbilder, Ausschnitte von Chansonauftritten der Dietrich und Filmsequenzen hineingeschnitten. 
Es entsteht so ein einzigartiges Dokument einer einzigartigen Frau. 

"Diese Frau verdient es wirklich, dass sie eine Legende ist. Begründen könnte ich das aber nicht." Dieser Ausspruch von Maximilian Schell verrät viel über die Ambivalenz zum einen zwischen den Interviewpartnern, zum anderen der Karriere der Marlene Dietrich.

Schell und Dietrich lernen sich 1961 beim Dreh zu DAS URTEIL VON NÜRNBERG kennen und schätzen. Schell gewinnt den Oscar als bester Hauptdarsteller, aber auch Dietrichs Darstellung wird hochgelobt. 
Dietrich lehnte viele Interviewanfragen in den vergangenen Jahren ab, die ihres alten Kollegen Schells nimmt sie 1982 aber sofort an, untersagt jedoch Aufnahmen von sich selbst. Sie lebte zu dieser Zeit bereits seit 2 Jahren abgeschieden von der Öffentlichkeit in ihrem Pariser Appartement. Sie geht nicht mehr raus und empfängt nur wenige Gäste bei sich. Das Telefon stellt bis zu ihrem Tod die wichtigste Verbindung zur Außenwelt dar.

Beide verbindet die Tatsache, dass sie Emigranten sind, wenn auch zu unterschiedlichen Zeiten aus unterschiedlichen Gründen. Dietrich emigrierte aus dem Nazi-Deutschland, führte in Amerika ihre Karriere fort, kämpfte gegen Hitler-Deutschland, zog sogar in den Krieg, wurde dafür mehrfach ausgezeichnet. Schell, lebte abwechselnd in der Schweiz, in Deutschland und den USA zu jeweils sicheren innen- und außenpolitischen Zeiten. Seine Rastlosigkeit war zumeist beruflich begründet, nicht politisch.

Schell sagt in einer Retrospektive, dass er nicht genau wisse, ob Marlene seine Kriegserfahrungen (er hatte damals in der Schweiz gelebt, den Krieg in all seiner Rohheit also gar nicht mitbekommen) ernst genommen habe. Ob sie sich nicht anders, "echter" wahrgenommen habe, da sie ihn hautnah erlebte.

Schell berichtet voller Wärme von Marlene Dietrich während der Dreharbeiten zu DAS URTEIL VON NÜRNBERG. Die Atmosphäre unter den Schauspielern war kollegial, fast herzlich und Marlene kümmerte sich geradezu mütterlich um die Crew. Kochte Suppe und putzte am Set, so es denn nötig war. Dieses Verhalten wird von anderen Produktionen und Kollegen ebenfalls bestätigt. 

Ein schwieriger Interviewpartner 


Marlene Dietrich liegt während der Dreharbeiten 1982 im Bett, stets ein Buch auf ihrem Nachttisch. Sie steht nicht auf, geht nicht umher. Liegt einfach da.
Maximilian Schell fragt in seiner Dokumentation einfühlend und vorsichtig, aber direkt und entlockt Dietrich so manch merkwürdige, wenn auch nachvollziehbare, Äußerung. 
So leugnet sie die Existenz ihrer Schwester, die bei Bergen-Belsen ein Restaurant im Truppenlager-Kino betrieb, für Bewohner des Ortes und Arbeiter des Lagers.  

Marlene Dietrich, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, gegen Nazi-Deutschland vorzugehen, verzeiht ihr das nie. Sie bricht den Kontakt ab, bestreitet später sogar, eine Schwester zu haben. Unnachgiebig.
"Heimatlosigkeit" bezeichnet sie als "kitschiges Gefühl", das hätte es bei ihr nie gegeben. Sie sei Deutsch geboren, aber "Kitsch gab's bei uns nicht, nein. Sentimentale Gefühle gab's nicht. Ich habe Gefühle für Menschen, aber keine Gefühle für Städte oder so." Was für eine Ehrlichkeit. Wahr oder unwahr? Gelernt oder gefühlt? Man wird es nie sicher wissen.
Schell kitzelt während der Wochen der Interviews keine andere Realität aus ihr heraus als die ihrige.  
In einer anderen Szene gibt sie an, ihre Filme nicht gern zu sehen. „Alles Quatsch“, wird eine stetig wiederkehrende Floskel der Dietrich.

Große (wenn auch theatralische) Filmenden oder-szenen empfindet sie als scheußlich – so z.B. die Exekution ihrer Figur im Film X27, in der sie sich noch kurz die Lippen schminkt, bevor sie erschossen wird.
Schell sagt über die Arbeit 1981/82, dass die "schönsten Momente dann entstanden, wenn sie garnichts antwortete". Dann "wirke sie transparent und berührt, durchlässig".
Zu Dietrichs Engagement und Wirken an der Front während des Zweiten Weltkriegs findet man in der späteren Dokumentation MARLENE DIETRICH – HER OWN SONG (2001) weitere Details, gut dokumentiert und durch ihre eingelesenen Tagebuchaufzeichnungen sensibel untermalt.
Als Schell und Dietrich gemeinsam das Gedicht DER LIEBE DAUER rezitieren, ist Marlene Dietrich zu Tränen gerührt. 
Obwohl Schell gezielt Details ihres Lebens erfragt, wird er oft harsch abgewürgt oder schlicht ignoriert. Die Beziehung der beiden basiert zwar auf Respekt, doch steht der große Filmstar dem nun als Journalist agierenden Schauspieler gegenüber. Es kracht an vielen Stellen. Auch wenn Dietrich Schell manch Aufnahme verbietet, werden diese doch in den Film geschnitten. Es sind einige der spannendsten Momente und Offenbarungen und zeichnen den Charakter der Dietrich einzigartig nach. 

Maximilian Schell betrachtet die Dreharbeiten mit Marlene als anstrengend. Denn jede Frage "erzeugte mehr Widerstand". War sie zu Beginn der Interviews noch freundlich, zurückhaltend und respektvoll, so übte sie im Verlauf mehr und mehr Kritik an Schells Fragen und Interviewform. 

Preisgekrönte Not


Insgesamt hat sich Marlene Dietrich zu 40 Stunden Interview verpflichtet, 20 auf Deutsch und 20 auf Englisch, die auf 94 Minuten zusammengeschnitten wurden.  
Sie berichtet über ihre Kindheit in Berlin, ihren Ehemann Rudolf Sieber, über Josef von Sternberg, der Regisseur, der sie durch DER BLAUE ENGEL zum Star machte und mit dem sie sechs weitere Filme drehte. Sie liefert deftige Kommentare zu Filmpartnern und ihrer Zusammenarbeit mit Alfred Hitchcock, Fritz Lang oder Orson Welles.
Für dieses aus der Not entstandene filmische und sehr persönliche Dokument erhält Schell zu Recht eine Oscarnominierung und gewinnt den Deutschen Filmpreis.
2002 dreht Maximilian Schell erneut eine sehr persönliche Dokumentation: 
MEINE SCHWESTER MARIA, in der er das Leben und künstlerische Schaffen seiner zu diesem Zeitpunkt bereits schwer erkrankten Schwester Maria Schell nachzeichnet. Ebenso berührend. Ebenso gelungen.

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